Die Leidenschaft der Cosplay Fotografie – Interview mit Annika Witt

Lesedauer: 7 Minuten

Cosplay ist seit den 1990er Jahren auch in unserer Kultur ein fest etablierter Begriff. Dabei hat das wörtlich übersetzte “Kostümspiel” (costume und play) mittlerweile eine enorme Verbreitung erreicht und wird durch alle Altersschichten betrieben. Die Popularität in Japan (der Heimat des Cosplays) ist inzwischen so groß, dass es sogar Sammelkarten (Idol Cards) berühmter Cosplayer gibt. Aber auch in Deutschland wächst das Medieninteresse fortwährend.

So findet seit 2007, initiiert von der Frankfurter Buchmesse, regelmäßig die Deutsche Cosplaymeisterschaft (abgekürzt DCM) statt. Darüber hinaus gibt es die etablierten Veranstaltungen DoKomi und Connichi, die Cosplayern im Rahmer ihrer Anime-Conventions, eine Plattform bieten.

Zweifellos sind die künstlerischen Darbietungen der Cosplayer faszinierend. Und besonders im Umfeld von Video- und Computerspielen, trifft man immer wieder auf bekannte Figuren.

Das ist auch logisch, denn Charaktere aus Videospielen haben seit jeher eine hohe Strahlkraft für die Spieler*innen und bieten sich ideal als Identifikationsfiguren an. Von Link (Zelda) über Lara Croft (Tomb Raider) bis zu Geralt von Riva (The Witcher) sind alle namhaften Figuren auch als Cosplay vertreten. Dass die Künstler die Kostüme in der Regel selbst anfertigen zeugt von ihrer großen Liebe zu ihrem Hobby.

Das Abbild des Cosplays aber ist mindestens genauso wichtig. Die Fotografie und Inszenierung sind ein elementarer Bestandteil des Cosplay-Universums. Wie das Hobby aus dieser Sicht betrachtet wird und welche Dinge dabei wichtig sind, hat mich persönlich interessiert. Dank Annika Witt, einer Cosplay Fotografin aus Hamburg, werfen wir nun einen Blick hinter die Kostüme.

Interview vom 12. Dezember 2018

Die Fotografin: Annika Witt. Instagram: @lalunephotographie. Facebook: @LaLunePhotographie Twitter: @WittAnnika. Blog: www: http://www.lalune-photographie.de.
Die Fotografin: Annika Witt. Instagram: @lalunephotographie. Facebook: @LaLunePhotographie
Twitter: @WittAnnika. Blog: www: http://www.lalune-photographie.de.

Hallo Annika! Lieben Dank, dass Du Dich zu einem Interview bereiterklärt hast. Was mich zuerst interessieren würde: wann und durch welche Erlebnisse hast Du Deine Leidenschaft für die Fotografie entdeckt?
Die habe ich tatsächlich schon sehr früh als Kind entdeckt. Ich war das absolute Pferdemädchen und wollte als Erinnerung an den Urlaub auf dem Reiterhof unbedingt von jedem Pferd ein Erinnerungsfoto haben (du kannst dir vermutlich vorstellen: ich hatte viele Lieblingspferde *lach*). Mein Papa hatte damals noch eine analoge Spiegelreflexkamera, eine Pentax. Mit der durfte ich irgendwann selbst lernen, wie man Pferdefotos macht, damit Papa nicht immer stundenlang über die Weide stiefeln musste.

Wie bist Du zum ersten Mal mit dem Thema Cosplay in Berührung gekommen?
Tatsächlich über das Spiel “The Witcher 3”. Nach meinem letzten Umzug war ein neuer Fernseher fällig. Dazu eine Playstation 4 und eben dieses Spiel. Ich war sofort in diese Welt und ihre Charaktere verliebt. Und als richtiger Fan habe ich natürlich auch die Bücher gelesen, auf denen das Spiel basiert und bin Fan der Witcher Facebook Seite geworden. Dort habe ich zum ersten Mal ein Foto von Maul Cosplay gesehen. Im kompletten Geralt-Outfit (der Hauptdarsteller des Spiels). Von Makeup, Kontaktlinsen über Rüstung und Schwerter. Da stimmte einfach alles – der Mann WAR einfach Geralt! Seitdem wollte ich ihn auch unbedingt mal fotografieren. Das hat zwar noch nicht geklappt, aber ich hatte die Möglichkeit, den Fotografen kennenzulernen, der die vielen tollen Fotos von ihm gemacht hat – eosAndy. Seine Fotos anschauen lohnt sich auf jeden Fall!

Was fasziniert Dich grundlegend am Cosplay?
Die Leidenschaft und Liebe zum Detail bei der Herstellung der Cosplays. Die Cosplayer geben sich einfach so wahnsinnig viel Mühe, jedes noch so kleine Detail ihres Charakters umzusetzen.

