Nick und Kee und die ewige Frage: Was ist am meisten retro?

Lesedauer: 6 Minuten

Nick und Kee fahren wieder! Die Helden der „Extraleben“-Romane sind bei ihrem letzten Job rausgeflogen und haben wieder Zeit, gepflegt abzunerden. Zum Beispiel über die Frage „Was ist am meisten retro?“. Doch was die Two Player nicht ahnen: Ihr kleiner Kumpeltrip wird üble Folgen haben. Denn diese Kurzgeschichte ist das Intro zu „Extraleben 4“, dem nächsten Teil der Romanserie.

„Ist der Matula nicht auch so einen gefahren?“

Nein, Alter! Tu’s nicht! Oh nein, er tut’s doch! Er nimmt tatsächlich die Hand vom Lenkrad, um mit seinem Spinnenfinger gegen die Scheibe zu tippen.

„Guck mal, den meine ich, den Alfa.“

Scheiße. Er merkt nicht, dass die Karre nach links driftet. Gleich rebeln wir gegen die Leute auf der Überholspur, der Fahrlehrer muss ran! „Sorry, Alter.“ Ich grabsche ins Lenkrad und reiße es rum. Schlingern, irres Hupen von hinten. Ein Wagen röhrt so laut vorbei, als wäre auf Nicks Seite das Fenster offen. Das war nicht nur Matulas Alfa aus den Achtzigern, das war vor allem verdammt knapp. Aber Nick faselt natürlich völlig ungerührt weiter.

„… also Matula aus «Ein Fall für zwei», der war für mich immer der Inbegriff von Härte damals. Claus Theo Gärtner hatte Street Credibility, bevor es das Wort überhaupt gab. So eine Art deutscher Proto-Chuck-Norris. Der fuhr auch immer Alfa Romeo. Ach ne, halt! Ein paar Folgen lang hatte er auch ‘nen Audi, glaube ich.“ Oh nein, jetzt guckt er schon wieder durch die Gegend.

Ich tippe dezent gegen die Frontscheibe, um ihn daran zu erinnern, wo die Musik spielt.

„Hallo?“

Vater hatte doch recht: Das gefährlichste am Fliegen ist die Fahrt zum Flughafen. Vor allem, wenn der Beifahrer am Steuer sitzt. Aber er bestand eben drauf, schließlich sei es ja seine Karre und so weiter. Das Problem an der Sache: Nick ist der schlechteste Autofahrer der Welt, der kriecht durch die Gegend wie eine 95-jährige Oma bei der ersten Fahrstunde. So supertoll er am Competition Pro auch sein mag, sobald seine Hände das Lenkrad eines Pkw umklammern, ist es mit seiner legendären Auge-Hand-Koordination aus. Am Steuer mutiert er zum zittrigen Wrack.

Und dann auch noch dieser Überraschungstrip, der hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Wir fliegen weg, einfach so? Aber wohin? Tja, Alter, Überraschung. Total süß: Weil er denkt, dass unsere Reise – wie er sagen würde – „business-relevant“ ist, hat er sich sogar in seinen Anzug gezwängt. Beim Abschied eben musste ihm Sabina noch wie Muttern den abstehenden Kragen am Sakko runterkrempeln.

Claus Theo Gärtner hatte Street Credibility. Der war so eine Art deutscher Proto-Chuck-Norris.

Nick

Ich mache das Fenster einen Spalt auf, damit der Schweiß auf meiner Stirn schneller trocknet. Kalter Dieselruß zieht rein, Autobahn-Nacht.
Eigentlich müsste ich ihn zusammenscheißen für den Stunt. Aber es hat keinen Sinn, denn er merkt eh nichts. Komisch, dass er seine Retromanie jetzt auch auf so was Analoges wie Autos ausgedehnt hat. Früher konnte er nostalgische Gefühle nur für Sachen aufbringen, durch die Strom fließt.

„Bei dir ist mittlerweile alles retro, oder?“

Ein Das-ist-jetzt-nicht-dein-Ernst-Blick kommt rübergeschossen.

„Klar“, grummelt er, „ist doch ‘nen Klassiker, Ein Fall zu zwei.“ Oh-oh, das klang schon wieder ziemlich passiv-aggressiv. Ich hätte nicht direkt die ganz großen Themen anschneiden sollen. Jetzt fühlt er sich genötigt, eine Grundsatzerklärung abzugeben.

