Videospiele? Computerspiele? VideoMagic!

Veröffentlicht in Literatur & Medien
Mit Kommentaren von Reiner, Stephan Ricken, Guido Frank, Susanne Wosnitzka, Paul, Tobi

VideoMagic: Vorbildlich! oder Die Münchner haben es halt doch besser – so lauteten einige der Schlagzeilen in der damaligen Presse, kurz nach der offiziellen Eröffnungsfeier am 4. Juni 1983.

Ungewöhnlich war eine Berichterstattung über diesen neuartigen Spieleshop sicherlich nicht. VideoMagic galt zu jener Zeit als das größte Fachgeschäft für Videospiele in ganz Europa.

Einladung zur Eröffnung des Ladengeschäfts von VideoMagic am 04.06.1983. (Bild: Guido Frank)
Einladung zur Eröffnung des Ladengeschäfts von VideoMagic am 04.06.1983. (Bild: Guido Frank)

Im Bereich des Einzelhandels setzte VideoMagic mit seinem revolutionären Konzept völlig neue Maßstäbe. Tatsächlich hatten die Betreiber die gesamte Ladenfläche auf das neue interaktive Medium ausgerichtet. Im Untergeschoss befand sich dafür extra ein großes „Spiel-Forum“. Dort standen für alle Besucher über 50 separate Bildschirmplätze zum ausgiebigen Testen bereit. Ein wahres Eldorado für jeden Fan der frühen Heimvideospiele.

VideoMagic verwirklichte die Idee, nach Vorbild der großen Arkade-Spielhallen selbstentwickelte Automaten aufzustellen, die anstatt mit Geld mit sogenannten „Fun-Chips“ funktionierten.

Ein Chip kostete 50 Pfennig und reichte für 5 Minuten Spielzeit an einem Gerät. Dies klingt aus heutiger Sicht vielleicht etwas teuer, dazu muss man aber wissen, dass die Chips später mit bis zu 10 % auf alle Einkäufe angerechnet wurden. VideoMagic zählte sowieso zu den preiswerteren Geschäften in der City, deshalb gab es auch keinen Grund, seine Produkte woanders zu besorgen.

Erfolgversprechend war natürlich ebenfalls die sehr zentrale Lage in der Innenstadt, direkt am Münchner Stachus. Die Mitarbeiter besaßen eine hervorragende Sachkompetenz und beantworteten mit großer Sorgfalt stets freundlich all unsere Fragen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einen ganz besonderen Gruß an die ehemalige Belegschaft und den Geschäftsführer Oliver Trunk richten. Herzlichen Dank für eure unzähligen Tipps und Informationen, die mich damals sicherlich vor so manchem Fehlkauf bewahrten.

Beliebter Treffpunkt am Stachus

Schnell entwickelte sich VideoMagic zum beliebten Treffpunkt für alle Videospieler in und um München. Besonders am Wochenende konnte es hier richtig voll werden. Die Bildschirmplätze waren dann oft komplett belegt und es bildeten sich ganze Trauben von Zuschauern um die einzelnen Konsolen. Jeder durfte die Spiele selbst ansehen und ausprobieren, auch sehr exotische Produkte, die man in den anderen Fachgeschäften gar nicht zu Gesicht bekam.

Zum Beispiel den Starpath Supercharger für das Atari VCS (1982) oder das Intellivoice Modul für das Intellivision von Mattel (ebenfalls 1982). Besonders spektakulär: Das Autorennen „Turbo“ von Colecovision wurde auf einer 2×2 Meter großen Leinwand zusammen mit dem Lenkrad-Ausbaumodul professionell in Szene gesetzt. Das übertraf selbst die Originale aus der Spielhalle.

