Wie ich durch einen Tweet im Keller Erinnerungen erweckt habe

Alexander Strellen am 10.04.2021
In Homecomputer · Videospielgeschichten

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Lesedauer: 5 Minuten
Kommentiert von Alex, Michael, Tim Bartz, Andre.

Es muss vor 29 oder 28 Jahren gewesen sein. Meine Freunde und ich hatten einen kleinen Computerklub gegründet. Wir waren sechs Mitglieder. Als Arbeitsgerät hatten wir den C-64 und C-128 von Commodore im Einsatz. Die Plattform MS-DOS hätte uns zwar auch interessiert, diese Hardware konnte sich aber niemand von uns leisten. Mit 14 oder 15 Jahren waren wir noch Schüler ohne Einkommen.

Die Nachmittage mit dem Klub verbrachten wir mit Pizza, Cola, später Bier und natürlich Computerspielen. Werbung für unseren Klub verbreiteten wird durch die Schülerzeitung. Wir gingen auch alle auf dieselbe Schule. Ein führendes Mitglied in unserem Klub war Redakteur bei der Schülerzeitschrift. Dank ihm gab es dort eine Computerecke. 

Die Schülerzeitschrift reichte uns aber nicht. Wir wollten mehr Aufmerksamkeit bekommen. Eine Klubdiskette mit Public-Domain-Software, Demos und eigenen Inhalten sollte diese Aufmerksamkeit schaffen. Diese wollten wir dann an die Menge verteilen. 

Die eigenen Inhalte bestanden hauptsächlich aus intelligenten Texten, die automatisch abgespielt wurden. Begleitet von tollen Chip-Tune Klängen, hervorgehoben durch witzige Fonts und Effekte wie springende Wörter. Ok, ich bin ehrlich. Die eigenen Inhalte waren in Wirklichkeit geistiger Unsinn, den wir damals cool fanden. Habe ich schon gesagt, dass wir 14 oder 15 Jahre alt waren?

Aber wir hatten auf der Diskette Spiele wie der „Calippo Fresser“. Kennt bestimmt jeder noch.

Jetzt sind wir wieder im Jahr 2020 und es passierte Folgendes …

Ein Tweet weckt Erinnerung

Einer meiner Freunde sendet eine Nachricht über Twitter mit einem Screenshot einer dieser Klubdisketten von damals. Ich antworte ihm, dass ich auch noch eine dieser Klubdisketten hätte. Wenn der Inhalt noch lesbar ist, würde ich ihm die schicken. Mein alter C-64 und die Floppy lagern im Keller. Ich muss die Geräte nur aufbauen.

Auf meine Worte folgen Taten. Der C-64 kommt aus dem Keller, wird entstaubt, aufgebaut und angeschlossen. Tatsächlich existiert an meinem modernen TV noch ein Anschluss für ein Antennenkabel. Die notwendige Floppy ist auch noch schnell aufgebaut.

Ich schalte beide Geräte ein und auf dem TV erscheint das blaue Bild vom C-64. Der Cursor wartet auf Eingaben. Sehr gut. Die Klubdiskette wird in die Floppy eingelegt und ich versuche das Inhaltsverzeichnis einzulesen. Die Floppy läuft an, die LED leuchtet grün, blinkt dann aber nur noch rot und ich bekomme eine Fehlermeldung. Zugriff auf die Diskette nicht möglich. Mist.

Suche nach Fehlern und Alternativen

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Floppy defekt oder Diskette defekt. In der alten Diskettenbox sind noch weitere Disketten. Lesbar ist aber keine davon. Ich habe sogar noch OVP-Leerdisketten. Diese kann ich aber nicht mal formatieren. Das ganze Zeug ist für lange Zeit widrigen Temperaturen im Keller und auf dem Dachboden ausgesetzt gewesen. Für die empfindlichen Disketten denkbar ungeeignete Bedingungen. 

Ich schraube mal die Floppy auf, reinige den Lesekopf und schau, ob sich die Mechanik leicht bewegen lässt. Das sieht alles gut aus. Ein paar Tropfen Öl können trotzdem nicht schaden. Hilft aber alles nicht. Die Disketten kann ich nicht lesen.

Der viereinhalb Jahre alte Sohn fragt sich inzwischen, was das für komische Geräte sind und was der Papa damit macht. Ich vertröste ihn auf später. Das treibt die Spannung in die Höhe.

Ein guter Freund, der sich deutlich besser mit dem Thema auskennt, gibt mir die oben genannten Tipps zur Fehlersuche und bringt mich zeitgleich auf die Idee, ein SD2IEC zu kaufen. Dann kann ich wenigstens Dateien vom PC auf eine SD-Karte kopieren und habe einen Ersatz für die Floppy. 

