Half-Life: Alyx – Zwischen Staunen und Sprachlosigkeit

Marc Nuttelmann am 12.04.2020
Gepostet in Persönliche Geschichten, Podcast, Spielebesprechungen

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Ein schwarzer, dunkler Raum. Dann ein Gitarrenriff, der sich in all unsere Ohren gebrannt hat. Vor meinen Augen erscheint ein rotes Logo. VALVE. Dahinter ein glatzköpfiger Mann mit einem Ventil auf dem Hinterkopf. Zum Greifen nah. Ich schaue kurz nach links und rechts, doch es wird wieder dunkel. Plötzlich ein lauter, wummernder Bass. Ich stehe mitten zwischen Trümmern irgendwo in City 17. Vor mir wird in die Luft A L Y X projiziert. Kurz durchatmen. Bereits jetzt erahne ich, was auf mich zukommt. Bevor ich starte, schnell einen Blick in die Einstellungen werfen, dann bin ich bereit. Doch spulen wir kurz zurück.

Zurück auf Null

Es ist Ende 1998 und ich bin mit meinen Eltern zu Besuch in Berlin, bei meinen Großeltern. Der Release von Half-Life stand an und auch wenn mir das Spiel bis dato nichts gesagt hatte, fragte mich der Lebensgefährte meiner Cousine, die ebenfalls zu Besuch waren, ob ich ihn zum KaDeWe (Kaufhaus des Westens) begleiten will. Dort wurde der Release des Spiels groß zelebriert. Gordon Freeman in Lebensgröße, Headcrabs und vieles mehr. Gespielt habe ich den ersten Teil allerdings erst wenige Jahre später. Dafür umso häufiger. Die Zugfahrt zu Beginn des Spiels zählt heutzutage wohl zu den einprägsamsten Erlebnissen meiner persönlichen Videospielgeschichte.

2004 kam dann der langersehnte Nachfolger, bei dessen Release ich vor Vorfreude fast geplatzt bin. Unzählige Male habe ich Half-Life 2 seitdem gespielt. Auch dort hat sich besonders der Beginn in unserer aller Köpfe eingebrannt. Erneut eine ikonische Zugfahrt und die anschließende Tortur der Combine Soldaten.

Zurück in die Gegenwart. Es ist Ende März 2020 und ich befinde mich in meinem abgedunkelten Schlafzimmer. Auf meinem Kopf sitzt eine VR-Brille. Mir wird kurz erklärt, dass wir uns fünf Jahre vor den Ereignissen von Half-Life 2 befinden. Der siebenjährige Krieg ist erst seit Kurzem vorbei. Mein Name ist Alyx Vance. Ich bin 19 Jahre alt und eine Widerstandskämpferin.

Sagte ich gerade, ich befinde mich in meinem Schlafzimmer? Entschuldigt bitte. Ich befinde mich auf einem Balkon eines mehrstöckigen Altbauhauses mitten in City 17. Völlig sprachlos und geplättet von den ersten Eindrücken schaue ich nach oben. Aus allen Richtungen fließen Kabel zu einem zentralen Punkt. Die sich im Aufbau befindende und in den Himmel ragende Zitadelle.

Hier befinde ich mich jetzt also. Es ist wirklich schwer, in Worte zu fassen, was ich in diesem Moment fühle. Ich habe leicht feuchte Augen, Gänsehaut und bin sprachlos zugleich.

Die Welt im virtuellen Raum

Die mir dargestellte Welt ist voll von unzähligen Details. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zuvor eine so detaillierte Welt gesehen zu haben. Bevor ich den Balkon verlasse, vergeht bestimmt eine halbe Stunde. Jedes Detail kann angefasst werden. Dosen geworfen, Eimer geleert, Kisten zerkleinert werden.

Eine Taube sitzt unweit auf einer Dachrinne. Ich gehe zu ihr, möchte sie streicheln, doch sie fliegt weg. Rechts von mir ein Radio. Ich ziehe die Antenne heraus und suche einen Sender. Doch außer einem starken Rauschen kein Signal. Die Zeit vergeht und man verliert sich viel zu schnell in dieser Welt. Bevor es weitergeht, um die Story fortzusetzen, werfe ich erneut einen Blick vom Balkon, lehne mich vorsichtig auf das Geländer und schaue herunter in die Gassen. Überall laufen Menschen umher, aber auch Combine Soldaten. Es fliegen Scanner-Drohnen durch die Straßen. Es lässt sich nur erahnen, was dort unten vor sich geht.

Nach einem kurzen Gespräch mit meinem Vater verschwinde ich im Treppenhaus des Altbaus. Und wieder erblicke ich unzählige Details, die so wunderschön in Szene gesetzt sind. Es fällt mir schwer voranzukommen, aber ich nehme mir alle Zeit der Welt, um jedes kleine Detail zu erforschen, in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Irgendwann jedoch habe ich es geschafft und komme in der Wohnung von Alyx an. 

VR ist intensiv und kann mit der Zeit auch erschöpfend sein. Allerdings im positiven.

Marc Nuttelmann

Auf einem kleinen Beistelltisch steht ein großes, verschlossenes Glas. In ihm ein leuchtender Käfer, ganz sicher nicht von dieser Welt, der sich über mein Erscheinen jedoch herzlich freut. Wie selbstverständlich greife ich neben das Glas zu einer Dose mit Futter und füttere den kleinen Käfer. Er freut sich und hüpft dankend auf und ab. Ich durchsuche das Zimmer und auf einmal fällt mir ein Polaroid von Dog in die Hände. Allerdings nicht in der Form, wie wir ihn durch Half-Life 2 kennen. Nein ein „Baby“-Dog. Herrlich.

