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TATSACHEN


Unser Atari Club
von 1986

Postfach ohne E-Mail?
1986 gab es noch kein E-Mail. Ein Postfach musste bei der Post beantragt werden.
Programme sammeln:
In sogenannten „PD-Bibliotheken“ wurden Programme auf Disketten gesammelt.
Regelmäßige Treffen
Die Clubmitglieder trafen sich einmal im Monat, um brennende Fragen zu klären oder Software zu tauschen.


 
Unser Atari Club von 1986

TEXT UND BILDER: TORSTEN OTHMER
KATEGORIE: ZEITGESCHEHEN
AUSGABE: AUGUST 2010
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Wir brauchen einen Clubnamen
Es wurde über einen passenden Namen beraten und wir einigten uns auf COSTA Club. Dieser gut klingende Name setzt sich aus den Worten „Centraler Ostfriesischer ST Anwender Club“ zusammen. Bei dem Wort „Central“ wählten wir bewusst die englische Schreibweise, ein Tribut an die englische Computersprache.

Kaum hatten wir einen Namen gefunden, sollte auch noch ein Vorstand gewählt werden. Und da gab es dann ein kleines Zerwürfnis. Mein Freund war im Gegensatz zu mir noch keine 18 Jahre alt und durfte sich entgegen seinen Erwartungen nicht in den Vereinsvorsitz wählen lassen. Ich hingegen wurde immerhin als zweiter Vorsitzende gewählt und kümmerte mich um Anfragen und Schriftverkehr zum Club. Einen extra geschaffenen Sonderposten wollte mein Freund dann aus Trotz nicht annehmen und so blieb er dann einfach ein immerhin Gründungsmitglied. Ja, die Erwachsenen mussten es halt, typisch deutsch, bürokratisch halten. Aber der Club war gegründet, es gab einen Schriftführer, Kassenwart und den ersten und zweiten Vorsitzenden. Auch ein Konto wurde bei der Volksbank eingerichtet und ich besorgte bei der Post ein Postfach, E-Mail gab es noch nicht.

Infopost von Atari an unseren Club (17.12.1986)
Infopost von Atari an unseren Club (17.12.1986)

Aber es fehlte uns noch was ganz entscheidendes, ein Clubraum. Und der war so auf die Schnelle nicht herzuzaubern, denn er durfte natürlich nicht viel kosten. Von daher einigten wir uns darauf, unser nächstes Treffen bei mir Zuhause abzuhalten. Ich hatte günstigerweise ein großes Zimmer, musste allerdings meine Eltern noch auf den Besuch von fast ein Dutzend fremder Personen vorbereiten. Diese waren Anfangs nicht gerade begeistert, davon zu erfahren, aber da ich ihnen zusicherte, dass dies eine einmalige Angelegenheit wäre, stimmten sie Gott sei dank zu. Für das darauf folgende Treffen räumte ich ausnahmsweise mal mein Zimmer mehr als gründlich auf, stellte zusätzlich Stühle auf und positionierte meinen ganzen Stolz, den Atari Computer, akkurat auf meinen Schreibtisch.

Jetzt wird es offiziell
Der Schriftführer hatte für alle Mitglieder Anmeldeformulare erstellt und so wurde das Ganze offiziell. Wir hatten nun 11 Mitglieder, die entsprechend auch quartalsweise ihre Beiträge zu entrichten hatten. Schüler, Azubis und Studenten mussten einen ermäßigten Beitrag von 3 DM entrichten, Erwerbstätige sollten 6 DM bezahlen. Was mit den Beiträgen passieren sollte, war zwar noch nicht abgestimmt, aber das Geld landete erst einmal sicher auf dem Clubkonto. Die beste Neuigkeit aber war, das wir für die folgenden Treffen einen Raum hatten, welcher uns vom Ostfrieslandhaus in Aurich sogar kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Das Ostfrieslandhaus in Aurich diente uns als Treffpunkt für unsere monatlichen stattfindenden Computerclub Abende.
Das Ostfrieslandhaus in Aurich diente uns als Treffpunkt für unsere monatlichen stattfindenden Computerclub Abende.

