Gutes Game oder Nostalgie? – Torin’s Passage

Veröffentlicht in Spielebesprechungen
Mit Kommentaren von Tobi, Michael, André Eymann, Alexander Strellen, Sylvio Konkol, Mario Donick

Wer kennt es nicht: nach etlichen Jahren fällt einem ein Videospiel in die Hände, in welchem man als Kind oder Teenager zig Spielstunden angesammelt hat. Da erinnert man sich flashbackartig an grandiose Graphiken, spannende Dialoge und unfassbar knifflige Rätsel – und es war doch auch ein wirklich gutes Game… oder?

Ein Spiel, welches als Kind für mich das Highlight war, ist das 1995 für MS-DOS erschienene Point and Click Adventure „Torin’s Passage“ von Sierra Entertainment. Wenn ich zurückblicke, sehe ich das cartoon-artige Characterdesign und World-Building vor meinem geistigen Auge, und alles ist knallig, bunt, einfach ‘schön gemacht’.

Nach 20 Jahren des Einstaubens habe ich das Game mal wieder ausgegraben, um es noch einmal zu erleben. Ist das Spiel wirklich so gut, wie ich es in Erinnerung habe? Kann (und sollte) man Retro-Games überhaupt nach heutigen Gesichtspunkten bewerten? Und welche Rolle spielt Nostalgie bei dieser Rückschau?

Nostalgie – wie funktioniert das?

Nostalgie ist ein bisschen wie Heimweh – ein sentimentales Gefühl der Sehnsucht nach etwas Vergangenem. Es ist greifbar und vertraut, aber irgendwie weit weg. Mit dieser Sehnsucht einhergehend ist oft eine Verklärung und Idealisierung der Erinnerung. Man schwelgt und sinniert – dabei passieren aber auch oft Rückschaufehler.

Interessant ist dabei, dass in der Populärkultur das Nostalgie-Gefühl quasi zum Aushängeschild für Medien- und Marketingzwecke wurde. Was retro ist, ist ‘cool’. Das liegt daran, dass nach dem modernen Nostalgie-Verständnis vor allem die verknüpften Emotionen ausschlaggebend sind – das lässt sich auch auf den Konsum von popkulturellen Medien beziehen. Und plötzlich ist man wieder 10, sitzt im abgedunkelten Computerraum und spielt mit seinem Vater Thief: The Metal Age und alles ist viel einfacher.

Doch auch, wenn positive Gefühle bei einer solchen Rückschau im Vordergrund stehen, so schleicht sich oft eine gewisse Melancholie ein. Das Erlebte ist ja schließlich vergangen, und kann nicht mehr genau so wieder erlebt werden. Und meistens, gerade in Bezug auf Games, wird man bei erneutem Spielen herbe enttäuscht: die rosarote Nostalgie-Brille hat Vieles verklärt.

Aber: Gilt das auch für unser Retro-Game Torin’s Passage – oder kann man den bittersüßen Aspekt getrost beiseite legen?

Torin’s Heldenreise – Verschachtelte Welten, ein süßer Sidekick und zahlreiche Herausforderungen

Meine wunderschöne Erinnerung musste direkt einen harten linken Haken kassieren, als ich mir das Cover-Artwork angesehen habe. Das ist doch nicht Torin! Ich erinnerte mich, dass die Ingame Grafik enorm ansprechend war. Und: die Backside beweist das auch – abwechslungsreiche Szenerien und diverses, ausdrucksstarkes Character-Design.

Torin’s Passage setzt dabei auf eine gezeichnete Cartoon-Optik, ähnlich King’s Quest VII oder Monkey Island 3. Dass Zeichentrickfiguren besser altern, als die bahnbrechend deklarierte 3d Grafik aus dem Jahre 1995, ist dabei offensichtlich.

