Mediale Hypes – Der Herpes der Gaming-Branche?


Kommentiert von: Tobi, Claud, Michael, Andre, Claudia, Dominik Hermann, Lenny, Wolfgang, Alex.
Lesedauer: 2 Minuten

Hyper, Hyper! Um auf dem endlosen Markt herausstechen zu können, muss man Aufmerksamkeit erregen. Das geht sogar so weit, dass regelrechte Hypes – ich muss es schon so provokant sagen – künstlich erzeugt werden. Ist das neben der Early-Access-Grippe und dem Day-One-Patch-Fieber die nächste Trend-Krankheit in der Videospielwelt?

Vorfreude ist eine schöne Sache. Aber wie in allen Bereichen des Lebens gilt auch hier: “Gesundes Mittelmaß is key!” – natürlich ist das in der Theorie einfacher umsetzbar als in der Praxis. Auch ich kann mich nicht davon lossprechen, hin und wieder etwas “hyped” zu sein. Das aktuellste Beispiel für einen Medienhype stellt Cyberpunk 2077 dar. Sobald auch nur ein Mitarbeiter von CD Projekt Red gehustet oder den Stuhl verrückt hat, war das eine News auf diversen Online-Portalen wert!

Ja, auch ich habe mich von den bunten Süßigkeiten der Entwickler locken lassen. Ich habe das Spiel verschlungen, wollte jedes Detail aufsaugen und jede Geschichte von allen NPCs hören. Klar hat es einige Fehler gehabt, die aber – auf einer Next-Gen-Konsole – nicht störend waren.

Undankbare Aufgabe für CD Projekt Red

Der Hype, der dem Spiel vorangegangen war, war aber im Endeffekt keineswegs berechtigt. Ich würde sogar behaupten, dass der aufgebauschte Hype dem Entwicklerstudio geschadet hat. Schließlich war es ein Teufelskreis: Die Entwickler sind großspurig mit dem Spiel umgegangen. Die Spieler hatten eine riesige Erwartungshaltung, die nahezu unrealistisch war – es konnte einfach nicht gut gehen. Unspielbarkeit, Klagen von Investoren, Verkaufsstopps und viel dicke Luft sind nun das Resultat des Ganzen. Auch wenn mir CD Projekt Red sympathisch ist: So viele Fehlgriffe kann ich dann doch nicht mehr schön reden!

An dieser Stelle ein kurzer Moment des Gedenkens an alle, die das Spiel nicht spielen konnten …

Mein größter Hype-Fail

Aber auch ich habe einen persönlichen Rohrkrepierer in Sachen “gehypte Spiele” erlebt, der mich so richtig emotional werden ließ.

Agony

Ich hasse Agony. Es ist die größte Enttäuschung in meiner Videospielgeschichte. Ich war damals dermaßen gierig auf das Spiel, dass ich es mir zum Release gekauft habe. Was ich dann erlebt habe, kann man wortwörtlich als Qual bezeichnen: Es war schlichtweg unspielbar!

Ich habe tatsächlich ernsthaft darüber nachgedacht, ob die Entwickler wirklich so ausgeklügelt waren und das Spiel extra unspielbar gemacht haben, um den Spieler das Gefühl der “Qual” in der reinsten Form erleben zu lassen.

Ich vertröstete mich mit diesem abstrakten Gedanken, da ich einfach nicht wahrhaben wollte, dass Entwickler so dreist sein können: den Spielern eines der brutalsten Horrorspiele ohne Zensur versprechen und dann so ein unfertiges Etwas, das maßgeblich zensiert wurde, zu veröffentlichen.

Das sollte mir eine Lehre sein, dass Hypes ein gefährliches Medien-Werkzeug sind. Sie blockieren unser differenziertes Denken und lassen uns emotional werden. Aus diesem Grund sollte man Berichte, Trailer und Ankündigungen immer mit Vorsicht genießen.

Hypes sind in etwa der Herpes der Videospielwelt: Du wirst sie nie gänzlich los. Ich persönlich versuche abgeklärter mit den generierten Hypes umzugehen, um mich vor herben Enttäuschungen zu bewahren.

Im Sport sagt man allgemein “Wichtig ist auf dem Platz” und das sollte auch für Videospiele gelten.

