Das innere Kind

Mit Kommentaren von Andreas Wanda, Hardy Hessdoerfer, Thomas, Alexander Strellen, André Eymann, Tobi.

Die meisten Leser werden selbst seit frühester Kindheit Kontakt mit Computer- und Videospielen haben. Möglicherweise gab es hier und da mal eine Pause, so etwas kommt ja in den besten Familen vor.

Warum aber kehren wir immer wieder zu diesem Hobby, zu dieser Medienform zurück? Ist es die Breite an Charakteren und Genres, die uns angeboten werden oder ein Stück weit das Erhalten des inneren Kindes, dessen Spieltrieb uns kitzelt? Ist es, weil uns der Rechner den menschlichen Spielkameraden völlig ersetzten kann und uns in einsamen Stunden zur Seite steht?

“You can be my princess or you can be my whore” heißt es im Bad Religion Song “I love my Computer”. Das führt das unschuldige Computerspiel schon in recht düstere Bahnen, oder?

Ganz klar: Letztendlich kann jede (übertrieben ausgelebte) Leidenschaft rasch in Isolation enden, aber auf diese Bahnen möchte ich hier gar nicht abbiegen. Viel mehr geht es mir um die nostalgische Komponente. Das viel jüngere Selbst, das ich mir im Spielen erhalte, das mich gleichzeitig aber auch in Kontakt mit so vielen tollen Menschen treten lässt, denen es genauso geht und das einen feuchten Kehricht darauf gibt, welcher Hautfarbe, Glaubensrichtung oder welchem Geschlecht mein Gegenüber angehört.

Für das innere Kind spielen all diese Parameter schließlich keine Rolle: Wir kommen miteinander aus, wir wollen dasselbe Spiel spielen – los geht’s. Wenn alles im Leben so einfach wäre, hätten wir eine Menge Probleme weniger auf der Welt. Natürlich sieht es in der Realität nicht derart simpel aus und freilich lässt sich das komplexe Miteinander der Menschen nicht einfach durch eine große Muliplayer-Runde Mario Kart verbessern, aber mir gefällt der Gedanke, dass es möglich wäre.

Meine Leidenschaft begann irgendwann im Herbst 1989. Die dritte Klasse hatte begonnen und ich saß mit meiner Schwester nach der Schule bei meinen Großeltern. Meine Eltern waren beide berufstätig und so verbachten wir die Nachmittage bis zum Feierabend meiner Mutter bei Oma und Opa, die 500 Meter Luftlinie vom Hort des Wissens entfernt wohnten.

An diesem besonderen Tag trug meine Mutter bei ihrer Ankunft zwei große Tüten in den Händen. In diesen schleppte sie einen C64 samt Diskettenlaufwerk, Joysticks und Software, sowie einen Monitor. Zumindest wenn ich meiner Erinnerung trauen kann, meine Mutter ist zwar eine Löwin von Frau, doch von zierlicher Statur bei 1,50 Meter Körpergröße.

Den neuen Heimcomputer präsentierte sie uns direkt vor Ort und hielt mir auch eine schicke schwarze Schachtel mit zwei bunten Dinosauriern darauf unter die Nase: Bubble Bobble.

Wir wollen dasselbe Spiel spielen – los geht’s. Wenn alles im Leben so einfach wäre, hätten wir eine Menge Probleme weniger auf der Welt.

Hardy Hessdoerfer

Die folgenden Minuten habe ich in sehr lebhafter Erinnerung: Das Betrachten der seltsamen Diskette, das kryptische Eingeben des Ladebefehls (Load “*”,8 – RUN), das Rattern des 1541-II Laufwerks – das waren für mich alles böhmische Dörfer, die schlagartig zu festen Anlaufstellen meiner Landkarte werden sollten.

