Vorwort von Guido Frank
Inzwischen sind fast 25 Jahre vergangen seitdem das Atari VCS, die
berühmte Spielkonsole mit der legendären Holzfront,
auch den deutschen Markt eroberte. Nicht ganz unbeteiligt an
dieser „Invasion der Videospiele“ war Klaus Ollmann,
Gründer und Geschäftsführer von Atari Deutschland
in den Jahren von 1980 bis 1984.
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Heute befindet sich Klaus Ollmann im Ruhestand und erinnert sich gern zurück an diese sehr
aufregenden und erfolgreichen Zeiten. In den nun folgenden Zeilen
berichtet er exklusiv für für uns
über die Gründerjahre von Atari in Deutschland und den Aufstieg
und den Fall von Atari. Auch in Zukunft planen wir aktuelle Artikel
und Informationen von Klaus Ollmann auf unserer Internetseite
einstellen. Es lohnt sich also, immer wieder
uns vorbeizuschauen. Und wir freuen uns jetzt schon auf viele
weitere spannende Geschichten und Erzählungen
aus einer Zeit die unsere Generation maßgeblich mit beeinflusst
hat: die große Ära Atari!
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Die Prominenz spielt Atari: Klaus Ollmann mit dem Fernsehmoderator Michael Schanze bei der Atari Centipede-Weltmeisterschaft 1983.
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„Atari - Mit uns können Sie was erleben!“
Atari erobert Deutschland
ORIGINALTEXT VON Klaus Ollmann
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Die Atari Elektronik Vertriebsgesellschaft wurde am 1. März 1980
in Hamburg als Tochtergesellschaft der WEA Musik GmbH in deren
Räumen in der Arndtstrasse 16 in Hamburg-Uhlenhorst gegründet.
Geschäftsführer war Klaus Ollmann, der zu diesem Zeitpunkt auch
stellvertretender Geschäftsführer der WEA sowie Geschäftsführer
der GOVI Schallplatten-Handelskette und des Presswerks Record
Service GmbH in Alsdorf, Aachen war. Gelagert und versendet werden, sollte die Ware durch ein Lagerhaus
in Hamburgs Norden.
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Atari - A Warner Communications Company.
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Ein kleiner Vertriebsinnendienst wurde in
einem leerstehenden Büro der WEA im Erdgeschoß untergebracht.
Die Vertriebsleitung wurde Rolf Rehfeldt anvertraut, die
Marketingaktivitäten sollte sein Schwager Werner
Täsler übernehmen. Beide hatten Atari vorher auf einer Messe kennen gelernt,
wo das Produkt durch einen Mr. Stephen Finta, einen
US-Amerikaner, der in Deutschland lebte, angeboten wurde.
Auf dieser Messe lernten sie Mr. Anton Brühl kennen, einen
smarten Amerikaner aus San Francisco, der für Atari die
internationalen Aktivitäten als Vice President International
aufbauen sollte.
Die ersten Tage von Atari in Hamburg
Zuerst musste Klaus Ollmann die überzogenen
Vergütungsvorstellungen der beiden korrigieren, die tatsächlich
davon ausgingen, daß 10% des erzielten Umsatzes in ihre Taschen
fließen würden.
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Atari in der Hamburger Bebelallee sucht neue Mitarbeiter.
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Danach ging Herr Rehfeldt daran, einen schlagkräftigen Außendienst aufzubauen, der vor allem mit den
Erfahrungen des Handels mit den schwerverkäuflichen Produkten
von Saba Fairchild und Philips G7000 zu kämpfen hatte. Die
ablehnende Antwort war immer: „Kommen sie mal wieder, wenn diese
Ware in unseren Lagern verkauft wurde“. Der Erfolg von Atari in Deutschland wurde dann angestoßen durch
massiven Einsatz von Fernsehwerbung und die Einschaltung der
Werbeagentur BBDO in Düsseldorf.
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Dort fiel einem Tony Euler, dem für Atari zuständigen Werbemenschen der tolle Spruch ein:
„Atari - mit uns können Sie was erleben“. Außerdem stellten uns
die Amerikaner ihre TV-Spots zur Verfügung, die wir nur noch
deutsch synchronisieren mussten.
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Das Atari VCS - eine Videospielkonsole erobert die Wohnzimmer.
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Unser Durchbruch kam mit einem Spot, in dem eine Off-Stimme
einen Arzt fragte: „Lieber Herr Doktor, was sollen wir nur machen?
Unser Sohn spielt Atari (ein Kind spielt vor der Fernseher mit
dem Joystick
Space Invaders), unsere Tochter spielt (ein Mädchen
spielt
Circus Atari), mein Mann spielt (Vater spielt
Video
Pinball) und auch unser Hund benimmt sich schon ganz merkwürdig
(man sieht zwei Hundepfoten den Joystick bedienen)“.
