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Wie ist das, wenn man etwas aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, unter einem anderen Licht? Etwas Bekanntes neu zu ergründen, ja vielleicht sogar einen kleinen Teil der Geschichte neu zu definieren? Subtil und unscheinbar als wäre es schon immer so gewesen?

Das möchten wir heute gerne einmal versuchen, mit den neuen Return C64C Gehäusen. Die Idee ist nicht mehr ganz neu. Im Jahre 2015 hatte Dallas Moore über eine Kickstarter Kampagne bereits neue Cases für den Commodore 64C produziert und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Damals kamen die Gehäuse in schrillen Farben, die herzlich wenig mit den Farbpaletten von Commodore zu tun hatten. Man konnte das lieben, aber man musste dies nicht. Ich für meinen Teil hatte eines der roten Gehäuse von Dallas erworben. Für eine Weile schätzte ich dieses Design sehr. Mehr und mehr jedoch wurde daraus für mich ein Fremdkörper, den ich enfernen wollte. Es ist schwer für mich dieses Gefühl zu greifen und zu beschreiben. Ich denke die Kickstarter Cases drifteten zu weit weg vom eigentlichen Commodore Vermächtnis.

Es ist wie es ist. Die Schlagzeile zu jener Zeit war sowieso vielmehr dass Dallas Moore originale C64C Gussformen von Commodore gefunden hatte, die wie durch ein Wunder all die Jahre überdauerten. Die Geschichte dieser Gussformen ist darüber hinaus weitestgehend unklar. Fest steht, es handelt sich um die früheste Variante, die für die Befestigung des Keyboard spezielle Halterungen benötigt. Durch den Vergleich von Angusspunkten und anderen einzigartigen Merkmalen auf den Commodore Gehäusen ist es recht einfach ein bestimmtes Gehäuse einer Gussform zuzordnen. Wenn man sich nun die frühen Commodore C64C Gehäuse betrachtet, dann stellt man schnell fest dass diese in der Regel drei Angusspunkte aufweisen. Die Gussformen welche Dallas fand wiederum haben definitiv zwei Angusspunkte. Es ist also fraglich ob diese jemals in der Produktion eingesetzt wurden. Es könnte sich um Prototypen handeln, oder um Stücke die aus unbekannten Gründen ausgemustert wurden. Fest steht außerdem, dass sie ursprünglich von der Firma Frye International aus Longview, Texas stammen, die von Commodore per Kontrakt den Auftrag erhielten, die Gehäuse zu produzieren.

Das Moor’sche KS Case kam schrill daher.
Die Innenseite des KS Gehäuse.

Erfreulicherweise endet die Geschichte dieser Gehäuse nicht mit der Kickstarter Kampagne sondern wird nun von einer deutschen Interessengruppe fortgesetzt. Involviert sind bekannte Persönlichkeiten aus dem Umfeld des beliebten Return Magazins, sowie Jens Schönfeld von Individual Computers.

Tatsächlich macht die zweite Reinkarnation viele Dinge um Längen besser, leider aber nicht alles. Das für und wider werden wir unter die Lupe nehmen, so dass ihr für euch selbst entscheiden könnt, ob diese neuerliche Verlockung in Plastik für euch in Betracht kommt. Für mein Review hatte ich die Gelegenheit mich mit Thomas Koch kurzzuschließen, einer der Drahtzieher hinter den neuen Gehäusen, auch bekannt durch die tollen Coverdesigns der Return. Thomas war so nett und stand meinen Fragen Rede und Antwort, sowohl telefonisch als auch via Email, danke dafür!

Die Verpackung ist ein Blickfang.
Das Return Case kommt mit User Guide.

Als erstes dürfte die herausragende Verpackung ins Auge fallen. Hier werden gleich mehre Dinge klar. Mit sehr viel Liebe zum Detail wird das Vermächtnis von Commodore zelebriert. Ein solches Maß an Authenzität entlockt dann problemlos eine Freudenträne. Darüber hinaus erkennen wir das geliebte Commodore Logo, so dass für die Herstellung dieser Gehäuse offensichtlich eine Lizenz beim Rechteinhaber erworben wurde. Aktuell liegen alle Rechte bei Cloanto. Auch die Innenverpackung wirkt sehr hochwertig und wird durch einen User Guide ergänzt.

Im Lieferumfang: ein Schraubenset.
Sieht das nicht umwerfend aus?