Dabei wird klar: nicht jedes Game sollte qualitativ an seiner Grafik gemessen werden. Gerade Retro-Games, allen voran aus dem Point and Click Genre, trumpfen eher mit ihrer Liebe zum Detail, dem World-Building und allen voran der Story auf. Anhand moderner Kriterien kann man die Qualität nur schwer bemessen – der Fokus liegt durch begrenzte Möglichkeiten auf anderen Punkten, als bei modernen Spielen.

Torin setzt dabei auf ein klassisches Helden-Abenteuer: als Baby werden seine Eltern von einem bösen Magier umgebracht, seine Amme rettet ihn und bringt ihn in ein Dorf, wo er aufwächst – nur, damit seine Adoptiveltern auch von eben jenem bösen Zauberer entführt werden – und so beginnt Torin’s Reise durch 5 ineinander verschachtelte Welten, alle gespickt mit neuen Charakteren und Rätseln. Dabei gerät man ob der begrenzten Design-Möglichkeiten ab und zu an die eigenen Grenzen – ich glaube niemand schafft es durch dieses Labyrinth, ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen:

Genannte Hürden mindern jedoch nicht die Qualität des Games. Es ist, als spiele man einen interaktiven Disney-Film. Oft werden gute Games mit einem gewissen Maß an grafischem Hyperrealismus gleichgesetzt, alte Videospiele, wenn man sich nicht sowieso in der Retro-Bubble bewegt, werden nicht angefasst – die Immersion sei nicht dieselbe.

Moderne SpielerInnen sind verwöhnt: Handlung muss schnell sein, mitreißen, und alle Dialoge sollen überspringbar sein, während die Welt erscheint, als schaue man aus dem Fenster. Möglichst viel visuelle und realistisch anmutende Stimulation – davon muss man sich bei Torin verabschieden. Und das ist ok so.

Das Adventure basiert auf Details und Charakterinteraktion, ausgereiften Dialogen (das Highlight der deutschen Synchro dürfte die ‘Kölsch schwätzende’ Schnecke sein, welche ihr auch hier links im Titelbild des Artikels sehen könnt. Redselig sind allerdings alle beide – und sie freuen sich enorm über ihre eigenen Witzchen. Abgerundet wird das Ganze mit dem ‚Augenklatscher‘, Zitat: „Jib mir 5 mit de Augen!“ – naja, Schnecken haben nun mal keine Hände…) und viel Trial & Error, besonders, wenn es ans Rätselraten geht. Ungewohnt sind vor allem die langen Laufwege – aus heutiger Sicht gerechtfertigte Kritik. Grafisch kann wenig kritisiert werden – das Spiel hat nie versucht, realistisch zu sein, sondern ist viel mehr ein interaktives Abenteuer.

Die Lösungen zu den Rätseln sind nicht immer offensichtlich, es muss um die Ecke gedacht werden. Das kann gerade für SpielerInnen, welche neu im Genre sind, relativ frustrierend sein. Besonders schön ist die Charakterkomik, Torin’s Passage lebt von der Interakton von Boogle, Torin, und all den neuen Charakteren, welche man auf seinem Abenteuer trifft.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Torin’s Passage ideentechnisch seiner Zeit ein Stück voraus war, besonders, was Charakerdarstellung- und Interaktion sowie World Building betrifft. Die Umsetzung dessen war allerdings durch technischen Stand natürlich nur begrenzt möglich. Der Comic-Style hilft dabei jedoch enorm.

Das Endprodukt strotzt vor Charme und spaßigen Rätseln. Bestimmt ist Nostalgie ein starker Faktor, wenn es zur Rezeption des Klassikers kommt, jedoch ganz sicher nicht ausschlaggebend. Wer über ein paar fehlplatzierte Pixel und lange Dialoge hinwegsehen kann, der wird (auch als EinsteigerIn!) seine wahre Freude an Torin’s Passage haben (und sollte sich im selben Zuge King’s Quest VII zu Gemüte führen).