Das Spielforum von VideoMagic. Futuristisch und platzsparend zugleich. (Bild: Marshall Cavendish)
Das Spielforum von VideoMagic. Futuristisch und platzsparend zugleich. (Bild: Marshall Cavendish)

Unvergessen bleibt mir persönlich zum Beispiel ein VCS Prototyp-Modul von Ataris „Jungle Hunt“, das ich dank Oliver schon viele Wochen vor dem offiziellen Verkaufsstart über 30 Minuten lang selbst spielen durfte. Aber genau solche einmaligen Erlebnisse machten ja gerade den besonderen Charme des Ladens aus. 

Ebenfalls schnell reagierte VideoMagic auf das Erscheinen der neuen Homecomputer von Commodore, Spectrum und Atari, schon kurz nach der Eröffnung entstand zusätzlich eine eigene Computerabteilung. Dort sah ich zum ersten Mal den guten alten „Brotkasten“ Commodore 64 und im Vergleich mit der mir vertrauten Atari Konsole ganz neuartige Spiele wie Fort Apocalypse, Gridrunner, Falcon Patrol oder das legendäre International Soccer.

Ich habe gefühlt meine letzten Sommerferien im Jahr 1983 wohl komplett bei Videomagic verbracht. Das war zu dieser Zeit meine zweite Heimat, viele der Sachen die ich dort kaufte, besitze ich heute noch. Ich kann mich gut daran erinnern, dass 1983 ein wirklich heißer Sommer war, vor allem, weil es im Untergeschoss von VideoMagic immer so schön kühl gewesen ist. Außerdem gab‘s dort einen neuen Cola-Automaten. Damals habe ich mit Freunden aus München (die ich ebenfalls von VideoMagic kannte) Pitfall! durchgespielt, von einem bekam ich dann auch die Pitfall!-Karte, bzw. hab sie von ihm abgemalt. Kopieren war zu teuer, als Schüler war Zeit einfach billiger …

Guido Frank, Februar 2020

Manche Produkte verkaufte VideoMagic sogar ganz exklusiv, zum Beispiel spezielle 5 ¼ Zoll Disketten in verschiedenen Farben, einen sehr hochwertigen Arcade-Joystick oder ein eigenes Fernsehgerät mit einer eingebauten VCS Konsole. Für solche Innovationen war man hier immer an der richtigen Stelle. 

Natürlich dauerte es nicht allzu lange, bis einige Eltern und öffentliche Institutionen anfingen, gegen das unkontrollierte Treiben der doch noch meist minderjährigen Besucher vorzugehen. Auf Anregung vom Stadtjugendamt München griff dann aber im Herbst 1984 das zuständige Kreisverwaltungsreferat überraschend hart durch. Die hauseigenen Spielkonsolen wurden alle als „jugendgefährdend“ eingestuft und die Geräte von den Behörden umgehend verplombt. Erst einige Tage später erfolgte wieder eine Freigabe, allerdings nur unter sehr umfangreichen Auflagen.

Welche amtlichen Beschlüsse VideoMagic im Einzelnen zu erfüllen hatte und was damals wirklich ganz genau passiert ist, erzählte der Geschäftsführer Oliver Trunk kurz danach in einem Interview mit einer regionalen Münchner Computerzeitschrift. 

Ein Interview mit Oliver Trunk von VideoMagic. (Bild: Guido Frank)
Ein Interview mit Oliver Trunk von VideoMagic. (Bild: Guido Frank)

Von da an verteilte man die beliebten „Fun-Chips“ kostenlos nur noch an die über 14-jährigen Spieler. Erklärtes Ziel war ja nicht die Betreibung einer Spielhalle, sondern in erster Linie der Verkauf von Konsolen, Homecomputern und deren Modulen. Aber natürlich konnte VideoMagic unter solch erschwerten Bedingungen, die ja das ganze Geschäftsmodell in Frage stellten, nicht mehr erfolgreich funktionieren. Die Besucherzahlen zeigten sich aufgrund der Verbote zwangsweise stark rückläufig, der Umsatz ebenfalls, und so entschied der Inhaber leider schon nach wenigen Monaten, den Laden endgültig zu schließen.

