Vorwort von Guido Frank
Wer kann die Geschichte der Videospiele heute besser erzählen als diejenigen, die sie geschrieben haben?
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Boris Schneider-Johne, vielen noch bekannt unter dem Pseudonym „Doc Bobo“, hat uns jahrelang als
Spiele-Redakteur mit seinen witzigen und kompetenten Artikeln durch Raum und Zeit begleitet.
Als Mitbegründer der legendären Zeitschrift Power Play leistete er große Pionierarbeit. Später setzte er
weitere Meilensteine mit seinen genialen Übersetzungen der berühmten Lucasarts-Adventure.
Dabei war Boris (Jahrgang 1966) damals kaum älter als wir, die Fans die er mit seiner Arbeit so sehr
faszinierte. Gänsehaut-Feeling ist nun garantiert, wenn Boris Schneider-Johne über seine ganz persönlichen
Erlebnisse aus diesen glorreichen Tagen berichtet.
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Boris Schneider-Johne ist heute Produkt Manager für die Xbox 360 bei Microsoft Deutschland.
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Guido Frank: Hallo Boris, vielen herzlichen Dank für Deine schnelle und bereitwillige Zusage an unserer
Internetseite mitzuwirken. Wir versuchen seit einigen Jahren etwas mehr Licht hinter die
Deutsche Geschichte der Videospiele zu bekommen und freuen uns sehr, dass Du uns als Insider
einen kleinen Einblick in die Spieleszene der 80er und 90er Jahre gewährst. Natürlich wollen wir
auch erfahren was Du gegenwärtig für Ziele verfolgst, aber am Besten fangen wir zuerst einmal
ganz von vorne an und beginnen mit der goldenen Ära der Homecomputer.
Für Leute die so wie ich mit dem Commodore 64 aufgewachsen sind, steht der Name Boris Schneider
heute als Synonym für die beiden Kultzeitschriften
Happy Computer und
Power Play. Die
Happy Computer erschien zum
ersten Mal im November 1983, damals ja noch als
Hobby Computer, ab wann hast Du in der Redaktion
mitgearbeitet und wie hat es Dich überhaupt dorthin verschlagen?
Boris Schneider-Johne: Alles Zufall, Glück und Schicksal. Zusammen mit einem Schulfreund namens Karsten Schramm hab ich an
einem Schnellader für den C64 gearbeitet, den wir
Hypra-Load nannten. Das Teil wurde Listing des Monats
in der 64er - und im wesentlichen nur, weil die Redaktion nur wenige Kilometer Luftlinie von unserem
Wohnort entfernt war und wir deswegen einfach mit dem Programm dort aufgetaucht sind.
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Schnellader für den C64: Hypra-Load erscheint als Listing des Monats in der 64er Ausgabe 10/1984.
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Das war 1984, am Ende meines 12. Schuljahres. Karsten und ich haben dann angefangen, technische Artikel
über den C64 zu schreiben, aber ich driftete recht schnell in die Spiele-Ecke ab. Nicht zuletzt weil
ein junger Redakteur namens Heinrich Lenhardt von der
Happy Computer sehr schnell als Beta-Tester
für
Hypra-Load herhalten musste. 1985 wollte ich als Praktikant sechs Monate beim Markt-
& Technik-Verlag absolvieren, um dann vielleicht Mathematik zu studieren - daraus wurden dann
dreieinhalb Jahre Festanstellung. Heinrich und ich konnten dort
Power Play erst als Sonderheft,
dann als eigenes Heft konzipieren, welches dann wieder zu einer Beilage der
Happy Computer
gewandelt wurde. Nach vier Monaten als „Beilage“ hatte ich die Nase voll und wechselte zu Rainbow Arts
als Spieleproduzent.
Guido Frank: Wir hatten ja vor einiger Zeit ein Interview mit dem
Happy Computer-Chefredakteur
Michael Lang, dort konnten wir
bereits einige interessante Details erfahren, aber wie gestaltete sich die Arbeit speziell als
Spielejournalist bei der
Happy Computer? War es wirklich so spaßig wie es in den Heften
rübergekommen ist?
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Boris Schneider-Johne: Wir waren jung, enthusiastisch und grenzenlos ausbeutbar.
Es war der Spaß der Pionierarbeit, das Gefühl, was besonderes machen zu dürfen und dafür
auch Geld zu bekommen. Es war, gerade für einen 19-jährigen ohne Berufserfahrung, der absolute
Traumjob. Bedingt durch die absurden Arbeitszeiten, man verließ selten vor 21 Uhr das Büro,
war auch genug Freiraum für Kindsköpfigkeiten aller Art. Ja, wir hatten tatsächlich
Wasserpistolen-Duelle in den Büro-Gängen. Viele Jahre vor Doom, Wolfenstein oder gar Midi-Maze!