Das so genannte Ostfrieslandhaus wurde als Stätte der Begegnung der Blücher-Kaserne errichtet und bot für Treffen regionaler Einrichtungen ihre Räumlichkeiten an. Da wir dort während unserer Treffen auch regelmäßig Getränke und manchmal auch Speisen bestellten, waren wir immer gern gesehene Gäste dieses Hauses. Dort war es uns dann auch erlaubt, unsere Computer mitzubringen. Leider war es nicht möglich Computer und Zubehör permanent stehen zu lassen, denn der Raum musste nach unserem Treffen immer wieder geräumt werden. Von nun an trafen wir uns jeden zweiten Mittwoch eines Monats um 19:30 Uhr. Bei einem der nächsten Treffen in unseren neuen Räumlichkeiten entschieden wir, eine eigene PD (engl. public domain) Diskettenbibliothek anzulegen, die ruckzuck auf über 70 Disketten anwuchs. Wir beschafften mit Clubgeldern sogar einen EPROM-Brenner, der zum Speichern von Programmen auf ROM-Modulen genutzt wurde. Denn eine zu der Zeit noch extrem teure Festplatte konnte sich keiner von uns leisten. Mit dem ROM-Modul war es möglich, gespeicherte Programme direkt vom Desktop und sehr schnell zu starten. Es war dafür keine Diskette mehr nötig.

Ein Auszug aus Atari Aktuell vom Oktober 1986
Ein Auszug aus Atari Aktuell vom Oktober 1986
  Im Sommer 1987 hatte unser Club schon 25 Mitglieder, die gut und gerne Anfahrtswege von bis zu 25 KM in Kauf nahmen, um an unseren Treffen teilzunehmen. Mein Freund Erik bot Programmierworkshops in der Programmiersprache BASIC an und es wurden Hilfestellungen zu allen möglichen Problemen mit und um den Atari ST gegeben. Zu gute kam dabei, dass während der Clubtreffen immer mehr Atari Computer zur Verfügung standen. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich meinen Atari auf- und abgebaut habe, um ihn zum Ostfrieslandhaus zu transportieren.

Viele Mitglieder bauten im Laufe der Zeit persönliche Freundschaften auf und man tauschte sich nach den Clubtreffen auch privat aus. Die Mitgliederstruktur setzte sich weiterhin hauptsächlich aus Berufstätigen zusammen, Schüler waren eher die Ausnahme. Letztendlich richtete sich unser Club mehr in Richtung ernsthafter Anwendungen aus und war für jüngere Interessenten, die doch lieber Computerspiele spielten, zusehends uninteressant.

„Wir boten in unserem Club Programmierworkshops und Hilfestellungen für den Atari ST an. Jeder Interessierte war willkommen!“
 — TORSTEN OTHMER

Der Satz „Haus der Begegnung“ wurde ernst genommen: im Atari COSTA-Club herrschte ein reger Austausch.
Der Satz „Haus der Begegnung“ wurde ernst genommen:
im Atari COSTA-Club herrschte ein reger Austausch.

Die Zeit danach
Gegen Ende der 80er Jahre gab der erste Vorsitzende seinen Vorsitz mangels Zeit ab. Ich stellte mich für das Amt zur Verfügung und wurde gewählt. So leitete ich den Club noch bis Mitte 1991. Ab August besuchte ich die Abendoberschule und konnte leider nicht mehr an den Clubtreffen teilnehmen. Da sich niemand mehr fand, der meinen Posten übernehmen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als Mitbegründer des Clubs, genau diesen wieder aufzulösen. Somit beschlossen wir im Sommer 1991 die Auflösung unseres Atari Clubs. Das vorhandene Geld und Equipment wurde an die Mitglieder ausgezahlt bzw. abgegeben. Es war sicherlich schon ein wenig Wehmut dabei, als ich das Ende meines Clubs verkünden musste. Aber für mich begann mit dem Besuch der Abendoberschule ein neuer Lebensabschnitt, dem ich voller Tatendrang entgegen eiferte.

Ich weiß, dass sich viele der ehemaligen Mitglieder noch über Jahre hinweg locker ohne bürokratische Zwänge, so wie ich und mein Freund es uns eigentlich anfangs gedacht hatten, am Tresen des Ostfrieslandhauses getroffen haben und weiter mit und über Atari Computer fachsimpelten. Ich konnte leider an keinem dieser Stammtisch Treffen mehr teilnehmen, verkaufte nach einem Defekt die Reste meines Atari Computers und stieg auch wegen den Anforderungen der Abendoberschule auf ein MS-DOS System um. Die Tage der Atari Computer waren zu diesem Zeitpunkt schon gezählt. Atari brachte 1992 den kaum noch beachteten Falcon 030 heraus, ein 32 Bit Rechner, der gegen die Vormacht der PCs antreten sollte. Der Erfolg war bescheiden, es wurden nur wenige Tausend dieser Rechner verkauft. Daraufhin stellte Atari jede Weiterentwicklung seiner Computer ein und verschwand als Hardwarehersteller 1996 ganz vom Markt.

