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TATSACHEN


Die Compact Cassette für Videospiele

Datasette:
Commodores Kassettenlaufwerk hieß Datassette.
Ton und Daten:
Die Kompaktkassette konnte sowohl Töne, als auch Daten speichern.
Nachfolger:
Die Kassette wurde durch die Diskette abgelöst.
 
Ein fast vergessener Datenträger für Videospiele: Die Compact Cassette
TEXT UND BILDER: ANDRÉ EYMANN
KATEGORIE: RETRO-HARDWARE
AUSGABE: APRIL 2007
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Musik für die Ohren?
Wer allerdings auf die Idee kam, sich die Programmekassette anhören zu wollen, wurde eines Besseren belehrt. Aus den Lautsprechern kamen quietschende und kreischende Geräusche, die für den Menschen nur schwer zu ertragen sind. Digitale Nullen und Einsen sind halt ein wenig einfältig für die meisten Musikliebhaberohren.

Die gute alte Datasette
Einer der wohl bekanntesten Datenschaufler für Programkassetten war seinerzeit wohl die Datassette der Firma Commodore für den Commodore 64. Unten ist das Modell C2N abgebildet. Die Datasette war der Standard beim Laden und Speichern von Programmen auf dem C64. Es gab verschiedene Modelle des Laufwerks. Für die späteren Commodore Heimcomputer (C16, C116 oder Plus/4) wurden anthrazitfarbene Ausführungen produziert. Gut, dass die Datasette ein Zählwerk eingebaut hatte. Sonst hätte man seine Programme wahrscheinlich auf der Kassette nie wieder gefunden.

Commodore Datasette Modell C2N von 1984 mit verschiedenen Programmkassetten.
Commodore Datasette Modell C2N von 1984
mit verschiedenen Programmkassetten.

Hatte man mehrere Spielprogramme auf einer Kassette gespeichert, so musste man sich einen kleinen Spickzettel machen, auf dem die Zählerstände der einzelnen Programme genau festgehalten waren. Nur so wusste man, wo welches Programm anfängt. Wollte man ein spezielles Spiel laden, musste man Vor- oder Zurückspulen, bis man die entsprechende Stelle auf dem Band erreicht hatte. Danach konnte man das Programm mit dem BASIC-Befehl LOAD, gefolgt von der berühmten Textausgabe des Commodore 64 „PRESS PLAY ON TAPE“ und dem manuellen Starten des Ladevorgangs, in den Arbeitsspeicher des Computers laden.

Grundsätzlich brauchte man beim Laden komplexer Spiele Geduld. Es konnten schon einmal 15-25 Minuten Wartezeit vergehen, bis der SID-Chip (engl. Sound Interface Device) des C64 endlich eine freundliche Willkommensmelodie anstimmte. Und nicht selten gab es vorher auch den legendären und störrischen „LOAD ERROR?“ Dann musste man von vorn beginnen und vielleicht sogar vorher noch den Tonkopf des Kassettenlaufwerkes justieren oder mit etwas Isopropylalkohol reinigen.

Endlich: Arcade-Action für Zuhause
Viele kommerzielle Spiele waren natürlich in der deutlich schneller ausführbaren Maschinensprache geschrieben und konnten somit ihren großen Brüdern aus der Spielhalle durchaus das Wasser reichen. Was sich aber Arcade nennt, macht natürlich nicht aus jedem Heimcomputermodell gleich einen Videospielautomaten. Aber zumindest Space Pilot von Kingsoft, 1984 auf Kassette für den Commodore 64 konnte sich sehen lassen. Die englische Firma Anirog entwickelte ebenfalls bekannte Arcade-Hits für verschiedene Systeme. So programmierten sie die Versionen von 3D Skramble, Galaxy oder Kong für den Commodore 64.

Heimcomputer-Spielkassetten für Commodore 64/16 und ZX81.
Heimcomputer-Spielkassetten für Commodore 64/16 und ZX81.