Matula aka Claus Theo Gärtner in Aktion. (Bild: diepresse.com)
Matula aka Claus Theo Gärtner in Aktion. (Bild: diepresse.com)

„Na ja, du kennst ja mein Motto…“, er kichert gekünstelt, „warum weiterziehen, wenn man etwas liebt?“ „Klingt für mich ein biiiischen konservativ. Sind die alten Platten nicht nur deshalb besser, weil man sie beschissenen Songs vergessen hat?“ Ja, das war kindisch von mir, aber es macht Spaß. Putting out the fire with gasoline.
Nick atmet schwer ein. Dann eist er seine rechte Hand von der vorgeschriebenen 15-Uhr-Position am Lenkrad los, um eine Halt!-Bewegung zu machen. Seine Finger zittern schon leicht, vielleicht sollte ich die Sache zurücknehmen, sonst baut er vor lauter Aufregung wirklich noch ‘nen Crash.

„Egal“, schiebe ich schnell hinterher. „Äh, welches Game ist deiner Meinung nach denn am meisten retro? Pac-Man? Oder Space Invaders?“

Er zögert kurz, grapscht sich dann aber wieder das Lenkrad. Die Gelegenheit, ohne Zeitlimit seine Meinung zu äußern, kann er sich natürlich nicht entgehen lassen.

„Also, die gehen ja mal gar nicht. Totale Nevergreens.“ Angeekelte Kunstpause. „Nein, der größte Retro-Faktor, lass mal nachdenken…“, sein weiteres Gemurmel geht im Motorbrummen unter.

Eins ist klar: Jetzt kommt auf keinen Fall etwas Offensichtliches wie Pac-Man oder Space Invaders. Das wäre unter seiner Würde. Nein, jetzt muss er ein Game nennen, dass einem Meister des elektronischen Eklektizismus würdig ist. Ein Spiel wie…

„Robotron 2084!“ Stolzes Grinsen.

„Robo…was?“

„Na, Robotron 2084, aus der Feder von Eugene Jarvis, du weißt schon, der auch Defender gemacht hat. Das ist total retro!“ Aufgeregtes Keuchen. „Also schon der Titel, ne, ist natürlich eine Anspielung auf 1984 von Orwell, und ich brauche dir nicht zu sagen, wie groß das Thema in den Achtzigern war.“

Nein, brauchst du nicht. Damals hatten irgendwelche Idioten ja sogar Angst davor, dass sie das Kabelfernsehen überwacht. Immerhin kann ich mich jetzt zurücklehnen. Nick hat auf Dauerfeuer gestellt, da ist erst mal keine Intervention nötig.

„… überhaupt alles an Robotron ist retro pur! Du stehst da mit deinem Pixelmännchen und von allen Seiten wanken die Roboter auf dich zu. Totaler Stress ab der ersten eingeworfenen Mark. Vor allem in der Arcade-Version endgeil – mit zwei Joysticks, sage ich nur. Wusstest du, dass Jarvis zuerst eine ‘Gandhi-Version’ geplant hatte, bei der man nicht schießen konnte? Egal. Und dann auch noch die Soundeffekte – mehr Achtziger geht nicht!“

„Also quasi ist Robotron das, was Trans-X in der Musik ist.“

„Ge-nau“, quittiert Nick hörbar zufrieden.

Das ist einer der wenigen Punkte, auf die wir uns in den letzten Jahren einigen konnten: Kein Song packt mehr Achtziger in dreieinhalb Minuten als „Living on Video“ von Trans-X. Leierte in der SID-Version ja damals sogar durch den Tape-Loader von Commando. Der Clip zu dem Song ist schon fast eine Eighties- Verarschung, so viele Klischees stecken da drin: Plastik- Synthies, geschminkte Typen, umgeschnalltes Midi-Keyboard, diffus futuristisches Bühnenbild mit PET- Rechnern. An der Sängerin baumeln dreieckige Ohrringe und der Frontmann nimmt sich so beschissen ernst wie alle Stars, die bei Illmanns „Formel Eins“ seinerzeit auflaufen durften. Und das, obwohl er total verklemmten Mist singt, so von wegen, dass die Lady mal auf sein Knöpfchen drücken soll und so.

Ich lege mein Kinn auf die Brust, damit meine Stimme tiefer klingt.
„It’s a computer fantasy…“ Nick lässt ein pornomäßiges Stöhnen vernehmen und fährt sich lasziv durch die Haare. „It’s waiting for you and me!“ Alles klar, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wir stemmen uns gegen die Rücklehnen, holen Luft und grölen los.

