Was bleibt von Familie Finch?

Veröffentlicht in Spielebesprechungen, Videospielgeschichten
Mit Kommentaren von Lenny, Dennis Gerecke, Tobi, Nadine, Alexander Strellen, Farmer Slide Joe Bob, André Eymann

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um den Tod insbesondere von Kindern.

Schon von weitem konnte sie das Haus zwischen den Bäumen sehen. Das Haus, welches so viele Erinnerungen beherbergte und noch mehr Geheimnisse. Seit vielen Jahren war Edith Finch nicht mehr hier gewesen. Doch als letzte lebende Nachfahrin der Familie Finch gehörte ihr nun dieses Anwesen.

Dem Weg durch den Wald weiter gefolgt erhob sich das Haus, das eigentlich mehrere Häuser in einem war, vor Edith. Eine Mischung aus Bedrohlichkeit und Geborgenheit ging davon aus. Alles, was Edith bei sich hatte, war ein kleiner Schlüssel, von dem sie nicht wusste, welche Tür er öffnen würde. Auf dem Weg zur Haustür kam sie an den Beeten vorbei. Alles machte den Eindruck, als wären die Bewohnerinnen dieses Hauses nur kurz weg und würden gleich wiederkommen.

Wie Edith erwartet hatte, war der Schlüssel, den sie bei sich trug, nicht der für den Haupteingang. Suchend ging sie um das Haus herum und fand eine Seitentür mit eingebauter Hundeklappe. Nachdem auch der Versuch erfolglos blieb, diese Tür zu öffnen, war der Weg durch die Klappe der einzige ins Haus hinein. Edith wunderte es nicht. Seit jeher musste das Haus auf verschlungenen Pfaden erobert werden und manche Türen waren ihr bis heute verschlossen geblieben.

Nachdem sie sich durch die Klappe gezwängt hatte, stand Edith in der Küche. Auch hier war noch alles so, wie sie es damals zurückgelassen hatte, als sie das Haus Hals über Kopf verlassen hatte. Auch die anschließenden Räume machten den gleichen Eindruck auf sie.

Seit wievielen Jahren war niemand mehr hier gewesen? Überall standen Bücher und Kartons herum. Als ob die Menschen, die dort gewohnt hatten, mit einem Fingerschnippen verschwunden wären. Wenn Edith darüber nachdachte, war es eigentlich auch so gewesen. Als sie damals das Haus verlassen hatte und ihre Uroma ein letztes Mal gesehen hatte. Edie, die letzte Hüterin des Finch-Anwesens und der Finch-Familie.

Die Familie Finch war, wie auch dieses Haus, keine normale Familie. Weniger der Realität zugewandte Menschen würden sagen, die Familie Finch sei verflucht, und wenn man die Finches fragen könnte, würden sie sicher zustimmen.

Odin, der Erste der Familie Finch, war damals aus seiner Heimat Norwegen in dieses Land gekommen. In der Hoffnung, dem Schicksal zu entfliehen. Doch dem Schicksal konnte man auch fern der Heimat nicht entkommen.

Edith erkundete die Räume gleichzeitig als Fremde und als Bewohnerin, die jeden Winkel kannte. Immer weiter führte sie das Haus in sein Innerstes, in seine Geheimnisse, die es seit Generationen in sich aufnahm.

Eines dieser Geheimnisse fand Edith im Tagebuch von Molly Finch. Mehr aus Spaß versuchte Edith den Schlüssel am Schloss des Tagebuches. Natürlich passte er und natürlich war es nicht nur ein normales Buch. Es war der Eingang in das Zimmer von Molly Finch. Ihr Zimmer wirkte, wie auch die anderen Räume, so, als wäre Molly nur eben eine Freundin besuchen.

Dabei war Molly schon lange fort. Sie wurde 1937 geboren und war die erste Tochter von Edie und Sven Finch. Da jedoch die Nachfahren der Finch-Familie nicht vom Glück gesegnet waren, starb Molly schon im Alter von zehn Jahren. Das Haus aber hielt ihr Andenken am Leben.

