Ein H.E.R.O. unter Helmut Kohl
Wir befinden uns etwa in der Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Ganz Deutschland ist von Commodore besetzt...
Ganz Deutschland? Nein! Ein paar vereinzelte User hören nicht auf, dem Brotkasten Widerstand zu leisten.
Dabei sind sie fast so allein auf weiter Flur wie der allseits bekannte Haufen Gallier aus der Feder Uderzos und Goscinnys.
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Der geneigte Leser mag sich nun fragen: wie konnte das geschehen? Machen wir also einen kleinen Zeitsprung
zurück in das Jahr 1985. Helmut Kohl regiert das Land, in den Charts geben sich (unter anderem) Modern Talking,
Tina Turner und Falco die Klinke in die Hand und der Verfasser dieser Zeilen spielt vermutlich gerade H.E.R.O.
auf dem Atari 2600. Zu diesem Zeitpunkt steht die Computer-Zukunft des gerade mal 11-jährigen Zockers
noch in den Sternen - doch wenn die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen, krönt wohl bald ein C64 seinen Schreibtisch.
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Tastatur-Detail des Spectrum 16k
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Doch irgendetwas lief schief. Schuld waren wohl die eher klammen finanziellen Umstände, in denen die
Familie seinerzeit lebte. Die Preise für einen C64 im Jahre 1985 sind dem Verfasser dieser Zeilen
(der übrigens bald in die Ich-Perspektive wechseln wird, versprochen) zwar gerade nicht zur Hand,
es darf aber bezweifelt werden, dass man diesen gebraucht für 100,-- DM hätte erwerben können.
Mit genau dieser Summe nämlich wurde ein „Computer“ ohne nähere Angabe zum Modell auf einer Karte
am „Kaufe/Verkaufe“-Brett im örtlichen Einkaufszentrum beworben.
Mögen die Spiele beginnen
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf: meine Mutter zog von dannen und kehrte alsbald mit dem uns
noch völlig unbekannten Computer zurück, der sich beim näheren Hinsehen als ein Sinclair ZX Spectrum
mit 16k Speicherkapazität entpuppte. Ein paar Infos, wie man ein Spiel lädt, waren auch dabei -
sowie eine einzelne Kassette voller „Sicherheitskopien“.
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Das 16k-Modell kam in Großbritannien im April 1982 auf den Markt und schlug mit 125 Pfund zu Buche. Für das 48k-Modell waren weitere 50 Pfund fällig.
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Wir verbanden also den Computer mit einem kleinen Schwarz/Weiß-Fernseher und schickten uns an, ein Spiel zu laden.
In Ermangelung eines Kassettenrekorders (den wir zweifellos hatten, die Gründe entfallen mir) schlossen
wir einfach einen Walkman an - und es funktionierte! Das erste Spiel auf der Kassette sollte also
mein allererster Einblick in die Welt des Spectrums werden, und besser hätte dieser kaum sein können,
handelte es sich doch um das Spiel
Jetpac von der britischen Softwareschmiede
Ultimate - Play The Game,
die Jahre später unter dem Namen Rare Ltd. große Erfolge auf diversen Nintendo-Konsolen feierte.
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Was soll ich noch zu Jetpac sagen? Für einen 16k-Computer, bei dem sowieso fast die Hälfte vom RAM für
den Bildschirmspeicher draufging, war das Spiel schlichtweg brillant! Mein älterer Bruder
(der später ebenfalls nicht den „Commodore-Weg“ gehen sollte) und ich waren bis dahin die meist recht
grobpixeligen Grafiken des Atari 2600 gewöhnt - die Spectrum-Grafiken, trotz der relativ
mageren 256x192-Auflösung, erschienen uns da nicht zuletzt wegen der quadratischen Pixel
doch wesentlich detaillierter. Kurz, wir waren schon ziemlich begeistert von dem, was diese kleine Kiste leistete.
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Das Ladebild von Jetpac (1983). Frühe Lektion damals: war der Tonkopf nicht richtig justiert,
erkannte man während des Ladens anhand von Fehlern im Ladebild, dass man neu laden durfte...
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Ziel des Spieles ist es, eine Rakete zusammenzubauen und sie zu betanken,
um in den nächsten Level zu gelangen. Toll fand ich seinerzeit den Laser und die leichte Trägheit des Jetman.
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Auf der Kassette befanden sich übrigens auch die anderen 16k-Titel von Ultimate (
Pssst!,
Cookie und
Tranz Am)
sowie eine Handvoll weiterer Spiele von anderen Herstellern, die zwar bei weitem nicht die Qualität
der Ultimate-Titel erreichten, aber uns dennoch ganz gut unterhielten. Es folgten Wochen voller Spielspaß.
Vom C64 hatten wir zu dem Zeitpunkt übrigens auch schon mal vage hier und da gehört und etwas gesehen,
aber nicht genug, um jetzt ein besonderes Interesse für das Gerät zu entwickeln. Zu teuer wäre er für
unseren Geldbeutel sowieso gewesen - zumal, wenn eine Floppy hätte dabei sein sollen, die ja doch recht
schnell zur C64-Standardausrüstung gehörte. Zudem hatten wir keine Ahnung von den Leistungsdaten
der verschiedenen Systeme, daher waren wir mit dem kleinen Spectrum schon sehr zufrieden.
Have a break, have an Atari
Einige Monate später kündigten sich große Veränderungen in unserem Hause an. Zum einen ließen wir uns
von einem Kumpel zu einem Tausch überreden: unser Spectrum 16k gegen seinen Atari 600XL. Der 600XL
sah gegenüber dem vergleichsweise winzigen Spectrum mit seiner Gummitastatur schon wie ein richtiger
Computer aus, so dass uns die Wahl - leider, wie sich später herausstellen sollte - leicht fiel.
