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Es gibt da diesen gewissen Punkt im Leben. Die Landmarke, die man immer dann explizit wahrnimmt, wenn man feststellt dass man älter wird und man sich die Vergänglichkeit des irdischen Daseins ins Bewusstsein ruft. Man folgt dem Ruf der Nostalgie, wandert auf den Straßen der Vergangenheit, den Pfaden des eigenen Selbst und höchstwahrscheinlich wird es Ihnen da genau wie mir ergehen: man erinnert sich sehr gerne an die schönen Dinge im Leben. Dinge die uns geprägt haben, berührt und für immer auf unseren Wegen begleiten. Ich bin sicher, dass Sie Ihre eigenen Schlüsselerlebnisse haben, die hat jeder von uns.

Die eine Nacht, diese besondere Nacht die bei mir buchstäblich alles für immer veränderte war der heilige Abend des Jahres 1986. Ich erinnere mich an den Zimtduft der ausgehend von dem Weihnachtsgebäck meiner Mutter den Raum wohlriechend erfüllte, an unsere weiße Kunstleder Couch mit den roten Kissen, an den hochmodernen Röhrenfernseher der im Hintergrund lief und den Raum mit sanften Klängen von Weihnachtsliedern beschallte. Vor allem aber erinnere ich mich an an das glückliche Gesicht meiner Eltern, das Strahlen in Ihren Augen während Sie mir beim Auspacken eines ganz besonderen Weihnachtsgeschenkes zusahen. Willkommen in meiner Straße der Vergangenheit, willkommen 1986, als ich im Alter von neun Jahren das meiner Auffassung nach bis zum heutigen Tage schönste Geschenk meines Lebens bekam: den Commodore 64.

Der Commodore 64: der meistverkaufte Heimcomputer aller Zeiten. (Bild: Stefan Vogt)
Der Commodore 64: der meistverkaufte Heimcomputer aller Zeiten. (Bild: Stefan Vogt)

Der Commodore 64, gemeinhin als „C64“, manchmal „CBM 64“ (CBM steht für Commodore Business Machines) und „VC-64“ genannt, ist der meistverkaufte Heimcomputer aller Zeiten. Das ist Fakt. Es war der Heimcomputer für die Massen und sein weltweiter Erfolg ist bis zum heutigen Tage beispiellos. Nie wieder konnte ein einzelner Computer eine ähnliche Verbreitung erzielen, eine solche Vielzahl von Menschen in seinen Bann ziehen und zugleich eine ganze Generation prägen.

Wir müssen Computer für die Massen bauen, nicht für die Klassen.

Jack Tramiel

Der Commodore 64 war Teil der Popkultur und findet in jeder Reportage über die Achtziger neben dem Walkman und Erno Rubik’s Würfel seinen Platz. Er war erschwinglich, einfach zu bedienen und mit hervorragenden Grafik- und Musik-Synthesizer Funktionen ausgestattet. Fast alle meine Freunde hatten damals einen C64. Ich erinnere mich gerne an unzählige Stunden die ich mit Spielen, aber auch der Programmierung in Basic verbrachte. In der Tat schrieb ich meinen ersten Zeilen Code auf einem C64 und ich möchte keine einzige Minute dieser Zeit missen. Niemand vergisst jemals seine erste Liebe, ich denke in diesem Punkt werden Sie mir alle zustimmen.

Heute sind wir mit unserer Technologie deutlich über dem Level, den wir in den 80er Jahren vorzustellen vermochten. Mit unseren modernen Systemen ist es in der Regel kein Problem ein kleines Tänzchen mit der Vergangenheit zu wagen. Man startet einfach den Emulator seiner Wahl, lädt einen der einschlägigen Klassiker, anschnallen und los geht’s. Während das sicherlich für den ein oder anderen unter uns mehr als genug ist, so wusste ich bereits im Vorfeld dass ein Emulator auf keinen Fall das Verlangen stillen würde, was ich tief in mir verspürte. Das war der Moment als ich beschloss, ein Retro Sammler zu werden. Man könnte das wohl als die „harte Tour“ bezeichnen. Bedenken Sie, wir sprechen hier über Geräte, die vor mehr als dreißig Jahren gebaut wurden.

Sammler können mitunter schräge Typen sein, fortwährend eingefroren in der Zeit oder zumindest im Keller der Eltern. Es muss aber jemanden geben der in die Vergangenheit blickt, damit sie uns nicht für immer entgleitet.

Henry Rollins

Obwohl Millionen Einheiten verkauft wurden, sind heute nur einige wenige davon wirklich gut in Form. Wenn Sie dann ein Gerät finden, dass tatsächlich noch toll in Schuss ist, sollten Sie sich darauf einstellen viel Geld dafür zu bezahlen. Dieser potenziellen Nebenwirkungen war ich mir bewusst, ebenso meiner Ziele: eine C64-Einheit (egal welches Modell), ein Commodore Monitor, eine Auswahl an C64 Peripherie und alles in gutem bis sehr gutem Zustand. Wenngleich das Modell für mich keine Rolle spielte, so sollten der Monitor und der C64 vom Design her miteinander auskommen. Die Würfel waren gefallen. Die Jagd konnte beginnen.

Commodore 1702 Videomonitor

Erwarten Sie nicht, dass einer dieser Monitore nur darauf wartet von Ihnen entdeckt zu werden. Der Retro Enthusiast, der das arme Relikt aus seinem Gefängnis im Speicher des Nachbarhauses errettet und der Bildröhre neues Leben einhaucht, ja sogar Liebe und Beachtung schenkt. Ich gebe zu, das ist eine äußerst schmeichelhafte, romantische Vorstellung. Leider, und das sollte hier in aller Deutlichkeit ausgesprochen werden, fernab der Realität. Der 1702 wurde 1982 eingeführt und bot hervorragende Bildqualität. Es war seiner Zeit weit voraus und obendrein ist er eine wahre Schönheit, auch heute noch. Sammler sind meist auf das klassische „Brotkasten“ Design des C64 konzentriert. Der Commodore 64 hatte diesen Look bis 1986 (die sogenannten frühen Jahre). Video-Monitor Modell 1702 passt in Farbe und Design exakt zum C64 Brotkasten. Es ist tatsächlich der eine, der wesentliche Monitor den jeder Sammler haben möchte. Ich hatte also keine großen Hoffnungen, eben genau diesen Monitor zu finden. Viele Menschen hatten Ihren C64 an einen Fernseher angeschlossen. Es war einfach die günstigere Alternative, wohlgemerkt bei schlechterer Bildqualität. Die Anzahl der verkauften 1702 Monitore ist signifikant geringer als die des Computers, für den der 1702 gebaut wurde. Der Zukauf eines Monitors verdoppelte gerne mal den Gesamtpreis. Nicht jeder konnte sich das leisten. Traurigerweise hat Modell 1702 den schlechten Ruf, nicht gerne zu reisen. Erwerben Sie also den Monitor auf ebay oder auf einer der anderen einschlägigen Plattformen, so ist die Chance recht hoch dass das Gerät kaputt bei Ihnen ankommt.

