Asteroidenjagd in Hamburg! – Die Atari-Weltmeisterschaft von 1981

Guido Frank am 11.10.2021
in Videospielgeschichten

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Lesedauer: 7 Minuten
Kommentiert von: Michael, Guido, Tobi, Thorsten Weiskopf.


Die Hansestadt Hamburg zählt ohne Frage zu den schönsten Städten Deutschlands. Mit ihren Sehenswürdigkeiten wie der Speicherstadt, der Elbphilharmonie oder dem Hamburger Hafen zieht sie jedes Jahr Millionen von Besuchern in ihren Bann.

Für Retrogamer der ersten Stunde ist Hamburg aber auch noch wegen einer anderen Location besonders interessant. Denn hier eröffnete Atari am 1. März 1980 die erste Niederlassung in Deutschland und sorgte damit, wie schon zuvor in den USA, für den beispiellosen Siegeszug der VCS-Heimkonsole endlich auch in unserer Heimat.

Um die unglaubliche Popularität dieser Spielkonsole weiter voran zu treiben, startete Atari in den USA 1980 eine großangelegte Videospielmeisterschaft mit dem Spielhallenhit Space Invaders.

Landesweit traten nun Videospieler erstmals im Wettkampf gegeneinander an. Rebecca Heineman gewann die Ausscheidungskämpfe in Los Angeles und danach am 10. November 1980 den Wettbewerb der letzten fünf Finalisten in New York mit insgesamt 165.200 Punkten. Eine genaue Spielzeit war dafür anfangs nicht definiert, ursprünglich sollte so lange gespielt werden, bis nur noch ein Teilnehmer übrig bleibt.

Nachdem aber nach circa 105 Minuten immer noch 4 Spieler um den Titel kämpften, wurde die Meisterschaft von der Jury überraschend abgebrochen. Rebecca Heineman hatte die höchste Punktzahl und gilt damit heute offiziell als erste Gewinnerin eines Videospielturniers.

Quelle: ataricompendium.com
Quelle: ataricompendium.com
Quelle: ataricompendium.com
Quelle: ataricompendium.com

Wer mehr über die legendäre Space-Invaders-Meisterschaft von Atari wissen möchte, dem empfehle ich die Netflix-Serie „High Score“. Gleich in Folge 1 berichtet Rebecca Heineman ausführlich über ihre persönlichen Erlebnisse von damals.

Nach der weiter voranschreitenden globalen Expansion des Unternehmens folgte im darauffolgenden Jahr der nächste bedeutsame Schritt: die erste internationale Atari-Videospiel-Weltmeisterschaft, diesmal aber nicht mehr mit Space Invaders, sondern mit der hauseigenen Adaption des Spielhallenklassikers Asteroids.

Bilder der Asteroids-Weltmeisterschaft in den USA

Austragungsort: San Francisco, 10. November 1980, Quelle: atarimania.com

Asteroids war mit Sicherheit eines der besten Heimvideospiele jener Zeit. Als ich es zum ersten Mal zu Gesicht bekam, fesselte mich die unglaublich gut gelungene Umsetzung des Automaten für unzählige Stunden an den Bildschirm.

Die aufregende Asteroidenjagd konnte einem wirklich den Angstschweiß ins Gesicht treiben, man musste schon mächtig aufpassen, um hier nicht die Nerven zu verlieren, insbesondere wenn das feindliche UFO mit einem schrillen Ton zusätzlich auf dem Spielfeld erschien und seine todbringenden Salven auf unser Raumschiff abfeuerte.

1981 existierten auch noch keine Fremdanbieter wie Activision oder Imagic auf dem Markt und deren unvergessene Hits wie River Raid, Pitfall oder Demon Attack sollten alle erst sehr viel später erscheinen. In dieser frühen Ära zählten allein die erfolgreichen Atari-Spielmodule Missile Command, Space Invaders und Asteroids zu den weltbekannten Portierungen aus der Spielhalle.

Am 11. Oktober 2021 jährt sich die deutsche Asteroids-Meisterschaft bereits zum vierzigsten Mal. Also eine gute Gelegenheit, um noch einmal ausführlich darüber zu berichten.

Leider existieren aber kaum Aufzeichnungen über dieses besondere Event, eigentlich finden sich nur ein paar kurze Artikel in den alten Ausgaben des Atari-Club-Magazins.

