Death Stranding, Ambient Soundtrack "Bones" von Low Roar. (Screenshot: Pascal Wagner)
Death Stranding, Ambient Soundtrack "Bones" von Low Roar. (Screenshot: Pascal Wagner)

Under an Orange-Coloured Sky

Veröffentlicht in Videospielgeschichten
Mit Kommentaren von Pascal Wagner, André Eymann, Farmer Slide Joe Bob, Tobi

Vielleicht könnte ich die – spätestens durch Fallout 76 auch bei mir in Ungnade gefallene – Fallout-Reihe eher loslassen, wenn ich einen adäquaten Ersatz für ihre Stimmung finden könnte. Ihre Audiostimmung, um genau zu sein. Der perfekt auf den Retrofuturismus der Reihe abgestimmte Jazz-, Swing- und Blues-Soundtrack hat nicht nur meinen generellen Musik-Geschmack ähnlich stark geprägt wie Brütal Legend; Ich verbinde ihn auch untrennbar mit der Lichtstimmung und dem Gefühl der erhabenen Einsamkeit, das ich empfinde, wenn ich spätnachts durch die Ruinen Amerikas stapfe.

Das mithin Beste an der auch alleinstehend tollen Auswahl an Musik war die Zufälligkeit, mit der die Radiosender Fallouts Spielsituationen mit einem Soundtrack versehen haben. Nicht immer passte das im Hintergrund spielende Lied zur Situation, klar. Aber während ich mich an die unpassenden Situationen nicht mehr erinnere – die Musik war schließlich trotzdem gut – habe ich noch einige Momente sehr lebhaft im Kopf, in denen Soundtrack und Spielsituation ganz ohne Kuration die perfekte Stimmung erzeugt haben.

Als ich in Fallout 4 zweimal kurz hintereinander in die Hallozinogen-Fabrik im Herzen Bostons ging, einmal zum Erkunden und ein zweites Mal für eine der endlos generierten Railroad-Quests, leierte das Radio an meinem Pip-Boy zufällig beide Male Skeeter Davis’ It’s the End of the World an. Die langgezogenen, traurigen Akkorde und Skeeters verweinte Stimme, die durch die grünen Nebelschwaden der Fabrik waberten, während ich mich an Ghoulen und Robotern vorbeischlich, haben sich tief in meine Erinnerung hineingeätzt.

Hallucinations at the end of the world... (Quelle: fallout.fandom.com)
Hallucinations at the end of the world … (Quelle: fallout.fandom.com)

Why do the birds go on singing?
Why do the stars glow above?
Don’t they know it’s the end of the world?
It ended when I lost your love

Verzweiflung und Hoffnung, in Takten konserviert

Eine noch viel größere Fülle dieser Momente verbinde ich allerdings mit Fallout: New Vegas. Die Aufbruchsstimmung der sich langsam neu formenden Zivilisation in der Mojave-Wüste erreichte in meiner Spielerfahrung ihren verfrühten Höhepunkt, als ich nach dem Verlassen der ersten Stadt den Handelsposten betrat, in dem sich die Begleiterin Whiskey Rose eifrig betrinkt. Während ich dort unter der gigantischen Statues eines Rangers aus Altmetall hindurchging, die Bar betrat und begann, mit Rose zu schäkern, pfiff mir Guy Mitchell sein Heartache by the Numbers ins Ohr, und bis heute verkörpert kein Song die Extravaganz des Strips und die orange-rötlichen Dämmerungen von Nevada stärker für mich.

Scrap metal under an orange-coloured sky. (Quelle: fallout.gamepedia.com)
Scrap metal under an orange-coloured sky. (Quelle: fallout.gamepedia.com)

Heartache by the numbers,
Trouble by the score.
Every day you love me less,
Each day I love you more.

Nun ja, abgesehen vielleicht von Nat King Coles viel zu passend gewähltem Orange Coloured Sky. Ebenfalls hart getroffen hat mich New Vegas, als es unabsichtlich durch die Auswahl der Musik mit seiner optimistischen Grundhaltung gebrochen hat.