Die Return C64C Gehäuse gibt es in vier verschiedenen Ausführungen. Classic Beige ist eins zu eins der Farbton des C64C und für alle jene gedacht, die ein vergilbtes oder verkratztes Case austauschen möchten ohne dabei einen neuen Weg zu gehen. Breadbin Gray adaptiert den Farbton des ersten C64, von den Fans liebevoll Brotkasten genannt, auf den C64C. Das ist auch das Design welches für mich persönlich am besten funktionert. Wenn man einen so modifizierten C64C vor einen 1702 Monitor stellt, dann scheint es fast so als ob es diese Variante auch schon in den 1980ern gegeben hätte. Der SX-64 Stil orientiert sich, wie der Name bereits vermuten lässt, an Commodore’s portablem 64k Zugpferd. Dieses Case ist aufgrund der verschiedenen Farben von Ober- und Unterschale am teuersten. Hinter Retro Black verbirgt sich der Look der Commodore 264er-Serie (C16, C116, Plus/4). An dieser Stelle zuerst einmal Daumen hoch, denn alle vier Designs sind inspiriert von Commodore Farbpaletten die man so in bestehenden Produkten findet. Das ganze Konzept wirkt extrem durchdacht, mehr wie eine Liebesbekundung an das, was einst war. Das sollte man hier dringend honorieren.

Das Typenschild ist traumhaft schön.
Hier erkennt man die Angusspunkte.

Das mitgelieferte Schraubenset erleichtert das Leben ungemein. Bei den Kickstarter Gehäusen wurde auf einen solchen Luxus verzichtet, was unheimlich genervt hat. Wo wir gerade über das Schrauben sprechen: mit großer Erleichterung habe ich festgestellt, dass die Return Cases mit vorgebohrten Schraublöchern daherkommen. Es ist nicht von der Hand zu weisen dass die Macher sehr genau beobachtet haben, was die Unterstützer der Kickstarter Kampagne als störend empfanden. Die Typenschilder sind übrigens ein Traum. Während man bei den Moore’schen Gehäusen aus lizenzrechtlichen Gründen ganz ohne ein Commodore Label auskommen musste, war man vor die Aufgabe gestellt Alternativen zu beschaffen. Bei den Return Gehäusen stellt sich gar nicht erst die Frage nach Alternativen. Jedes der vier Designs kommt nicht nur mit einem Typenschild, es kommt mit dem perfekten Typenschild.

Wisch- bzw. Fließspuren auf der Unterseite.
Die Lüftungsschlitze weisen Bindenähte auf.

Auch der Grifftest weiß zu überzeugen. Im Vergleich zu Dallas’ fühlt sich die Variante der Return dicker, wertiger und stabiler an. So schön die diese Gehäuse auch sind, einige negative Aspekte kann ich leider nicht ignorieren. So deuten sich beispielsweise die Schraubkanäle auf der Außenseite des Plastik an. Bei Commodore Gehäusen sieht man dies gar nicht und bei den Kickstarter Versionen ebenfalls nicht, vorausgesetzt man hat anständig geschraubt. Zudem erkennt man im Bereich oberhalb des Keyboard zwei helle Punkte. Hierbei handelt es sich um Angusspunkte. Laut Thomas Koch sind diese unvermeidbar und offensichtler je dunkler die Farbe des Gehäuse. Die Wahl des Plastik scheint hier eine Rolle zu spielen, denn bei meinem roten Kickstarter Gehäuse kann ich diese Auffälligkeit nicht erkennen.

Noch mehr Bindenähte.
Haben wir gerade ein Déjà-vu?

Beim Betrachten der Unterseite stoßen wir ebenfalls auf einige markante Anomalien. Um diese deutlich zu machen hatte ich meinen Standort nach draußen verlagert, denn im Schummerlicht des Man-Cave waren die folgenden Merkmale nicht sofort zu erkennen. Zuerst einmal kann ich ausgehend von den Lüftungsschlitzen Wisch- bzw. Fließspuren feststellen. Laut Thomas Koch befinden sich diese auf jedem der Gehäuse, wohlgemerkt ausschließlich auf der Unterseite. Und wie gesagt, man muss schon sehr genau hinschauen um sie zu erkennen. Einmal gesichtet kann man sie aber als sehr störend empfinden. Nach Meinung der Macher ist es ja egal, denn diese Spuren sind aus dem Sichtfeld. Mit diesem Statement konnte ich nicht übereinkommen und das habe ich Thomas so auch mitgeteilt. Ich persönlich empfinde ich diesen Schönheitsfehler als größtes Manko des vorliegenden Produktes. Kein Dealbreaker, aber auch nicht das was ich erwartet hatte. Bei den Kickstarter Gehäusen gab es das nicht.