Als Edith das Zimmer untersuchte, wirkte es wie Fügung, dass sie den Eintrag von Molly fand und darin etwas las, was Edith nicht verstand.

Molly war ohne Essen ins Bett geschickt worden. In der Nacht wachte Molly aber auf. Sie hatte einen unbändigen Hunger. So groß war der Hunger, dass sie die alten Essensreste ihres Hamsters aß. Doch das genügte ihr nicht. Sie brauchte mehr. Auf der Suche nach weiterem Essen öffnete sie ihr Fenster und war plötzlich eine Katze.

Als Katze folgte Molly einem Vogel durch die Äste und über die Dächer des Hauses. Der Hunger trieb sie voran und den Vogel in die Enge. Mit dem finalen Sprung war Molly dann aber keine Katze mehr. Sie war jetzt eine Eule auf der Jagd nach Beute. Zwei Hasen waren ihr aber immer noch zu wenig. Also wurde sie zum Hai auf der Jagd nach Robben. Doch auch das reichte Molly nicht. Sie wurde zu einer riesigen Schlange an Bord eines Schiffes, dass die Besatzung eine nach dem anderen auffraß. Der Hunger aber blieb unbändig.

Wieder an Land führte sie der Weg durch die Kanalisationen, bis sie schließlich aus einer Toilette herauskam. Es roch nach Nahrung und auf einmal war sie wieder in ihrem kleinen Zimmer. Molly war wieder Molly. Aber etwas war unter ihrem Bett und es hatte Hunger.

Edith wusste nicht, was sie davon halten sollte. War das alles nur die Phantasie eines kleinen Mädchens oder steckte ein Funken Wahrheit darin? Zumindest schien es ihr nicht gänzlich unwahrscheinlich.

Auf dem Weg durch das Haus entdeckte sie weitere Geheimnisse. Weitere Geschichten, die ihre Vorfahren erlebten, und Schicksale, die die Familie Finch trafen und die das Haus in sich aufnahm und aufbewahrte. Edith kam es so vor, als wäre das Anwesen ein weiteres Familienmitglied, das unbemerkt von allen dort lebte und als Chronist der Familie Finch fungierte.

All diese Geschichten entdeckte Edith nach und nach und mit jedem weiteren Leben, was in diesen Wänden gelebt wurde, begann sie mehr und mehr daran zu glauben. Sie erlebte die Tragödien, die erlitten wurden. Sie erfuhr von Mollys Geschwistern. Barbara, ein gefeierter Kinderstar. Calvin, der unbedingt fliegen wollte. Von Walter, der sich so tief in das Haus zurückgezogen hatte, dass man ihn vergessen hatte. Nur das Haus vergaß niemanden.

So auch nicht die Tragödie, die Ediths Großvater Sam und seine Frau ereilte. Edith las davon in den Scheidungsdokumenten von Sam und Kay und erfuhr so, was aus Gregory wurde und wie kurz sein Leben war.

Gregory war noch ein Baby. Als die Tragödie seinen Lauf nahm, saß Gregory in der Badewanne. Er spielte friedlich mit seinen Spielsachen und war glücklich in seiner Welt. Seine Mama nahm er kaum war, als sie ihn aus der Wanne holen wollte. Dass das Telefon klingelte registrierte er genauso wenig. Doch seine Mutter ließ ihn noch weiter in der Badewanne. In Gregory’s Welt hüpfte sein Spielzeugfrosch immer höher und je höher er sprang, desto mehr Freunde brachte er für Gregory mit. Da war Familie Quietscheente und der riesige blaue Wal. Sie alle kamen zu ihm. Wie toll!

Der Wal half dem Frosch noch höher zu springen. Immer höher hinaus aus der Wanne auf den Beckenrand und noch weiter. Weiter zum Hebel, der noch mehr Wasser in die Badewanne brachte. Das Wasser stieg und stieg, doch Gregory war in seiner Welt. Ebenso wie seine Mutter, die immer noch telefonierte.