Wenn Röhrenmonitore aufplatzen, verteilen Sie Ihre Last an Pixeln wie Sand auf dem Boden.

unbekannter Autor, wwwtxt, 1988

Fassen wir das kurz zusammen. Sehr begehrt, nicht viele Einheiten verkauft, schlechte Aussichten einen 1702 Monitor über das Internet zu bekommen. Nicht verzweifeln, es gibt sie in der Tat noch irgendwo da draussen. Leider überwiegend in schlechter Verfassung. Entweder fehlt die Frontklappe welche die Regler zur Regulierung des Bildes verdeckt, es gibt deutliche Verfärbungen, Kratzer, Aufkleber, Bemalungen, die Gitter sind gebrochen, die Lautsprecher defekt und das Original Commodore Kabel zum Anschluss an den 64er fehlt grundsätzlich immer. Einen 1702 mit den üblichen Defiziten zu finden ist nicht ganz so schwer, wenngleich es immer noch eine Herausforderung darstellt. Mein Ziel jedoch war klar bei einem guten bis sehr guten Zustand festgelegt worden. Die geschätzte Wahrscheinlichkeit eines Erfolges für mich wären also… gleich null? Spätere Modelle wie der Commodore 1802 aber auch der 1084 wurden viel häufiger verkauft und sind recht einfach zu finden. Mein initialer Gedanke, besser gesagt meine persönliche Vorstellung einer erfolgreichen Retro Jagd war ein Set aus dem Commodore 1084 Monitor, und passend dazu dem 1986 veröffentlichten C64C, von der Zeitschrift 64er seinerzeit „C64 II“ getauft. Dieses Redesign sollte dem C64 ein seriöseres Aussehen im Verhältnis zum Hombrew Stil des Brotkastens geben. Für mich war das absolut in Ordnung, immerhin hatte auch ich damals den C64C besessen. Obwohl ursprünglich für den Amiga gebaut, ist der Commodore 1084 tatsächlich ein großartiger Monitor für den Commodore 64. Es ist einer dieser Monitore über den man mit Fug und Recht sagen kann: egal welches Gerät aus der 8- und 16-bit Ära man daran anschliesst, es wird definitiv mit dem 1084 funktionieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Manchmal jedoch darf man das Unerwartete erwarten und so kam es, dass ich einen 1702 Monitor fand ohne danach zu suchen. Man könnte sagen der Monitor fand mich.

Commodore 1702 Video Monitor, Zustand: neuwertig. (Bild: Stefan Vogt)
Commodore 1702 Video Monitor, Zustand: neuwertig. (Bild: Stefan Vogt)

Ich suchte ironischerweise zuerst nach dem C64. Ein Bandkollege gab mir vor ein paar Jahren einen als Geschenk, ein frühes Modell (1983) in einem sehr schlechten Zustand. Wenn ich sage schlecht ist das eigentlich noch geschmeichelt. Mir wurde mitgeteilt, ich möge doch nicht nach dem Äußeren schauen, laufen würde er nach wie vor großartig. Beim Anblick dieses von Abnutzungsspuren und Gilb überzogenen Gerätes hatte ich, zugegebenermaßen, deutliche Zweifel. Damals hatte ich auch nicht wirklich das Verlangen den C64 zu nutzen und so landete er sicher verstaut in einer Box im Keller. Glauben Sie mir, ich suchte mindestens zwei Stunden danach und kam letztendlich zu der Erkenntnis, dass in meinem Keller wohl eine Pforte in ein Paralleluniversum existieren muss.

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

Albert Einstein

Anders jedenfalls ließ sich das Verschwinden des nicht mehr ganz so guten Stückes meines Erachtens nach nicht erklären. Besagter Bandkollege ist übrigens Commodore Sammler (hauptsächlich Amiga und C64) und er ist obendrein in der Lage defekte Geräte zu reparieren. Ein Löwenanteil des Wissens was ich mir in den letzten Monaten über Commodore aneignete, vor allem Unterschiede der Mainboard-Assembly, Revisionen, Chips, Chipsätze, stammt von ihm. Er war sehr geduldig mit mir, an dieser Stelle also nochmals vielen Dank für Deine Unterstützung!

Gott sei Dank verfügen wir in Deutschland über ebay Kleinanzeigen. Für einen Retro-Sammler wahrlich ein toller Service, der nach wie vor bei seltenen oder begehrten Objekten die Möglichkeit bietet, ein Schnäppchen zu machen.

Bei der Suche auf Kleinanzeigen fand ich das Folgende: „Wir haben eine C64 hier, machen Sie uns ein Angebot.“ Der Ort war nur 18 Kilometer entfernt, also dachte ich mir dass es einen Versuch wert ist. Es gab keine Fotos, also bot ich 20-60 Euro je nach Modell und Gesamtzustand des C64. Mir wurde freundlich geantwortet dass man keine Ahnung über die verschiedenen Modelle habe und die Einschätzung des Zustandes sollte ich doch bitte persönlich vornehmen, man würde aber meinen dass der Zustand gut sei. Als ich ankam, geleitete mich eine ältere Dame ins Wohnzimmer. Ich sah eine Commodore-Box und mein Herz fing wegen der Vorfreude auf eine Originalverpackung buchstäblich zu rasen an. Jedenfalls die paar Sekunden die es dauerte bis ich feststellte, dass es sich um einen Commodore Drucker handelt. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Zustand war wie neu, aber niemand will heute noch einen Commodore Drucker. Auf der Kartonage des Drucker lag, überaus irritierend, eine moderne PC Tastatur. Die ältere Dame eröffnete mir schnell, sie habe die alte Commodore Tastatur weggeworfen, denn diese habe sich wohl in einem katastrophalen Zustand befunden. Zum Ausgleich würde man mir diese tolle Tastatur dabei geben. Ich war wie erstarrt. Sie hat was getan?! Wissen Sie, in meinem Leben abseits der Liebe und Sammelleidenschaft für Retro Computer arbeite ich im Vertrieb eines großen Konzerns. Ich betreue unsere Kunden im Außendienst und bin im täglichen Dialog mit Menschen. Man könnte also sagen dass Kommunikation zu meinen Stärken gehört. Ich gestehe, dass ich just in diesem Moment feststellte, es hat mich kalt erwischt. Ich, der Mann der großen Worte, wusste nicht mehr was ich sagen sollte. Millionen Gedanken schossen mir durch den Kopf und ich benötigte in der Tat ein paar Sekunden die Fassung zurück zu erlangen.