Der Plastikrückstand könnte Probleme verursachen…
…darum habe ich ihn entfernt.

Bleiben wir doch gleich bei den Lüftungsschlitzen. Im Sonnenlicht entdeckte ich über jedem einzelnen Schlitz einen kleinen Kratzer. Das sind die sogenannten Bindenähte. Auf den Kickstarter Gehäusen hat man selbige bereits als Schatten wahrgenommen. Die Wahl des Plastik hat diese nun offensichtlicher in Erscheinung treten lassen. Solche Artefakte sollte man allerdings tolerieren. Es geht ja darum Gehäuse aus echten Commodore Gussformen zu erhalten und die Macken sind einfach ein Teil der Geschichte. In diesem Punkt bin ich nicht so streng wie bei den Wisch- bzw. Fließspuren, die meiner Einschätzung nach verhindert werden könnten. Selbstverständlich könnte man mit neuen Werkzeugen und Gußformen makellose Gehäuse kreieren. Man würde hier aber jeden Bezug zu Commodore verlieren. Das kann ja nicht das Ziel sein. Meiner Meinung nach war der Erwerb der existierenden Gussformen von Dallas Moore der richtige Schritt.

Das Board passt perfekt.
Dieses hat neue Kondensatoren und Heatsinks.

Ansonsten gibt es nur noch ein paar Dinge die hier erwähnt werden sollten. Die Commodore Mainboards, egal ob große oder kleine Variante, passen perfekt in das Gehäuse, was nicht wirklich verwundert. Auf der oberen rechte Seite (im Gehäuse) befand sich ein Plastikrückstand, den ich mit der Zange entfernte weil er sich sonst gegen meine Platine gedrückt und diese unter Umständen beschädigt hätte.

Ein Traum…!
Sieht vor einem 1702 sogar noch besser aus.

Nach dem erfolgreichen Zusammenbau bestaunte ich mein Werk und sofort wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Bewusst wählte ich das Farbschema “Breadbin Gray” da dieses tadellos zu meinem 1702 Monitor passen würde. Ferner habe ich ein weißes Keyboard eingebaut um so den Look des seltenen Aldi C64 zu imitieren. So gefällt mir mein geliebter C64 nun und so wird er auch bleiben, mein Gefühl sagt mir für eine lange Zeit. Bei dem Mainboard handelt es sich um eine refurbished Variante, die mir mein guter Freund Nic von The Future was 8-bit zur Verfügung gestellt hatte. Kritische Chips wurden mit Kühlkörpern bestückt und darüber hinaus ist alles mit neuen Kondensatoren versehen, etwas über das auch ihr nachdenken solltet. Damit ihr noch lange Freude an dem guten alten Commodore 64 habt müssen eben ein paar zusätzliche Vorkehrungen getroffen werden. Ein neuer Look alleine ist nicht ausreichend. Ich empfehle zumindest noch ein alternatives Netzteil wie beispielsweise jenes, dass mir mein Kumpel Thilo gebaut hat. Es liefert eine enorme Stabilität und ist außerdem mit bwack77’s kleinem Chipset versehen, welches den 64 vor Überspannung schützt.

Welche Farbe werdet ihr wählen?
Eine alternative C64 PSU mit Überspannschutz.

Die Gehäuse können direkt über den Online Shop bestellt werden. Dort findet ihr auch viele detaillierte Fotos der anderen Designs.

Fazit:

Ich möchte eine Kaufempfehlung für die Return C64C Gehäuse aussprechen. Sie sind nicht perfekt, aber das sollen sie auch nicht sein. Bedenkt bitte, dass der Bezug zu Commodore unschätzbar wertvoll ist. Der Kult sollte im Fokus stehen, nicht die Perfektion. Sicherlich können in der Fertigung noch ein paar Dinge optimiert werden um so auf Augenhöhe mit den Kickstarter Gehäusen oder den Originalen von Commodore zu kommen. Auf der anderen Seite aber wurden hier viele Dinge vorbildlich und besser gemacht. Letztlich müsst ihr für euch entscheiden ob ihr die Designs mögt und mit den Makeln leben könnt. Ich für meinen Teil kann das sehr gut.

7/10 Punkten

Dieser Artikel ist auch in englischer Sprache auf 8-bit.info erschienen. Ihr könnt ihn hier aufrufen.