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TATSACHEN


Erinnerungen des deutschen Atari Managers

Grimms Märchen?
Die Idee, die Geschichten aus Grimms Märchen als VCS-Videospiele umzusetzen, wurde nicht realisiert.
Ein Telefon von Atari?
Es wurde sogar an einem Atari Telefon gearbeitet. Dieses Produkt wurde aber nie veröffentlicht.
Videospiele durch Gedanken steuern:
Das Atari Mindlink war technisch nicht der erhoffte Durchbruch.
 
Klaus Ollmann - Erinnerungen des deutschen Atari Managers
TEXT UND BILDER: KLAUS OLLMANN
KATEGORIE: KLAUS OLLMANN
AUSGABE: NOVEMBER 2004
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Guido Frank: Gab es Spiele für das VCS die ihre Erwartungen nicht erfüllten oder sich vielleicht sogar völlig unerwartet zum Bestseller entwickelten?

Das Atari Gesamtprogramm im Herbst 1981. Tennis-, Fußball- und Basketballspiele.
Das Atari Gesamtprogramm im Herbst 1981. Tennis-, Fußball- und Basketballspiele.
  Klaus Ollmann: Ich habe keine Unterlagen mehr über verkaufte Stückzahlen je Titel. Die einzigen ersehen Sie aus dem VideoMarkt neben meinem Interview. Auch Ausreißer in den Stückzahlen gab es nicht unerwartet. Wir wussten vorher, das Space Invaders oder Pac-Man Knallerprodukte waren und das Snoopy and the Red Baron oder Superman nur begrenztes Potential hatten. Wir wussten das, weil diese Produkte immer erst Monate nach der Veröffentlichung in den USA in Europa veröffentlicht wurden; wegen der notwendigen Vorarbeiten in Gebrauchsanweisungen oder Verpackung.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bei uns lagen dann die Ergebnisse aus den USA vor und der typische Atari-Fan in den USA unterschied sich um keinen Deut von dem in Deutschland. Er war männlich, zwischen 12 und 24 Jahre alt und ein Fan von allem, was aus den USA kam. Insofern konnten wir unsere Einkaufsplanung direkt an den US-Charts ausrichten.

Guido Frank: Wie kam es zu den beiden VCS Spielen Asterix und Obelix, die speziell nur für den europäischen Markt konzipiert waren?

Klaus Ollmann: Ich kann diese Frage nur sehr rudimentär beantworten. Wir bekamen unsere Produktvorgaben beinahe ausschließlich aus den USA, aus Sunnyvale und setzten sie dann 1:1 auf den deutschen Markt um. Unsere Arbeit bestand im Übersetzen der Bedienungsanleitungen und der Produktverpackungen. Im Übrigen war für Verkaufsstatístiken und Produktmanagement Hans-Ueli Hasler zuständig. Ich erinnere mich, dass Asterix und Obelix sich entwickelten aus einem Treffen der Geschäftsführer und Marketingmanager in Montreux am Genfer See.   <i>Obelix</i> für die Atari VCS Konsole. Die Idee hierzu kam aus Frankreich.
Obelix für die Atari VCS Konsole. Die Idee hierzu kam aus Frankreich.

Auf diesem Treffen sollte hauptsächlich im Brainstorming über die Erweiterung der Nutzenpalette für den Homecomputer nachgedacht werden. Lange vor der Einführung des Internets war es uns und den Produktentwicklern nicht klar, wofür der Homecomputer denn nun zu gebrauchen sei.

Uns waren lediglich drei Einsatzgebiete vorstellbar:
  1. Die Spiele, abgeleitet aus den VCS 2600 Spielen und neue Entwicklungen nicht nur durch Atari, sondern die Vielzahl von Softwarehäusern wie Activision, Parker usw.
  2. Die Textverarbeitung als Todesurteil der Schreibmaschine.
  3. Die Tabellenkalkulation, damals vor allem VisiCalc.

