Denkmal für Joel – That Dragon, Cancer


Kommentiert von: André Eymann, Wolfgang, Tobi.
Lesedauer: 3 Minuten

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um einen unheilbaren Krankheitsverlauf und den Tod.

What does Joel love? “Wah-wah”. In cups and bathtubs, and the warm wet tongues and the cool fur of “Dahs”. And, maybe the sweet “muahs” of daily affection and… “Bye bye”s. And blown kisses. And “more”. Always “more”. His full list of words. So few words

Ryan Green

Selten habe ich – noch bevor ich ein Spiel startete – einen solch ängstlichen Respekt empfunden, wie vor That Dragon, Cancer. Denn das Spiel behandelt, wie schon im Titel erkennbar, ein extrem schwieriges Thema: Krebs.

Um genau zu sein geht es um den kleinen Joel, der unter einem äußerst bösartigen Hirntumor leidet, seit Jahren kämpft und nur noch wenige Monate zu leben hat.

Das Besondere daran: Die Geschichte die hier behandelt und aufgearbeitet wird ist echt –TDC ist ein autobiographisches Spiel, das, zusammen mit einem kleinen Entwicklerteam, von Joels Eltern erschaffen wurde. Viele Inhalte im Spiel sind real,  z.B. sind manche Voicemails echte Aufnahmen der Familie.

Wir erleben Höhepunkte und Tiefschläge im Leben einer eigentlich so glücklichen Familie mit und hoffen insgeheim bis zum Ende, dass ein Happy End für Joel möglich wird. Die Sequenzen, die wir zu sehen bekommen sind Momentaufnahmen, aus Joels Leben, dem seiner Eltern, im vier Jahre andauernden Kampf gegen die bösartige Krankheit.

Dabei bleibt das Spiel linear, oft hören wir nur zu, hier und da finden Minispiele statt, aber vor allem sind wir stille Beobachter.

Ich persönlich habe das Spiel an einem Abend durchgespielt. So war ich die ganze Zeit in der Geschichte drin, habe mitgelitten, als Joels Eltern das zu hören bekommen, was kein Elternteil je hören möchte, und bin halb verzweifelt, als Joel einfach nicht aufhören wollte zu weinen.

Es ist unvorstellbar, seinem Kind dabei zusehen zu müssen wie es leidet und nichts tun zu können um ihm zu helfen. Ich kenne und liebe Menschen, die Joels Schmerzen am eigenen Leib erlebt haben – selbst beim Schreiben dieses Textes, steigen mir wieder die Tränen in die Augen.

In einigen Tests wird auch Kritik an TDC geübt – darüber dass Szenen lose aneinander gewürfelt seien und das Spielen sich auf pures Klicken und Finden beschränke oder auch, dass das Spiel ganz oft kurz davorsteht in religiösen Kitsch abzudriften. Nicht immer funktioniert das Spiel ohne Bugs. Damit liegen die Autoren nicht falsch. Und dennoch möchte ich hier eine Ausnahme machen.

Denn letztendlich ist TDC eine intime Geschichte, eine Therapie für eine Familie, die einen Schrecken erlebt hat, der kaum zu übertreffen ist. Und wir dürfen daran teilhaben. Genau deshalb möchte ich mich nicht an solchen Punkten aufhalten.

Manche Leute werden vielleicht sagen, dass man über so etwas ohnehin kein Spiel machen sollte. Im Grunde ist TDC auch kein Spiel. Es ist eine Art künstlerischen Ausdrucks und Verarbeitung eines schrecklichen, schrecklichen Schicksals. Und ich glaube daran, dass es den Eltern sehr weitergeholfen hat, ihre Erinnerungen an Joel in solch wunderschöner Art festzuhalten.

Für mich war es eine sehr emotionale Erfahrung. Ein beeindruckendes Vermächtnis an den kleinen Joel und eine ganz besondere Reise.