Es ist seltsam hier. Sehr, sehr seltsam.

unbekannter Autor, wwwtxt, 1985

Freundlich wies ich darauf hin, dass die sogenannte Tastatur in Wirklichkeit der Commodore 64 war. Sie hatte somit genau das weggeworfen, weshalb ich gekommen war. In jedem Fall eine schlechte Basis. Sie war sichtlich geschockt, fragte im Umkehrschluss aber gleich ob ich mich nicht eventuell irren würde. Ihr Mann würde den C64 gerade die Treppe herunter tragen, der wäre doch noch gar nicht im Wohnzimmer. Bitte glauben Sie mir, gerade wenn man meint erneut Herr der Situation zu sein, ist er wieder da: der Moment in dem man einfach nicht weiß was man sagen soll.

Die alles entscheidende Frage war nun eine andere. Wenn der C64 dieser Herrschaften nicht mehr unter uns weilt, was bitte trägt ihr Mann gerade die Treppe herunter? Und so hatte er mich dann gefunden, der Commodore 1702 Video-Monitor, in seiner Originalverpackung und in einem neuwertigen Zustand. Das Gerät wurde seinerzeit für den Sohn gekauft, aber dann nie wirklich genutzt. Der Sohn hatte wohl einen kleinen Fernseher im Zimmer. Weil er gleich mehrere Computer und auch eine Atari Konsole hatte, schloss er alles an dem Fernseher an, das war einfacher. Der Monitor kam also nach ein paar Tagen bereits wieder in seine Box, wurde auf dem Speicher verstaut und sollte dann später wieder hervorgeholt werden. Leider gab es nie ein später, der 1702 wurde einfach nicht mehr gebraucht und geriet irgendwann in Vergessenheit. Welche glücklicher Umstand. Man zeigte mir auch einige Peripheriegeräte in gutem Zustand, wie einen Reset-Schalter, einen Commodore-Netzteil (für einen C64C), einen Commodore Floppy 1541C und eine geschätzte Tonne an 5¼ Disketten.

Computer werden niemals den Platz von Büchern einnehmen. Versuchen Sie doch mal das hohe Regal zu erreichen, während sie auf einer Floppy Disk stehen.

Sam Ewing

Das erste was man im Vertrieb zum Thema Preisverhandlungen lernt, ist die Nachteile des Gegenübers entsprechend auszusprechen, sie zu verdeutlichen um so einen guten Preis zu erzielen. Also erklärte ich sofort, dass man da zwar ein paar tolle Stücke hätte, diese aber nunmal nicht das seien was in der Anzeige beworben wurde. Ich strengte mich so gut ich konnte an, um meine Vorfreude über den Fund eines 1702 Monitors in solch bemerkenswertem Zustand zu verbergen. Ich bot an, denn ich würde das Zeug ja bestimmt loswerden, die Objekte für 40 Euro zu erwerben, nur den Drucker könnten sie behalten. Der Preis war in Ordnung. Aufgrund des fehlenden C64, jedenfalls hatte ich diesen Eindruck, wollten die Herrschaften nicht verhandeln und so packte ich die kleine Schatzsammlung in mein Auto. Bevor ich losfahren konnte winkte mir die Dame aus der Türe und signalisierte ich möchte kurz nochmal zu Ihnen kommen. Ich stoppte den Motor und lief zurück zum Haus. Man bat mich den Drucker doch bitte auch noch mitzunehmen, geschenkt natürlich, den letztlich habe man sowieso keine Verwendung mehr dafür. Gesagt, getan. Ja, mein erster Tag als Retro Jäger war überaus erfolgreich, das gebe ich zu.

Commodore 64

Das Glück über den Fund dieses außergewöhnlich gut erhaltenen Monitors war präsent. Einen faden Beigeschmack hatte es trotzdem, denn nun war ich gezwungen nach einem alten Brotkasten zu fahnden. Es ist ja nicht, dass ich den Charme des Brotkastens nicht zu schätzen weiß, das Gegenteil ist der Fall. Dennoch wäre die Suche nach einem C64C sowie einem 1084 Monitor um ein Vielfaches einfacher gewesen, und beide passen ja ganz wunderbar zusammen. Ich strebte nach einem konsistenten Design, einer funktionalen, gut aussehenden Lösung, nicht aber nach der bestmöglichen Kombination. Schließlich stellt diese auch die härteste Herausforderung dar. Für Brotkästen gilt leider viel zu oft: ein desolates oder vergilbtes Äußeres, fehlende Tasten oder generell schlechte Tastaturen, Modifikationen in vielfältigen Variationen, gerne auch mal das Einbohren des Gehäuses für geheimnisvolle Schalter, Kratzer, Brandflecken und geschmolzenes Plastik an den Stellen wo man seine Zigarette platziert hatte. Selbst wenn das alles ausnahmsweise mal nicht der Fall ist, dann ist da noch immer die realistische Chance dass mindestens einer der überaus anfälligen Chips den Geist aufgegeben hat.

Chronologie des C64

1982
C64 (NTSC): Ur-Version des C64 „Silver Label“ (Metall), 595 $ bei Einführung in den USA, Brotkasten Design

1982
PET 64 – C64 im PET-Gehäuse, auch Educator 64 oder 4064 genannt, für den Verkauf an Schulen bestimmt

1983
C64 (PAL) – Ur-Version des C64 „Silver Label“ (Aufkleber) 1.495 DM bei Einführung in West-Deutschland, Brotkasten Design

1983
SX64 – tragbarer C64 mit integriertem 5-Zoll Bildschirm und Laufwerk, Tastatur als Deckel

1983
C64 (PAL/NTSC) Rebranding des C64 mit neuem Logo, reparierte Silver Label wurden werksseitig mit neuem Logo versehen, Brotkasten Design

1984
C64 (NTSC) „Goldene Edition“ zum 1.000.000sten C64 in den USA, Brotkasten Design

1986
C64 „Golden Edition“ zum 1.000.000sten C64 in West-Deutschland, Brotkasten Design

1986
C64 „C“, auch C64 II genannt, flaches Design, ab 1987 Produktion in Hong Kong mit integrierten Platinen

1987
C64 „Aldi“, verkauft bei Aldi, produziert in den USA für den deutschen Markt, Brotkasten-Design und weiße Tastatur

1988
C64 „G“ – kostenreduzierte Variante im Brotkasten Design, Gehäusefarbe analog Tastaturfarbe, Branding nur noch ein Aufkleber

1990
C64 „GS / Games System“ – Konsolenvariante ohne Tastatur, Verkauf ausschließlich in UK

Es gibt keinen Himmel oder ein Leben nach dem Tod für kaputte Computer.