Und natürlich sprangen auch die großen Softwarehersteller wie Activison, Electronic Arts oder Sega auf den Zug. Sie wollten ihre auf den Konsolen groß gewordene Softwarehits auch für den Heimcomputer vermarkten. Wobei ich finde, dass gerade durch die Vielzahl kleinerer Anbieter wie Mastertronic, Kingsoft oder Quicksilva die richtige Würze und Abwechslung in den Markt kam. Interessanterweise stammten viele Spielehersteller aus England, der Heimat von Sinclairs Wundercomputern "ZX81" und "ZX Spectrum".

Multimedia mit Kassettenspielen
Als ein interessantes Beispiel für die kreative Vermarktung von Spielen auf Kassette muss; "Pimania" von Automata Ldt. 1982 erwähnt werden. Auf typisch englische Art, hatten die Hersteller einen Preis an denjenigen ausgeschrieben, der in der Lage war, das Rätsel des Spiels zu lösen. Bei Pimania handelte es sich um ein Text- und Grafikadventure, so wie es sie auch für den C64 gab.

Natürlich musste man das Spiel aufmerksam spielen, um den Preis in Höhe von £6.000 (!) gewinnen zu können. Auf der B-Seite der Kassette (die Seite die man abspielen kann, nachdem die Kassette einmal gewendet wurde) befand sich die Hit-Single "Pimania", die man in jedem Kassettengerät abspielen und anhören konnte. Das Lied ist ein ziemlich schräger Klingklang, der von einem "ZX Spectrum", sowie einem Casio "VC-1" Synthesizer erzeugt wurde.

Die Anleitung zu "Pimania". Einem Abenteuerspiel von Automata Ldt. für den ZX81 von 1982.
Die Anleitung zu "Pimania".
Einem Abenteuerspiel von Automata Ldt. für den ZX81 von 1982.

Tatsächlich ging der Preis 1985 an zwei Engländer, die herausgefunden hatten, wo die gesuchte Sonnenuhr (engl. Golden Sundial) zu finden war. Übrigens: "Pimania" war ein nicht ganz einfaches Adventure. Man musste sich schon mit dem besonderen und britischen Humor des Spiels auseinandersetzen, um der Lösung näher zu kommen.

Startbildschirm von "Pimania" mit Eingabe des Spielernamens
Startbildschirm von "Pimania" mit Eingabe des Spielernamens

Beim ZX81 war das Laden von Programm ähnlich wie bei allen späteren Heimcomputern. Nach einem getippten LOAD "PIMANIA" und bestätigen der "New Line"-Taste ging es los. Dank der Emulatoren, ich habe hier den ZX81-Emulator "EightyOne" von Michael D. Wynne für Windows XP verwendet, kann man das auch heute noch nachvollziehen. Das Programm zu "Pimania" ist übrigens ganze 16k groß. Dafür brauchte der ZX81 die 16k-Speichererweiterung, die damals 139,00 DM kostete.

Dagmar Berghoff live dabei
Atari war sogar so "verrückt" die Hälfte der Datasettenspur für Audio zu reservieren, um das Abspielen von Musik oder Sprache während des Ladens der Programme zu ermöglichen. Eine Anwendung hierfür war ein BASIC-Kurs, der während der Ladezeiten von der bekannten Moderatorin Dagmar Berghoff besprochen wurde. Normalerweise aber dauerte das Laden der Programme einfach nur doppelt so lang, 20 Minuten waren keine Seltenheit.

Schön illustiert
Häufig mit Handzeichnungen und bei manchen Spielprogrammen schon mit digitalen Kunstwerken verschönert, boten die Anleitungen und Cover zu den Kassettenspielen wichtige Hinweise und Tipps zum Spiel. Diese handwerkliche Kunst ist durch die digitale Massenreproduktion heute nur noch selten in der Softwareindustrie anzutreffen. So entwickelten sich für bestimmte Hersteller typische grafische Aufmachungen, da sie über längere Zeit mit den gleichen Grafikern und Zeichnern zusammengearbeitet hatten.

Ein schönes Beispiel hierfür war die Firma Mastertronic aus London. Durch das gezeichnete Cover, bekamen viele Anleitungen, genau wie in den Jahren zuvor bei den Modulen für Konsolen, eine einzigartige Optik. Man musste allerdings aufpassen, dass oftmals auch die "Screenshots" Zeichnungen waren und das Spiel nicht immer die grafische Qualität bot, die man aufgrund der Verpackung erwartet hatte.