SD2IEC in Aktion. (Bild: Alexander Strellen)
SD2IEC in Aktion. (Bild: Alexander Strellen)

Die Klubdiskette sende ich mit der Post zu meinem Freund. Er hat noch eine funktionierende Floppy im Besitz und probiert sein Glück. Tatsächlich kann er ein paar Daten von der Diskette lesen. Hat aber auch etliche Lesefehler. Zumindest ein Teilerfolg. Mit der Diskette ist er erst mal glücklich.

Ich für meinen Teil bringe die Floppy wieder in den Keller. Die Zeit der Disketten für den C-64 ist eh abgelaufen. Neue Disketten werden meines Wissens nicht produziert und auf dem Kleinanzeigenmarkt gibt es welche für horrende Preise. Ohne Garantie, dass diese noch lesbar sind. Mit meinem SD2IEC werde ich mich jetzt mal vertraut machen. Für den Wiedereinstieg ist das eine interessante, günstige Basis.

Auf der mitgelieferten SD-Karte sind erfreulicherweise ein paar alte Spiele dabei. Also zuerst mal „The Great Giana Sisters“ oder „Space Taxi“ starten und Spaß haben. 

Bildstörungen sind Kleinigkeiten

Tatsächlich funktioniert auch fast alles ohne Probleme. Sogar der Joystick Competition Pro arbeitet noch zuverlässig. Das Bild macht aber Probleme. Ab und zu verliert der TV für ein paar Sekunden das Bildsignal. Das ist beim Spielen natürlich störend.

Hier kann mir aber wieder mein Freund aushelfen. Er ist so nett und lötet mir ein passendes Kabel für den S-Video-Eingang am TV. Dann muss ich das Antennenkabel nicht mehr benutzen. Nach ein paar Tagen kommt das Kabel mit der Post und jetzt funktioniert wirklich alles tadellos. Ich werde mir jetzt noch ein neues Netzteil besorgen. Wäre schade, wenn das alte irgendwann kaputtgeht und beim Ausfall vielleicht durch einen Kurzschluss noch die Elektrik vom C-64 beschädigt. Im Moment zeigt es aber noch keine Ausfallerscheinungen.

Der viereinhalb Jahre alte Nachwuchs hat inzwischen auch Freude am Abenteuer von Giana und ihrer Schwester gefunden. Versteht aber noch nicht wirklich, was da am Bildschirm passiert und wie er das Geschehen beeinflussen kann.

… und dann kauft der ein Spiel?

Jetzt ist aber was anderes passiert. Ich habe mir doch tatsächlich ein neues Spiel für den C-64 gekauft. Vor wenigen Wochen ist Zeta Wing erschienen. Ein SHMUP mit vertikalem Scrolling, entwickelt von Sarah Jane Avory. Das Spiel gibt es zu einem fairen Preis bei itch.io zum Download. Ich hatte mir den Trailer angeschaut und sofort gedacht, das könnte mir gefallen.

Die .D64 Datei ist schnell runtergeladen und nach einem ersten Test im Emulator schnell auf die SD-Karte kopiert. Das Spiel läuft ohne Probleme mit dem SD2IEC als Floppy.

Ich halte also fest: Während sich alle anderen streiten, ob die PS5 oder die Xbox Series X jetzt die bessere Konsole ist, habe ich wieder Spaß mit meinem C-64. 

Nachtrag: 

Inzwischen ist auch das neue Netzteil eingetroffen. Ich hab mich für ein Modell von www.c64psu.com entschieden. Im Internet gibt es viele Anleitungen für Bastler und es gibt auch mehrere Händler, die ein fertig gebautes Netzteil verkaufen. Vieles davon klingt dubios und mit meinen mangelhaften Kenntnissen in Elektrotechnik sehe ich von einem Selbstbau ab. Über das C64PSU hatte ich in einem Forum überwiegend Gutes gelesen und probiere es jetzt einfach mal aus. Im Moment funktioniert der C-64 damit und ich sehe keinen Grund, jemanden davon abzuraten.

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Von Alexander Strellen

Jahrgang 1977 und mit 13 Jahren das erste Mal mit Videospielen in Kontakt gekommen. Erstkontakt war ein Intellivision. Ab diesen Zeitpunkt waren Video-/Computerspiele ständig ein großer Teil meiner Freizeit. Aufgewachsen im Fürstentum Lippe-Detmold wohne ich nun in der Südeifel. Wenn ich mich nicht mit Video-/Computerspielen beschäftige, dann findet man mich am Nürburgring, mit einem Comic auf der Couch oder da wo meine Kinder sind. Während der American Football Saison schaue ich mir auch gerne ein Spiel im TV an. Die Kinder bekommen, neben dem Beruf, im Moment die meiste Zeit. Meine bevorzugten Genre sind RPG´s und Rennsimulationen.

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