Stephen Hawking

Verdammt. Das kann ja lustig werden. Wieder war ebay Kleinanzeigen das von mir bevorzugte Mittel zum Zweck. So fand ich einen C64 nur etwa 4 Kilometer entfernt. Ich schrieb den Verkäufer an und bekam… keine Antwort. So schnell wollte ich dann aber doch nicht aufgeben.

Schließlich, nach ein paar anstrengenden Tagen des Suchens, entdeckte ich eine Anzeige in der (etwa 80 Kilometer von mir entfernt) ein C64 zum Verkauf angeboten wurde. Der Haken: Erstellungsdatum der Kleinanzeige war „April 2013“. Normalerweise hätte ich hier nicht viel Energie investiert, denn sehr häufig stellen sich solch betagte Inserate als Nieten heraus. Anzeigen die einfach nicht gelöscht wurden. In diesem Fall allerdings hatte mich der Text äußerst neugierig gemacht: „Verkaufe einen Commodore 64, nur Abholung, wie neu“. Selbstverständlich kann man nicht erwarten dass das Gerät wahrheitsgemäß „wie neu“ aussieht. In der Regel möchten die Inserenten ja mit Ihren Beschreibungen die angebotenen Objekte attraktiver für potenzielle Käufer machen. Da wird dann gerne mal übertrieben, über offensichtliche Makel hinweg gesehen und regelmäßig verwechselt man das Wort „alt“ mit „rar“. Trotzdem rief ich dort an.

Derzeit erhalten wir Telefonanrufe von einem Phantom-Computer, der sich mit uns verbinden möchte.

unbekannter Autor, wwwtxt, 1983

Der Herr am anderen Ende der Leitung war sichtlich überrascht, hatte er doch tatsächlich die Anzeige bereits vergessen gehabt. Über das Gespräch hatten wir uns, wohlgemerkt ungesehen, auf einen Preis von 45 Euro geeinigt, falls, und das war natürlich meine Voraussetzung, dass das Gerät der Beschreibung entspricht. Ich gestand dass ich etwas besorgt war. Das Foto war in einer extrem schlechten Auflösung eingestellt, was man jedoch sah, deutete auf einen Brotkasten hin. Offen gestanden erwartete ich, ein Gerät vorzufinden was eben nicht meiner Vorstellung von „wie neu“ entspricht. Was Sie, liebe Leser, aber sicherlich auch nicht erwartet hätten war das was ich dort vorfand. Zuerst jedoch, als ich den Raum betrat, wurde ich von meinem neuen Freund begrüßt: dem Moment der Sprachlosigkeit.

C64 Model „Aldi“ (1987), Zustand: neu. (Bild: Stefan Vogt)
C64 Model „Aldi“ (1987), Zustand: neu. (Bild: Stefan Vogt)

Ich war überrascht, schockiert, überrascht, ich weiß es wirklich nicht mehr, aber ich starrte fassungslos auf einen C64, der eindeutig nie im Einsatz war. Dann erklärte er. Er kaufte die Einheit im Jahre 1987 und das nur weil zu dieser Zeit jeder einen 64er hatte. Nicht einmal eine Datasette oder ein Diskettenlaufwerk hatte er erworben. Es hatte ihm einfach niemand erläutert. So kam er, mit seinem glänzenden neuen Commodore, nach Hause und schloss ihn an sein Fernsehgerät an. Mit einem der Data Becker C64 Bücher, die er analog zu dem Gerät besorgt hatte, beschäftigte er sich etwa 2 Stunden. So wie er sagte habe er nicht verstanden, warum die Welt begeistert von Computern in den eigenen vier Wänden ist.

Ich habe keinen Computer zuhause. Ich glaube, meine Mutter hat Angst, dass ich ein paar Wochen damit spiele und das Ding dann als Staubfänger endet.

unbekannter Autor, wwwtxt, 1992

Was er allerdings verstanden hatte war, dass es viel Zeit erforderte, sich näher mit der Materie auseinander zu setzen. Und weil er diese Zeit nicht hatte, verschwand das gute Stück erst einmal in seiner Originalverpackung und dann in seinem Wohnzimmerschrank, wo es nie wieder das Licht des Tages erblicken sollte. Die ganze Situation war surreal. Wenn ich sagen würde dass ein Commodore 64 in diesem Zustand selten ist, dann wäre das eine glatte Untertreibung. Dies war der heilige Gral.

Ports auf der Rückseite sind ein guter Indikator für den Zustand. (Bild: Stefan Vogt)
Ports auf der Rückseite sind ein guter Indikator für den Zustand. (Bild: Stefan Vogt)

Ich nahm mir die Zeit die Anschlüsse / Ports auf der Rückseite näher zu begutachten. Das empfehle ich Ihnen an dieser Stelle dringend, denn man bekommt auf einfache Art und Weise ein gutes Bild darüber vermittelt wie sehr ein Gerät wirklich in Gebrauch war. In der Regel finden Sie dort Gebrauchs- und Abnutzungsspuren in verschiedenen Graden vor, insbesondere am Cartridge Slot und am User-Port. Es war seinerzeit durchaus üblich, ROM-basierte Erweiterungen zu vertreiben (Cartridges). Das konnten Spiele sein, Erweiterungen der Programmiersprache wie das weit verbreitete Simons’ Basic, oder auch ganze Betriebssysteme wie die Oberfläche des Final Cartridge III.

Stell Dir vor, Dein Computer beschliesst eines Tages, dass Du nur ein altbackenes Peripheriegerät bist, auf das verzichtet werden kann.

unbekannter Autor, wwwtxt, 1981

Wir werden uns diesen beiden Cartridges in Teil 2 von „GOING 8-bit“ widmen, für den Moment reicht es zu wissen dass ich zwei der üblichen Verdächtigen genannt habe, mit denen jeder Commodore 64 User in der guten alten Zeit in Berührung kam oder zumindest von deren Existenz wusste. Wie dem auch sei. Bei dem vorliegenden C64 gab es keinerlei Gebrauchsspuren, auch bei näherem Betrachten und beim konkreten Blick auf den sichtbaren Teil des Mainboard viel mir nur ein einziges Wort ein: fabrikneu. Er war perfekt gelagert gewesen, kein Staub, kein modriger Speicher und auch kein feuchter Keller. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit so etwas zu finden? Das kann wohl niemand genau benennen, mit einem Gerät unter tausend werden wir aber sicher nicht hinkommen. Auch hier lieber Leser, stimmen Sie mir sicherlich zu, war das nicht der richtige Moment für Verhandlungen. Es war der Moment 45 Euro auf den Tisch zu legen, sich den C64 in seiner Originalverpackung zu schnappen und sich aus dem Staub zu machen.