Grimmsche Märchenfiguren als deutsche Videospielhelden?
Letzteres hatte ich einige Jahre vorher selbst erfahren als Finanzchef der WEA Musik Hamburg bei der Erstellung des Jahresbudgets. Hatte ich Jahre vorher dieses Budget auf hunderten von Seiten aufschreiben und rechnen müssen mit allen Risiken der Änderungen von Vorgaben durch den Geschäftsführer Siegfried Loch und alle sich daraus ergebenden manuellen Neukalkulationen, genügte jetzt mit VisiCalc - und später mit Excel - die Veränderung einer Zahl, um das gesamte Zahlengerüst zu updaten. Ich erinnere mich noch heute mit Vergnügen an den Frust des Geschäftsführers, dem plötzlich sein Lieblingsspielzeug, die jährliche Budgetsitzung mit der Möglichkeit die Finanzleute zu ärgern, aus der Hand genommen war.

Aber zurück zu Asterix und Obelix. Wir sollten uns also zusammensetzen und weitere Anwendungsgebiete für den Homecomputer ausdenken. Es kamen die absonderlichsten Vorschläge von der Rezeptsammlung über die Schminkschule bis hin zu Wörterbüchern und anderem.

Es wurde auch über neue Spielideen diskutiert. Mickey und Donald Spiele waren gerade angekündigt oder herausgebracht worden und in diesen Diskussionen schlug mein Freund Guy Millant, Geschäftsführer der Atari Frankreich vor, doch Spiele auf der Basis Asterix und Obelix herauszubringen. Mir fielen für den deutschen Markt nur der Struwwelpeter oder die Grimmschen Märchenfiguren ein. Ich hoffe, der deutsche Atari-Fan ist mir nicht böse, dass ich diese Ideen für mich behielt. Ich glaube mich zu erinnern, dass diese Asterix-Spiele kein großer Hit waren. In den USA erschien das Spiel Asterix in leicht abgewandelt Form als TAZ - Der tasmanische Teufel, einer bekannten Comicfigur (Bugs Bunny) aus dem Hause Warner.   Der Struwwelpeter als VCS Spielmodul? Die Konzepte für die Umsetzung der Grimmschen Märchenfiguren für die Atari Konsole verblieben in der Schublade.
Der Struwwelpeter als VCS Spielmodul? Die Konzepte für die Umsetzung der Grimmschen Märchenfiguren für die Atari Konsole verblieben in der Schublade.

Anmerkung von Guido Frank: der Struwwelpeter als VCS Spielmodul? - eine wirklich haarsträubende Vorstellung!

Das Atari-Mindlink: Videospiele durch Gedanken steuern?

Guido Frank: Sie sind eine der wenigen Personen, die jemals das legendäre Atari Mindlink gesehen und ausprobieren konnten, auch wenn es nach ihrer Ansicht ein glatter Reinfall war.

Das Atari-Mindlink: Videospiele durch Gedanken steuern?
Das Atari-Mindlink: Videospiele durch Gedanken steuern?

Klaus Ollmann: Mein Kontakt zu dem Mindlink-Produkt ergab sich nach dem Rücktritt von Ray Kassar als Chief Executive Officer der Atari Inc. Als Nachfolger wurde uns durch Warner Communication vorgestellt ein Herr Jim Morgan, der von Philip Morris kam und als energisch und dynamisch dargestellt wurde. Jim Morgan lud kurz danach alle Geschäftsführer weltweit zu einem Meeting nach New York und im Laufe dieses Meetings wurde auch über neues Produkt gesprochen, da die Konkurrenz der Softwareanbieter (Activision, Imagic usw.) drückend wurde und das Geschäft mit den Homecomputern durch die extrem aggressive Preispolitik von Commodore völlig unrentabel war. Diese Preispolitik war für mich im übrigen völlig unverständlich, der Markt war gerade erschlossen und saugte alles, was angeboten wurde ab. Aggressive Preise zu einem solchen Zeitpunkt ermöglichen es Anbietern nicht, Anfangsinvestitionen zu erwirtschaften und einen soliden Unterbau und Vertrieb, Kundenservice etc. zu etablieren.

