André Eymann: Activision hatte 1986 die amerikanische Adventure-Legende Infocom gekauft. Inwiefern waren
sie daran beteiligt und hatten Sie eine direkte Berührung mit Infocom-Spielen oder Kontakt
zu Infocom-Mitarbeitern?
Legendäre Adventures von Infocom im Spiele-Test - Teil 1
Teil 2
|
|
|
Winrich Derlien: Die Infocom-Übernahme war eine reine US-Angelegenheit. Ein hochinteressantes Label,
das jedoch nur von einer sehr kleinen - aber eingeschworenen Gemeinschaft - bevorzugt wurde.
Infocom brachte seinerzeit ausschließlich sogenannte Textadventures heraus, d. h. man musste
schon ein enormes abstraktes Verständnis haben, ohne die optische Hilfe der grafischen Darstellung
die Lösung zu finden.
|
Das Spielgeschehen musste sich vor dem eigenen geistigen Auge abspielen.
Das ist ungefähr so, als wenn man gegen sich selber im Kopf Schach spielt.
André Eymann: Warum haben Sie Activision-Deutschland verlassen?
Winrich Derlien: Ich bekam ein Angebot von Bertelsmann, um die Marketingleitung der neu geschaffenen
Ariolasoft zu übernehmen, die übrigens als Vertrieb für Activision tätig war.
Insofern hatte ich auch weiterhin mit den Activision-Kollegen in England und USA zu tun.
Die Ariolasoft stellt sich vor - Die Geschichte des jungen Unternehmens beginnt 1982.
|
André Eymann: Nach Ihrer Zeit bei Activision kamen Sie mit SEGA in Berührung. Wie kam es dazu?
Winrich Derlien: Ariolasoft hatte 1986 die Vertriebsrechte für das SEGA Master System erworben und hierfür ein
entsprechendes Profit-Center eingesetzt, das 1987 bei mir aufgehängt wurde. Der Versuch, den
Konsolenmarkt neu zu beleben, war ein ziemlich schwieriges Unternehmen.
Nachdem Spielekonsolen spätestens 1984 aus den Regalen verschwanden und der Handel stinksauer über die riesigen
finanziellen Abschriften war, kann man sich vorstellen, wie schwer der Wiedereinstieg war.
Mit dem Resultat, dass Ariolasoft, Bertelsmann den SEGA-Vertrag Ende 1988 loswerden wollte
und den Vertrieb an Virgin übergab. Ich bin mit dem Produkt SEGA mitgewandert und gründete
für Virgin die Virgin Games Deutschland.
Die Aufgabe war zunächst, ein neues Vermarktungskonzept zu entwerfen und dies mit handfesten Marktdaten zu untermauern. Daran haben
Rolf Duhnke - der heutige Geschäftsführer von EIDOS - und ich einige Monate gearbeitet.
Die Folge war der Auftrag, Virgin Games zur Vollfirma auszubauen. 1989 packten wir also unsere
Klamotten und zogen von Gütersloh nach Hamburg. Dies war insofern etwas abenteuerlich,
da an einem bestimmten Stichtag eine komplette Crew in einem neuen Büro aufeinander traf,
wo keiner den anderen kannte.
André Eymann: Mit welchen Handelshäusern und Vertriebskanälen haben Sie zusammengearbeitet?
Winrich Derlien: Schlicht und einfach mit allen. Allerdings haben wir uns anfangs beinahe die Finger
bei dem vielen Klinkenputzen gebrochen. Aber irgendwann hatten wir alle nötigen Einlistungen.
André Eymann: Was waren die größten Erfolge bei den Konsolen oder Spielen von SEGA unter Ihrer Führung?
|
Winrich Derlien: Das Mega-Drive-System war mit Abstand der größte Erfolg, weil es technisch völlig neue
Maßstäbe setzte und glücklicherweise dem später veröffentlichen SNES von Nintendo überlegen war.
Das meistverkaufte Spiel war eindeutig Sonic the Hedgehog. Anmerkung: Sonic the Hedgehog ist auch heute noch
das offizielle Videospiel-Maskottchen von SEGA und das Symbol mit dem die meisten Menschen die Firma identifizieren.
|
|
|
Sonic - Das Maskottchen von SEGA wurde 1991 geboren.
|
|
André Eymann: Haben Sie noch Kontakt zu Rolf Duhnke oder anderen Persönlichkeiten aus dieser Zeit?
Winrich Derlien: Ja, sicher. Mit Rolf Duhnke oder „Mr. Atari“,
Klaus Ollmann treffe ich mich von Zeit zu Zeit.
Mit Wojo Euler, dem ersten Geschäftsführer von Acclaim Deutschland, telefoniere ich hin und wieder.
Mit einigen anderen gibt es alle paar Jahre mal Kontakte.
André Eymann: Hatten Sie in der SEGA Deutschland einen unmittelbaren Einfluss auf die Entwicklung
der Konsolen oder Spiele?
Winrich Derlien: Die Entwicklung der Hardware unterlag ausschließlich dem SEGA-Headquarter in Tokio. Die Europäer
hatten hierauf keinerlei Einfluss. Anders war es bei den Spielen. Bei denen konnten, wenn es
es gut begründet war, nationale Dinge berücksichtigt werden. Außerdem gab es
eigene Entwicklungsabteilung in London und Los Angeles. Hin und wieder haben wir auch in
Deutschland eigene Titel entwickelt, u. a. die
Ottifanten. Dieses Spiel entstand
in unmittelbarer Zusammenarbeit mit dem Künstler Otto Waalkes selbst.
André Eymann: Warum haben Sie SEGA 1994 verlassen?
Winrich Derlien: SEGA Tokio hatte Umsatzvorstellungen, die ich nicht mittragen und verantworten wollte.
Da es keine Annäherung der Standpunkte gab, war die Konsequenz vorprogrammiert.
Im Nachhinein stellte sich heraus, das auch meine eigene Prognose noch viel zu optimistisch war.
André Eymann: Wie kamen Sie danach zur Philips Media und was war dort Ihre Aufgabe?
|
Winrich Derlien: Wenn man wieder auf dem Markt ist, spricht sich das schnell herum. Philips hatte weltweit
ein ziemliches Problem in der Durchsetzung des CD-i-Systems und suchte jemanden, der
das deutsche Geschäft neu strukturiert. Hierzu sollte eine neue Firma gegründet werden, Philips Media.
Ich bekam also einen Anruf und ein paar Tage später hatte ich einen neuen Job. Den war ich
zwei Jahre später wieder los, weil Philips sich letztendlich von der CD-i Plattform verabschiedete.
|
|
Winrich Derlien mit dem Philips CD-i System (1994).
|
|
André Eymann: Was haben Sie beruflich nach Ihrer Zeit bei Philips gemacht?
Winrich Derlien: Ich habe mich selbständig gemacht und bin heute Teilhaber einer Marketing-Agentur,
eines IT-Dienstleisters und einer Internet-Firma, die eigene Dienstleistungs-Portale betreibt.
In der ersteren und der letzteren Firma bin ich auch operativ tätig.
André Eymann: Werden Sie auch heute noch auf Ihre Zeit bei Activision oder SEGA angesprochen?
Winrich Derlien: Kaum. Activision verbindet man heute wohl eher mit dem Namen meines alten Ariolasoft-Kollegen
Wolfram v. Eichborn oder dem jetzigen Geschäftsführer Andreas Stock. Und SEGA
ist als Hardwareanbieter vom Markt verschwunden.
André Eymann: Herr Derlien, wir bedanken uns für das
freundliche Interview und wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.
© 2006
ANDRÉ EYMANN