Es war 1982 kurz vor Weihnachten. Die jugendliche Weltsicht bestand aus BMX-Bikes, Breakdance, E.T., STARWARS und natürlich einer Vielzahl an Homecomputern. Ich bekam einen Sinclair ZX81 und lernte BASIC. 1983 folgte der Commodore 64. Die nächsten Jahre waren voller toller Spiele, im Kino liefen tolle Filme und Mädchen wurden langsam interessant.

Die Zukunft aus Sicht der 1960er Jahre. (Bild: Pinterest)
Die Zukunft aus Sicht der 1960er Jahre. (Bild: Pinterest)

Wenn ich mich heute frage, welche Dinge davon am meisten im Kopf geblieben sind, so kann ich sagen: ganz klar die Mädchen Homecomputer. Gerade vor ein paar Wochen kam ich in den Genuss, einen ZX81 aus der originalen Originalverpackung zu nehmen. Und da war es, das alte Gefühl von damals. Das Styropor und der Geruch von unangetastetem Gerät scheint eine sehr spezielle Mischung zu sein, die wohl um so präsenter zu sein scheint, als das es damals wohl ein für das Gehirn sehr einschneidendes und drakonisches Erlebnis war. Wem dieser Satz zu lang war: „Was damals toll war, ist auch heute noch toll“. Das Gehirn eines Jugendlichen wird von interessanten Dingen geprägt. Damit meine ich Dinge, die den Jugendlichen von sich aus interessieren, also nicht „Die Reformation von Martin Luther, das literarische Schaffen und Wirken von Goethe oder die Klassische Musik“. Wirklich nur die Dinge, die uns damals wirklich interessierten, also COMPUTER, FILME, STARWARS und MÄDCHEN (in dieser Reihenfolge). So tragen wir diesen Stempel mit uns herum und irgendwann später einmal, wird plötzlich ein unbeschriebenes Blatt mit eben jenem Stempel komplett vollgestempelt. Dazu bedarf es oft nur einem kleinen Auslöser.

Bei mir war das der 1999 wiederentdeckte ZX81. Wahrscheinlich hege ich deshalb den Hang zum Sammeln von vielen alten Homecomputern in meinem Hobbykeller. Frauen kaufen sich heute eher Schuhe und Kleidung, weil Barbies zu sammeln wohl doch zu kindisch ist… zumindest nach außen hin. Wir Nerds hingegen können uns gut damit rausreden, das wir uns ja sinnvoll mit Technik beschäftigen und diese auch auf die heutige Zeit anzuwenden ist. Wie könnten wir auch sonst den Laptop der Freundin wieder auf Vordermann bringen? Und das ist ja schließlich ein Grund, mit uns zusammen zu bleiben (bitte… nur ein Grund von vielen natürlich)!

Wer sich mit Computern beschäftigt und tiefer hineinblickt, der versteht die Welt besser und darf dazu auch noch Kind sein.

Jens Sommerfeld

Doch wenn man sich fragt, warum das eigentlich so toll ist, können wir das nicht einfach mit „War damals auch toll“ beantworten. Es ist nicht nur das Spielen von Spielen (klingt komisch, ist aber so) das uns reizt. Es ist auch der Hauch von Unvergänglichkeit, der uns dazu beflügelt, mit der alten Technik Neues zu schaffen. Wer dachte damals schon daran, das ein ZX81 im Internet mit einem Server sprechen könnte? Niemand von uns, denn wir wussten damals nicht, was ein Server ist. Oder eine Mailbox? Ahh, das schon eher. Aber wie geht das?? Damals war das nicht so einfach, hauptsächlich aus Kostengründen. Heute ist das nicht so einfach mangels Wissen. Aber es gibt ja Gott sei s getrommelt Usergruppen, die so etwas im Kollektiv auf die Beine stellen und viele Dinge möglich machen, die damals undenkbar waren. Unsere Vorstellungen waren aber auch ganz andere. So zeigten Bilder vom Jahr 2000 damals fast immer Züge, die durch Röhren gleiten, viele Hochhäuser, Raketen und Roboter auf den Straßen und in der Wohnung – heute nenne wir das Retro-Futurismus.