20 Millionen DM für die TV-Werbung
Atari investierte bis zu 20 Mio. DM im Jahr für TV-Werbung. Die
Amerikaner drängten auf mehr und mehr, sehr zur Freude einer
kleinen Agentur in München, für die dieser Kunde damals Gold
wert war. In den ersten Tagen und Wochen kleckerten die Aufträge spärlich
ein. Auf der ersten Vertriebstagung gab ich als Marschrichtung
aus: „Zeigt das Spiel
Shootout (auch
Outlaw) und beobachtet den Einkäufer.
Wenn der nicht spätestens grinst, wenn der Cowboy das zweite Mal
auf die Nase fällt, packt ein und geht zum Nächsten. Ihr müsst
das Produkt so kurzfristig wie es geht den meisten möglichen
Personen vorstellen“. Ob das zum Geheimnis des Erfolges wurde, weiß ich nicht.
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Jedenfalls erreichten mich Mitte des Sommers merkwürdige
Nachrichten. Immer mehr Verkäufer riefen an und berichteten, dass
der Einkäufer sie aus der Reihe wartender Außendienstmitarbeiter
anderer Firmen nach vorne gerufen hätte, denn man musste dringend
nachbestellen. Auch begann sich das Fachblatt Markt-Intern aus
Düsseldorf mehr und mehr mit Atari zu beschäftigen. Immer öfter
wurde kritisiert, dass Händler das Produkt zu Kampfpreisen als
Lockmittel anboten.
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Videospiele von Atari im Einzelhandel. „Das starke Programm“.
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Das wurde uns in Hamburg vorgeworfen. Und man
munkelte, wir würden Großabnehmer bevorzugte Konditionen
einräumen, was natürlich Schwachsinn war. Unser Versuch,
handelsfreundlich zu sein, ging bis hin zur Ablehnung eines
Großauftrages von 20.000 Grundgeräten von der Firma Metro.
Gleichzeitig gründeten wir nach dem Vorbild unserer Mutter in den
USA den
Atari Users Club.
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Der Gewinner, Pelé und Klaus Ollmann bei einer Preisübergabe (von links).
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Um die Bindung zu unseren Fans zu stärken, legten wir dem Produkt Postkarten bei mit der Bitte,
uns die Adressen mitzuteilen. Bis zum Jahre 1984 hatten wir so
Zugriff auf mehr als 120.000 Adressen von Atari-Nutzern, die
regelmäßig das
Atari Club Magazin mit Informationen und Angeboten
zugesandt bekamen. Sie nahmen Teil an Meisterschaften, deren
Gewinner in den USA oder in Deutschland stritten. Aber darüber
kann man vielleicht später einmal berichten und darüber wissen
vielleicht auch andere mehr. Ich war mit den Organisationen nicht
beschäftigt, tauchte nur als Chef auf und musste Reden halten.
Hoher Besuch aus den USA
Anfang 1981 meldete sich der Präsident von Atari, Mr. Ray Kassar,
zu einem Besuch in Hamburg an.
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Die Erfolge der Atari Deutschland
erregten in zunehmendem Maße Aufsehen auch bei der
Muttergesellschaft. Da ich an diesem Tage keine Zeit hatte, bat
ich meinen Chef, den Geschäftsführer der WEA Musik, Siggi Loch,
Ray am Flughafen abzuholen und mit ihm essen zu gehen. Ich würde
nach dem Essen dazustoßen. Siggi ist ein absoluter Musikmensch,
heute hat er sein eigenes kleines, aber feines Jazzlabel Act in
Feldafing. Das Atari-Produkt als technisches Produkt war ihm
dubios und fern wie nie.
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Ray Kassar - Präsident von Atari Inc. 1981.
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Siegfried („Siggi“) Loch. Ehemaliger Geschäftsführer der WEA Musik.
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Er machte damals von dieser Meinung Ray
gegenüber auch kein Hehl und sagte: „This is nothing for me.
Klaus loves it, but I need the music and there is no artistic
expression in this“. Ray schäumte. Ich stellte ihm die Firma,
Mitarbeiter und Zahlen vor, aber als ich ihn abends zurück zum
Flughafen fuhr, war er immer noch gallig.
„Who is this motherf...?“ bellte er. Und dann hatte er die
großartige Idee: „Why don´t we do it in a separate company?
You are the managing director. We pay you double of what you get
now“.
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Klar, dass ich dieser Idee nicht ablehnend gegenüberstand und so
wurde zum 1. April die Atari Deutschland GmbH unter meiner
Leitung gegründet. Mein Arbeitsvertrag wurde am 6. März
unterzeichnet. Als neues Bürogebäude mieteten wir eine Villa in
der Hamburger Bebelallee an. Als ich mich bei Siggi beim Auszug aus der Arndtstrasse
verabschiedete, warnte ich ihn: „Siggi, wenn es hinter Dir hupt,
dreh' Dich gar nicht erst um, sondern springe gleich beiseite,
denn Atari wird Euch sehr bald überholen“.
