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Was für ein Weihnachtsgeschenk! Ich verspreche euch: ein Lynx von Atari lässt nicht nur bei echten Retrogamern das Herz höher schlagen. Der liebevoll gestaltete Handheld aus den späten Achtzigern überrascht durch seine Gestaltung und echte technische Innovationen. Also: falls ihr noch kein Geschenk für das kommende Fest gefunden habt, haltet nach diesem Prachtexemplar Ausschau. Es lohnt sich.

Tragbare Videospiele in Farbe? Davon gab es im Jahr 1989 nicht viele. Tatsächlich gab es sogar nur eine mobile Konsole, die ihre Spiele in mehreren Farben darstellen konnte: den Lynx von Atari. Und das war noch nicht alles. Bei 4.096 Farben und 16 MHz Systemgeschwindigkeit war der Lynx eine der schnellsten Handheldkonsolen, die es je gab. Die Optik des Lynx war seinerzeit ebenfalls einmalig. Besonders das Original – der Lynx I – besticht durch sein kompromissloses Design.

Hintergrundbeleuchtung inklusive

Auch der in seiner Helligkeit einstellbare und hintergrundbeleuchtete Bildschirm war dem seiner Konkurrenten weit voraus. Das Gehäuse war für Rechtshänder und Linkshänder gleichermaßen gestaltet. Mit einem Handgriff konnte der 7,5 cm breite und 4,8 cm hohe Bildschirm „geflippt“ werden, um das Steuerkreuz mit der anderen Hand bedienen zu können.

Der Luchs in Aktion. Auf dem Bildschirm ist das Beat em up Spiel Kung Food zu sehen. (Bild: André Eymann)
Der Luchs in Aktion. Auf dem Bildschirm ist das Beat em up Spiel Kung Food zu sehen. (Bild: André Eymann)
Für Rechts- und Linkshänder geeignet. (Bild: André Eymann)
Für Rechts- und Linkshänder geeignet. (Bild: André Eymann)

Zwischen den angenehm gestalteten Feuerknöpfen befand sich der regelbare Lautsprecher. Alternativ konnte man auf der Rückseite des Gerätes auch einen Kopfhörer anschliessen. Insgesamt war das Gerät ca. 28 cm breit, 11,5 cm hoch und 4,5 cm tief. Mit dem hauseigenen ComLynx-Kabel konnten schon damals bis zu 18 Spieler (!) ihre Lynx-Konsolen miteinander verbinden, um gemeinsam im Multiplayermodus zu spielen. Spiele, die den Multiplayermodus unterstützten waren beispielsweise: Checkered Flag, Jimmy Connors Tennis, Malibu Bikini Volleyball, Todds Adventures in Slime World oder Xenophobe. Wie viele Spieler ein Titel unterstützte, hing dabei vom Spiel selbst ab. Der ComLynx-Port des Lynx entsprach einer seriellen Schnittstelle, die mit einer Kapazität von 300,5 Baud bis zu 62,5 Kilobaud betrieben wurde.

Seinen Strom bekam der MOS 65C02 Prozessor entweder von sechs (!) 1,5 Volt Mignon-Batterien, oder dem Netzteil (9 Volt / 1 Ampere). Mit einem Satz Batterien konnte der Lynx ungefähr 5 Stunden betrieben werden. Auf der linken Seite des Gehäuses befand sich eine Klappe, hinter der eines von den ca. 100 verfügbaren Spielmodulen eingesetzt werden konnte. Das Gehäuse war solide verarbeitet, so dass man keine Angst haben musste, filigrane Plastikteile zu strapazieren.

Durch seine leistungsfähige Grafik, einem 4-Kanal-Sound sowie dem schnellen Prozessor, war der Lynx in der Lage selbst komplexe Spiele zu ermöglichen.

Dank Batteriebetrieb überall einsetzbar. (Bild: André Eymann)
Dank Batteriebetrieb überall einsetzbar. (Bild: André Eymann)

Welche Spiele gab es für den Lynx?

Beispielsweise wurde das beliebte Amiga-Spiel Shadow Of The Beast von Psygnosis für den Lynx entwickelt. Im Vergleich zu anderen tragbaren Konsolen war die Grafik und das Gameplay atemberaubend. Während eines Spiels konnte man jederzeit mit der Pause-Taste anhalten und bei einigen Spielen (Beispiel: Eye of the beholder) sogar Spielstände zwischenspeichern. Die Preise der Module lagen zwischen 50 DM und 80 DM. Diese wurden mit einer auf Papier gedruckten Anleitung ausgeliefert. Bei den Titeln waren alle Spieltypen vertreten. Der Schwerpunkt lag auf Arcade-Titeln. Aber es gab auch Sportspiele, Plattformer, Autorennspiele und einige Puzzle-Titel. Hier eine Auswahl: Battlezone 2000, California Games, Double Dragon, Gauntlet: The Third Encounter, Ms. Pac-Man, Robotron: 2084, Tournament Cyberball 2072 oder World Class Soccer.