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TobiAndré Eymann

14 Kommentare

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  1. Hier ein verspätetes Danke für deinen tollen Beitrag, Dominik!
    Ich würde mich tatsächlich auch als recht hyperesistent beschreiben. Im Fall von groß angekündigten Titeln siegt meine Skepsis regelmäßig und ich denke mir im Normalfall zunächst mal, dass das voll in die Hose gehen kann bei dem ganzen Theater, was gerade veranstaltet wird.
    Ich mag gerne “Beweise”, dass ein Hype um etwas gerechtfertigt ist und die sehe ich ja eigentlich erst nur später, beim spielen des hochgelobten Spiels oder schauen des Films. Daher erwarte ich erstmal nicht so viel, lasse mich aber gerne überraschen. Wie oft kommt es vor, dass schon alle tollen Szenen eines Films für den Trailer verbraten wurden, oder das Spiel trotz der im Vorfeld gezeigten Szenen total flach & langweilig ist.
    Im Fall von Neuauflagen (hallo Mass Effect) bin ich tatsächlich auch skeptisch, ob da nicht einfach zu viel erwartet wird. Immerhin kennen die, die so sehr drauf warten, die Serie schon in- & auswendig.

  2. Am schönsten ist es ja quasi, wenn ein Spiel einen Hype auslöst und nicht umgekehrt ein Hype ausgelöst werden muss um ein Spiel anzukündigen. Aber welches Entwicklerstudio kann sich das heute tatsächlich schon leisten zu sagen: “it’s ready when it’s ready”. So hab ich das mal auf der Seite von 3DRealms gelesen als Ankündigung für Duke Nukem Forever, dem lang ersehnten Nachfolger von Duke Nukedm 3D, Damals hab’ ich echt gedacht, Hut ab 🙂 Leider konnte die Fortsetzung dann die Erwartungen der Spielergemeinde aber doch nicht erfüllen…

  3. Hi Dominik,
    das Thema Hype habe ich gerade bei Cyberpunk 2077 recht hautnah miterleben können, sowohl als Konsument, aber auch aus einer weiteren sehr spannenden Perspektive, nämlich der des Partners.
    Ich arbeite im Marketingbereich bei einem Sportwagenhersteller dessen Fahrzeug im Spiel als Highlight präsentiert wird. So habe miterleben dürfen, wie Markenpartnerschaften heutzutage schon lange (lange!) vor Spielrelease entstehen und die Kommunikation bis ins kleinste Detail ausgeplant wird.
    Es gibt übrigens noch weitere Markenpartnerschaften, die die aufmerksam spielende Person sicherlich schnell entdecken kann 😉
    Ich behaupte, Cyberpunk 2077 war das erste Spiel, dem es gelang, auch außerhalb der Gamerszene einen unglaublichen Buzz zu erzeugen, wie man im Marketingsprech so schön sagt. Die Vorabkommunikation war auf allen Kanälen omnipräsent. Insbesondere bei AAA Produktionen ist die “Reichweite” des Mediums Videospiel inzwischen so viel weiter, als die eigene Szene. Das liegt daran, dass es inzwischen so viele (nicht endemische) Stakeholder gibt, die ein weiteres Interesse als den reinen Absatz des Spieles haben und es ebenso gepushed haben. Es geht um deren Präsenz in die virtuelle Welt hinein. Das haben wir hier sehr klar erlebt und deshalb der Hype.

    Tobi
    1. Vielen Dank für Deinen “Hinweis” und Deinen Kommentar Claudia. Das Produkte in Videospielen beworben werden gibt es ja schon seit den frühen Achtziger Jahren. Damals gab es aber natürlich noch nicht so eine umfassende und durchkomponierte Informationsgesellschaft. Das Produktmarketing von heute kann demzufolge natürlich eine ganz Wirkung entfalten. Was mir spontan bei Deinem Kommentar einfiel: zumindest ein Abriss der Geschichte des “Product placement” in Videospielen wäre einmal interessant nachzulesen. Hier würden sich bestimmt ein paar Meilensteine finden, die uns unbewusst oder auch bewusst begleitet haben.

