Games Convention 2008: Der Retrobereich

Lesedauer: 6 Minuten

Irgendwie war es dann doch ein kleiner innerlicher Befreiungsschlag, dass der deutsche Kulturrat Computer- und Videospiele im Sommer 2008 offiziell als Kulturgut eingestuft hat. Wir haben also nicht umsonst unsere ganze Jugend mit sinnlosen Videospielen verschwendet.

Eigentlich wussten wir ja schon immer, dass die Menschen die es bei Choplifter zu retten galt, die Riesenspinnen aus Forbidden Forest oder der stumme Schiedsrichter aus The Way Of The Exploding Fist etwas mit Kunst und Kultur gemein hatten. Zeitlich passend gab auf der diesjährigen Games Convention keinen besseren Ort als den Sonderbereich „History & Culture“, um einen sichtbaren Beweis zum Thema zu liefern. So präsentierten sich sechs Retro-Veranstalter in Halle 2 und informierten über die Geschichte der Videospiele. Es folgt ein kleiner Rundgang.

Handhelds und LCD-Games

René Meyer mit einem Donkey Kong Tabletop. (Bild: André Eymann)
René Meyer mit einem Donkey Kong Tabletop. (Bild: André Eymann)

Für den Leipziger Journalisten René Meyer ist der Einfluss von Retrogames auf die Spiel- und Digitalkultur schon lange kein Geheimnis mehr. Es gib hierzulande wohl keinen zweiten Sammler, der mit einem so umfangreichen privaten Sortiment klassischer Videospiele aufwarten kann. Bereits auf der GC im letzten Jahr konnte man seine Telespiele-Ausstellung bewundern.

Auf der diesjährigen Games Convention setzte er mit seiner Sammlung „Handhelds und LCD-Spiele 1978-2008“ noch einen drauf. Über 300 mobile Spielsysteme wurden ausgestellt. Vom Atari Lynx bis zum Zaxxon-Handheld und von Exponaten aus Deutschland bis nach Russland gab es viele seiner tragbaren Schätze zu bestaunen. Besonders schön: René nahm sich Zeit für Fragen und erläutert die Hintergründe zu seinen Lieblingen in aller Ruhe. Seine Ausstellung ließ das Herz eines jeden Retrogamers höher schlagen. Liebevoll arrangiert präsentierten sich 30 Jahre mobiles Gaming in den Vitrinen.

Beim Atari Touch Me von 1978 musste man, ähnlich wie beim „Simon“, Töne nachspielen. (Bild: André Eymann)
Beim Atari Touch Me von 1978 musste man, ähnlich wie beim „Simon“, Töne nachspielen. (Bild: André Eymann)
Zwei Atari Lynx Handhelds (1989, 1991) und Sega Game Gear von 1991. (Bild: André Eymann)
Zwei Atari Lynx Handhelds (1989, 1991) und Sega Game Gear von 1991. (Bild: André Eymann)
Frühe Handhelds von Mattel oder Casio. (Bild: André Eymann)
Frühe Handhelds von Mattel oder Casio. (Bild: André Eymann)
Game Boys in allen Variationen. (Bild: André Eymann)
Game Boys in allen Variationen. (Bild: André Eymann)
Das Game & Watch "Oil Panic" von 1982. (Bild: André Eymann)
Das Game & Watch “Oil Panic” von 1982. (Bild: André Eymann)

Kontaktinformationen

René Meyer, Die Schreibfabrik – Redaktionsbüro
www.schreibfabrik.de

Gepflegte Automatenspiele

Ebenso dem Retro-Gaming verpflichtet, ist der erste in Deutschland eingetragene Verein zur Erhaltung und Pflege der Videospielkultur „RetroGames e.V.“

Donkey Kong fasziniert noch immer. (Bild: André Eymann)
Donkey Kong fasziniert noch immer. (Bild: André Eymann)

In einem Gespräch mit dem Vorstand des Vereins, wurde schnell deutlich, dass auch hier der Status des Kulturguts für einen kleinen Boom sorgt. Man fühlt sich in seiner Arbeit bestätigt und hat vielleicht auch das Gefühl ein wenig ernster genommen zu werden.