Die Welt von Half-Life: Alyx ist voll von unzähligen Details. Was Valve hier erschaffen hat, wird mich bis zum Ende dieses Spiels immer wieder fassungslos den Kopf schütteln lassen. Nicht weil ich entsetzt bin. Nein. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich das alles grad erleben darf.

Nachdem ich meine Wohnung verlassen habe, begebe ich mich in einen Fahrstuhl, auf dem Weg zum Ausgang des Hauses. Ich erreiche im Erdgeschoss einen Waschsalon, der seine besten Jahre bereits hinter sich hat. Abgesprungener Putz bröselt von der Wand, dreckiger Boden und eingetrocknete Flüssigkeiten, überall ist es nass und das grelle Licht der Neonröhren spiegelt sich auf der Oberfläche. Doch bevor ich mich umsehen kann, klopft es am Fenster. Eine namenlose Widerstandskämpferin gibt mir Anweisungen. Bevor ich begriffen habe, was hier grad passiert, wird es hektisch. Durchs Fenster beobachte ich, wie aggressive Combine Soldaten die Straßen „säubern“.

Meine anfänglich positive Euphorie schwenkt innerhalb von Augenblicken in ein bedrückendes, unwohles Gefühl um.

Half-Life: Alyx schafft es im Laufe der nächsten Stunden immer wieder, deutlich zu machen, wer hier das Sagen hat. Zumindest glaube ich das augenscheinlich.

Nach dem Verlassen des Waschsalons verschwinde ich in die Hinterhöfe von City 17. Es wird deutlich, dass sich Valve an einer osteuropäisch, sowjetisch geprägten Stadt wie beispielsweise Prag oder Budapest orientiert hat. Überall sind kyrillische Schriften und typische Autos aus der Zeit des kalten Krieges zu finden.

Als Gegenkontrast beißen sich die metallischen, futuristischen Maschinen und Bauten der Combine aus einer anderen Welt mit dem sonst idyllisch erscheinenden Stadtbild. Willkommen im totalitären Staat.

Gemeinsam gegen die Angst

Ich beginne langsam zu vergessen, in welcher Realität ich mich überhaupt befinde. Nach einer kleinen Reise durch Hinterhöfe und über Dächer in City 17 erreiche ich Russel. Russel ist ebenfalls ein Widerstandskämpfer, aber auch Bastler und ganz offensichtlich ein verrücktes Genie. Von ihm hat Alyx vermutlich auch ihre technisches Know-How.

Er versorgt mich mit sogenannten „Gravity Gloves“. Handschuhe, die es mir ab sofort ermöglichen, Gegenstände an mich heranzuziehen, ähnlich wie die Gravity Gun in Half-Life 2. Und was soll ich sagen? Es funktioniert sehr gut. Innerhalb weniger Augenblicke erlerne ich, mir meine Umgebung zunutze zu machen. Russel begleitet mich via Headset durch die Welt, was in manchen Momenten für tolle Konversationen sorgt, einem aber auch immer das Gefühlt gibt, nicht allein zu sein. Und das ist immens wichtig. 

Kurz darauf erreiche ich nämlich eine stillgelegte U-Bahn-Station, die mir auch das erste Mal im Spielverlauf knallhart zeigt, was es bedeutet Angst zu haben. Valve schafft es durch das Spiel mit dem Licht und Umgebungsgeräuschen eine wahnsinnig bedrückende Atmosphäre zu erzeugen. Immer wieder denke ich, dass jetzt etwas passieren muss. Aber ausser ein paar Ratten, die durch die Gänge tanzen, nichts. Das Spiel mit der Angst ist immens. Die Immersion in VR wird jetzt erst erst richtig lebendig und erreicht seinen ersten Höhepunkt, als ich einen U-Bahn-Waggon betrete.

Nachdem ich meinen ganzen Mut gesammelt habe, mache ich mich auf den Weg durch den Waggon und begegne den ersten Zombies sowie Headcrabs. An dieser Stelle fehlen mir die richtigen Worte. Irgendwas aus Angst, Panik einer Menge Gefluche aber am Ende auch einer Menge Erleichterung. An dieser Stelle beende ich die erste Session nach gut 2 ½ Stunden Spielzeit. VR ist intensiv und kann mit der Zeit auch erschöpfend sein. Allerdings im positiven.

Die kommenden 15 Stunden Half-Life: Alyx sind eine wahrhaftige Achterbahnfahrt und das spektakulärste Videospielerlebnis, welches ich bisher erleben durfte. Am Ende bin ich einfach nur unglaublich glücklich und dankbar dafür.

Und genau wie bereits Half-Life und Half-Life 2 schafft es Half-Life: Alyx, im Kopf zu bleiben. Valve hat es erneut geschafft, sich in den Kopf zu brennen.

Hast Du Half-Life: Alyx vielleicht auch schon gespielt? Wie hast du das Spiel empfunden? Wie würdest du das beschreiben? Schreibe mir gern einen Kommentar!

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Über Marc Nuttelmann

Mein Name ist Marc und ich kam im Februar 1986 in Berlin zur Welt. Meine erste Begegnung mit Videospielen hatte ich im zarten Alter von 6. Jahren, als ich Weihnachten 1992 einen Nintendo GameBoy zusammen mit Super Mario Land geschenkt bekommen habe. Es war Liebe auf den ersten Blick und der Beginn, einer bis heute anhaltenden Leidenschaft für die Videospiele- und ihren Geschichten. Dabei war bzw. ist egal, auf welcher Plattform gespielt wird. Nintendo, Sega, Sony, PC, Macintosh und die vielen, anderen Möglichkeiten.

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