Auf der Rückfahrt überkamen mich unzählige Wellen der Freude. Wie viel Glück muss ein Mensch haben um so etwas zu finden? Als ich dann Zuhause ankam wurde ich jedoch ein wenig nachdenklich. Was zum Teufel haben wir hier eigentlich? Es ist ein Brotkasten, also genau das was ich gesucht hatte, perfekt erhalten, aber keines der Modelle, die ich von damals kenne. Ich war mir so sicher gewesen durch das intensive Recherchieren und Studium der verschiedenen Modelle, Mainboard-Assembly und Revisionen, auf die Jagd gut vorbereitet zu sein.

Ich denke, es gibt einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer.

Thomas Watson, Chairman von IBM, 1943

Die Gehäusefarbe ähnelt der des Brotkastens stark, wenngleich hier eventuell ein wenig mehr Grau enthalten ist. Es wäre allerdings auch möglich dass ich mich täusche und die Farbe tatsächlich 1:1 der Brotkasten Farbe entspricht, denn der frisch erworbene C64 und mein neuwertiger 1702 Monitor passen perfekt zusammen. Es ist nicht zu 100 Prozent die identische Farbe, aber hier liegt definitiv alles im selben Farbbereich. Der gemeine Brotkasten, dem Sie heute in der Regel begegnen, hat ja bei weitem nicht das Aussehen von 1983. Das Alter und vor allem der Gilb fordern viel zu oft ihren Tribut. Mein C64 wiederum hat definitiv keinen Gilb, das ist recht offensichtlich. Von daher würde ich vorschlagen wir einigen uns darauf, dass der von mir erworbene Brotkasten die richtige Farbe hat. Dennoch gibt es deutliche Unterschiede.

Weiße Tastatur mit Symbolen auf der Vorderseite der Tasten. (Bild: Stefan Vogt)
Weiße Tastatur mit Symbolen auf der Vorderseite der Tasten. (Bild: Stefan Vogt)

Zunächst einmal ist der Anschluss des Netzteils 4-polig, im Grunde genommen sind spätere C64 Modelle, nicht vor 1987, dafür bekannt. Da wir gerade von Netzteilen sprechen möchte ich Ihnen gerne einen guten Rat mit auf den Weg geben. Bevor Sie einen C64 nach vielen Jahren das erste Mal an die Stromversorgung anschliessen, empfehle ich eine Überprüfung des Netzteiles. Besser noch wäre Sie überprüfen es doppelt und dreifach. Das Netzteil (PSU, steht für Power Supply Unit) des Commodore 64 hat einen sehr schlechten Ruf, leider zurecht. Viele PSUs mussten bereits nach wenigen Jahren ausgetauscht werden. Neuere Commodore Netzteile waren im Verhältnis zu den älteren Modellen zwar ein gutes Stück besser, aber immer noch weit davon entfernt perfekt zu sein. Ein verkorkstes Netzteil kann zu irreparablen Schäden in Ihrem C64 führen. Bitte denken Sie an meine Worte. Nichts stirbt so leise wie ein Mikroprozessor.

Eine weiterer, merklicher Unterschied ist die weiße Tastatur mit Symbolen auf der Vorderseite der Tasten. Commodore nutzte diese Tastaturen vorwiegend für die erste C64C Version im Jahre 1986. Als man 1987 zwecks Senkung der Produktionskosten die Manufaktur des C64C nach Asien auslagerte, wurden auch die Kosten zur Herstellung der Tastaturen gesenkt und diese überarbeitet. Die Symbole wanderten von der Seite der Tasten nach oben, und zwar direkt unter die Buchstaben. Es scheint so, als ob Teile meines C64 aus der frühen C64-Ära stammen, was in meinen Augen keinen Sinn ergibt, denn wie wir wissen zielte Commodore ab 1986 durch das Redesign des Gehäuses und damit verbunden der Veröffentlichung des C64C, auf die Vermarktung des C64 als seriöser Personal Computer.

Die Commodore Produktlinie

Taschenrechner

774D, 9R23, C108, C110, F4146R, F4902, MM3, Minuteman 6, P50, PR100, SR1800, SR4120D, SR4120R, SR4148D, SR4148R, SR4190R, SR4212, SR4912, SR4921RPN, SR5120D, SR5120R, SR5148D, SR5148R, SR5190R, SR59, SR7919, SR7949, SR9150R, SR9190R, US*3, und die Specialist Serie: M55 (The Mathematician), N60 (The Navigator), S61 (The Statistician)

Computer (in chronologischer Reihenfolge)

Commodore KIM-1 – Single Board Computer

Commodore PET / CBM Serie

Commodore VIC-20 – alias VC-20 und VC-1001

Commodore CBM-II Serie – auch bekannt als B-Serie aka 600/700 Serie

Commodore Max – Vorgänger vom C64 (nur in Japan veröffentlicht)

Commodore 64 – einschließlich C64C

Commodore Educator 64, C64 in einem PET-40xx Gehäuse

Commodore SX-64 – all-in-one portable C64 einschließlich Bildschirm und Floppy

Commodore 16 – einschließlich C116, mit C64 inkompatibel

Commodore Plus / 4 – kompatibel mit C16

Commodore LCD – LCD ausgestatteter Laptop (nie veröffentlicht)

Commodore 128 – einschließlich 128D und 128DCR

Commodore 65 – C64 Nachfolger (nie veröffentlicht)

Commodore 900-Workstation (nie veröffentlicht)

Amiga 1000

Amiga 500 – inkl. A500 +

Amiga 1500

Amiga 2000 – inkl. A2000HD

Amiga 2500

Amiga 3000 – inkl. A3000UX & A3000T

CDTV

Amiga 600

Amiga 1200

Amiga 4000 – inkl. A4000T

Commodore PC-kompatible Systeme – Commodore Colt, PC1, PC10, PC20, PC30, PC40, 486SX-LTC

Spielkonsolen

Commodore TV Game 2000K / 3000H

Commodore 64 GS

Amiga CD32

Software

AmigaOS – Betriebssystem für die Amiga Reihe; Multitasking, Microkernel, GUI

Amiga Unix – Betriebssystem für den Amiga, auf Basis von Unix System V Release 4

Commodore BASIC – BASIC-Interpreter für den 8-Bit-Bereich, integriertes ROM; auf Basis von Microsoft BASIC

Commodore DOS – Disk-Betriebssystem für den 8-Bit-Bereich; im Floppy ROM verbaut

KERNAL – Core Betriebssystem-Routinen für den 8-Bit-Bereich; ROM resident

Simons ‘BASIC – BASIC-Erweiterung für den C64; Cartridge

Super-Expander – BASIC und Speichererweiterung für den VIC-20; Cartridge

Super-Expander 64 – BASIC-Erweiterung für den C64

Computer könnten in der Zukunft weniger als 1.5 Tonnen wiegen.