Im Hauptquartier von RetroGames e.V. in Karlsruhe, stehen über 70 Original Arcade-Spielautomaten, die voll funktionsfähig ohne Münzeinwurf bespielt werden können. Auf der GC konnte an mehreren Klassikern von RetroGames e.V. gezockt werden. Auch hier war die magische Begeisterung zu spüren, die von Automaten wie Gauntlet, Donkey Kong, Pole Position, Missile Command oder Joust ausgeht. Selbst als alle anderen Ausstellungsstände bereits mit dem Abbauen beschäftigt waren, war es noch immer schwer einen Platz an einer der begehrten Arcade-Maschinen zu ergattern. Da ist es umso erfreulicher, dass sich vor allem die jungen Spieler kaum vom Joystick losreißen konnten. Ein Erfolg auf ganzer Linie für den Verein, der in Karlsruhe übrigens auch Flipper und Videospielkonsolen zum Anfassen bietet.

Der Arcade-Automat Pole Position von Atari. (Bild: André Eymann)
Der Arcade-Automat Pole Position von Atari. (Bild: André Eymann)
Hier wird am Automaten Joust von Williams gespielt. (Bild: André Eymann)
Hier wird am Automaten Joust von Williams gespielt. (Bild: André Eymann)

Kontaktinformationen

RetroGames e.V. – Eingetragener Verein für Videospielkultur
www.retrogames.info

Digitalkultur zum Lesen

Enno Coners (rechts) und Sebastian Bach vom CSW-Verlag. (Bild: André Eymann)
Enno Coners (rechts) und Sebastian Bach vom CSW-Verlag. (Bild: André Eymann)

Enno Coners hat als Geschäftsführer des CSW-Verlags gut Lachen. Denn er hat das richtige Gespür für den Zeitgeist. Mit seinem Kulturmagazin RETRO trifft er auf eine stetig wachsende Zielgruppe. Außerdem hat sein Verlag für Digitalkultur gerade mit dem Videospielroman „Extraleben“ von Constantin Gillies einen echten Volltreffer gelandet. Sein vierteljährlich erscheinendes RETRO-Magazin beschränkt sich nicht auf eine nüchterne Berichterstattung, sondern erzählt Geschichten rund um das Thema Retrogaming und Kultur. Auf diesem Wege bündelt der CSW Verlag bereits heute verschiedene Publikationen zur Videospielkultur.

Gegen Ende des Messe-Samstags bot der CSW Verlag einen ganz besonders stimmigen Abschluss. DJ Dany Wild beschallte das Areal mit 8bit-Elektro vom Feinsten. Beer and Beats in der „Retrolounge“ waren angesagt. Zusätzlich boten sich die Videospielkonsolen und Heimcomputer von RetroGames e.V. zum Spielen an.

Party in der Retrolounge mit DJ Dany Wild. (Bild: André Eymann)
Party in der Retrolounge mit DJ Dany Wild. (Bild: André Eymann)

Kontaktinformationen

CSW Verlag – Verlag für Digitalkultur
www.csw-verlag.com

Dany Wild – Computermusic
www.danywild.com

Computerspielemuseum Berlin

Einen weiteren Beweis für die Innovationskraft klassischer Videospiele lieferte das Computerspielemuseum aus Berlin. Auf einem Foto von 1980 können Gamer bei der Weltmeisterschaft von Space Invaders in New York bewundert werden, an der insgesamt 4000 (!) Spieler teilgenommen hatten. Obwohl diese Konsolen natürlich nicht untereinander vernetzt waren, zeugt die Abbildung doch von der Begeisterungsfähigkeit der Spieler und der Anziehungskraft, die bereits damals von Videospielen ausging.

Space Invaders Weltmeisterschaft 1980 in New York. (Bild: André Eymann)
Space Invaders Weltmeisterschaft 1980 in New York. (Bild: André Eymann)

Auf großen Tafeln erklärte das Museum historische Hintergründe zu den Ursprüngen der Computer- und Videospiele. Hier konnte man erfahren, dass sich der Entwickler von Space Invaders (Tomohiro Nishikado) beim Design der Invaders an den Aliens aus dem H. G. Wells SciFi-Klassiker „War Of The Worlds“ von 1898 orientierte. Neben dem künstlerischen Design, war Nishikado auch für das Hardware-Design zuständig. In Space Invaders wurde einer der ersten Microchips, der Intel 8080, verbaut.