Gregory wurde nur ein Jahr alt. Sam machte seiner Frau Kay nie Vorwürfe, aber sie konnten nicht mehr zusammen sein.

Das Schicksal meinte es auch weiterhin nicht gut mit Sam und seiner Familie. Auch Sams ältestem Sohn war kein langes Leben vergönnt. Er starb fünf Jahre nach seinem Bruder Gregory mit nur 13 Jahren. Nur Sams Tochter Dawn, Ediths Mutter, war ein längeres Leben möglich. Länger zumindest als das ihres Vaters. Er starb auf einem Jagdausflug mit Dawn. Er wurde 33 Jahre alt.

Je weiter Edith ihre eigene Familiengeschichte ergründete, desto mehr wurde ihr klar, wie wenig sie eigentlich über ihre Vorfahren wusste. Dabei war sie selbst von Schicksalsschlägen nicht verschont geblieben. Als jüngste von drei Geschwistern war Edith schon früh mit dem Tod in Verbindung gekommen. Ihr Bruder Milton starb, da war sie gerade einmal fünf Jahre alt.

Wie alle Tode in der Finch-Familie umgab auch Miltons Tod ein Geheimnis, das wohl nur das Haus kannte und sicher verwahrte. Milton wurde nur elf Jahre alt.

Ediths Bruder Lewis hatte der Tod seines Bruders besonders schwer getroffen. So sehr, dass er sich immer weiter in seine eigene Welt zurückzog. Was am Ende mit Lewis passierte, erfuhr Edith durch ein Schreiben von Lewis’ Therapeutin.

Um Lewis aus seiner Welt zu holen, besorgte seine Mutter einen Job in der Fischfabrik. Es war eine simple, eine monotone Arbeit. Und er erledigte sie in voller Zufriedenheit seines Arbeitgebers. Alle dachten sich, dass Lewis auf dem Weg der Besserung war.

Lewis verirrte sich jedoch immer weiter in seinen Gedanken. Einem Labyrinth aus dem es kein Entkommen gab. Die Arbeit in der echten Welt verrichtete er automatisch, doch er nahm sie kaum noch wahr. Seine Welt war wichtiger geworden. Sie war besser als die andere Welt. Hier war er der Held. Der der gewann. Menschen begeistern konnte, Länder eroberte und schließlich zum König seines Gedankenimperiums wurde. Lewis starb mit 22 Jahren.

Es sollte der letzte Tod sein, den das Anwesen in sich aufnahm. Nach dem Tod ihrer beiden Söhne wollte Ediths Mutter nicht mehr dort wohnen bleiben. Sie hatte zu viele Familienmitglieder verloren. Nur Ediths Uroma Edie weigerte sich standhaft, das Haus zu verlassen, und ging in die Geschichte des Hauses und der Familie Finch ein.

Sieben Jahre später stand Edith nun hier. Mit dem Gepäck der vergangenen Leben und dem Leben, das in ihr heranwuchs. Was würde sie ihrem Kind hinterlassen? Was würde sie dazu beitragen? Konnte ihr Kind unbelastet ins Leben starten? Was würde von Edith Finch bleiben?

Das Originalskript des Beitrags

Anmerkung von Videospielgeschichten: Lenny schreibt seine Texte handschriftlich, bevor sie in den Blog übertragen werden. Das finden wir so schön, dass wir hier das ursprüngliche Manuskript mit euch teilen möchten. Aus den Gedanken, durch die Hand in die digitale Welt – sozusagen “from Pen to Blog”. Für euch.

Dennis GereckeNadineAlexander StrellenFranz ZwerschinaAndré EymannTobi

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Kommentare16

  1. Jetzt wo mein Rechner wieder funktioniert, kann ich endlich einen Kommentar verfassen. Du hast die Geschichte eindrucksvoll zusammengefasst. Für mich, der das Spiel nicht gespielt hat, ist die Zusammenfassung wirklich ergänzenswert. Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, dass du dir Mühe machst und deinen Text zuerst physisch auf Papier überträgst. Natürlich ist es umso besser, wenn ich deine Beiträge am Ende auch gedruckt im Internet lesen darf.