Popular Mechanics Magazin, 1949

Erst im Sommer des Jahres 1988 kehrte Commodore zur ursprünglichen Brotkasten Formgebung zurück. Dies geschah mit der Vorstellung des C64G, einer speziellen Low-Budget Variante des Brotkastens, die primär in Deutschland verbreitet wurde. Ein C64G ist sehr einfach zu erkennen. Auf dem Typenschild des C64G steht eben „C64G“, es gibt im Gehäuse eingearbeitete Beschriftungen für die Ports auf der Rückseite, der Commodore 64 Schriftzug auf dem Gehäuse ist nur ein Aufkleber und das Gehäuse des C64G hat die selbe grau-weiße Farbe wie auch die Tastatur. Was auch immer wir hier vorliegen haben ist also eindeutig kein C64G.

C64 „Aldi“ mit Compumask, Erläuterungen zu Charcodes und grundlegenden Befehlen. (Bild: Stefan Vogt)
C64 „Aldi“ mit Compumask, Erläuterungen zu Charcodes und grundlegenden Befehlen. (Bild: Stefan Vogt)

Von Zeit zu Zeit entdeckt man einen ungewöhnlich aussehenden C64 auf ebay. Was dann in den Beschreibung unter Zuhilfenahme von gefährlichem Halbwissen als super-seltene Sonderversion angepriesen wird ist in der Regel eine 8-bit Variante von Frankenstein’s Monster. Jemand nahm sich einfach die Zeit um den Look zu modifizieren, denn auch damals gab es bereis Freunde des Modding. Eine andere Erklärung ist, dass man ein kaputtes Gerät mit Teilen aus einem späteren Modell reparierte. Haben Sie also keine Angst, klassische Brotkästen mit weißen Tastaturen oder aber einen C64C mit schwarzen Tastaturen zu entdecken, erwarten Sie aber nicht, dass hier limitierte Sondermodelle oder gar Prototypen dahinter stecken. Der Commodore 64 wurde für die Massen produziert. Natürlich gibt es auch ein paar seltene Modelle. Modelle die wirklich dem typischen „ebay RAR“ entsprechen. Diese sind wohlgemerkt aber nicht so offensichtlich wie Sie möglicherweise denken. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, ein solch seltenes Modell nun mein Eigen nennen zu dürfen.

Lerne Deinen Computer kennen. Nutze die Technologie bevor die Technologie Dich nutzt.

unbekannter Autor, wwwtxt, 1993

Übrigens das einzig deutlich erkennbare Sondermodell ist eine goldene Variante, die anlässlich des 1.000.000sten C64 in Deutschland produziert wurde. Die „Goldene Edition“ kann man vor allem daran erkennen dass sie golden ist (kleine Scherz, ich denke der Name spricht hier tausend Bände) und sie befindet sich auf einer Acryl-/Glasplatte. Sie war niemals für den offiziellen Verkauf bestimmt, sondern wurde anlässlich des Jubiläums bei einer Feier im BMW-Museum in München an Repräsentanten von Wirtschaft und Presse verschenkt. Zumindest ist diese Version an Offensichtlichkeit nicht zu übertreffen und sie hat einen hohen Sammlerwert, wenn auch längst nicht so hoch wie C65 Protoypen, die gerne auch mal zwischen 15.000 und 20.000 Euro auf ebay gehandelt werden. Ob das jetzt gerechtfertigt ist lasse ich mal im Raum stehen, der C65 ist dennoch der heilige Gral eines Commodore Sammlers, einfach aufgrund seiner Seltenheit und der Faszination die von diesem Modell ausgeht.

Ein „Gold Edition“ würde mir persönlich vollkommen ausreichen, sozusagen das i-Tüpfelchen meiner Sammlung. Wissen Sie, „Going 8-bit“ wurde zuerst auf meinem Blog und in englischer Sprache veröffentlicht, das vor nunmehr fast einem Jahr. Natürlich wurde es jetzt zur Publikation auf videospielgeschichten.com weitestgehend überarbeitet und auch ein wenig erweitert. Aber in dieser Zeit konnte ich mir eine beachtliche Sammlung an verschiedensten 8-bit Computern aneignen, stetig wachsend. Es ist quasi ein Sport daraus geworden, von einer Sucht möchte ich hier nur ungern sprechen, denn Sucht verbindet man ja eher mit unangenehmen Dingen.

Das Gefühl beim Kauf eines Retro Computers ist gleichzusetzen mit dem Befriedigen einer Sucht, richtig? Der einzige Unterschied zwischen uns beiden ist, dass sie bei mir auch gerne mal schäbig sein dürfen.

Nic Brine, The Future was 8-bit

„Going 8-bit“ darf also nicht als eine einmalige Geschichte wahrgenommen werden. Vielmehr stellt es denn Beginn einer wunderbaren Freundschaft dar. Einer Freundschaft zwischen Ihnen und mir, werte Leser. Ich freue mich sehr darauf, Sie regelmäßig mit auf die Reise nehmen zu dürfen, ihnen von meinen Abenteuern zu berichten, seltene Schätze zur präsentieren, Wissen zu teilen oder Sie einfach mit meinen Momenten der Sprachlosigkeit zum Schmunzeln zu bringen. Glücklicherweise gab es damals neben dem Commodore eine Vielzahl weiterer toller Geräte, auch in anderen Ländern, so dass wir ganz sicher noch viel Spaß zusammen haben werden. Ein guter Anfang wäre nun, die aktuelle Geschichte fortzuführen. Also werfen wir mal einen weiteren Blick auf meinen mysteriösen C64.

Das Typenschild auf der Unterseite sagt viel über das Gerät. (Bild: Stefan Vogt)
Das Typenschild auf der Unterseite sagt viel über das Gerät. (Bild: Stefan Vogt)

Dieses Typenschild sagt uns deutlich „Made in USA“, zugleich entdecken wir aber auch das deutsche Wort „funkentstört“, was zumindest bestätigt dass es ein für den deutschen Markt produziertes Gerät ist. Sehr ungewöhnlich, immerhin hatte Commodore doch eine eigene Fabrik in West-Deutschland. Um das Rätsel zu lüften bedurfte es wohl externer Hilfe. Also rief ich meinen Bandkumpel an und schilderte ihm meinen Fund. Er war ganz aus dem Häuschen, denn offensichtlich war es mir gelungen eines der raren Aldi C64 Modelle zu finden. In der englischen Variante von „GOING 8-bit“ erläuterte ich jetzt die Firma Aldi, ich denke das können wir uns aber sparen. Aldi begann mit dem Verkauf von Computerhardware im Jahre 1986, heute gang und gebe, damals jedoch ziemlich ungewöhnlich für eine Discount Supermarktkette. Der erste von Aldi verkaufte Computer war der C16, der sich für Commodore USA als kommerzieller Flop entpuppt hatte. Produziert in den Jahren 1984 bis 1985, ergriff Aldi die Gelegenheit Restbestände des markant schwarzen, ansonsten dem 64er nicht unähnlichen Heimcomputer zu erwerben. Dies geschah logischerweise zu einem extrem niedrigen Einkaufspreis. Aldi bündelte die erworbenen Einheiten zu einem netten Paket mit einer 1531 Datasette und einem Basic Lernkurs.