Torsten Hillmann erreichte 1981 den dritten Platz bei der Meisterschaft in Hamburg, dank seiner persönlichen Erinnerungen können wir euch nach so langer Zeit erzählen, wie dieser erste Wettbewerb in Deutschland damals genau ausgetragen wurde.

Torsten Hillmann erzählt von der Atari-Weltmeisterschaft von 1981 in Hamburg

Ich erinnere mich nicht mehr an die genauen Details, aber irgendwie habe ich damals als 13-jähriger Videospieler von der bevorstehenden Asteroids-Meisterschaft in Hamburg erfahren.

Jeder, der mitmachen wollte, musste zuvor 5 DM an eine Organisation spenden. Die Quittung galt gleichzeitig auch als Eintrittsbeleg für den späteren Wettbewerb. Ich wohnte eigentlich in Süddeutschland, aber mein Vater war sofort bereit, mit mir zusammen in einem VW-Campingbus dorthin zu fahren.

Am Tag der Meisterschaft ging es dann quasi auch direkt mitten in der Nacht los. Ich hatte ja im Fahrzeug zum Glück ein Bett zur Verfügung, in dem ich noch etwas schlafen konnte, allerdings kamen wir am Ende eigentlich viel zu früh in Hamburg an.

Als wir den Austragungsort der Meisterschaft erreichten, waren ich und auch mein Vater anfangs etwas enttäuscht, als wir sahen, wie klein das Haus von außen erschien. Wir rechneten eigentlich eher mit einer großen Location wie einer Sporthalle. Aber nein, es war doch recht familiär. Auch innen war, soweit ich mich erinnern kann, nur ein schmaler Flur, welcher zu einem Wettbewerbsraum im hinteren Bereich des Hauses führte.

Ich schätze, der Wettbewerbsraum hatte so circa 40-50 Quadratmeter und es standen ein oder zwei VCS-Spielgeräte zur Verfügung. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber es waren keinesfalls mehr als zwei Atari-Konsolen aufgebaut. Wir gingen hinein und waren tatsächlich die ersten Teilnehmer.

Zunächst unterhielten wir uns mit einem netten Atari-Mitarbeiter. Er sprach zwar Deutsch, aber ich glaube, er war ein Amerikaner. Danach startete ich ein erstes Testspiel. Als er mich relativ lange spielen sah, meinte der Mitarbeiter etwas besorgt: „Hoffentlich spielen nicht alle so lange wie du.“ Danach verließen wir aber dann noch mal das Haus und gingen zuerst etwas essen, um später wieder pünktlich zum Beginn der Meisterschaft zurückzukommen.

Erst am Nachmittag startet die offizielle Asteroids-Meisterschaft um circa 14 Uhr. Anfangs waren wohl nur geschätzte 25 Besucher und Teilnehmer im Raum.

Mit Anspannung zum Highscore

Es ging also los … aber keiner wollte jetzt der erste Spieler sein. Da mich der Atari-Mitarbeiter schon kannte, meinte er, ich solle doch einfach mal beginnen. 

Na klasse, ich war natürlich nervös, also startete er das Spiel und notierte später die Punkte. Gespielt wurde ohne ein Zeitlimit, allerdings mit einem speziellen Asteroids-Modul, auf dem sich nur das Spiel Nr. 6 befand.

Alle Augen waren nun auf mich gerichtet und es war wirklich totenstill während meiner gesamten Spielzeit. Ich erzielte am Ende sogar einen ganz guten Highscore, immerhin 19.300 Punkte, jedenfalls war ich damit soweit zufrieden.

Das spezielle Modul zur Asteroids Weltmeisterschaft enthält nur das Spiel Nr. 6 (Quelle: atarimania.com)
Das spezielle Modul zur Asteroids-Weltmeisterschaft enthält nur das Spiel Nr. 6. (Quelle: atarimania.com)

Atari hatte für den Wettkampf extra eine Tafel aufgebaut. Hier wurde ich auf dem ersten Platz eingetragen. Danach beobachteten wir noch 4 oder 5 weitere Spieler und gingen dann erneut außer Haus. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon fix und fertig. Vor dem eigentlichen Wettkampf hatten wir ja schon eine weite Reise hinter uns gebracht.