Dazu trug zum einen bei, dass meine Mutter mit Bubble Bobble ganz klar eines der besten Spiele für den seeligen Brotkasten erworben hatte, zum anderen aber ebenso, dass ich dieses Spiel im Koop mit meiner kleinen Schwester gespielt habe, deren Videospielhistorie ansonsten eher kurz war und erst Mitte der 1990er nochmals kurz mit Phantasmagoria und Titanic: Adventure Out of Time aufflammte.

Damit eröffnete sich für mich aber auch ein ganz neuer Freundeskreis: Plötzlich ergaben sich Gemeinsamkeiten mit Kindern, die eben nicht in meiner Nachbarschaft wohnten oder wie ich jeden Dienstag und Donnerstag zum Judo-Training pilgerten. Wir tauschten Disketten (natürlich mit Demos und Freeware!), diskutierten über die Wertungen der Spielemagazinen und gaben uns gegenseitig Tipps, wie man knifflige Stellen am besten lösen könne.

Auch wenn sich viele Wege im Laufe des Lebens getrennt haben, einige dieser Kontakten pflege ich bis heute. Natürlich sieht man sich längst nicht mehr jeden Nachmittag nach der Schule, sondern bestenfalls einmal im Jahr zu Weihnachten, aber dann ist die Zusammenkunft ebenso verschworen, wie damals.

Das innere Kind habe ich mir also mit Sicherheit bewahrt. Auch wenn das einigen Menschen eher mitleidge Blicke entlocken dürfte, so hat es für mich durchweg positive Seiten. Die wichtigste davon ist, das nichts auf der Welt so ehrlich und bedingungslos ist, wie der Zusammenhalt zwischen Kindern, die sich miteinander verbunden fühlen.

Andreas WandaThomasMichaelAlexander StrellenGerrit LudwigAndré Eymannmore

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Kommentare9

  1. Gut getroffen, Hardy, es war zwar nicht Bubble Bobble sondern Quest for Tires („Das sieht aus wie der Comic!“), aber diesen Moment, da sich zum ersten Mal ein Computer zuhause aufbaut, bleibt natürlich unvergessen. Ebenso Freundschaften mit Menschen, die sich sonst nie ergeben hätten. Schön, dass Bubble Bobble Deinen Einstieg markierte – wo sind sie hin, die Abende in der Familie, da man Olympische Winterspiele, Quiwi oder eben bubbelte und bobbelte? Sie sind unvergessen in unseren Herzen.

    André EymannMichaelTobi
  2. “Bubble Bobble? Nie gehört”, dachte ich. Aber als ich die kleinen Dinos sah, klingelte etwas ganz hinten in einer dunklen Ecke meines Gehirns. Eine kleine Internetrecherche später muss ich mich zur Gruppe derjenigen stellen, die das Spiel schon mal gespielt haben. Wo und unter welchen Umständen, das weiß ich nicht mehr – aber gerade das passt ja ganz wunderbar zu deinem Text:

    Wir kommen miteinander aus, wir wollen dasselbe Spiel spielen – los geht’s.

    So war das damals, als wir bei schlechtem Wetter beim Nachbarn zum Spielen waren. Er hatte welche mit Joystick. Statt Load “*”,8 – RUN musste man den Joystick kryptisch bewegen und irgendwelche Buttons drücken, damit das Spiel startete. Wir hatten ansonsten nicht so viele ähnliche Hobbys, aber beim Spielen war das egal.

    Was in den 80ern neu war, gilt heute unverändert über das Internet. Ich glaube gar nicht, dass wir dafür innerlich Kinder bleiben müssen (wobei das natürlich aus anderen Gründen wünschenswert wäre), weil Spielen zum Leben einfach dazugehört, vom Delfin über die Kuh bis zum Menschen. Wenn wir gemeinsam spielen, dann kann es uns global und über alle Grenzen hinweg verbinden. Ein schöner Gedanke, gerade in diesen Zeiten.