Länderspezifische C64 Varianten

1983
Drean Commodore C64 – mit offizieller Commodore Lizenz in Argentinien von der Firma Drean produziert, Branding als „Drean Commodore 64“, Brotkasten Design

1983
Commodore C64 (Japanese) Japanische Tastatur und modifiziertes Char Rom, Brotkasten Design

1983
Commodore C64 (Danish) Dänische Tastatur und modifziertes Char Rom, Brotkasten Design

1983
Commodore C64 (Swedish) Schwedische Tastatur und modifziertes Char Rom, Brotkasten Design

1986
Drean Commodore C64C – mit offizieller Commodore Lizenz in Argentinien von der Firma Drean produziert, Branding als „Drean Commodore 64“, flaches Design

1986
Commodore C64 (Australian) – mit offizieller Commodore Lizenz in Süd-Australien von der Firma Micro Accessories produziert, komplett eigenes Design, dem C64 C bedingt ähnlich

1986
Commodore C64C (Swedish) Schwedische Tastatur und modifziertes Char Rom, flaches Design

1986
Commodore C64C (Spanish) Spanische Tastatur und modifziertes Char Rom, flaches Design

Es gibt keinen Grund einen Computer in seinem Haus haben zu wollen.

Ken Olsen, President, Chairman und Gründer von DEC

Die Rechnung ging auf und so kam es, dass dieses Bundle innerhalb weniger Tage komplett ausverkauft war. Enorme Gewinne kommen in der Regel mit dem Bestreben und dem Wunsch nach mehr. Bereits ein paar Monate später trat Aldi mit einer neuen Idee an Commodore heran, nämlich der Verkauf einer speziellen Commodore 64 Variante in den Aldi Niederlassungen. Bevor wir fortfahren schauen wir aber doch zuerst einmal, ob mein C64 überhaupt funktioniert.

C64 „Aldi“, erstmals im Einsatz seit 1987. (Bild: Stefan Vogt)
C64 „Aldi“, erstmals im Einsatz seit 1987. (Bild: Stefan Vogt)

Dem Himmel sei dank, er läuft tadellos. Die Zusammenarbeit von Aldi und Commodore war eine klassische Win-Win Situation. Aldi wollte einen günstigen Commodore 64. Commodore wiederum hatte bereits erste Schritte zur Herstellung einer neuen Mainboard-Assembly unternommen. Die Produktionskosten konnten durch wesentlich höher integrierte Chipsätze drastisch reduziert werden. Natürlich hatte man auch noch eine Vielzahl an Ersatzteilrestbeständen älterer C64 Modelle, so dass der Herstellung einer ganz speziellen Commodore 64 Variante für Aldi bereitwillig zugestimmt wurde. Die Mainboards wurden in Hong Kong produziert, dort wo später auch die Herstellung der kostenreduzierten C64C Variante stattfinden sollte. Zusammengebaut wurden diese Einheiten dann in den USA. Hier war man besser für das rasche Produzieren einer individuellen Serie aufgestellt. Aldi verfolgte derzeit die Politik, ihre Angebote in einer streng limitierten Menge und auch nur für einen begrenzten Zeitraum anzubieten, in der Regel waren das sieben Tage. Auch wenn wir leider nicht genau wissen wie viele von diesen Einheiten nun tatsächlich produziert wurden, so haben wir sicherlich ein Verständnis dafür was „streng limitierte Menge“ bedeutet. Der Aldi C64 war ein großer kommerzieller Erfolg in Deutschland, so groß, dass das Modell innerhalb weniger Stunden restlos ausverkauft war. Das macht es heute zu einem der seltensten und begehrtesten C64 Sammlerstücke. Vielleicht nicht so selten wie ein sogenannter „Silver Label“ 64, aber eben selten.

Ein Teil der Unmenschlichkeit des Computer ist, dass er absolut ehrlich ist, sobald er kompetent programmiert wurde und problemlos läuft.

Isaac Asimov

Lassen Sie uns doch mal ein paar populäre Mythen über den Aldi C64 analysieren, denn glauben Sie mir, im Laufe der Jahre hat sich da eine geballte Ladung gefährliches Halbwissen angesammelt. Vielleicht können wir ja das ein oder andere aus der Welt schaffen:

  1. Der Aldi C64 ist nicht selten, eigentlich ist er relativ häufig zu bekommen
  2. Einige Aldi C64 Geräte wurden in West-Deutschland produziert (WG-A Seriennummer)
  3. Der Aldi 64 wurde komplett aus alten Teilen zusammengebaut
  4. Aufgrund eines Produktionsfehlers des Aldi C64 Mainboard fehlt die 9V Spannung am User-Port, daher ist er mit vielen gängigen Erweiterungen inkompatibel (diesen weit verbreiteten Mythos mag ich ja ganz besonders)
  5. Der Aldi C64 und der C64G sind ein und das selbe

Da haben wir ja ein wahres Schlaraffenland harter Fakten zusammentragen können, richtig? Leider ganz und gar nicht. Das sollten wir im Detail betrachten.

ZU 1) Der Aldi C64 ist aufgrund der streng begrenzten Anzahl insgesamt produzierter Geräte sehr selten. Stimmen die das Gegenteil behaupten, und das ist teilweise sogar verständlich, kommen in der Regel aus Deutschland. Wir haben hier eine etwas andere Meinung zu dem Aldi C64, denn Deutschland war der Zielmarkt und in der Tat ist Deutschland das einzige Land in dem er verkauft wurde. Es ist somit logisch dass man hin und wieder mal einen Aldi 64er sieht, das bedeutet aber nicht, dass er in großen Stückzahlen produziert wurde und erst recht nicht dass es sich um ein herkömmliches, bzw. gemeinhin übliches Modell handelt.