Damals wurde als neues Produkt noch nicht vorgestellt, aber doch schon angekündigt das Atari Mindlink System, das mit den folgenden Worten angepriesen wurde: „Ein Durchbruch in der Steuerung von Videospielen. Das Mindlink wird wie ein Stirnband angelegt, Elektroden nehmen Gehirnströme und Augenbewegungen ab und übertragen diese Impulse auf den Bildschirm. Damit wird das Paddel oder Joystick ersetzt, man steuert das Spiel durch Augenbewegungen“.

Es wurde auch ein Atari-Telefon vorgestellt, das in die Steckdose gesteckt und Telefonieren über das elektrische Stromnetz ermöglicht. Tolle Idee, aber man hat es nie wieder gesehen.

Umsatz ohne neue Produkte?
Neben diesen und einigen anderen, für mich extrem phantastischen Produkten war kein für mich erkennbar vermarktbares Produkt in der Planung. Ich flog damals sehr enttäuscht nach Hause, denn - es muss im Jahr 1984 gewesen sein - wir hatten im Vorjahr um die 140 Mio. DM Umsatz gemacht und die sollten wir im nächsten Jahr natürlich toppen, so wie man es von uns in den Vorjahren gewohnt war.

Atari Werbung mit <i>Space Invaders</i> Motiv. „Wir sind kaum zu schlagen“.
Atari Werbung mit Space Invaders Motiv. „Wir sind kaum zu schlagen“.

Jim Morgan besuchte uns dann auch noch mal Mitte April 1984 in Hamburg, aber dieses Treffen ist mir nur deshalb in Erinnerung geblieben, weil wir in einem der besten Lokale der Stadt, bei Restaurant Scherrer an der Elbchaussee aßen und weil wir extra für diesen Abend einen Mercedes 600 gemietet hatten, um Mr. Morgan und seine Frau im US-Stil durch die Gegend zu kutschieren. Als Topmanager hat sich Herr Morgan nicht profiliert und er wurde dann mit Übernahme durch Jack Tramiel als erster gefeuert.

Das Mindlink-Headband sah ich im Winter 1983/1984 auf der Electronic Messe (CES) in Las Vegas. Wie üblich war der Atari-Stand riesig und umlagert von den Fans, im oberen Stockwerk des Standes hatten nur Mitarbeiter und VIPs Zutritt. Dort hatte ich Gelegenheit, den Mindlink selbst anzulegen. Die Erfahrung war für mich niederschmetternd, der Cursor auf dem Bildschirm folgte meinen Augenbewegungen nur sehr erratisch, das Spiel Pong - wohl eines der simpelsten, war unmöglich zu spielen, weil auch bei den kontrolliertesten Augenbewegungen der Cursor nicht zu steuern war, sondern unkontrolliert hin- und herzuckte. Das Schlimmste aber war, dass man sich derart konzentrieren musste, dass man schon nach Minuten schlimmste Kopfschmerzen bekam. Für mich war klar: dieses Produkt ist nicht nur unbrauchbar, sondern vor allem aber als neue Wunderwaffe im Markt maßlos überschätzt. Und ganz folgerichtig wurde es auch nie veröffentlicht. Herr Tramiel jedenfalls hat sich nicht mehr darum gekümmert.

Guido Frank: Über das Atari 5200 wird überall berichtet, dass es in Europa nicht auf dem Markt erschien, weil es in den USA so schlecht verkauft wurde. Gab es jemals 5200er PAL Geräte für Europa?

Atari 5200 Super System. Identisch mit dem Atari 400 und 800, aber nie in Europa erschienen.
Atari 5200 Super System. Identisch mit dem Atari 400 und 800, aber nie in Europa erschienen.

Klaus Ollmann: Keine Ahnung. Ich habe das Atari 5200 Super System in Erinnerung als ein Produkt, dass angekündigt, aber mein Ausscheiden nicht erlebte. Näheres kann ich für Deutschland nicht sagen, ich erinnere nicht, es je gesehen oder angefasst zu haben. Vielleicht hat ja Jack Tramiel damit noch am US-Markt rumgespielt.
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