Quellen

Bildergalerie

MichaelAlexander StrellenAndré EymannTobiSylvio KonkolMario Donick

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Kommentare6

  1. Danke Denise für deinen Ausflug in alte Spielewelten. Torin’s Passage kannte ich bis zum lesen deines Beitrags nicht und bin immer wieder erstaunt, was hier so alles auf den Tisch kommt, wenn ich dachte, ich kenne die meisten älteren Spiele 😀
    Bei den Screenshots musste ich zuerst an Space Ace und Dragons Lair denken, aber das waren ja Vertreter eines komplett anderen Genres.
    Was du mit den Nostalgiegefühlen beschreibst, kenne ich auch sehr gut. Was im Kontext damaliger Zeit und den persönlichen Umständen super funktionierte, muss heute nicht zwangsläufig klappen. Das hab ich schon mehrmals nach Erwerb älterer Spiele erlebt: Voller Vorfreude und mit Blumen im Bauch gekauft, kurz angespielt und – uff – schnell gemerkt, dass mir die Nostalgiebrille wieder mal einen Streich gespielt hatte. Ich denke – so geht es mir jedenfalls – dass ich alte Spiele auch sehr mit meiner damals doch recht entspannten (im Vergleich zu heute) Jugend verbinde. Viel Zeit, wenig Verpflichtungen, usw. Das klappt heute leider nicht mehr so, aber oft habe ich auch weder die Zeit, noch die Geduld, mich nochmals mit diesem oder jenem Spiel, welchem ich schon damals so viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt hatte, auseinanderzusetzen.
    Dennoch, wie schön, dass du uns hier mit Torin’s Passage eine scheinbar recht unbekannte Perle Videospielgeschichte vorgestellt hast. Vielen Dank dafür.

    Denise SchweigertAndré EymannMichael
  2. Ich habe deinen schönen und zugleich informativen Beitrag mit sehr großem Interesse gelesen, liebe Denise!
    Ich finde auch deinen Abschnitt zum Thema “Nostalgie – wie funktioniert das” sehr interessant und kann den Ausführungen gut folgen. Unbestreitbar ist Nostalgie, also die Sehnsucht nach etwas Vergangenem, ein Grund für den Retro-Boom.

    Nostalgie ist ein bisschen wie Heimweh – ein sentimentales Gefühl der Sehnsucht nach etwas Vergangenem. Es ist greifbar und vertraut, aber irgendwie weit weg.

    Der Abschnitt von dir beschreibt das sehr zutreffend. Den Retro-Begriff betreffend, empfinde ich aber mehr als nur Nostalgie. Es ist auch eine tiefe Verwurzelung, ein Teil von mir, also etwas das mich geprägt hat und sicher ein Stück weit ausmacht und das ist jetzt das Spannende: darum nicht weit weg!

    Torin’s Passage war mir bisher kein Begriff. Bei Al Lowe und Sierra Entertainment poppte aber bei mir “Leisure Suit Larry” auf :), dass ich gerne gespielt hab.

    Danke für den inspirierenden Beitrag!

    Denise SchweigertTobiAndré Eymann
  3. Liebe Denise, was ist das für ein zauberhaftes Spiel bitte?!? Ich habe mir heute Videos dazu angeschaut und bin wahrlich begeistert! Was mich sofort anspricht ist der eskapistische Stil des Spiels. Torins Heldenreise entführt mich, den Spielenden, auf der Stelle – eine Eigenschaft von Computerspielen, die ich besonders schätze.

    Die „Kritik“ (wenn man denn es so nennen will) am Spiel kann ich insbesondere beim Thema Rätsel nachvollziehen. Hier sind „Retrospiele“ oft gemein – vor allen Dingen aus heutiger Sicht, wie Du ja auch schreibst.

    Das bringt mich zu einem Kernsatz in Deinem Beitrag: „Kann (und sollte) man Retro-Games überhaupt nach heutigen Gesichtspunkten bewerten?“, auf den ich sehr gern antworten möchte.