      Tobi
  4. Es ist ja so eine zweischneidige Medaille mit dem Hype. Ich denke jeder ist der Wirkung eines Hypes unterlegen, da die Grenze zur Vorfreude fließend ist. Mal wirst du enttäuscht, mal erfüllt es deine Erwartungen. Übertreffen kann der Hype aber die Erwartungen nur in den allerseltensten Fällen. Es gibt auch noch den Unterschied zwischen Hype der von mir selbst kommt. Ich freue mich sehr auf die Mass-Effect-Trilogie oder den zweiten Teil von Monster Hunter Stories. Vielleicht bekomme ich ich 2 (eigentlich ja 4) tolle Spiele die mich begeistern können. Vielleicht ist es auch nur eins davon. Vielleicht enttäuschen mich ja auch beide. Wer weiß. Bis dahin werde ich mich einfach darauf freuen, dass potenziell zwei gute Spiele.
    Dann gibt es aber noch den Hype der von Außen an mich getragen wird. Durch den Publisher, der sagt, dass ist unser neues großes Spiel. Es ist das was du willst und mehr. Andere Spileer*innen sagen auch, Oh mein Gott wird dieses Spiel der Wahnsinn. Beide Seiten kann ich verstehen. Die eine Seite will ihr Produkt verkaufen und womöglich denken sie wirklich, das Spiel ist der Heilige Gral. Die andere Seite freut sich einfach auf ein tolles Spiel und weiß es meist auch nicht besser. Woher auch, wenn diejenigen die es besser wissen müssten, die einen kritischen Blick auf die Hypes haben müssten kräftig mithypen und jeder noch so nichtigen Information nachgeifern. Person XY hat zum Mittag Nudeln gegessen. Was das für die Entwicklung von Spiel ABC bedeuten könnte. Neuer Trailer verrät (eigentlich nix), so geil wird der neue Spiele-Kracher von Bla. Und da wird es gefährlich, denn es fehlt das Gesunde Maß. Wer kritisch ist, wird niedergemacht und attackiert. Und sollte das Spiel, dann doch keine 10/10 sein, dann werden Schuldige gesucht. War es die Spielepresse, die ungeniert einfach alles geschrieben und wiederholt hat, was ihr gesagt oder gezeigt wurde? War es der Publisher/Entwickler, der den Hype immer mehr geschürt hat? Waren es die Fans? Oder waren es am Ende alle zusammen?
    Hype kennt kein Mittelmaß in diesen Zeiten, weil ihm ein Korrektiv fehlt, der Entwicklungen einordnen kann.
    Freue dich auf Spiele, feiere sie ab und sage auch, wenn sie schlecht sind. Akzeptiere aber auch andere Meinungen, sehe ein Spiel immer im Kontext.

    Tobi
    1. Gut zusammengefasst! Das macht den “Hype” eben so gefährlich. Wenn man nicht aufpasst, lässt man sich vom künstlich erzeugten Hype einlullen. Passiert auch den Besten! Bei meiner persönlichen Vorfreude versuche ich es möglichst so zu halten, dass ich mich selber nicht zu sehr hochschaukle. In den meisten Fällen funktioniert das auch – aber auch erst seit ich meine ersten negativen Erfahrungen mit Hypes gemacht hatte.

      Wie Du schon sagst: Freu dich auf ein Spiel und kritisiere es, wenn es berechtigt ist.

      Tobi
  5. Ich versuche Ankündigungen recht neutral zu sehen, Vorfreude nicht ganz mit Hype gleichzusetzen. Passiert ist es mir dennoch, dass ich in jüngerer Vergangenheit einem ganz persönlichen Hype unterlegen bin. Der erste Trailer vom damaligen Racing Apex, aber Hallo, da bin ich postwendend auf den Zug gesprungen aka dem Hype Train. Enttäuschung war nur ein wenig da, als es dann sehr ruhig darum wurde. Etwas später startete es dann doch noch als Hotshot Racing durch, und für mich das grandiose Retro Rennspiel geworden, das ich anhand der ersten Bilder erhofft hatte. Und ich habe Virtua Racing geliebt. Somit war für mich die Latte recht hoch gelegt. Die Verzögerung war in meinem Fall als durchaus positiv zu bewerten. Hab das Spiel dann sogar 2x gekauft, eines davon verschenkt. Einziger Wermutstropfen: Im Multiplayer sind selten viele Leute anzutreffen. Wirklich sehr schade und hat das Spiel nicht verdient. Ein keiner Nachsatz noch: Hotshot Racing könnte für mich wunderbar als Arcade mit 8 Spielern gleichzeitig funktionieren 🙂

    Tobi
    1. Auch ein interessanter Fall! Bei einem Hype muss das Spiel nicht zwangsläufig enttäuschen. Leider kommt es auch vor, dass man vielleicht einer der Wenigen ist, die ein bestimmtes Spiel wirklich interessant finden. Bei einem Arcade-Racer ist das natürlich extrem ungünstig, wenn es keine Mitspieler gibt! Wer weiß; vielleicht kommt Hotshot Racing ja nochmal in seinem zweiten Frühling mit mehr Beachtung zurück 😛