Während der Erkundung einer Wohnsiedlung, die wie so viele andere in Fallout ein besonders trauriges Ende genommen hatte, spielte mein Radio das melancholische In The Shadow of the Valley an. Während ich zwischen verlassenen Hundehütten durch Gärten streifte und eine vollkommen menschen- und gegnerleere Kleinsiedlung unter einer Art riesigem Lagerhallendach untersuchte, raunten mir Lost Weekend vom Ort ihrer Träume ins Ohr. Plötzlich fand ich diesen in der zerstörten Siedlung wieder, deren Schränke ich gerade plünderte. Das Gefühl, ein Grab zu plündern, war in diesem Moment stärker als jede Furcht vor dem Angriff einer Todeskralle.

In the shadow of the valley
I would like to settle down.
Wide open space,
Wind on my face.

Musik als Bindeglied, allein zwischen Knotenpunkten

Vielleicht gefällt mir Death Strandings einsames Botendasein deswegen so gut: Die in saftigen Naturtönen gehaltenen Umgebungen stehen den grünen, orangenen und neonfarbenen Weiten der Fallout-Trümmerlandschaften in ihrem atmosphärischen Design in nichts nach. Und auch der Soundtrack spielt eine ganz ähnliche Rolle: Zwar sind viele Stücke durchaus gescriptet und spielen an bestimmten, von Kojima Productions festgelegten Stellen, doch weit wichtiger für die Untermalung der Einsamkeit ist die Schwarmintelligenz der Spielenden: Jede erbaubare Struktur kann aufgewertet werden, um ein Musikstück nach Wahl für vorbeifahrende Boten abzuspielen.

Wenn ich mich bei strömendem Regen durch einen zerklüfteten Canyon arbeite, vollbeladen und mit zwei Lastkarren an den Gürtel gespannt, könnte das Gefühl der Einsamkeit und die Danklosigkeit der Welt um mich herum kaum stärker sein. Wenn ich dann plötzlich eine von einer freundlichen Spielerin erbaute Brücke vor mir sehe, die mir einen schwierigen Ab- und Aufstieg erspart und bei der Überquerung die ersten Takte von Low Roars Poznan klimpert, dann fühle ich mich plötzlich für einige wertvolle Sekunden nicht mehr allein und ungedankt. Dann sind da draußen noch andere wie ich, die das gleiche durchmachen, und die teilweise noch größere Mühen auf sich nehmen, um es Leuten wie mir in Zukunft leichter zu machen.

In meinen ersten paar Spielstunden habe ich sehr darüber gelacht, dass sich jeder Postkasten mit einem Musikstück ausstatten lässt, das er beim Vorbeigehen zu trällern beginnt. Heute orientiere ich mich von Spielerkonstrukt zu Spielerkonstrukt, um die Schwere der Einsamkeit zu mildern. Ob Skeeter Davis in der hoffnungslosen Offenheit der nuklearen Postapokalypse oder Low Roar beim Mammutprojekt der Neu-Erschließung des nordamerikanischen Westens, beide packen mich unerwartet bei den Schultern, rütteln mich wieder auf und erinnern mich: Halte durch, es ist fast geschafft.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Fallen euch gar noch andere Spiele ein, deren Soundtrack euch ganz zufällig besonders berührt hat? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren davon erzählt!

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Kommentare5

  1. Ein starker erster Satz: „…wenn ich einen adäquaten Ersatz für ihre Stimmung finden könnte“. Mir gefällt dieser Satz besonders gut, weil er den Stellenwert eines Gefühls auf die (für mich mindestens) gleiche Ebene wie die der Spielmechanik oder Erzählung eines Spiels hebt. Die Stimmung bzw. Audio-/Sound-Stimmung wird für mich bei Single-Player-Erlebnissen immer wichtiger. Ich glaube vor allen Dingen deshalb, weil ich, je älter ich werde, immer öfter Metaphern in Spielen entdecke, die mir über die Ohren die Augen öffnen. Als Beispiel fällt mir hier sofort die virtuelle Badewanne von What Remains of Edith Finch ein. Das Geräusch des Wassers und die Stimme der Mutter. Oder der cineastische Soundtrack von Virginia, der für mich die Weite der Natur um die Stadt und jedes einzelne Laubbaumblatt in der Geschichte mit eine kühlwarmen Note vertont. Musik trägt enorm zur Wahrnehmung der Stimmung bei und ohne sie wären viele Spielerlebnisse nicht annähernd so tief. Danke für Deinen Beitrag Pascal, der genau das wunderbar einfängt.