Anleitung der Autorennsimulation "Formula" One von Mastertronic für den Commodore 16 von 1986
Anleitung der Autorennsimulation "Formula" One von Mastertronic
für den Commodore 16 von 1986

Das Spiel "Zenji" von Activision, 1984 ist ein weiteres Beispiel für die Kunst der Illustration. Oftmals lag neben der Schutzhülle, welche die Kassette umgab, noch ein kleiner Zettel mit der eigentlichen Anleitung bei. Auch bei den Heimcomputern hielt Activision ihrer Tradition die Treue. In der Anleitung befanden sich Tipps vom Programmierer des Spiels, so wie es bei Activision immer war. Damit wollte die Firma ihre Produkte persönlicher gestalten und den Programmierer als Teil des Produkts respektieren. Eine schöner Brauch, der fast alle Anleitungen von Activision seinerzeit zu einer Ausnahme auf dem Markt machte.

Der Nachfolger der Kassette – die Diskette
Im Laufe der Zeit wurden die Programme immer komplexer und der Speicherbedarf immer größer. Außerdem war das Hin- und Herspulen auf den Kassetten nicht sehr praktisch und viele Programme waren bereits in der Lage Daten bei Bedarf "nachzuladen". Das ging mit dem Medium der "Diskette" deutlich eleganter, als mit der guten alten Kassette.

So wurde die Diskette (engl. Floppy disc) für den Heimcomputer entdeckt. Sie war ebenfalls bereits in der Großrechnerwelt etabliert und konnte verschiedene Vorteile miteinander verbinden. Neben der größeren Speicherkapazität war sie auch um einiges schneller als die Kassette. Anfangs noch im 5¼-Zoll Format mit 360kb Speicherkapazität (engl. DS, DD - Double Sided, Double Density) für den Commodore 64 und später im 3½-Zoll Format mit 1,44mb Speicherkapazität (engl. HD - High Density) für den PC. Im Vergleich dazu konnte man auf einer 60-Minuten Kassette etwa 45kb Programmtext unterbringen. Die Kapazität für den Commodore Amiga war standardmäßig 880kb DD, der Atari ST hatte 720kb DD und sogar IBM-kompatibel.

Mit den Disketten ging das Tauschen der Spiele dann so richtig los. Fast jeder hatte eine "Diskettenbox", mit einer umfangreichen Sammlung an Spielen und Programmen. Auf dem Commodore 64 gab es verschiedene Kopierprogramme ("Turbo Nibbler V3.0", "20 Sec Copy", oder "Magic Copy V1.2") um Disketten schnell und einfach zu kopieren. Manche Stimmen behaupten dadurch wurde der C64 erst so richtig berühmt. Auf jeden Fall aber wurden die Spiele jetzt zügig moderner, was man vor allen Dingen an der Entwicklung der Computergrafik messen konnte. Es entwickelten sich Begriffe wie "Hi-Res-Grafik" (engl. High resolution "hohe Auflösung") und die "Demo-Szene" brachte die Technik der Systeme zum Schwitzen.

Eine Diskettenbox mit 5¼-Zoll-Disketten
Eine Diskettenbox mit 5¼-Zoll-Disketten

Die bis heute ungebrochene Weiterentwicklung der Speichermedien nahm Fahrt auf und katapultierte die Computer- und Videospiele in immer komplexere grafische Dimensionen. Was mitunter natürlich bei einzelnen Spielen bis zum vollständigen Verlust des Gamesplays führte, da sie nur noch eine reine Bilderschau waren.

Eine Zeit lang lebten Kassetten und Disketten für den Heimcomputer in der gleichen Welt. Es konnte sich auch schließlich nicht jeder ein teures Diskettenlaufwerk für seinen Commodore 64 leisten. So kostete das Modell "VC 1541" für den C64 seinerzeit 798,00 DM. Am Ende aber setzte sich die Diskette und später die Festplatte (engl. Hard disc) durch. Erst seit einigen Jahren werden Disketten und Festplatten durch "USB"-Datenträger und die neue Erfindung der "Solid State Drives" verdrängt.



© 2007 ANDRÉ EYMANN