Als wir später erneut eintrafen, waren bereits deutlich mehr Teilnehmer anwesend, vielleicht 60 Personen verteilt auf den Wettbewerbsraum und den Flur, dort stand übrigens ein original Atari-Battlezone-Arcade-Automat. Dieses Gerät ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Auch die Presse erschien jetzt auf der Veranstaltung und führte einige Interviews mit den Spielern. Damals noch mit einem Magnet-Tonbandgerät.

Ich stand bis zu dieser Zeit tatsächlich immer noch als erster auf der Tafel. Und dann, nur circa eine Stunde vor dem offiziellen Ende, betraten zwei relativ erwachsen aussehende junge Männer den Raum und klauten mir, kurz vor Schluss, den ersten und dann auch noch den zweiten Platz. Aber immerhin konnte ich den dritten Platz weiter halten.

Als drittplatzierter Spieler durfte ich mir am Ende als Gewinn drei neue Atari-Spiele aussuchen, bekam aber „hinter dem Rücken“ von dem netten Atari Mitarbeiter noch eine der offiziellen Asteroids-Wettbewerbskassetten geschenkt, mit dem Aufkleber „for contest only“, ein T-Shirt, einen 3D-Button und natürlich auch noch eine Urkunde.

Ich habe das Asteroids-Modul irgendwann vor vielen Jahren leider entsorgt, schon ärgerlich, heute wäre diese Sonderedition zur Atari-Weltmeisterschaft wahrscheinlich viel Geld wert.

Urkunde und der 3D-Asteroids-Button zur Atari-WM von 1981

Dirk Müller holt für Deutschland den dritten Platz bei der Asteroids-Meisterschaft in Washington

Natürlich kann man über die Deutsche Meisterschaft von 1981, aufgrund der lokalen Austragung in Hamburg, durchaus etwas schmunzeln.

Trotzdem: Dieser Wettkampf war tatsächlich die erste überregionale Videospielmeisterschaft in Deutschland und der Anfang für weitere, immer größer werdende Atari-Weltmeisterschaften.

Dirk Müller, der damalige Deutsche Asteroids-Meister, erreichte einen Monat später in den USA mit 123.780 Punkten sogar den dritten Platz im Finale der Weltmeisterschaft.

Für dieses großartige Resultat gratulierte die Atari-Zentrale in einem internen Telex an den Geschäftsführer Klaus Ollmann extra der deutschen Niederlassung.

Noch erfolgreicher lief es für Deutschland ein Jahr später. 1982 holte sich Johann Beiderbeck den Pac-Man Weltmeistertitel in der Seniorenklasse ab 25 Jahre in Paris.

Aber auch Klaus Wolf erreichte in der Juniorenklasse bei Pac-Man immerhin noch Platz 4.

Deutschland zählte zu jener Zeit sicherlich nicht zu den führenden Videospiel-Nationen. Dennoch konnten sich unsere Finalisten immer recht erfolgreich gegen die starke Konkurrenz aus dem Ausland durchsetzen. Was wiederum zeigt, welche außerordentliche Begeisterung und Leidenschaft die Fans hierzulande dem neuen Medium „Videospiele“ damals schon entgegenbrachten.

Johann Beiderbeck in einem tele action-Bericht zur Pac-Man Weltmeisterschaft. (Bild: Ehapa-Verlag)
Johann Beiderbeck in einem tele-action-Bericht zur Pac-Man Weltmeisterschaft. (Bild: Ehapa-Verlag)

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Guido Frank

Meine Begeisterung für Videospiele entstand irgendwann Ende der 1970er Jahre, als ich als kleiner Knirps (Jahrgang 1968) erstmals den großen schillernden Spielautomaten gegenüberstand. Sofort erlag ich der Faszination, die solche Geräte auf mich ausübten. Es folgte der typische Lebenslauf wie für viele Jugendliche der Generation Pong. Nach dem Kauf einer eigenen Konsole nahm ich ab 1983 aktiv an der Atari VCS Bundesliga teil, der weltweit ersten überregionalen Gemeinschaft von Videospielern. Mit dem Commodore 64 erlebte ich die frühe Ära der Homecomputer und wurde dabei langsam erwachsen. Später hieß dann meine beste Freundin Amiga 500. Das Interesse an dem unterhaltsamen Medium hat mich seit damals nicht verlassen. Mit unserer Arbeit möchten wir erreichen, dass diese aufregende Pionierzeit nicht einfach in Vergessenheit gerät.