Aus Deiner Sicht als Fotografin: was macht ein gutes Cosplay aus?
Puh, schwierige Frage, ich würde sagen, für mich ist es ein gutes Cosplay, wenn der/diejenige, der/die es trägt, es mit Stolz trägt. Nicht im Sinne von hochnäsig, sondern stolz darauf, für eine gewisse Zeit eine andere Rolle zu verkörpern. Wenn du gern in dieser Rolle bist und dein Outfit liebst, dann strahlt das nach außen und es ist völlig egal, ob du schon seit Jahren Kostüme schneiderst, gerade erst anfängst, viel oder wenig Budget zur Verfügung hattest.

Aloy aus dem Spiel Horizon Zero Dawn von Guerilla Games (im Nora Brave Outfit). Model: Sarah. Instagram: @undeaddeer. Facebook: @undeaddeer. (Foto: Annika Witt)
Aloy aus dem Spiel Horizon Zero Dawn von Guerilla Games (im Nora Brave Outfit). Model: Sarah. Instagram: @undeaddeer. Facebook: @undeaddeer. (Foto: Annika Witt)
Eskel aus dem Spiel The Witcher 3 von CD Project Red. Model: Krishna, Instagram: @kadart_cosplay. Facebook: @kadartcosplay. Twitter: @KrishnaDammert. (Foto: Annika Witt)
Eskel aus dem Spiel The Witcher 3 von CD Project Red. Model: Krishna, Instagram: @kadart_cosplay. Facebook: @kadartcosplay. Twitter: @KrishnaDammert. (Foto: Annika Witt)

Wie kommst Du mit Deinen Models in Kontakt?
Über Mund-zu-Mund-Propaganda, genauso wie über Instagram und Facebook. Was mir damals den Einstieg erleichtert hat, war ein Workshop bei meinem Lieblingsfotografen eosAndy. Dadurch kam der erste Kontakt mit Cosplayern zu stande, so wie auch der ein oder andere Tipp, wen ich in Hamburg mal auf ein Shooting ansprechen sollte. Das ist gerade am Anfang wichtig, wenn du eben noch keine Referenzen hast. Inzwischen habe ich meine eigene kleine Community und wenn mir ein Cosplayer bei Facebook oder Instagram besonders gut gefällt, dann frage ich ihn/sie, ob wir vielleicht mal zusammen shooten wollen. Das klappt ziemlich gut. Und über jedes Model, dass ich neu kennenlerne, kommen meist auch nochmal neue Kontakte dazu.

Welche Aufnahmetechnik (Kamera, Equipment) benutzt Du für Deine Fotos?
Ich bin inzwischen mit der Canon EOS 5D Mark IV unterwegs. Als Objektive habe ich häufig ein Weitwinkel (35mm) und ein Teleobjektiv (70-200mm) dabei, das sind einfach meine persönlichen zwei Lieblingsobjektive. Manchmal kommt noch ein Blitz und eine Softbox beim Einsatz dazu.

Kannst Du mir grob erklären, wie die Planung für ein Shooting abläuft?
In der Regel ist es so, dass ich mit dem Model zusammen überlege, was wir umsetzen wollen. Wir sammeln dann Screenshots aus dem Spiel, Concept-Arts, Fan-Arts, alles was hilft, eine Idee für unsere Fotos zu entwickeln. Daraus ergibt sich meist dann auch, was wir für eine Location brauchen (auch die muss man dann erstmal finden). Und es ist hilfreich, wenn man ein paar Fotos mit bestimmten Posen hat, die man dann ausprobieren möchte. Das erleichtert einem das miteinander warm werden ungemein (und ist insbesondere beim ersten gemeinsamen Shooting wichtig), wenn man eben nicht an der Location steht und keinen Plan hat, was man machen soll. Das ist dann auch schon der nächste Punkt: wir verabreden uns für das Shooting, treffen uns an der Location oder fahren gemeinsam dorthin und machen schöne Bilder.

Ciri aus dem Spiel The Witcher 3 von CD Project Red. Model: Michele, Instagram: @michelecosplay. Facebook: @michelecosplay. Pferd
Ciri aus dem Spiel The Witcher 3 von CD Project Red. Model: Michele, Instagram: @michelecosplay. Facebook: @michelecosplay. Pferd “Kelpie”: Elron, Besitzerin Jasmin, Instagram: @elron_2016 und @jasminkulke. (Foto: Annika Witt)

Was passiert in der Regel mit den Fotos, nachdem ein Shooting stattgefunden hat?
Ich sichte die Bilder und treffe eine Vorauswahl, welche ich dem Model zur Verfügung stelle. Mir ist immer wichtig, dass wir am Ende beide mit den Fotos zufrieden sind und daher suche ich die Favoriten zum Nachbearbeiten immer gern mit meinem Model gemeinsam aus.

