Wie ein Plagiat Weihnachten gestohlen hat

Von Sabrina am
Veröffentlicht in Videospielgeschichten
Mit Kommentaren von Sabrina, Franz Zwerschina, André Eymann, Tobi, Thomas

Jetzt, wo die besinnliche Zeit des Jahres wieder in vollem Gange ist, möchte ich uns mental in die Zeit der 1980er und 1990er zurückversetzen, in der die meisten von uns noch (kleine) Kinder waren; eine Zeit, in der die Vorfreude auf Weihnachten groß und die Sehnsucht nach dem großartigsten Spielzeug der Welt noch größer war.

Genauer gesagt, führe ich uns in die Heiligabende unserer Kindheit zurück, an denen man im Wohnzimmer vorm Familien-Röhrenfernseher sitzend auf die Bescherung wartet, während man eigentlich schon seit Stunden, ach was sag ich, Tagen heimlich auf die noch eingepackten Geschenke geiert und wie ein konsumgeiles Stierbaby mit den Hufen scharrt.

Die Stunden dehnen sich wie eine Doppelstunde Mathe vorm langen Wochenende, aber immerhin wird man nicht von schlechtgelaunten Pädagogen angemotzt – und mit diesem tröstlichen Gedanken ist das Warten irgendwann tatsächlich vorbei.

Ich weiß nicht, wie man bei euch früher die Bescherung eingeleitet hat, aber bei uns in Süddeutschland klingelt das Christkind irgendwann ein Glöckchen und es geht los: Mit der Bescherung – und mit den 5 Phasen des weihnachtlichen Elends.

Phase 1: Leugnen

Die weichen Geschenke ohne Karton werden von mir gekonnt ignoriert (die Erfahrung schreit „Frotteeschlafanzüge“) und ich stürze mich direkt auf die einzige konsolengroße und kitschig verpackte Schachtel.

Oh Mann. Monatelang wurde gejammert, gefeilscht, gebettelt und dann ist es endlich so weit. Das Geschenkpapier wird aufgerissen, das krumpelige Geschenkbandknäuel so weit geworfen, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen verliehen bekommen hätte. Jetzt habe ich mich endlich durch die Deko zum Karton durchgegraben.

Ich schweife währenddessen schon ein bisschen in meine Tagträume ab: Ich bin zwar nicht die erste in der Klasse, die so ein Ding hat, aber diese Konsole wird dort trotzdem meinen Status mindestens verdoppeln. Die anderen Kinder werden sich darum streiten, wer bei mir übernachten darf. Ich werde so viel üben, bis ich als Super Mario RICHTIG gut bin. Meine Freundinnen und ich werden SO tolle Nachmittage zusammen haben, mit meinem lang ersehnten, supercoolen, seltsam hohl klingenden…

… Äh, „Zelda Mega Drive“…?

Bitte WAS?! Das kann nicht sein!

Phase 2: Zorn

Es ist vielleicht ein Paradebeispiel für First World Problems. Aber: Es ist ein weltweit bekanntes Phänomen unserer Generation. Zwar nicht empirisch belegt, aber unzählige Memes über traurige, traumatisierte Kinder der 80er und 90er zeigen, dass ich nicht die Einzige war, die dank unkundiger Erwachsener statt mit der gewünschten Spielekonsole plötzlich mit einem obskuren chinesischen Plagiat unterm Christbaum saß. Ja, First World Problem, aber für eine Kinderseele wirklich dramatisch enttäuschend.

Es klingt zwar undankbar, aber wenn wir mal ehrlich zueinander sind: Kein Mensch der Welt wünscht sich einen scharfkantigen Handheld-Klon namens “Entertainment Baby ” ohne Steckplatz, dessen gesamter weltweiter Umsatz auf den Schultern schnäppchenjagender Großeltern lastet. Da können mich die 1000 Games, die das Gerät auf dem internen Speicher anbietet, nicht gerade trösten.

Phase 3: Verhandeln

Trotz allem setzt mein Gehirn wieder ein. Tapfer versuche ich die Tränen der Enttäuschung wieder herunterzuschlucken, bevor jemand etwas bemerkt, und würge schnell ein Goldene Himbeere-würdiges „Danke“ heraus. Mein Mantra: Es hat ja keiner böse gemeint.

Außerdem.. nach einigen Minuten machen mich die Lobeshymnen über die unendlichen Möglichkeiten des Geräts, in der Font “Papyrus” auf den Karton gedruckt, und meine stark ausgeprägte Verzweiflung dann doch irgendwann mürbe.