  6. Als ich vor Jahren meine PS4 gekauft hatte, musste es für mich unbedingt die Konsole im Paket mit DriveClub sein. Die Veröffentlichung vom Spiel verzögerte sich immer wieder und somit auch die Lieferung der Konsole. Was ich dann die ersten Monate für ein Spiel auf der PS4 erleben durfte war ernüchternd. In den ersten Wochen immer wieder Abstürze, die Server überlastet, es waren noch nicht alle Spielinhalte fertig. Ziemlich blöd wenn man sich auf die Konsole freut und das mitgelieferte Spiel sich dann als Spielspaßbremse gibt. Am Ende war dann alles gut. Das Spiel wurde von den Entwicklern weiterentwickelt und nach ein paar Monaten war es ein richtig gutes Spiel. Eines habe ich aber daraus gelernt. Nie wieder gebe ich mich einem Hype hin und kaufe ein Spiel als Vorbesteller. Das war das erste und letzte Mal in meinem Leben.
    Sonst bin ich aber auch sehr unempfänglich gegenüber Hypes. Den Wirbel um Spiele wie Cyberpunk, die neuen Konsolengenerationen, das neue Smartphone, schaue ich mir immer schmunzelnd als Beobachter an. Es gibt einfach wichtigere Dinge im Leben.

    1. Das ist natürlich gemein, wenn die neue Konsole auf das Spiel “warten” muß 😉 Die Vergangenheit hat doch sowieso immer gezeigt, dass die Launchtitel nicht unbedingt lohnenswerte Spiele sind. Die Entwickler haben so manchen Schatz oft erst in den späteren Phasen einer Konsole erschaffen. Ich erinnere mich da an das letzte God of War auf der PS2. Ich bin fast hintenübergefallen, als ich gesehen habe, was mit diesem Spiel noch aus der PS2 herausgeholt wurde.

    2. Ich denke man muss das immer auf die schmerzvolle Weise lernen, dass nicht alle Hypes so gesund sind! 😀 Es ist gut, dass der Entwickler da noch Arbeit rein investiert hat, um die Käufer wenigstens etwas zu besänftigen. Das ist auch eine legitime Methode und kann klappen – siehe No Manˋs Sky – aber das ist immer ein ganz dünnes Eis! Es kann auch schnell in die andere Richtung schwenken und die Käufer verärgern.

  7. Ich bin eigentlich ziemlich Hype-resistent. Klar bekomme ich viele Hypes über die Medien mit, fühle mich aber nicht “unter Druck” das Spiel oder die Konsole dann als erster zu kaufen. Das war auch eigentlich schon immer so. Mich haben “Trends”, oder “das was die anderen machen” nie sonderlich angefixt. Warum das bei mir so ist? Keine Ahnung. Ich schätze ich brauche es persönlich nicht, der Teil von etwas großem zu sein und mich dadurch zu definieren. In diesem Punkt war ich schon immer ein Einzelgänger, der sich seine Trends selbst gesucht hat.

    Damals als der Film Titanic von Cameron rauskam habe ich jahrelang verweigert mir den Film anzusehen. Allein nur deshalb, weil mir jeder gesagt hat: “den Film musst du sehen!”. Das hat mich so genervt, dass ich eben genau das Gegenteil gemacht habe und somit jahrelang einen sehr guten Film verpasst hatte 😉

    Tja, es gibt also immer zwei Seiten.

    Was die Cyberpunks oder GTAs dieser Welt betrifft sehe ich es ähnlich wie du. So etwas kann nur in die Hose gehen. Kein Spiel kann so einer Kampagne standhalten. Im Gegenteil: das gesunde Mittelmaß wäre besser. Und am besten ist es ein Spiel für sich zu entdecken, von dem man gar nicht erwartet hatte, dass es einen so sehr begeistern würde. Dieses Gefühl ist unbezahlbar.

    Tobi
    1. Ich bin an sich ein sehr euphorischer Mensch und lasse mich gerne begeistern, aber nicht unbedingt hypen. Dementsprechend laufe ich auch nicht jedem Trende hinterher 🙂
      Aber bei Cyberpunk und GTA z.B. hat es mich ganz gut erwischt. Ich habe etwas das Gefühl, dass man sich nicht gänzlich von allem freisprechen kann 😛
      Verschiedene Meinungen sind auch richtig und wichtig in so einem Diskurs, solange man nicht “aus Prinzip” dafür oder dagegen ist.
      Ich könnte jetzt sicherlich mit dir auch über Titanic diskutieren können, da ich mich da auch lange vor gestreubt habe, aber weniger wegen eines Hypes! 😀

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