Welche rechtlichen Dinge gibt es bei der Cosplay-Fotografie zu beachten?
Mir fallen spontan zwei Dinge ein. Erstens: es gibt Locations, an denen du nicht ohne Genehmigung fotografieren darfst. Im Zweifelsfall lohnt es sich immer, vorher anzufragen. Ich finde ein “nein” zwar auch immer doof, aber besser so, als wenn es vor Ort Ärger gibt.

Zweitens: das Thema Copyright und Lizenzen. Meine Cosplayer stellen ja Charaktere aus Computerspielen dar. Würde ich jetzt z.B. anfangen, die Fotos als Poster, Wandbilder o.ä. zu verkaufen, um damit Geld zu verdienen, dann würde ich Lizenz-, Markenrechte u.ä. verletzten. Daher haben meine Fotos immer Fan-Art-Charakter. Viele Spielehersteller haben auch eine tolle Community und ein paar meiner Fotos sind auch schon auf der offiziellen Witcher Seite, bei Guerilla Games und Bethesda zusehen gewesen. Das ist für mich und die Cosplayer natürlich eine riesen Anerkennung unserer Arbeit und macht ein bisschen stolz.

Gibt es einen Rat, den Du Models geben möchtest, die zum ersten Mal ein Shooting haben?
Ja, seid mutig und sprecht mit eurem Fotografen über alle Themen, die euch beschäftigen. Bekommt ein Gefühl dafür, ob euch der Fotograf sympathisch ist. Gerade das erste Shooting soll ja etwas Schönes sein. Da brauchst du einen Fotografen, der dir alle Ängste nehmen kann. Wenn du ein doofes Gefühl hast, dann lass es!

Ich würde auch jedem dem Tipp geben, sich für das erste Shooting einen erfahrenen Fotografen zu suchen. Insbesondere, wenn ihr euch mit Posen usw. unsicher seid – dann braucht ihr jemanden, der euch anleiten kann, und nicht jemanden, der selbst noch unsicher ist. Und nehmt einen guten Freund/Freundin mit, die euch moralisch unterstützt.

Aloy aus dem Spiel Horizon Zero Dawn von Guerilla Games (im Werak Chieftain Outfit). Model: Sarah, Instagram: @undeaddeer. Facebook: @undeaddeer. (Foto: Annika Witt)
Aloy aus dem Spiel Horizon Zero Dawn von Guerilla Games (im Werak Chieftain Outfit). Model: Sarah, Instagram: @undeaddeer. Facebook: @undeaddeer. (Foto: Annika Witt)
Cristina Vespucci aus dem Spiel Assassins Creed Brotherhood von Ubisoft. Model: Marianne, Instagram: @atelierlalicorne. Facebook: @AtelierLalicorne.
Cristina Vespucci aus dem Spiel Assassins Creed Brotherhood von Ubisoft. Model: Marianne, Instagram: @atelierlalicorne. Facebook: @AtelierLalicorne.

Was hast Du über Dein Hobby gelernt, seitdem Du Cosplays fotografierst?
Dass es wahnsinnig talentierte Menschen dort draußen gibt. Und dass die meisten Cosplayer unglaublich lieb sind. Ich habe manchmal echt Hemmungen, jemanden auf ein Shooting anzusprechen, wenn der/diejenige doch soviele Tausend Follower mehr hat als ich. Und wenn ich dann mutig frage, dann kommt auf einmal ein “ja”. Das freut mich natürlich immer sehr. Umgekehrt gab es auch schon Leute, die sich nicht getraut haben, mich zu Fragen. Das konnte ich kaum glauben… Von daher: manchmal sind beide Seiten schüchtern und ich habe für mich gelernt, mutig zu fragen. Das funktioniert ziemlich gut.

Verrate uns doch bitte Deine drei Liebingsvideospiele.
Sehr gern. Als Kind der 80er (und frühen 90er) waren das Monkey Island, Loom und Avoid the Noid. Bei den derzeit aktuellen Spielen sind es The Witcher 3, Horizon Zero Dawn und Detroit Become Human.

Danke für das schöne Interview und weiterhin viel Erfolg Annika!

Corvo Attano aus dem Spiel Dishonored 2 von Bethesda. Model: Krishna, Instagram: @kadart_cosplay. Facebook: @kadartcosplay. Twitter: @KrishnaDammert. (Foto: Annika Witt)
Corvo Attano aus dem Spiel Dishonored 2 von Bethesda. Model: Krishna, Instagram: @kadart_cosplay. Facebook: @kadartcosplay. Twitter: @KrishnaDammert. (Foto: Annika Witt)

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