1000 Spiele müssen, rein rechnerisch betrachtet, einfach viel abwechslungsreicher sein als ein einziges Spiel, auch wenn mir vielleicht im Gegenzug ein lizensierter Sonic the Hedgehog keine Albträume bereitet hätte. Je länger die Verpackung studiert wird, desto überzeugender wirken die ekstatisch agierenden Kinder auf der Schachtel auf mich und desto mehr Freude kommt in mir auf. Ich finde mich nicht nur langsam mit der Tatsache ab, sondern freunde mich wirklich mit dem Gedanken an, eine echt gute Zeit mit meinem brandneuen, klappernden “Super Nintengo” zu verbringen, der verdächtig danach klingt, als ob schon etwas von der Platine abgebrochen wäre. Hey, 1000 Spiele sind 1000 Spiele! Wer braucht da schon CE-Zeichen?

Mir ist klar, dass wir bestimmt Wochen daran sitzen werden, alle Games durch- oder zumindest anzuspielen, drum legen wir noch in den Winterferien los. You go girl. Das werden die besten Ferien ever!

Spiel für Spiel taste ich mich mit einem Geschwister und/oder Cousin meiner Wahl durch die angebotenen Games und habe – zugegeben – Spaß.

Ein kurzer Einblick in das Spieleverzeichnis:

  • Tanks (Battle City ohne Copyright. Irritierend für uns Kinder ist nur, dass man gar nicht tanken muss)
  • Jump (Ein – wie der Name sagt – Jump’n‘Run, das keinem von uns Kindern so richtig Spaß gemacht hat, weil es viel zu schwer war. (Anmerkung aus dem Jahr 2002: Ich habe erst jetzt bei meinen Recherchen herausgefunden, dass es sich um „Jet Set Willy“ gehandelt haben muss))
  • Ping (Pong mit nur 6 Levels. Viel zu kurz und viel zu leicht, aber vielleicht sind wir einfach nur besonders gut?)
  • Space Invaders (Mein Vater berichtet, dass er das Spiel früher gespielt hat. Das KANN ja wohl gar nicht sein!)
  • Snack Man (Der zugegeben beste PacMan-Klon)
  • Breakout (À la Atari)
  • Explosion (Sehr gut kopiertes Bomberman – leider mit viel zu wenig Levels)
  • Pinball (Ebenfalls ein Klassiker, der keinem weh tut)

Wieso hab‘ ich mich eigentlich so aufgeregt? Bisher ist alles in Ordnung und wir haben sogar ein paar kurzweilige Stunden verbracht. Wir klicken also frohen Mutes weiter, auf der Suche nach weiteren guten Games – immerhin liegen da noch 992 vor uns.

Wir blättern durch das Inhaltsverzeichnis, öffnen noch weitere einigermaßen charmante Spiele und blättern gespannt weiter. Irgendwann stutze ich irritiert und blättere weiter… immer schneller.

Ich blättere, klicke und öffne so lange Dateien, bis ich die Realität nicht mehr leugnen kann und mein Urvertrauen in die Menschheit (und die Mathematik) bis ins Mark erschüttert wird:

Die Spiele wiederholen sich.

Sie wiederholen sich!

Phase 4: Tiefe Enttäuschung

Je weiter man im Verzeichnis der Spielebibliothek voranschreitet, desto abstruser werden die Spielenamen. Zuerst hätten wir die erste Weiterentwicklungsstufe: “Super Tanks”, “Super Ping”, “Super Explosion” (you get the idea). Im nächsten Wachstumszyklus stoße ich auf “Mega Snackman” und all seine Mega-Kollegen, später finde ich “Power Pinball” und Konsorten, danach stolpere ich über “Wild Breakout” und “Macro Invaders”.

Die Namen werden zwar abstruser, aber nach dem Laden zeigt sich, dass es sich weiterhin um die gleichen 15 Spiele handelt. Manchmal sind die Level geshuffelt, mal sind die Farben verändert, aber es sind und bleiben die immergleichen, billigen, dummen Spiele, die wir schrill kommentierend durchblättern.

Ich kann es nicht glauben. Die glücklichen Kinder auf der Verpackung… war das etwa gar nicht echt? All die Versprechen von Spaß und guter Zeit… alles Lügen? Verdammt!!!!

Phase 5: Akzeptanz

Und so liebe Kinder, erfuhr ich das erste Mal, was die Redewendung „Achterbahn der Gefühle“ eigentlich so bedeutet. Nach heftiger Enttäuschung und kurzer Erleichterung brach mein geschundenes Kinderherz in 1000 kleine Teile – wobei ich ja nun weiß, dass diese Zahl sehr dehnbar zu sein scheint.

Das Beitragsbild ist rein fiktiv – ein “Entertainment Baby” hat hoffentlich nie ein Kind enttäuscht, sondern ist rein meiner Phantasie und Photoshop entsprungen. Aber: Diese ominöse, albtraumhafte Konsole meiner Kindheit gab es tatsächlich, auch wenn ich mich nicht mehr an den richtigen Namen erinnern kann. Ich kann mich jedoch noch sehr gut entsinnen, dass die Optik sich sehr stark am Sega Mega Drive orientierte und meine Familie das ungeliebte Ding in den nächsten Jahren immer mit in den Sommerurlaub genommen hat, um es dort in der Küche meiner Oma an den Fernseher anzuschließen (denn außer Strom und fließend Wasser gab es dort nämlich nichts an technischen Annehmlichkeiten) – denn „wenn das Teil kaputt geht, ist es ja nicht schlimm“.