„Na-na-na-na-na…“ Wir schmettern die Synthiemelodie aus dem Refrain, dass die Scheiben der Familienkutsche zittern. Damit wäre klar, welches Lied wir die nächste Woche im Ohr haben. Nicks Stimme überschlägt sich und wir kugeln uns vor Lachen. Wird doch wieder schön, der Trip mit dem Beifahrer. Eine halbe Minute lang genießen wir die frauenfreie Stille, dann schaut Nick rüber. Sein Blick scheint zu sagen: „Jetzt mal aber im Ernst“. Ach so, er ist immer noch sauer, dass ich ihn eben um sein Manifest gebracht habe. Deshalb setzt er nochmal an.

Das ganze Achtziger-Zeug hat sich so in unsere Köpfe eingebrannt. Was heißt TED? Wofür steht ALF? OMD? Und wer ging im Beau-Rivage baden?

Nick

„Du musst zugeben, dass man solche Sachen wie ‘Living on Video’ einfach nicht aus dem System rauskriegt, oder? Ist ja quasi unsere kulturelle Firmware.“ Na gut, dann soll er seinen Vortrag kriegen. „Stimmt schon“, lenke in ein. Auf das Startsignal hat er natürlich nur gewartet. Er setzt sich gerade hin, aktiviert den Dozentenmodus. „Das Problem unserer Generation ist doch nicht der Burn-out. Es ist der Burn-in!“ Die Abbiegespur zum Flughafen rauscht heran. Nick setzt den Blinker, Schulterblick, sehr brav, nochmal Schulterblick. Er lässt den Kombi im Schneckentempo rübereiern, dann hat er wieder Hirnkapazitäten zum Schwafeln frei.

„Also der Burn-in. Das ganze Achtziger-Zeug hat sich so in unsere Köpfe eingebrannt, dass es nicht mehr rausgeht. Wie das Insert Coin in die Röhre vom Arcadeautomaten, oder das wunderbar falsche Enter Card früher an den Geldautomaten. Hach, die herrliche vorglobale Zeit. Aber mal im Ernst: Was heißt TED? Wofür steht ALF? Und OMD? Wer ging im Beau-Rivage baden? Und wer badete gerade seine Hände drin? Lieber ein kalter Rießling als was? Wer kennt nicht die Geschichte von einem der sympathischsten Draufgänger Amerikas? Was…“

„Ich ja gut, Alter, ist ja gut“, schneide ich ihn ab. Dieses nostalgische Namedropping führt doch zu nichts. Er kennt alle Antworten und ich kenne alle Antworten und dem Rest der Menschheit könnte der Kram nicht egaler sein. Klar, ich vermisse die Achtziger auch manchmal: Daimon-Batterien, mit dem 555-Timer rumbasteln, diese stinkende Paste, aus der man Luftballons machen konnte. Bestimmt hochgradig Krebs erregend und seit Jahrzenten verboten. Aber immer nur retro, das kanns doch auch nicht sein.

Nick schweigt sehr betroffen. Seltsam: Er war immer stolz drauf, aus seinem ganzen Leben die Emotionen Spock-mäßig rausgehalten zu haben. Aber wenn es um die Achtziger geht, ist er ein triefender Melancholiker. Ich schaue rüber. Ein Neonbunker für die Dauerparker huscht vorbei. Nick starrt geradeaus, während sein Adamsapfel hoch und runterwandert, als müsste er einen Kloß im Hals entsorgen.

„Ich hab’ mal gelesen“, flüstert er, „dass alte Leute, die nur Schwarz-weiß-Fernsehen kennengelernt haben, auch im Traum alles Schwarz-weiß sehen. Wenn das stimmt, dann müssten wir eigentlich in Acht-Bit-Grafik träumen.“

Ich muss lachen.

„Das wäre natürlich der ultimative Retro-Trip.“ „In der Tat.“ Er grinst und seine Melancholie scheint auf einmal wie weggeblasen.

„Apropos: Wohin geht unsere Reise eigentlich?“

He, he, dass er nicht alles weiß, lässt ihm keine Ruhe, war ja klar. Nicht so ungeduldig, junger Padawan. „Unsere Reise?“, tue ich unwissend. „Genau!“ Der Beifahrer nickt hektisch. So, erst mal Kunstpause machen und ihn zappeln lassen. Noch ein paar Sekunden, noch ein paar Sekunden. Okay, ein bisschen was kann ich ja rauslassen. „Ich sage nur: It’s a computer fantasy…“

Seine Augen weiten sich.


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