    NEIN, man sollte nicht. Spiele sind IMMER ein Zeuge ihrer Zeit. Man MUSS also Spiele immer als integralen Begleiter der jeweiligen Epoche, Gesellschaft und allen sonstigen Kontexten begreifen und bewerten. Deshalb bin ich persönlich auch immer sensibel, wenn es um die Rückschau geht.

    Die Antwort auf die Frage, welche Rolle die Nostalgie bei der Rückschau trägt, ist allerding weitaus komplexer beantworten. Ich finde Deine Zeilen zum Thema wunderbar treffend formuliert. Die Melancholie und auch (manchmal) Enttäuschung kenne ich auch. Wobei ich zugeben muss, grundsätzlich mit einem wohlwollenden und gleichzeitig „realistischen“ Blick auf Retrogames zuzugehen.

    Das mag auch daran liegen, dass ich Computer- und Videospiele schon seit so langer Zeit „analytisch“ betrachte und (auch durch meinen Blog) einen gewissen „retrografischen“ Blick auf Spiele habe. In diesem Zusammenhang würde übrigens gern den Beitrag „Über Retrografie“ von Andreas Wanda empfehlen.

    In Bezug auf das Thema Nostalgie dann der Hinweis zu „Retro Games: Früher war einfach alles besser?“ von Sebastian Felzmann.

    Ich danke Dir vom Herzen für Deinen ersten Beitrag hier, der mit nicht nur „Torin“ vorgestellt hat, sondern mit einer spannenden und dichten Betrachtung ein wunderbares Debüt darstellt.

    Schon jetzt freue ich mich auf weitere Gedanken von Dir.

    Denise SchweigertTobiMichael
  4. Noch nie von diesen Spiel gehört. Dabei habe ich 1995 gerne Abenteuerspiele am PC gespielt und das Spiel ist ja damals von der Fachpresse gut bewertet worden. Gerade mal bei Moby Games danach gesucht. Sogar mein damaliges Lieblingsblatt die PC Player hat es mit einer Wertung beschrieben.
    Lange Klick-Strecken sind heute leider nicht mehr mein Ding. Deswegen werde ich Torin´s Passage wahrscheinlich nicht nachholen. Der letzte Versuch mit “The Dig” ist noch nicht vergessen. Das war vor ein paar Monaten auch so ein Nostalgie-Ding. Aber was für ein Zufall. Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Spiele auf dem C-64 ausgegraben und meine Erinnerung war nicht ganz mit dem Geschehen identisch was auf dem Bildschirm passierte.

    Franz ZwerschinaMichaelTobiDenise SchweigertAndré Eymann
  5. Das ist also dieses ominöse Torin’s Passage! 😀

    Bevor du den Titel vor einiger Zeit bei Twitter erwähntest, hatte ich noch nie davon gehört, aber das mag auch daran liegen, dass ich mit PC-Spielen aus dieser Ära einfach nicht vertraut bin. Zwar lernte ich das Genre der Point-and-Click-Adventures später noch schätzen (den Startschuss bildete 2003 Black Mirror). Die handgezeichneten Genre-Klassiker erschlossen sich mir aber auch im Nachhinein nicht.

    Eine Frage, die ich nach dem Lesen des Artikels noch habe (und die ich mir schon stellte, als ich den Titel zum ersten Mal las): Wie ist eigentlich das “Passage” im Titel zu verstehen? Räumlich-geografisch (wie in “Nordwestpassage”) oder im Sinne einer charakterlichen Entwicklung des Helden (wie in “rite of passage”)?

    Ich mag die einleitenden Gedanken zum Thema Nostalgie. Ich musste dabei an einen Artikel von mir selbst denken, den ich dir gern nahelegen möchte, weil ich denke, dass du ihn in dem Zusammenhang vielleicht interessant finden könntest: Das Spiel mit der Nostalgie

    Ich freue mich auf weitere Texte von dir. 🙂

    MichaelTobiAndré EymannDenise Schweigert