Kontaktinformationen

Computerspielemuseum Berlin
www.computerspielemuseum.de

Atari Bit Byter User Club

Auf dem Stand des A.B.B.U.C. konnte mehr als nur virtuell geschossen werden. Hier gab es viele Neuigkeiten zu Atari Heimcomputern zu erfahren. Der größte 8-bit User Club der Welt befasst sich nicht nur mit der Vergangenheit, sondern unterstützt das Überleben der 8-Bitter von Atari aktiv. So wurden in Vorträgen aktuelle Hardware-Entwicklungen wie das SIO2USB (Virtuelle Floppy Drives für Atari Heimcomputer) vorgestellt und erläutert.

Ruhe und Entspannung am Stand des A.B.B.U.C. (Bild: André Eymann)
Ruhe und Entspannung am Stand des A.B.B.U.C. (Bild: André Eymann)
Schießen mit der Lightgun am Atari XE System. (Bild: André Eymann)
Schießen mit der Lightgun am Atari XE System. (Bild: André Eymann)

Den A.B.B.U.C. gibt es schon seit über 18 Jahren. Er zählt ca. 400 Mitglieder in Deutschland und dem Rest der Welt. Viermal jährlich erscheint ein Atari Printmagazin mit Diskette. In Shop des Vereins können neben Disketten und Kabeln auch verschiedene Hardware-Erweiterungen, wie beispielsweise ein BIOS-Umschalter, eingekauft werden. Insgesamt bietet der Verein ein abgerundetes Paket für jeden, der seinen Atari 8-Bitter gut unterstützt wissen möchte.

Kontaktinformationen

Atari Bit Byter User Club (A.B.B.U.C. e.V.)
www.abbuc.de

Fazit

Der Zusammenschluss der verschiedenen Aussteller war für die Besucher und sicher auch für die Betreiber ein großer Erfolg. Hier gab es Retro-Feeling pur. Zusätzlich gab es an jedem Stand kompetente und aufklärende Beratungen. Einer Weiterführung dieser Idee sollte nichts im Wege stehen. Zum Abschluss folgen noch ein paar Fotos des Sonderbereiches „History & Culture“.

Bis in die späten Stunden: Zocken an klassischen Konsolen. (Bild: André Eymann)
Bis in die späten Stunden: Zocken an klassischen Konsolen. (Bild: André Eymann)
Zwei Heimcomputerlegenden: Atari 600XL und Atari 1200XL. (Bild: André Eymann)
Zwei Heimcomputerlegenden: Atari 600 XL und Atari 1200 XL. (Bild: André Eymann)
Kunst an der Wand: The Way Of The Exploding Fist von Beam Software/Melbourne House. (Bild: André Eymann)
Kunst an der Wand: The Way Of The Exploding Fist von Beam Software/Melbourne House. (Bild: André Eymann)
Die Heimcomputer werden mit Neugier ausprobiert. (Bild: André Eymann)
Die Heimcomputer werden mit Neugier ausprobiert. (Bild: André Eymann)
Spielen und Schmökern im Sonderbereich. Ein idealer Rückzugsort vom sonst hektischen Messetreiben. (Bild: André Eymann)
Spielen und Schmökern im Sonderbereich. Ein idealer Rückzugsort vom sonst hektischen Messetreiben. (Bild: André Eymann)
Den ganzen Tag war der Retrobereich gut besucht. (Bild: André Eymann)
Den ganzen Tag war der Retrobereich gut besucht. (Bild: André Eymann)

Überarbeitete Originalfassung aus dem September 2008

Nachtrag: die letzte Games Convention

2008 war für die Games Convention das bisher erfolgreichste Jahr. Über 200.000 Besucher wurden gezählt. Bei der ersten Messe in 2002 waren es noch 80.000 Besucher.

Leider war die Games Convention 2008 auch die letzte ihrer Art. 2009 und 2010 folgte in Leipzig noch die Games Convention Online, aber die “große” Messe zog ab 2009 unter dem neuen Namen Gamescom nach Köln.

Damit ist dieser Beitrag auch die letzte Berichterstattung bei Videospielgeschichten zur Leipziger Erfolgsgeschichte der Games Convention.

Weitere Beiträge zur Games Convention in Leipzig


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