Nach dem offiziellen Ende als Geschäft verkaufte VideoMagic unter dem Pseudonym „Fun-Tastic“ weiterhin Computerspiele als reines Versandunternehmen über diverse Zeitungsanzeigen. Diese Werbung erschien in allen großen Fachzeitschriften wie der Telematch oder ab 1986 in der ASM. Was sich aber daraus in den Folgejahren noch entwickelt hat, ist mir leider nicht mehr im Detail bekannt.

Unerreichte Atmosphäre

Später übernahm ein Discountladen für T-Shirts die ehemaligen Geschäftsräume in der Münchner Sonnenstraße, teilweise sogar mit der alten Originaleinrichtung. Die zentrale Lage sorgte aber letztendlich dafür, dass auch der eigentlich recht moderne Bau nach einigen Jahren komplett abgerissen und durch einen neuen Glaspalast ersetzt wurde.

Wie so oft bleibt nur noch die eigene Erinnerung an einen einzigartigen Ort und die vielen schönen Stunden, die ich damals dort verbrachte.

Selbst im Vergleich mit den modernen Elektro-Discountern und ihren riesigen Fachabteilungen ist VideoMagic dank seiner unglaublichen Atmosphäre bis heute unerreicht geblieben. Ich habe nie wieder einen ähnlich beeindruckenden Spieleshop gesehen.

VideoMagic war nicht nur ein großartiger Laden, sondern vor allem ein wichtiger Treffpunkt für die süddeutsche Gamer-Szene in den frühen 80er Jahren. Damit hat sich VideoMagic mit Sicherheit einen Ehrenplatz in der „Hall of Fame“ der Video- und Computerspiele verdient. Auch wenn sich wohl nur noch die ganz alten Konsolenfans aus dem Raum München an dieses besondere Fachgeschäft erinnern werden.

Kennst du das Münchener Ladengeschäft VideoMagic noch? Oder hast du vielleicht davon gehört? Dann würden wir uns sehr über einen Kommentar von dir zum Beitrag freuen!

Bildergalerie

Nun folgt noch eine kleine Bildergalerie zu VideoMagic. Alle Fotos stammen aus meinem Privatbestand und sind mit Sicherheit Raritäten. Viel Freude bei einer kleinen Reise zurück ins Jahr 1983.

Überarbeitete Originalfassung vom 29.09.2002

TobiStephan Ricken

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Kommentare6

  1. Hallo! Das Video Magic gab es auch bei uns in Nürnberg damals eine kurze Zeit lang. Es war in der Gostenhofer Hauptstraße ( dies ist eine Seitenstraße am Plärrer ).
    Leider gibt es dazu keine Informationen. 🙁 Ich weis nur noch das der Betreiber (in Lizenz?) von Video Magic, seine Spiele danach vom Keller seines (Eltern?) Hauses eine Zeit lang weitervertrieb.

    Tobi
  2. Lieber Guido!

    An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für Deinen wunderbaren Artikel und Deinen Beitrag zur Bewahrung der Erinnerung an diesen magischen Ort im Herzen Münchens. Den Namen trug der Laden mit Sicherheit zu Recht – er hätte auf mein 13 oder 14-jähriges Ich eine magische Anziehungskraft entfaltet. Leider war diese damals in 800km Entfernung nicht mehr zu spüren und so musste ich mit der Quelle-Niederlassung unserer Kreisstadt oder mit dem Karstadt in Münster oder Osnabrück Vorlieb nehmen. Das VideoMagic nahm sich dagegen wie ein Ort auf einem anderen Planeten aus, das kann man Deinem Bericht und dem Bildmaterial bestens entnehmen. Es ist ein Jammer, dass dieser magische Ort nur für so kurze Zeit leuchten durfte. 🙁