Test zu Shadow Of The Beast. (Bild: Tronic Verlag, ASM, 11/1989)
Test zu Shadow Of The Beast. (Bild: Tronic Verlag, ASM, 11/1989)

ASM Test zum Spiel Rampart 1992. (Bild: Tronic Verlag, ASM)
ASM Test zum Spiel Rampart 1992. (Bild: Tronic Verlag, ASM)

Natürlich wurde der Lynx (der bei seiner Vorstellung auf der CES im Sommer 1989 noch „Portable Colour Entertainment System“ genannt wurde) mit Nintendos Game Boy verglichen. Und obwohl der Game Boy einige Vorteile (Größe, Batterieverbrauch und ein riesiges Spieleangebot) gegenüber dem Lynx hatte, war der Spielspass auf Ataris Luchs – zumindest technisch – nicht zu überbieten. Es gab vom Lynx zwei Modelle. Der in diesem Artikel abgebildete Lynx I wurde später durch den Lynx II ersetzt.

Vergleich von Lynx und Game Boy. (Bild: Tronic Verlag, ASM, 11/1989)
Vergleich von Lynx und Game Boy. (Bild: Tronic Verlag, ASM, 11/1989)

Der spätere Lynx II unterschied sich in folgenden Punkten vom Lynx I:

  • Sein Gehäuse war kleiner, leichter und moderner gestaltet.
  • Der Batterieverbrauch war geringer.
  • Die Hintergrundbeleuchtung konnte abgeschaltet werden.
  • Der Kopfhöreranschluss gab Stereosound wieder.
  • Ein Power-LED wurde hinzugefügt.

Sein Vorgänger Lynx I hatte allerdings einen etwas lauteren Lautsprecher als das Nachfolgemodell. Alle anderen Merkmale (Bildschirmgröße, Steuerfunktionen, Spielmodule) waren bei beiden Modellen identisch.

Hintergrundinformationen

Einführung des Lynx
Der Lynx I kam 1990 auf den europäischen Markt. Ursprünglich wurde das Handheld von der amerikanischen Spieleschmiede Epyx unter dem internen Namen „Handy“ entwickelt. Atari brachte den Lynx dann durch den Ankauf zur Marktreife. Der Einführungspreis betrug 179.99 US-Dollar (Oktober 1989).

Modellpflege
Das Originalmodell Lynx I wurde 1991 durch eine Modellüberarbeitung aktualisiert. Das neue Modell hieß schlicht Lynx II und wurde in dieser Form bis zur Einstellung des Lynx-Verkaufs im Jahre 1994 vermarktet.

Zukunftsweisend
Das amerikanische RPG-Magazin Dragon äußerte sich 1990 in einer Review positiv zum Lynx und schrieb daß das Atari Handheld den Game Boy von Nintendo „zurück in die Steinzeit“ katapultieren würde.

Fotogalerie

Zum Abschluss des Artikels folgen einige Fotos von meinem Lynx I, sowie etwas Berichterstattung.

Aufgeklapptes Spielefach mit einem Modul als Beispiel. (Bild: André Eymann)
Aufgeklapptes Spielefach mit einem Modul als Beispiel. (Bild: André Eymann)
Die Anschlussmöglichkeiten des Lynx I. (Bild: André Eymann)
Die Anschlussmöglichkeiten des Lynx I. (Bild: André Eymann)
Die Spieleverpackungen von Kung Food und Xybots. (Bild: André Eymann)
Die Spieleverpackungen von Kung Food und Xybots. (Bild: André Eymann)

Illustrationen und Beschreibungen auf der Rückseite. (Bild: André Eymann)
Illustrationen und Beschreibungen auf der Rückseite. (Bild: André Eymann)

Power Play Bericht über Lynx / Game Boy 1989. (Bild: Power Play)
Power Play Bericht über Lynx / Game Boy 1989. (Bild: Power Play)
ASM Reportage zur Atari-Messe 1992. (Bild: Tronic Verlag, ASM)
ASM Reportage zur Atari-Messe 1992. (Bild: Tronic Verlag, ASM)