Die Kunst der Videospiele
„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, dieses reizvolle Zitat des
Schotten David Hume passt ebenfalls ganz hervorragend auf klassische Videospiele.
Warum? Das Publikum zeigt gegenüber interaktiven Games völlig unterschiedliche
Emotionen, je nachdem wer sich gerade mit den antiken Programmen auseinandersetzt.
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Spiellhallen-Hit Pac-Man von Namco. Gelbe Kugel als Schöpfungsakt?
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Familienväter bekommen glänzende Augen, wenn sie die Kultspiele ihrer Jugend
neu entdecken, genau wie wir Retrogamer, eine kleine Gruppe von Fans, die sich
liebevoll um den Erhalt alter Hard- und Software kümmert. Anderen Personen
ist die moderne Unterhaltungsform vergleichsweise egal, Namen wie
Pac-Man,
Super Mario oder
Lara Croft kennen sie höchstens aus den Medien. Nur der jüngeren
Generation treibt es dank zeitgemäßer Highend-Konsolen, fotorealistischer
Grafik und riesiger Online-Spielewelten ein mitleidsvolles Grinsen ins Gesicht.
Dennoch existiert ein ganz bestimmter Bereich, in dem sich die Hits
vergangener Dekaden keinesfalls hinter den aktuellen Zeitgenossen verstecken müssen.
Im Gegenteil, dort haben Videospiele ihren Zenit bereits weit überschritten.
Die Sammler unter euch vermuten wohl schon, was ich damit ansprechen möchte,
es handelt sich um die vielfältigen Verpackungen, mitsamt Inhalt, Zubehör
und einer ansprechenden Optik.
Bis an die Zähne bewaffnet...
Schweift heute unser Blick über die schier endlosen Regale der Elektronikhändler,
sticht kaum mehr ein Titel besonders ins Auge. Computer- und Videogames
liegen dort aufgereiht in genormten Plastikboxen, steril, charakterlos,
ohne reellen Anspruch. Sie sollen nur Umsatz erzielen, der Mainstream hat
hier jegliche Innovation weit verdrängt. Die Cover der unzähligen
Fantasy-Rollenspiele und Ego-Shooter lassen sich beinahe vollständig
untereinander austauschen. Ein futuristischer Weltraum-Söldner,
bis an die Zähne bewaffnet oder ein furchteinflößender mächtiger Krieger,
ausgerüstet mit einer Streitaxt, der Hintergrund zeigt gewöhnlich
dämonartige Monster.
Es fällt inzwischen schwer all diese Bilder überhaupt noch mit einem ganz bestimmten Namen
in Verbindung zu bringen. Längst vorbei sind die Zeiten, als uns alleine
schon die Verpackung aufregende Bildschirmabenteuer versprach und wir das Gefühl
verspürten, ein ganz besonders Spiel in den Händen zu halten.
Die volle Packung
Ihren absoluten Höhepunkt erreichten die aufwendigen Verpackungen während
der Homecomputer- und frühen PC-Ära, damals versuchte die junge Branche
den zahllosen Raubkopien ernsthaft etwas entgegenzusetzen. Jedes anständige
Spiel enthielt zumindest ein umfangreiches Handbuch, häufig fanden sich
aber viele weitere Gimmicks in den geräumigen Schachteln. Die Hülle diente
nicht nur allein zum Schutz des empfindlichen Datenträgers, sondern Poster,
Aufkleber, Figuren, T-Shirts, ganze Landkarten und selbst Taschenbücher
mit passenden Erzählungen machten aus der nicht greifbaren Software
erst ein ansprechendes Produkt.
So muss ein Spiel aussehen:
Wing Commander 1 beinhaltet neben
einem Handbuch echte Risszeichnungen der Raumschiffe, beidseitig bedruckt
im DIN A3 Format. Solche Accessoires machten es unserer Fantasie leicht,
in das Universum der
Kilrathi-Saga einzutauchen.
Abbildungen oben: Die Zeichnungen zu dem
Wing Commander: Raptor Fighter
und dem
Wing Commander: Hornet Fighter aus dem Spiel
Wing Commander 1.
Authentische Liebe zum Detail, um die Glaubwürdigkeit des Spiels zu
untermauern.
Legendär und inzwischen ein seltenes Sammlerstück, die Stoffkarte von
Ultima IV:
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Die Stoffkarte zum Spiel Ultima IV. Vom Bildschirm auf den
Boden des Kinderzimmers.
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Zur Erinnerung: früher besaß fast jede reguläre Verkaufsversion derartige Extras.
Natürlich erscheint es angebracht unnötige Kosten zu reduzieren, aber zählt
letzten Endes wirklich nur der Preis? Umfragen bestätigen jedenfalls, dass
viele Käufer nicht freiwillig auf ihre gute alte Verpackung verzichten wollen.
Wenn wir also zukünftig unsere Software direkt aus dem Internet downloaden,
ist das vermutlich der Anfang vom Ende. Auf ihren Kern reduziert bleiben
Videospiele dort nur eine Ansammlung von Bits und Bytes, die sich auf unserer
Festplatte tummeln. Die Regale werden wir dann wohl wieder mit anderen
Dingen ausdekorieren müssen.
Doch nicht nur die Verpackungen haben in den letzten Jahren an Umfang verloren,
auch das Layout hat kräftig an Qualität eingebüßt. Moderne Spiele wirken meist
schrill, bunt und überladen. Etwas weniger wäre vermutlich mehr gewesen. Sollte
ein aktuelles Spiel unerwartet aus der Menge hervorstechen, präsentiert es meist
einfache, comicartige Zeichnungen, wie beispielsweise
Max Payne,
Half-Life
oder die erfolgreiche
GTA-Serie.
Mut oder Wahnsinn?
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Werbung für Tomb Raider Underworld. Lara ist längst
zu einer Marke geworden.
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Der Videospiel-Ikone
Lara Croft für
Underworld einfach den Kopf abzuschneiden,
bleibt in der Tat ein sehr respektloses Unterfangen. Das Ergebnis imponiert,
schon lange war kein Motiv mehr so auffällig wie im neunten Teil der beliebten Abenteuerserie.
Nebenbei ist hier eine perfekte Gradwanderung gelungen, Laras üppigen Vorbau
nicht vollkommen in den Mittelpunkt zu stellen. Mut wird ja bekanntlich belohnt
und dieses Titelbild dürfte uns lange im Gedächtnis bleiben. Das neue
Tomb Raider zeigt eindeutig, dass ein modernes Konzept immer noch für eine
Überraschung gut sein kann.
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