CouchgesprächeWolfgangTobi

3 Kommentare

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  1. Liebe Tina, ganz lieben Dank für diese sehr persönliche Vorstellung von “That Dragon, Cancer”. Schon Deine ersten Zeilen (“ängstlichen Respekt”) finden die richtigen Worte für dieses Spiel. Als ich Deinen Beitrag auf Twitter bekannt gemacht hatte, schrieb jemand “Es reizt mich dieses Spiel zu spielen. Aber ich hab so Angst davor.”

    Das denke ich trifft es ganz gut. Die Wirkung, die vom Thema ausgeht trifft Menschen im Innersten und gerade auch deshalb finde ich es so wichtig, dass die Eltern von Joel den Weg des Videospiels gewählt haben, um ihre Geschichte zu erzählen. Denn obgleich man Angst hat, kann man es versuchen. Für sich allein, zu einem passenden Moment das Spiel zu spielen und damit ein Teil im Leben des kleinen Joel zu sein.

  2. Auch ich bedanke mich aus vollstem Herzen über diese Vorstellung! That Dragon, Cancer ist ein digitales Denkmal, das ich zugleich sehr schön und schmerzvoll finde. Vor allem weil ich sehr gut weiß, wie sich Intensivstationen anfühlen und welche Machtlosigkeit damit verbunden ist. Mir imponiert es sehr, dass die Eltern bzw. der Vater den Pfad einer Spieleentwicklung gewählt haben. Die Intensität von Joels Geschichte ist dadurch wahrscheinlich spürbarer, als auf anderem Wege. Für mich zumindest.

    Persönlich finde ich das Medium der Videospiele als gute Plattform, um vor allem auch solche, sehr sensiblen Themen zu bearbeiten, zu vermitteln und auf den Punkt zu bringen. Die Vielfalt macht es möglich, dass es nicht immer mit “gewohnten spielerischen Elementen” voll gepackt sein muss. Im Ausdruck und der Erzählung alleine können schon Kräfte wirken, die die eigene Emotion gehörig durschütteln können. Selber beschäftige ich mich auch sehr viel mit Entwicklerinnen und Entwickler, die ihre eigenen Leidenswege und Krankheiten in ihre Spiele und deren Geschichten verweben. Sie verarbeiten ihre Erlebnisse und Gefühle und lassen uns daran teilhaben. Das kann manchmal Schmerz verursachen, für Jubelstimmung sorgen oder eine Achterbahnfahrt zwischen allem. Tiefenwirkung ist in jedem Fall möglich. Habe ich schon bei einigen Spielen erlebt. Es darf, aber muss nicht immer unterhaltend sein. So sehe ich das.

    Vielen Dank nochmals für das Teilhaben an deiner Reise in That Dragon, Cancer!

    TobiAndré Eymann
  3. Vielen Dank für deine Vorstellung, Tina. Ich hatte schon mal früher etwas von dem Spiel gelesen, habe es aber selbst nicht gespielt. Ich finde interessant und auch total schön, dass die Eltern dem kleinen Joel mit That Dragon Cancer so etwas wie ein Denkmal gesetzt haben. Und andere an ihrer schweren Geschichte teilhaben lassen. Im Wissen, dass man hier all den Schmerz, die Angst und die Verzweiflung der Familie “durchlebt”, dreht sich mir schon der Magen um. Immerhin sind hier wohl auch einige Originalaudios mit verarbeitet worden. Im Wissen, dass es sich um eine autobiographische Erzählung handelt, würde ich beim Spielen vermutlich selbst anfangen zu weinen, das ist mir schon bei ganz anderen – fiktiven – Spielen passiert. Schaut man in ein paar Let’s Play’s rein, kämpfen alle mit den Tränen.

    Natürlich kann man infragestellen, ob das wirklich ein Spiel ist, oder auch moralische Bedenken äußern. Ich finde aber, wenn es den Eltern und der Familie dabei geholfen hat, die furchtbaren Geschehnisse zu verarbeiten, warum auch nicht.

    Wen es interessiert, ich habe etwas gestöbert. Und Joels Mutter schreibt in ihrem Blog nicht weniger herzzerreißend über den Verlust ihres Kindes.

    WolfgangAndré Eymann

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