    TobiAndré EymannLenny
    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, Dennis.

      Es freut mich, dass dir mein Text gefallen hat. Hast du denn noch Lust das Spiel selbst noch zu spielen?

      Ich hab oft das Gefühl, dass meine Gedanken vom Stift besser fließen, als auf der Tastatur, weil die meisten Texte in einem durchgeschrieben werden, wenn eine Idee oder ein Konzept genug Substanz gewonnen hat.

      TobiAndré EymannDennis Gerecke
      1. Ich wollte erst einmal die Genrevertreter Gone Home und Firewatch nachholen. Dazu bin ich aber auch noch nicht gekommen. Edith Finch wird also eine ganz Weile warten müssen.

        TobiAndré Eymann
  2. Das ist ein wunderbarer Text! Richtig einfühlsam und toll geschrieben. Ich habe “What Remains of Edith Finch” zwar nie gespielt (und wusste auch gar nicht, worum es überhaupt ging), aber dein Beitrag hat mir das Spiel näher gebracht (und mich auch durchaus neugierig darauf gemacht).

    Ich mag den belletristischen Ansatz deines Textes sehr. Es hat – trotz des doch eher traurigen und tragischen Inhalts – wirklich Spaß gemacht, ihn zu lesen.

    TobiLenny
    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und dein Lob. 🙂

      Vielleicht bekommst du ja noch Lust darauf es selbst zu spielen.

      NadineTobi
  3. Es gab noch eine alternative Version dieses Textes, in dem ich die einzelnen Episoden von Molly, Gregory und Lewis aus der Ich-Perspektive geschrieben habe. Zusammen mit André habe ich mich aber dafür entschieden, dass die jetzige Version die bessere ist. Trotzdem denke ich, dass die alternativen für manche interessant sein könnten. Die Texte wurden noch nicht korrigiert und auch nicht an den restlichen Text angepasst.

    Molly:

    Meine Eltern hatten mich einfach ohne Grund ohne Essen ins Bett geschickt. Dabei hatte ich gar nichts gemacht!
    Es muss mitten in der Nacht sein, doch mein Hunger lässt mich nicht schlafen. Ich habe so einen großen Hunger! Die alte Möhre meines Hamsters sieht so lecker aus. Er kriegt morgen was neues. Aber ich habe immer noch Hunger. So einen Hunger. Hier in meinem Zimmer finde ich kein Essen mehr. Ich muss nach mehr suchen.
    Da am Fenster ein Vogel. Der sieht lecker aus. Schnell das Fenster auf machen. Ich klettere auf die Fensterbank und öffne mein Fenster. Und ich bin nicht mehr ich. Ich bin eine Katze. Wie praktisch. So komme ich noch leichter an mein Essen. Flink folge ich dem Vogel durch die Äste des Baumes und über die Dächer des Hauses. Endlich habe ich den Vogel in die Enge getrieben. Ein letzter Sprung. Und ich bin eine Eule auf der Jagd nach Hasen auf den weiten Feldern. Da ist einer. Im Sturzflug geht es hinab und er ist mein. Endlich. Doch ich brauche mehr. Weiter. Noch ein Hase muss es sein. Ein besonders fettes Exemplar wartet da auf mich. Ich hab aber immer noch so einen Hunger. Ich brauche größere Beute. Ich muss zum Hai werden. Ich bin ein Hai und da sind auch die leckeren Robben. Sie riechen so gut. Durch die Algen schleiche ich mich an und schnappe zu. Ich brauche immer mehr. Als Hai kann ich nicht mehr Essen bekommen. Was bin ich jetzt? Wo bin ich jetzt? Ich bin auf einem Schiff und ich bin eine riesige Schlange. Und ich rieche Beute. Ih folge dem Geruch und komme an seine Quelle. Da ein Mensch. Daher kommt der Geruch. Er ist mein. Alle auf dem Schiff sind meine Beute, bis niemand mehr übrig ist. Nur mein Hunger ist noch da. Der Hunger geht einfach nicht weg. Ich muss runter vom Schiff. Hier gibt es nichts mehr für mich. Durch das Wasser gelange ich in die Kanalisation. Ich folge dem Geruch meines nächsten Opfers und komme aus einer Toilette wieder raus. Weiter folge ich dem Geruch nach lohnender Beute. Das Zimmer kommt mir so bekannt vor. Es ist das Zimmer eines Kindes. Ich verstecke mich unter dem Bett und warte.
    Ich bin wieder ich und ich liege in meine Bett. Was war das für ein komischer Traum? War das alles echt? Es musste echt sein, denn unter meinem Bett lauerte etwas mit unbändigem Hunger und ich würde seine nächste Mahlzeit sein.