Architektur in Metropolis. (Bild: Murnau-Stiftung)
Architektur in Metropolis. (Bild: Murnau-Stiftung)

Zugegeben, dieses Jahrhundert hat es wirklich in sich. Was haben die Menschen nicht alles entwickelt?! Martin Luther hat vor 500 Jahren die Reformation eingeleitet und wäre Kaiser Sigismund nicht vor Scham errötet, wäre das wohl alles so nicht gekommen. Jede Zeit hat ihre wichtigen Dinge. Das Internet ist wie damals der Buchdruck (ohne den die Reformation auch nicht… aber lassen wir das…) ebenso eine Revolution. Und die Homecomputer sind es für uns auch. Ohne diese Computer würden wir jetzt nicht diesen Blog lesen. Und ohne Computer und die Beschäftigung mit selbigen würden wir uns das digitale Leben und die digitale Kompetenz komplett absprechen. Wir hätten einfach keine Ahnung davon (was ja nicht so schlimm wäre, denn andere wären dann die NERDs und hätten uns dann sicher helfen können – und wie wir wissen, sind das ja tolle Menschen).

Maria aus Metropolis. (Bild: Murnau-Stiftung)
Maria aus Metropolis. (Bild: Murnau-Stiftung)

Schalte ich heute einen alten Homecomputer ein, so lebe ich in zwei Zuständen: in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Diese Symbiose ist direkt spürbar. Ähnlich dessen, in einem alten Oldtimer zu sitzen, ist auch dieses Gefühl. Allerdings mit dem Unterschied, das wir damals voll im Thema waren (was mir bei Oldtimern nicht so geht). Wie gerne würde ich mich mit dem Wissen von heute in die damalige Zeit (1983) zurückversetzen! Das wäre toll. Noch mal Kind sein (auch im Kindeskörper), frischere Luft atmen und zum kalten Krieg sagen „Ach, laß ma…“ – wäre das nicht toll? Den neuen Computer noch einmal auspacken und zum ersten Mal anschalten. Das Erlebnis würde sicher noch intensiver sein. Und ich könnte wieder Breakdance machen. Toll. Leider müsste ich lange warten, an diverse Informationen und Dinge zu kommen. Kein Google und kein Amazon. Manchmal wünsche ich mir, das es heute auch so wäre. Wir würden mehr über die Dinge nachdenken und uns intensiver mit den Dingen beschäftigen, vielleicht sogar mehr reflektieren. Aber die Zeit verändert die Dinge und auch den Menschen.

Ich stelle oft fest, das Freunde in meinen Hobbykeller kommen und sagen „Oh, toll, den C64 hatte ich auch mal – mein Lieblingsspiel war damals Bruce Lee“. Und wenn ich dann Bruce Lee starte und wir zusammen spielen, erschöpft sich das nach kurzer Zeit und der Kumpel verliert das Interesse. Nicht weil er das Spiel nicht mehr mag, sondern weil er feststellt, das er nicht mehr der selbe Mensch von früher ist. Aber er wird vielleicht doch ein Sehnsuchtsgefühl bekommen und sich dann einen alten C64 kaufen und ab uns zu damit spielen?! Vielleicht…

Technologie und Verkehr im Futurismus. (Bild: Pinterest)
Technologie und Verkehr im Futurismus. (Bild: Pinterest)

Und so ist es an uns, diese Zeit zu erhalten. Für mich gilt: „Wer sich mit Computern beschäftigt und immer tiefer hineinblickt, der versteht die Welt besser und darf dazu auch noch Kind sein“. Wunderbar… Mein Dank gilt den Menschen, die diese Computer erfunden und gebaut haben und natürlich auch den Eltern, die dies bezahlt haben!