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Hypra-Load - Entstanden aus der Leidenschaft in Maschinensprache zu programmieren (Oktober 1984).
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Guido Frank: Das klingt nach tollem Teamgeist und jeder Menge Fun. Für Computer- und Spielefreaks der 80er
Jahre gab es ja wohl kaum einen schöneren Beruf als Spieleredakteur, zumindest in unserer Vorstellung.
Hattest Du eigentlich niemals ein schlechtes Gewissen für Deine Arbeit tatsächlich echtes Geld
zu bekommen?
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Boris Schneider 1988 zwischen Golden Gate Bridge und Silicon Valley in Kalifornien.
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Boris Schneider-Johne: Wie schon gesagt, der Job damals war kein Job, sondern das Leben.
Nach Hause ist man zum Schlafen gefahren (manchmal nicht mal das). Das geht natürlich nicht ewig
gut, insbesondere nicht, wenn einen Lebenspartner auch außerhalb des Büros interessieren.
Das Geld war nie so viel, dass es peinlich gewesen wäre. Was mich am meisten begeistert hatte war,
dass ich für den Verlag mehrfach in die USA reisen durfte - das war für mich, der selten im Ausland
war, absolut einzigartig.
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Guido Frank: Dein Name war damals fast untrennbar mit dem von Heinrich Lenhardt verbunden. Ihr beide habt euch
mit euren Artikeln einen großen Namen gemacht. Klappte die Zusammenarbeit von Anfang an so gut
oder hat sie sich erst im Laufe der Zeit zu einer festen Freundschaft entwickelt?
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Heinrich Lenhardt und Boris Schneider-Johne. Stimmungsvolle Spiele-Bewertungen
für die Generation C64.
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Boris Schneider-Johne: Heinrich und mich verbindet ein ähnlicher Humor, eine ähnliche Verbissenheit und Passion und eine
in vielen Punkten gleiche Denke. Wir haben uns auch das eine oder andere Mal richtig gezofft, wir
hatten sogar eine Episode im Leben bei der Anwälte reden mussten, aber auch nach zwanzig Jahren sind
wir immer noch in Freundschaft verbunden. Heinrich war ja jahrelang in USA und Kanada, da habe ich
ihn so oft wie möglich besucht und seit er wieder in Deutschland ist, wird der Kontakt wieder intensiver.
Guido Frank: Legendär und echte Klassiker sind heute noch die vier großen Spiele-Sonderhefte der
Happy Computer, bei dessen Entstehung Du ja ebenfalls viel dazu beigetragen hast. Kannst Du uns
vielleicht etwas mehr über diese ganz besonderen Ausgaben erzählen?
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Boris Schneider-Johne: Die Sonderhefte waren ein ganz besonders hartes Brot, weil sie ja auch
konzipiert werden mußten. Das Format, die Wertungskästen und alle anderen Dinge haben Heinrich und
ich aus angelsächsischen Zeitschriften wie Zzap 64 adaptiert und verdeutscht. Wir hatten grandiose
Unterstützung von Michael Lang und Michael Scharfenberger, die im grenzenlosen Vertrauen uns beide
einfach werkeln ließen. Wir hatten ja, außer einem Schulabschluss und ein, zwei Jahren Schreiben
in einer Redaktion, keine große Berufserfahrung. Das sollte man heute mal in einem Verlag probieren...
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Spiele-Sonderhefte der Happy Computer. Vom C64 bis zum PC.
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Interessanterweise war die härteste Arbeit an den Sonderheften aber das Bildmaterial. Für die
sogenannten „Aufmacherfotos“, also die Real-Bilder, mussten Fotograf Jens Jahnke und wir viel
Denkschmalz leisten und auch Modell stehen. Und die Bildschirmfotos waren damals tatsächlich
Fotos. Jedes einzelne Bild in den Sonderheften und in
Happy Computer wurde mit einer analogen
Kamera fotografiert. Wir saßen tagelang in stockdunkeln Zimmern, spielen Spiele bis an die
richtige Stelle, beteten auf eine Pause-Funktion und machten dann mit einer Spiegelreflex-Kamera
Bilder mit einer halben Sekunde Belichtungszeit.
Manche Spiele ließen sich nur knipsen,
indem man sie im richtigen Moment zum Absturz brachte - auf dem C64 gab es dafür einen
eigens eingelöteten Schalter. Wenn man da den falschen Augenblick erwischte, durfte man
von vorne anfangen. Außerdem mussten die Photos dann lithographiert werden (1985 gab es
noch keinen digitalen Workflow) und das ging ins Geld. Mehr Bilder pro Seite war schon
aus Kostengründen verboten. Bei
PC Player war das anders: Man konnte Screenshots per
Programm machen und als TIFF-Datei abgeben, das hat dann den Look der Spielezeitschriften
deutlich revolutioniert.
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