    Gregory:

    Es ist Badetag! Das heißt, endlich sehe ich meine ganzen Freunde wieder! Ich freue mich so! Endlich sitze ich in der Badewanne und meine Mama lässt Wasser ein. Mein bester Freund ist schon da. Mr. Superfrosch. Er war der Beste! Er konnte so toll springen. Ganz ganz hoch. Bis in den Himmel und noch höher. Er hüpft immer ganz wild umher. Er ist so ein lustiger Frosch.
    Mittlerweile ist auch Familie Quietscheente zu Besuch gekommen. Die Familie ist sehr nett. Mama Quietscheente war fast so nett wie meine Mama. Mr. Superfrosch versteht sich sehr gut mit ihren Kindern. Sie spielen immer ganz viel miteinander. Heute spielen sie ganz besonders wild miteinander. So wild und ausgelassen, dass Mr. Superfrosch auf den Rand der Badewanne hüpft. Da wohnt auch der große blaue Wal.
    Ich habe immer ein bisschen Angst vor dem Wal, aber ich glaube, eigentlich ist er ganz nett. Zum Glück ist Mr. Superfrosch so mutig.
    Auf seinem Weg zurück, begleitet ihn jetzt der blaue Wal. Er schwimmt erstmal durch das Wasser. Familie Quietscheente und ich halten vorsichtig Abstand. Zum Glück ist meine Mama in der Nähe. Ich glaube da ist sie, aber ich bin mir nicht sicher.
    Mr. Superfrosch kann sich nicht beruhigen. So wild ist er. Er hüpft durch die Familie und ach auf dem blauen Wal hüpft er herum. Hoffentlich tut er ihm nichts. Doch er scheint selbst Spaß daran zu haben. Der blaue Wal hilft ihm sogar noch höher zu springen. Aber Mr. Superfrosch möchte noch höher springen. Wie kommt er noch höher? Der Boden der Badewanne ist zu tief. Wir müssen höher kommen. Wir brauchen mehr Wasser. Mit Hilfe des blauen Wals kommt Mr. Superfrosch wieder auf den Wannenrand und n den Hebel, der noch mehr Wasser in die Badewanne lässt.
    Mit mehr Wasser kann Mr. Superfrosch viel höher springen. Das Wasser steigt weiter.
    Zu Glück können Familie Quietscheente, Mr. Superfrosh und der blaue Wal supergut schwimmen. Das Wasser steigt weiter.
    Ich bin nicht mehr in der Badewanne. Ich bin in einer wunderschönen Unterwasserwelt.
    Und ich tauche.