    Tobi
  2. Ein sehr guter Artikel, wenn Einsamkeit der Spielwelt und Musik sehr guten Einklang zueinander finden. Mein Favorit ist und bleibt Fallout New Vegas, Teil 4 mochte ich nicht wegen dem Building Feature, als anderes Beispiel kann ich noch Bioshock Infinite und Last of Us setzen 🙂 Grad da auch diese Mischung aus Spaghetti Western Soundtrack bei Last of Us macht das so interessant. Was mich noch an Death Stranding interessiert war da nicht von Kate Bush Running Up That Hill Track drin oder hab ich mich wegen einem Beitrag von einem Youtuber mit dem Namen ThorHighHeels geirrt, der das reingebracht hatte 😀

    TobiAndré Eymann
    1. Bioshock Infinite hat bei mir auch musikalisch sehr gut gewirkt (Stichwort “Will the Circle be Unbroken”), Last of Us hingegen gar nicht, aber das hat mich ohnehin auf vielen Ebenen verloren. Beide fallen aber ohnehin etwas aus den Gefühlen, die ich in diesem Text ausdrücken wollte, weil die Musik ja in BI und TLoU eigentlich ausschließlich gescriptet vorkommt 🙂
      Wegen Kate Bush kann ich dir leider auch nicht sagen ob das stimmt. Ich bin zwar sehr weit in Death Stranding aber habe noch einiges an optionalem Content nicht gespielt.

  3. Interessante Parallelen, Musik und Spiele, die Stimmungen, die damit erzeugt werden. Da bin ich dabei 🙂
    Gelungener Beitrag übrigens und sehr interessant, hab ich mit Fallout bis jetzt auch kaum etwas zu tun gehabt (Las Vegas hab ich vor Jahren mal angefangen…)., schaffst du es, mir die Serie ein wenig näher zu bringen.

    Als erstes und irgendwie immer wieder fällt mir bei Spielmusik der Soundtrack von Final Fantasy VII ein. Obwohl das schon so ewig her zu sein scheint, als ich es das letzte mal auf der grauen Playstation gespielt habe, kann ich mich beim Hören fast an jede Situation erinnern, die passierte, als das jeweilige Stück lief. Verrückt, das hat sich total festgebrannt. Auch wenn es 85 Tracks sind, inklusive ein paar kurzen Jingles. Vielleicht habe ich auch nur etwas viel Zeit damals investiert. Und ich fürchte ebenfalls, das ist wirklich lange her und fühlt sich nicht nur so an *räusper*

    Die Midi-Tracks, die Mr. Uematsu hier erschaffen hat, passten beim Spielen – damals auch mehr oder weniger angepasst an einen spontanen Szenenwechsel – jeweils zur Situation und Gegebenheit. Es gab entspannte Tracks z.B. im Cosmo Canyon, Gute-Laune-Country beim Chocobo-Rennen, atmosphärische Ambientmusik beim Erkunden von Schauplätzen, treibende Musik während der Kämpfe. Ja, und dann waren da noch die traurigen Szenen, die dementsprechend untermalt waren. Mmpf 🙁
    Midi-entsprechend halt eher puristisch, aber gerade deshalb finde ich den Soundtrack vermutlich wirklich sehr gelungen, hat der Komponist hier doch mit recht einfachen Mitteln eine atmosphärisch dichte Soundkulisse geschaffen. Möglicherweise sind meine Zeilen auch nicht ganz neutral, da ich seit Ewigkeiten ein Chiptune-Anhänger bin 😀

    André Eymann