    MichaelAndré EymannTobi
  3. Ich musste ja ein bisschen grinsen bei der Lektüre dieses Textes von dir, Hardy. Eigentlich gehörte ich mit meiner Leidenschaft für Computerspiele zu einer Aussenseitergruppe in der Schule. Damals wurde ich für mein Hobby belächelt und war der “Freak”.
    Heute hat sich mein Blickwinkel verändert. Ich würde sagen, andere Menschen schauen neidisch auf mich. Auch ich habe mein inneres Kind bewahrt und gerade im Umgang mit meinen Kindern kommt das immer zum Vorschein und hilft mir in vielen Situationen. Bubble Bobble ist übrigens auch ein Thema in meiner Familie 😉 .
    Die Verbundenheit durch ein gemeinsames Hobby ist auch bei Erwachsenen ein starker Bund. Wie André schon geschrieben hat: Man sieht es ja den verschiedenen Communitys im Internet. Nicht nur für das Thema Videospiele.
    Mich fasziniert immer wieder, wie schnell sich Türen öffnen, wenn sich plötzlich eine gemeinsame Leidenschaft beim Gesprächspartner zeigt.

    André EymannMichaelThomasTobi
    1. Ich hatte das Glück, dass in meinem Umfeld und an meiner Schule Ende der 80/ zu Beginn der 90er das Spielen schon etabliert war – da wurde man nicht mehr schief angesehen oder ausgegrenzt. Vielmehr war es eben eine tolle Möglichkeit um schnell ins Gespräch zu kommen und via Tausch von Disketten neue Kontakte zu knüpfen. Öhh…DEMO Disketten…ich muss weg

      TobiAndré EymannMichael
  4. Grundgütiger Hardy, was ist das für ein schöner Text! Da steckt so viel Liebe und Leidenschaft drin, dass einem einfach nur das Herz aufgeht. Ich glaube, dass Du mit Deinen Zeilen ein ganz elementares Thema auf den Punkt bringst. Denn die von Dir beschriebene “Verbundenheit” funktioniert – wie auch Tobi es in seinem Kommentar angedeutet hat – auch in unserer digitalen Welt. Man braucht sich nur die Nerdwelten oder VSG anschauen. Hier haben wir Räume geschaffen, in denen wir alle wieder Kind sein dürfen und es auch sind. Hier wird niemand für seine Interessen, sein “Verrücksein” oder eben sein “Andersein” verurteilt. Alle kommen miteinander aus und in der Regel herrscht ausnahmslos Respekt vor einander. Für mich verlängert das meine Kindheit bis ins jetzt und ich hoffe auch für ewig. Denn wie Du schon geschrieben hast: “…nichts auf der Welt so ehrlich und bedingungslos ist, wie der Zusammenhalt zwischen Kindern, die sich miteinander verbunden fühlen.”

    Danke für einen wundervollen Beitrag! <3

    MichaelThomasGerrit LudwigDirk BockstegersTobi
    1. Danke sehr!
      Der Text war auch ein schönes Ausgleich, um mal ein paar persönliche Gedanken zu formulieren. Von daher auch vielen Dank für die möglichkeit diese mit all den netten Menschen hier zu teilen!

      TobiAndré EymannMichael
  5. Lieber Hardy, was für ein schöner Aufruf zu mehr Zusammenhalt, Toleranz und friedlichem Miteinander! Du hast so recht und wir sollten uns alle öfter auf unser inneres Kind besinnen. Dass gerade Bubble Bobble deine erste ernste Begegnung mit dem Medium war, ist richtig schön. Auch ich darf auf viele Stunden unbeschwerte Zeit im Coop mit meinem großen Bruder damals zurückblicken (allerdings am Amiga). Und auch knapp 35 Jahre später lese und schreibe ich von und mit ganz lieben Leuten, die es damals oder später ähnlich erwischt hat. Vielen Dank für deinen Gute Laune Text und euch allen ein schönes Wochenende 🙂

    MichaelGerrit LudwigDirk BockstegersAndré Eymann