    Lewis:

    Jetzt musste ich in dieser Fischfabrik arbeiten. Warum denn nur? Meine Mutter glaubte es würde mir besser gehen, wenn ich nur etwas zu tun hätte und die Therapeutin dachte genau das Gleiche. Sie alle wussten nicht, dass es nach dem Tod meines Bruders nie mehr besser werden würde. Mein Drogenkonsum half mir auch nicht. Zumindest nicht in dieser Welt. Hier war nichts mehr, aber ich wollte meine Ruhe haben, also tat ich allen den gefallen und fing an in der Fischfabrik zu arbeiten. Die Arbeit war genauso stupide wie mein Leben hier. Ein Fisch nach dem anderen ging durch eine Hände. Fisch greifen. Fisch köpfen. Fisch greifen. Fisch köpfen. Tagein Tagaus.
    Eine gute Sache aber hatte die Arbeit. Ich hatte meine Ruhe und konnte mich in eine bessere Welt flüchten. Es fing eines Tages an. Während meiner Arbeit sah ich mich plötzlich selbst, wie ich durch ein Labyrinth irre. Was mache ich da? Warum bin ich in diesem Labyrinth? Und wie komme ich da wieder raus. Halb auf die Arbeit konzentriert und halb auf mich selbst im Labyrinth. Ich irre durch die Gänge. Was hat das zu bedeuten? Wie komme ich hier raus? Plötzlich sehe ich einen Ausgang. Meine Arbeit nehme ich immer weniger wahr. Nach dem Labyrinth war ich plötzlich in einer Höhle. Sie war ausgelegt mit einem langen roten Teppich. Ich folgte diesem rauf und runter bis ich schließlich aus der Höhle kam und zu einer Stadt gelangte. Meine Arbeit hatte ich so gut wie vergessen und meine Therapeutin hatte auch nichts dagegen, dass ich lieber in meiner Welt war. Hauptsache ich verrichtete meine Arbeit.
    In meiner Welt aber interessierten sich die Menschen für mich. Ich versammelte immer mehr Leute um mich. Musiker, Händler, einfache Leute. Sie alle folgten mir, bis ich schließlich zu einem Schiff kam. Wie selbstverständlich ging ich auf das Schiff. Schließlich war ich der Käpt’n. Ich segelte immer weiter. Ich eroberte Stadt um Stadt. Ich war wichtig. Ich war beliebt. Und endlich war ich angekommen. Endlich war ich meinem Königreich angekommen. Ich war endlich wer. Meine andere Welt war vergessen. Das war die echte Welt. Das hier war die Realität. Ich stand vor einem riesigen Tor. Ich trat hindurch.
    Warum war ich wieder hier? Warum war ich in der Fischfabrik? Und wer war dieser Mann da, der da stand? Ich musste hier raus. Das war eines Königs nicht würdig. Da. Dort war eine Tür. Hoffentlich kam ich dort raus. Eine Förderband führte direkt darauf zu.
    Endlich war ich wieder zu Hause. In einem riesigen Saal jubelten mir meine Untertanen zu. Ich war gerade rechtzeitig gekommen zu meiner Krönung. Dort oben wartete schon meine Königin. Alles was ich tun musste, war, mein Haupt zu neigen.

    André EymannTobi
    1. Und auch diese Version gefällt mir richtig, richtig gut, Lenny! Ich muss es unbedingt noch mal spielen, zumal es auf der Series X neulich netterweise auch ein 4K Update bekommen hat. Aber auf jeden Fall hat dein Beitrag mein Interesse wieder neu geweckt, denn Grafik ist nicht alles. Molly’s Geschichte hatte wirklich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, was für eine Achterbahn. Aber ich will gar nichts verraten, denn dieses Haus, welches so viele, tragische Geschichten zu erzählen hat, sollte man selbst erkunden. Danke, dass du auch den Alternativtext veröffentlicht hast.

      LennyAndré Eymann
      1. Vielen Dank, Tobi.

        JA das kostenlose Upgrade für die PS5 war auch bei mir der Grund, war ich Edith Finch nochmal einen Besuch abgestattet habe.