Nach wie vor arbeite ich regelmäßig mit meinem Atari Falcon, Baujahr 1993.
Nach wie vor arbeite ich regelmäßig mit meinem Atari Falcon, Baujahr 1993.

Ende der 90er Jahre kaufte ich mir wieder einen Atari ST Computer und musterte meinen Windows PC aus. Zum einen fand ich das Windows 95, sowie auch den Nachfolger Windows 98 nicht gerade innovativ. Außerdem nervte mich der ständige Zwang, meine Hardware an die jeweils neue Betriebssystem-Generation von Windows anpassen zu müssen. Das war bei Atari und auch bei Apple anders. Nach wie vor nutze ich meinen Atari Falcon für wichtige Aufgaben im meinem Geschäft. Ich muss aber zugeben, dass die meisten Arbeiten seit 2003 mit einem Apple Macintosh, der 1984 für mich unerreichbare Traumcomputer, erledigt werden.

Kleiner Exkurs: ST-Computer – Faszination dank grafischer Bedienoberfläche
Auf den Atari ST-Computern wurde die grafische Oberfläche GEM (engl. Graphical Environment Manager) eingesetzt. Zweifellos handelte es sich bei GEM um eine innovative Bedienung des Computers, wurde sie doch zeitgleich zur GUI des Apple Lisa und Macintosh von Xerox PARC entwickelt und ebenfalls 1984 veröffentlicht. Unter GEM liefen auf dem Atari ST Anwendungsprogramme wie der MIDI-Sequenzer Cubase, oder legendäre Spiele wie Dungeon Master, Elite und Ultima II.

Im Vergleich: Erst 1985 wurde von Microsoft Windows 1.0 veröffentlicht. Dennoch wird die weit verbreitete und falsche Tatsache, dass Microsoft die „Erfinder“ der grafischen Bedienoberflächen seien, selten richtig dargestellt. Tatsächlich mussten PC-Anwender bis 1990 warten, um mit Microsoft Windows 3.0 ähnliche Funktionen zu nutzen, die es bereits fünf Jahre zu vor bei GEM gegeben hatte. So wird die Faszination der Atari ST-Reihe mit seiner fortschrittlichen GUI, denen die es einmal bedient haben, für immer ein Vorbild der Computerbedienung bleiben.



Über den Autor
Torsten Othmer, Jahrgang '67 leitet heute ein Fitness Studio in der Kleinstadt Grimma, wo er zusammen mit seiner Frau Barbara und seinen vier Kindern lebt. Seit vielen Jahren sammelt er leidenschaftlich vorrangig die Computer und Videospiele die er damals besessen hatte oder gerne gehabt hätte. Im zarten Alter von 9 Jahren kam er erstmalig auf einen Jahrmarkt in Osnabrück mit dem Medium Videospiel in Kontakt. Die dort Aufgestellte Pong Arcade zog den Autor so in seinen Bann, so dass er von diesem Moment an von jeglicher Art Telespiel begeistert war.

„Um in die Zukunft blicken zu können, sollte man die Geschichte kennen.“
 — THORSTEN OTHMER

„Durch meine Kinder erfahre ich an erster Stelle wie drastisch sich das Medium Computer und Videospiel in den letzten Jahren verändert hat. Besonders durch die Vernetzung der Computer und Konsolen und der immer stärker statt findenden Verschmelzung der Medien Film, Musik und Computerspiel verändert sich sich die junge Gesellschaft. Kinder, die mit den aktuellen Medien aufwachsen, denken und handeln völlig anders als meine Generation. Sie sind mehr denn je multitaskingfähig, schauen Film, hören Musik, Spielen und machen nebenbei noch Hausaufgaben und filtern die für sie relevanten Informationen aus dem für mich hervortretenden Informationswirrwarr heraus.

Trotzdem oder gerade deshalb finden Jugendliche eine gewisse Faszination an den Videospielen der ersten Stunden, deren Anfänge sie nicht mit erleben durften. So möchten sie wissen, wie aus den klobigen Schwarz-Weiss-Pixeln und dem damit verbundenen simplen Spielprinzipien die heutigen Spielfilmreifen und komplexen Spiele entstanden sind. Viele Jugendliche können sich heute nicht vorstellen wie sich meine Generation stundenlang mit derart simplen Spiele beschäftigen konnten. Im diesen Sinne möchte ich die Zeit der Anfänge der elektronischen Videospiele bewahren und festhalten. Denn um in die Zukunft blicken zu können, sollte man die Geschichte kennen.“

Von Thorsten Othmer sind außerdem die folgenden Artikel erschienen:


© 2010 TORSTEN OTHMER





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