Atari in Deutschland startet durch
Das passierte schon im nächsten Jahr, als wir den Umsatz der WEA Musik
einstellten und hinter uns ließen.
Ja, so ging es denn richtig los. Wir wurden der Liebling der
Fachpresse, des
Spiegel und der versammelten Journaille.
Unsere Feste und Produktvorstellungen in der Fabrik wurden Kult.
Unsere PR-Chefin Renate Knüfer und der Werbechef Wolfgang
Blödorn unter Leitung des Schweizer Marketingchefs Hans-Ueli
Hasler hatten alle Hände voll zu tun, um Interviewwünsche und
Stories zu koordinieren.
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Franz Beckenbauer und Pelé als Atari-Sonderbotschafter.
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Warner Communications besaß in New York
auch den Cosmos Fußballklub, in dem Franz Beckenbauer und Pelé
spielten, die gleichzeitig von Atari zu weltweiten
Sonderbotschaftern verpflichtet wurden. Damit kam Pelé zur
Einführung des Soccer-Spiels nach Hamburg. Franz spielte sowie
für den HSV und zu seinem Abschiedsspiel flog die Spitze der
Warner Communication Mr. Stephen Ross mit seiner Entourage nach
Hamburg ein.
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Ich wurde gebeten, das alles zu organisieren, aber
leider war ich krank und bat Siggi, das zu übernehmen.
Ich musste bald jede Woche in die USA. 1. Klasse sowieso und wenn
nötig auch per Concorde. Die weltweiten Atari-Tagungen fanden
statt in Las Vegas und Monte Carlo mit Empfang bei
Gracia Patricia von Monaco. Atari Spiele und Computer wurden installiert
im Robinson Club und im Club Mediteranée, was für mich und den
französischen Geschäftsführer Guy Millant, noch heute einem
sehr guten Freund, den Vorteil hatte, dass wir dort unseren
Urlaub gratis verbringen durften.
Und als wir 1983 bei dem Besuch der Elektronikmesse Consumer Electronics Show (CES)
in Las Vegas Steven Spielberg
kennen lernten und danach für eine Woche in die Warner Villa nach
Acapulco eingeladen wurden und man mir sagte, dass Atari
Deutschland nicht nur die effizienteste Atari Tochter weltweit,
sondern überhaupt die effizienteste Firma im Warner
Unternehmensverband sei, dachte ich, ich sei der erfolgreichste
Manager der Welt. Gleichzeitig war mir zwar auch klar, dass
dieser Erfolg mit diesem Produkt nicht sehr schwer war, aber ich
übersah völlig die dunklen Wolken am Horizont.
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Das Atari VCS im deutschen Handel. Video-Spielcomputer für 379,00 DM.
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Die ersten dunklen Wolken
Zum ersten Mal fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte, als während
seiner Rede auf der Tagung in Las Vegas Manny Gerard, der in
New York für Atari zuständige Oberboss stolz darauf hinwies,
dass man bereits 35% des Marktes besetzt halte und im nächsten
Jahr bei 48% stehen wolle. Ich drehte mich daraufhin zu
Hans-Ueli um und fragte ihn: „Wissen die eigentlich, dass bei
100% Schluß ist?“. Das sollte eigentlich witzig sein, aber es
hätte in diesem Moment klar sein müssen, dass keiner in der
hochbezahlten Riege der Top-Executives auch nur einen einzigen
Gedanken daran verschwendete, was danach kommen sollte.
Eine ganze Generation war in absehbarer Zeit versorgt mit den
besten Videospielen seiner Zeit.
Atari übersiedelte dann auch schnell nach Frankfurt, nachdem meine Nachfolger Richards
und Driemeier kurzfristig ebenfalls rausflogen.
Jahre später, irgendwann im Laufe des Jahres 1988, ich baute
damals Hamburgs größte Videothekenkette vfs (video film supermarkt)
zusammen mit meinem Freund Hans-Hermann Pein auf, wurde ich von
der Zeitschrift VideoMarkt gebeten, einen Ausblick auf die
mögliche Zukunft des Videospielmarktes zu schreiben. Ich schrieb
damals, dass eine neue Generation heranwächst, die dringend mit
Videospielen der neuesten Technologie und neuen Spielwitzes zu
versorgen sei. Man hielt mich, nur ein halbes Jahr vor
Nintendo, SEGA und später Sony und Microsoft, für bekloppt.
Mein weiteres Leben blieb turbulent. Heute mit 64 Jahren
bereite ich auf das Dasein als Rentner vor und komme mir vor wie
ein Guru, der der Jugend etwas über turbulente Zeiten berichtet.
Im dritten Artikel von Klaus Ollmann erfahrt ihr mehr über die
Hintergründe und Begegnungen der deutschen Atari Geschichte.
© 2004
KLAUS OLLMANN