ZU 2) Rar bedeutet natürlich auch gefragt. Ich kann verstehen wenn ein Brotkasten dem Aldi C64 ähnlich sieht und man daher davon ausgeht, dass es sich um ein solches Modell handelt. Viel zu oft sieht man in Foren, auf ebay und im Internet Bilder vermeintlicher Aldi 64, die sich bei näherer Betrachtung allerdings als Niete erweisen. Aber das Gerät ist doch noch versiegelt und wurde in Deutschland hergestellt? Es muss also ein Aldi 64 sein? Nun, nein. Es tut mir leid. Der Grund warum sie so selten sind ist paradoxerweise der Grund warum so viele falsche Fakten über den Aldi 64 in Umlauf sind. Die letzten in Deutschland produzierten WG-A Einheiten wurden durchweg aus Restbeständen gebaut. So kann es Ihnen natürlich schnell passieren einen versiegelten, unmodifizierten Commodore 64 zu finden, der wie ein Aldi C64 aussieht. Das Aussehen alleine macht dies aber nicht zu einem echten Aldi C64. Die WG-A Einheit wird mit absoluter Sicherheit ein anderes Mainboard verbaut haben. Hier kann man sich aber auch ganz einfach am Typenschild orientieren. Alleine schon das Typenschild selbst ist individuell. Diese Art Typenschild finden Sie auf keinem anderen C64. Auf dem Typenschild eines Aldi C64 steht immer „C64“, alle sind „Made in USA“ und die Seriennummer beginnt immer mit „CA4…“. Nur wenn dies gegeben ist, haben Sie es mit einem echten Aldi C64 zu tun.

ZU 3) Nein, er wurde nicht komplett aus alten Teilen gefertigt. Man verwendete einige alte bzw. aktuelle Teile für die Produktion, wie Gehäuse, Tastatur, die LED Leuchte und das Commodore Logo. Der Aldi C64 kam aber in jedem Fall mit einem eigenen Mainboard. Einem Mainboard-Assembly was Sie auch nur im Aldi C64 finden werden. Hier wurde erstmals eine verkleinerte Mainboard Version verbaut, mit einer vollständigen Palette an hoch integrierten Chips. Spätere Revisionen dieser Mainboard-Architektur würden dann ihren Platz im überarbeiteten C64C Verwendung finden.

ZU 4) Fehlende 9 Volt Spannung? Tatsächlich ist das die beliebteste Mythe und Überraschung… vollkommener Humbug. Das Gerücht ist auf einen Bericht des Magazins „64er“ aus dem Jahre 1992 zurückzuführen. Die 64er hatte in besagter Ausgabe eine Zusammenstellung der verschiedenen C64 Modelle durchgeführt, so wurde auch der Aldi C64 erstmals und offiziell als solcher erwähnt. Der verantwortliche Redakteur nahm leider fälschlicherweise an, die 9 Volt am User-Port würden fehlen. Man hatte sich wohl in Vorbereitung zu dem Artikel mit den Mainboard Spezifikationen der verschiedenen Modelle beschäftigt und durch einen Verständnisfehler kam es dann zu dieser folgenschweren Fehlinterpretation. Übel nehmen kann man das natürlich niemandem. Die Geräte waren eben selten und die 64er hatte keinen Aldi 64 um das auch wirklich zu testen, was an dieser Stelle wohl von Vorteil gewesen wäre. Seitdem ist dieser Mythos leider stark verbreitet und wird auch heute noch im Internet in die Welt getragen. Erstaunlicherweise habe ich sogar Berichte gelesen, in denen mit Fug und Recht behauptet wurde, man habe seinen Aldi 64 aus genau diesem Grund reparieren lassen. Um das ein für alle mal klarzustellen: der Aldi C64 hat 9V am User-Port, jeder jemals produzierte Commodore 64 hat 9V am User-Port. Das Mainboard im Aldi 64 gilt übrigens als extrem zuverlässig, für mich spielt das in einer ganz anderen Liga als „Produktionsfehler“. Lassen Sie sich durch solche Berichte also nicht beirren, alles Käse, wie man im Volksmund so schön sagt.

ZU 5) Nein, nein und nochmals nein. Der Aldi 64 und der C64G sind nicht identisch. Sie sehen sich ähnlich aber es gibt hier einige deutliche Unterschiede. Die Produktion des C64G begann im Jahre 1988, also genau ein Jahr nach dem Aldi 64. Der C64G wurde in jeder Hinsicht als ein Low-Budget 64 getrimmt und produziert. Dieses Verfahren hatte man quasi perfektioniert. Der C64G kommt mit der selben Mainboard-Assembly (250.469), allerdings einer späteren Revision bei der signifikante Veränderungen vorgenommen wurden. Vor allem das Farb-RAM wurde im Chipsatz des C64G integriert, das war beim Aldi 64 noch nicht der Fall. Der C64G hat Port-Beschriftungen auf der Rückseite und das Gehäuse ist tatsächlich dünner wie bei jedem anderen Brotkasten. Auch den schönen Commodore 64 Metallschriftzug auf dem Gehäuse hat man durch einen einfachen Aufkleber ersetzt. Die Farbe des Gehäuses, das hatten wir ja bereits kurz angesprochen, ist weitestgehend identisch mit der Tastaturfarbe. Es gibt drei Faktoren anhand derer Sie einen C64G sofort von einem Aldi C64 unterscheiden können: das Typenschild sagt „C64G“, das Commodore Logo auf dem Gehäuse ist ein einfacher Aufkleber (während es beim Aldi 64 noch der klassische Metallschriftzug war), die Sonderzeichen / Symbole beim C64G sind auf der Oberseite der Tasten und nicht mehr an den Seiten zu finden. Während der C64G mit einem Minimum an Kosten zu einem wahren Killerpreis auf den Markt gebracht wurde, so ist der Aldi C64 meiner Auffassung nach der letzte qualitativ hochwertige C64, den Commodore produziert hatte. Es sei aber zu erwähnen dass es keinen wirklich „schlechten“ C64 gibt, sie alle haben ihre Eigenarten, Krankheiten, Vor- und Nachteile.

Vergangenheit und Gegenwart in meinem Home Office. (Bild: Stefan Vogt)
Vergangenheit und Gegenwart in meinem Home Office. (Bild: Stefan Vogt)

Wie wertvoll ist mein Gerät denn nun? Das ist sehr schwer zu sagen. Es ist eine Rarität und dazu in einem noch selteneren Zustand. Ich kann mir nicht vorstellen dass es noch viele, ähnlich gut erhaltene Aldi 64 da draussen gibt. Der Preis ist also immer genau das, was ein Sammler bereit ist dafür zu zahlen. Natürlich werde ich ihn nicht verkaufen, aber ich werde ihn auch nicht in sterilen Boxen verstecken. Dieser wunderschöne Aldi C64 hat da einen tollen Platz in meinem Büro gefunden und ich freue mich auf viele unvergessliche Stunden mit den großen Klassikern der Geschichte der Computerspiele und den Geistern meiner Vergangenheit.

Aber wofür… soll er gut sein?

Ingenieur der Advanced Computing Systems Division von IBM, 1968 (als Kommentar zum Microchip)

Letztlich bin sehr glücklich den Weg zurück gefunden zu haben. Zurück in die Gegenwart? Nein. Vielmehr dort wo alles seinen Anfang nahm, sich manifestierte und mich für immer prägte. Zurück, wo alles begann.