André Eymann: In dem
ST-Artikel „Ein amerikanischer Traum“
aus dem September 1988 schreiben Sie über die Entstehung des
US-Amerikanischen Atari-Magazins
Antic von Jim Capparell.
Am Ende resümieren Sie mit dem Satz „Könnte diese Entstehungsgeschichte
in Deutschland stattfinden? Wir meinen, nie und nimmer.“
Wodurch unterschieden bzw. unterscheiden sich die beiden Länder
so stark? Was konnten die deutschen Magazine von
Antic lernen?
Jim Capparell
(Foto: ST-Magazin, September 1988)
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Horst Brandl: Jim Capparell traf ich auf einigen US-Messen, die ich besuchen durfte,
weil ich immer gute Geschichten mitbrachte. Er lud mich in die
Redaktionsräume von Antic ein. Dort lernte ich die Redakteure kennen.
Eine Redakteurin war die Freundin von Jim Kent und so hatte ich meinen
Kontakt zu Jim Kent. Bei Antic war die Produkte „good“, „funny“
oder „fluffy“. Mir fehlte für den deutschen Markt deutlich der
technische Tiefgang. Übrigens: Jim (eigentlich James) Capparell war zuvor als Programmierer
bei der NASA angestellt und gründete seine Zeitschrift 1982 ohne vorherige Kenntnisse
über die Zeitungsbranche.
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André Eymann: Nach dem Motto „Nur wer Neues wagt,
hat die Chance, es besser zu Machen“ gründeten Sie 1990 als Chefredakteur
das Atari-Magazin
TOS für Atari ST- und TT. War es schon lange ein
Traum von Ihnen, ein eigenes Magazin zu leiten? Was unterschied die
TOS von anderen Magazinen?
Horst Brandl: Die
TOS entstand aus einem Problem. Bei
Markt & Technik fand im Vorstand ein Wechsel statt. Richard Kerler,
ehemals Redaktionsdirektor der Zeitschrift
CHIP, wurde Vorstand Zeitschriften.
Wir hatten ab dem ersten Zusammentreffen eine tiefe gegenseitige Abneigung.
Ich kündigte nach wenigen Wochen, die Redaktion reagierte betroffen
und machte den Vorschlag, selbst ein Heft herauszubringen.
Die Atari ST GEM (Graphical Environment Manager). Die Benutzeroberfläche von TOS.
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Dafür braucht man allerdings ein gewisses Kapital, deshalb suchte ich nach einem
Mitstreiter, den ich auch fand.
TOS unterschied sich in der Aufmachung.
Wir waren opulenter in Bildsprache. Aber der größte Unterschied war die
beiliegende Diskette. Und die sorgte bereits im Vorfeld für viel Gespräch:
14,90 DM sollte das Heft durch die Diskette kosten - jeden Monat.
Viele zweifelten, dass dieses Konzept gewinnbringend umzusetzen war.
André Eymann: Haben Sie noch Kontakte zum ehemaligen
TOS-Team: Alex Dankesreiter, Paul Sieß, Marie-Jeanne Jaminon-Brandl,
Sabine Kuffner, Martin Backschat, Thomas Bosch, Uli Hofner und Barbara Schmid?
Horst Brandl: Teilweise gibt es noch Kontakt. Sogar noch zu
manchen Kollegen von Markt & Technik.
André Eymann: Wann und warum wurde das
TOS-Magazin eingestellt?
Horst Brandl: Die
TOS haben wir sieben Jahre herausgegeben. So lange
es den Atari ST gab. In dieser Zeit haben wir mein Vorgängerheft
ST-Magazin gekauft.
André Eymann: Was machen Sie heute beruflich?
Werden Sie noch oft mit Ihrer Vergangenheit als Autor und Chefredakteur
in Verbindung gebracht? Haben Sie noch einen Atari im Keller?
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Horst Brandl: Heute sitze ich auf meiner Insel in der Karibik,
lasse mir von glutäugigen Schönheiten kühle Drinks servieren und... Nein,
leider nicht. Ich bin immer noch Journalist. Einen Atari TT hatte ich noch
eine lange Zeit, allerdings verstaubte er die letzten Jahre im Keller.
Anmerkung: im Atari TT werkelte ein Motorola MC68030 32-bit Prozessor mit 32 MHz.
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Der Atari 1040 ST mit Monitor SC1224 und Maus, sowie einem Power Grip Joystick von Wico.
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André Eymann: Wir bedanken uns für das freundliche Interview
und wünschen Ihnen für die Zukunf alles Gute.
Kleiner Exkurs: der Atari TT und das TOS
Der futuristische Atari TT (1990-1994) war für den professionellen Betrieb in den Bereichen
Musik oder DTP gedacht. Das
TT steht bei diesem Atari-Computer
für
Thirtytwo/Thirtytwo und bezeichnet den Datenbus. Das Herz des
Systems war eine Motorola 68030 CPU. Im TT kamen
bereits SCSI-Festplatten (48 oder 80 MB Speichervolumen) zum Einsatz.
Die Grafikauflösung bot bis zu 1280x960 Pixel (monochrom, ECL-Signal).
Als Betriebssystem wurde Ataris TOS (3.01 bis 3.06) genutzt.
TOS/GEM hatte für seine Zeit ein sehr fortschrittliche Optik.
TOS steht für
The Operating System und wurde für die
Heimcomputerserie Atari ST von 1985-1994 entwickelt. Die Darstellung
der TOS-Oberfläche erinnert ein wenig an das Apples Macintosh Betriebssystem.
Heutzutage lebt TOS beispielweise als EmuTOS weiter, das mit 32-Bit Atari Emulatoren
genutzt werden kann.
© 2008
ANDRÉ EYMANN