    Liebe Grüße aus Augsburg,

    Stephan

    TobiAndré Eymann
  3. Hallo Guido,
    vielen Dank für diesen schönen Bericht. Leider habe ich dieses Haus nie erlebt, da nicht nach München gekommen, aber ich kann mich an was Ähnliches erinnern, als ich diese Funchips gesehen habe: Es muss ums Jahr 1987 gewesen sein, als meine Familie auf die Idee kam, 2 Wochen Urlaub in Rimini zu machen. Mit Algenpest. Da man nicht am Strand schwimmen konnte, erkundete ich die Gegend & fand gegenüber des Hotels eine kleine Spielhalle, vor der eine alte Frau saß, die für 500 Lire (ca. 50 Pfennige damals) eine Handvoll solcher Funchips mit Loch (allerdings aus Aluminium) verkaufte, mit denen man dann innen die Automaten füttern konnte. So ging das Taschengeld drauf in diesem dunklen, heißen Schlauch an Laden…

    TobiStephan RickenAndré Eymann
    1. Hallo Susanne,
      ein guter Hinweis, jetzt wo Du diesen Vergleich erwähnst, fällt mir die Ähnlichkeit mit den Videomagic Fun-Chips ebenfalls auf. Natürliche kenne ich auch die sogenannten „Tokens“ aus der Spielhalle. Besonders in Italien und den USA konnte man oft nur mit den hauseigenen Münzen, bzw. Chips an den Automaten spielen. An der italienischen Adriaküste gibt es heute noch zahlreiche Spielhallen, bei denen die Besucher zuvor ihr Geld umtauschen müssen. Warum aber dieses System überhaupt etabliert wurde, kann ich gar nicht genau sagen, eine wirklich interessante Frage. Entweder hat es irgendwelche rechtliche Hintergründe oder die Betreiber hoffen damit, dass die Spieler eventuell mehr Geld ausgeben als sie eigentlich möchten.

      André Eymann
  4. Oh sweet Memories 😍 meine Freunde und ich sind damals im Sommer 83 während der Sommerferien vom Westallgäu nach München mit dem Zug. Unsere Eltern haben uns für verrückt erklärt 😂😂😂 Erfahren haben wir von der Existenz dieses fabelhaften Geschäfts nur durch eine Anzeige im Münchner Merkur, den meine Oma abonniert hatte 😃
    Wir sind dann früh um 6 mit dem ersten Zug Richtung München und abends zurück 😂 Die Tour haben wir so drei- oder viermal gemacht. Zwei von uns haben dort später auch Videospielkonsolen gekauft. Hach, das war eine wunderschöne Erinnerung!!!

    TobiStephan RickenAndré Eymann
  5. Vielen Dank für deinen Zeitzeugen-Bericht!
    Dass VideoMagic mal eben 50 Bildschirmplätze zum Testen zur Verfügung hatte, alle Achtung…
    Schade, dass das Konzept im Eifer der Behörde so schnell demontiert wurde und damit dem – in jeder Hinsicht – neuen Shop sogleich der Todesstoß versetzt wurde. “Die ham wohl zu lang deitsch g’lernt!” 😉
    So viele Belege, wie du hier mit eingebracht hast, wirklich schön.

    Kurzer Schwenk: Wenn ich mir vor Augen führe, was damals alles schnell verboten oder zumindest eingeschränkt wurde (wie dein Text ja auch in gewisser Weise widerspiegelt), oder ganz schnell auf dem Index gelandet ist und das dann mit der Brutalität in den Spielen und Filmen heute vergleiche, finde ich den Wandel der Zeit schon wirklich erstaunlich. Nicht unbedingt im positiven Sinn, aber das ist meine ganz persönliche Meinung.

    Zurück zu deinem Beitrag: Herzlichen Dank! Etwas melancholisch stimmt es mich immer, wenn ich auf solche Berichte über Vergangenes blicke, wie ich auch auf alte Häuser blicke, die bald mit der Abrissbirne kuscheln werden. Ich finde es schade, was uns damit alles verloren geht und auch schon ging.
    Umso schöner aber, dass wir das Erlebte hier konservieren dürfen 🙂

    Stephan RickenAndré Eymann