        Freut mich, dass dir auch die andere Version gefallen hat. 🙂

        Tobi
  4. Wirklich schön geschrieben, es war spannend diesen Text zu lesen!
    Jetzt weiss ich auch endlich wie die Geschichte mit Molly ausgeht. Ich hatte das Spiel nämlich mal angefangen und im Abschnitt mit dem Hai musste ich abbrechen. Dank Motion-Sickness konnte ich nicht weiterspielen. Die Übelkeit war nicht auszuhalten. Tja, das ist meine Anekdote zu Familie Finch 🙂

    André EymannTobiLenny
  5. Wow, einfach nur WOW.

    Das beschriebene bereitet Gänsehaut auf vielen ebenen, wie Spannung.

    Und das so sehr, daß ich doch wenn das Game im Sale ist mir zulegen sollte und ich kenn nur einige Szenen aus Videos. Ich muss aber dennoch dir großen Respekt für das schreiberische zollen, da ich es sehr sehr gut finde 😀
    Ich wollte beim Lesen noch mehr erfahren, aber dann war schon Ende des Text.

    Sehr gut Lennart 🙂 😀

    André EymannTobiLenny
  6. Lieber Lenny, Dein Text zeigt mir auf gleich zwei Arten eindrucksvoll, was Videospiele heutzutage bewirken können.

    Denn einerseits wird beim Lesen klar, dass es sich nicht zwangsläufig um ein Videospiel handeln muss. Deine Geschichte ist rein literarisch und könnte ebenso gut aus einem Roman oder einem Film stammen. Die Tiefe und das Narrativ berühren und geben Anlass zum Nachdenken.

    Dabei finde ich besonders einige Schlüsselsätze wertvoll:

    Doch dem Schicksal konnte man auch fern der Heimat nicht entkommen.

    Es sollte der letzte Tod sein, den das Anwesen in sich aufnahm.

    Letzteres Zitat stellt die Verbindung des Hauses, das als Metapher für die Heimat, Herkunft oder eigene Familiengeschichte stehen kann, zu Edith heraus. Als zentrales Element spielt es, obwohl passiv, eine prominente Rolle im Spiel.

    Was mir zweitens so gut an Deinem Text gefällt, ist die Art wie Du erzählst. Essayhaft verarbeitest Du das Erlebte in zeitloser Form. Es bringt mich auf den Gedanken Videospiele ebenfalls aus anderer Perspektive beschreiben zu wollen.

    Danke für Deinen tollen Beitrag!

    MichaelLennyTobi
    1. Danke André. 🙂

      Ich hatte dir ja schon an anderer Stelle mal geschrieben, dass die Ausgangsidee dieses Textes war, die Geschichte der Finches aus Sicht des Hauses zu schreiben. Wie verschiedene Generationen kommen und gehen. Das Haus nimmt nämlich einen sehr wichtigen Faktor im Spiel ein. Und ein paar Ausläufer dieser Idee hab ich dann noch in diesem Text verarbeitet.

      André EymannTobi
  7. Was für ein schöner Überlick durch die Reihen der Finch’s, Lenny. Ich mag deinen Stil, wie du hier die Verkettung tragischer Umstände innerhalb der Familie wiedergibst und auch auf Details eingehst, ohne gleich alles zu verraten.
    What remains of Edith Finch war eine unglaubliche – teils auch sehr traurige – Spielerfahrung für mich, dessen Strudel der Tragik mich immer tiefer gezogen hatte und ich – trotz schwieriger Themen – kaum aufhören konnte zu spielen. Das ganze Drama der Familie Finch ist – genau wie das Haus – so unglaublich gut und dicht verwoben und verpackt, dass ich das Spiel für mich als Meisterwerk betitele. Danke für deinen schönen Über-, in meinem Fall Rückblick, Lenny!

    MichaelLennyAndré Eymann
    1. Danke Tobi, für deinen Kommentar.

      Ja das war der schmale Grat den ich handeln musste. Auf der einen Seite die Geschichte wiedergeben, die aber nicht jedes Detail verrät und auf der anderen Seite Highlights und besondere Momente hervorhebt. Ich freue mich, dass es bei dir funktioniert hat. 🙂

      André EymannTobi