Nicht mal das Handbuch oder eine Datasette waren dabei, so dass wir eigentlich nicht allzu viel mit dem
Ding anstellen konnten. Übrigens: bereits Monate zuvor hatte sich unser Onkel einen Schneider CPC 464 geleistet,
von dem wir ziemlich angetan waren. Mein Bruder wollte daraufhin unbedingt einen haben, und irgendwann
stand tatsächlich einer bei ihm auf dem Tisch. Den Spectrum hatten wir uns zuvor geteilt, und so kam ich
in den zweifelhaften Genuss, den unseligen Atari 600XL ganz für mich allein zu haben. Mein einziges Spiel
dafür war ein Steckmodul namens
Caverns of Mars - nicht gerade eine Spielspaßgranate.
Mr. Spectrum, willkommen zurück. Wir haben Sie ... vermisst!
Während mein Bruder also Spaß mit seinem CPC hatte, war ich mit dem 600XL alles andere als glücklich.
Mittlerweile war es Mitte 1986 und der Wunsch keimte auf, wieder einen Spectrum mein Eigen zu nennen.
Und so sollte es dann auch sein. In der Photo Porst-Filiale auf der Kölner Schildergasse erstanden wir
ein 48k-Modell und wenn ich mich nicht irre, wechselten ca. 250,-- DM dafür den Besitzer. Der CPC war
teurer gewesen, kam aber dafür natürlich auch gleich mit einem Grünmonitor. Beim Spectrum musste halt
wieder der olle Schwarz/Weiß-Fernseher herhalten, aber ich war glücklich - endlich wieder ein brauchbarer
Computer. Hin und wieder kam ich in den Genuss, das Ding an den großen Farbfernseher im Wohnzimmer anzuschließen.
Was mir jetzt fehlte, waren Spiele. Während der C64 sich zu dieser Zeit anschickte, aufgrund stetig
sinkender Preise endgültig seinen Siegeszug hierzulande anzutreten und der berüchtigte „Schulhof-Softwaretausch“
in Gang kam, hatte ich als Speccianer diesen Luxus nicht. Noch nicht. Auf dem Schulhof sowieso niemals.
Also musste Originalsoftware her. Anno 1986 gab es diese auch noch vereinzelt in Kölner Geschäften.
Zu meinen ersten gekauften Spielen gehörte das legendäre
Jet Set Willy, welches ich bereits auf dem CPC,
zusammen mit seinem Vorgänger
Manic Miner, liebgewonnen hatte.
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Lunar Jetman (1983), der scrollende Nachfolger von Jetpac. Mit leicht Defender-angehauchtem Gameplay,
höllisch schwer und wie so viele alte Spiele einfach nicht zu schaffen... denn es gibt leider kein Ende.
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Ein anderes Juwel aus den frühen Tagen ist Skool Daze (1984), das mit einem witzigen Spielablauf glänzte.
Aufgrund der relativen Handlungsfreiheit (innerhalb des Schulgebäudes) ist es ein sehr frühes Quasi-Sandbox-Game.
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„Auf dem Schulhof wurde keine Speccy-Software getauscht. Also musste Originalsoftware her.“
— DIRK MAYER
Ein winziger inhabergeführter Laden in der Kölner Südstadt hatte eine „Grabbelkiste“, bei der es sich
um einen simplen, großen und reichlich ramponierten Pappkarton handelte, voller Spiele für 9,90 DM.
Die meisten Titel waren schon recht betagt, aber da ich die Spiele sowieso nicht kannte, musste man
einen Glücksgriff wagen. Geld für zwei Spiele hatte ich dabei - ich entschied mich für
Lunar Jetman von Ultimate,
was sich als gute Wahl entpuppte, ließ mich aber leider von meinem Bruder dazu überreden, als zweiten
Titel
Flak von U.S. Gold zu nehmen. Mann, war das Spiel mies! Von da an entschloss ich mich, nicht mehr
auf Kaufempfehlungen meines Bruders zu hören. Nebenbei bemerkt hatte U.S. Gold auf dem Speccy keinen
besonders guten Ruf, da die Umsetzungen meist recht bescheiden waren, wie ich im Laufe der Jahre herausfinden sollte.
Obwohl einige U.S. Gold-Titel wirklich tolle Ladebilder hatten - nämlich die von Frederick David Thorpe,
der auch für andere Softwarehäuser wie Ocean/Imagine einen Haufen äußerst ansehnlicher Ladebilder fabrizierte,
welche man
hier sehen kann.
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Tir Na Nog (1984), ein Adventure, welches für sein Erscheinungsjahr schon sehr ordentlich aussah.
Als ich es ein paar Jahre später spielte, kam ich aber dank der knackigen Rätsel erstmal nicht weit...
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Das Tolkien-inspirierte Strategie-Adventure The Lords of Midnight (1984) begeisterte die Presse
nicht zuletzt durch das innovative Landscaping-Verfahren, mit dem die Grafik aufgebaut wurde.
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Auch sonst gab es in den folgenden Monaten reichlich Gelegenheit, relativ billige Originalsoftware zu ergattern.
Im Alten Wartesaal unter dem Kölner Hauptbahnhof, einigen vielleicht durch die „Mitternachtsspitzen“
aus dem WDR-Fernsehen bekannt, gab es seinerzeit in rustikalem Ambiente hin und wieder Computerflohmärkte.
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