Und so kam es auch: irgendwann im Jahr 1995 habe ich das Gerät zum letzten Mal gesehen. Keiner kann sich mehr erinnern, was genau damit geschah – aber der Nachmittag, an dem wir kreischend und entsetzt durch die Spiele blätterten, wird für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. 😀

Ich hoffe, ihr hattet auch ein bisschen Spaß mit dieser eher verschwommenen Anekdote aus meinem Leben – bitte erzählt mir von euren Erfahrungen, falls euch der (groß)elterliche Sparsinn auch mal erwischt hat und ihr deshalb 6 Monate mit einem kaum erkennbaren, sehr peinlichen Super Mario auf dem Schulranzen herumirren musstet.

Weiterführende Links


Tipp: melde dich an, um einen Like mit deinem Avatar zu hinterlassen
NadineSvenAndré Eymann

Konto vorhanden? Dann anmelden!

Momentan bist Du nicht angemeldet. Melde Dich an, um mit Deinem Benutzerkonto zu kommentieren oder zu liken. Wenn Du noch kein Konto hast, kannst Du hier eins erstellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kommentare (11)

  1. Grossartiger Text! Ich blieb als Kind tatsächlich verschont von solchen Klonkonsolen! Aber einmal kaufte ich mir einen sogenannten Barcode Battler beim hiesigen Supermarkt, eine faszinierende, wenn auch etwas dröge Spielkonsole, die mittels Barcodes Kämpfer generierte! Coole Zeit damals … schöne Weihnachten

    SabrinaTobiAndré Eymann
    1. Hallo Franz, das klingt ja interessant, ich kann mir aber so gar nichts darunter vorstellen. 😀

      Frohe Feiertage auch für dich!

      TobiAndré Eymann
  2. Danke für diesen lustigen Ausflug in Deine Kindheit Sabrina! Gott sei Dank sind mir solche Erlebnisse erspart geblieben. Aber “Plagiats-Erfahrungen” habe ich dennoch.

    Im Laufe der Jahre bin ich als leidenschaftlicher Videospieler natürlich immer wieder an irgendwelchen 50-in-1 Billighandhelds hängengeblieben und habe bei Tchibo, in ausländischen Supermärkten oder anderen passenden Shops eine kleine Sammlung von China-Klones angesammelt. Irgendwann werde ich darüber mal einen kleinen Beitrag verfassen und die Geräte (und meine Stories dazu) hier kurz vorstellen.

    Es ist schon erstaunlich, wie die Haptik des Originals zum “Zugreifen” verleitet. Insgeheim weiß man natürlich, dass sich dort nur billige Lookalikes auf der Platine befinden, dennoch kann man nicht wiederstehen. Ja ja, je mehr ich darüber nachdenke… muss ich wohl etwas dazu hier veröffentlichen.

    Ein wundervolles Debüt von Dir – klar, dass da später noch mehr von Dir kommen muß! <3

    SabrinaFranz ZwerschinaTobi
    1. Auf deinen Beitrag freue ich mich jetzt schon! Mich schrecken solche Klone tatsächlich immer direkt ab (wahrscheinlich weil ich Angst davor habe, dass wieder nur Super Tanks, Mega Tanks, und Hulk Tanks drauf ist :D), aber ich finds toll dass du schon eine kleine Sammlung hast! Ich hoffe, sie kopieren wenigstens mittlerweile aktuelle Spiele. 😀

      TobiAndré Eymann
  3. Naww 🙁 Ich war nicht angemeldet und nun ist mein (sehr fetter) Like sehr unpersönlich. Sorry. Liebe Sabrina, herzlichen Dank für diesen Beitrag! Ich musste sehr lachen und bin dir gerade sehr dankbar dafür. Solche Situationen kennt bestimmt fast jeder, wo Verwandte eine “gute Idee” hatten, denn das Ersatzprodukt schien doch so viel besser zu sein und mehr zu bieten, als das teure Original. “Da zahlt man ja nur für den Namen”. Seufz. Ich kenne eine ganz ähnliche Geschichte, da ging es nach einem Verkehrsunfall um ein neues Mountainbike, welches den Totalschaden ersetzen sollte. Wie hab ich mein MTB geliebt.

    SabrinaAndré Eymann
    1. Und da waren die Finger schneller als der Kopf, hoppla. Hier gehts weiter.
      Es begab sich um die Weihnachtszeit. Ich bekam ein MTB der gleichen Firma, sogar in ähnlichen Farben. Aber. Das konnte doch nicht sein! Meine stylishen Kunststoffschutzbleche waren nun wieder altbekanntes Blech und auch sonst sah das neue Rad viel billiger aus, als das alte. Und die Bremsen erstmal, grrrrr! Heulen half nicht viel und ich hab mich breitschlagen lassen. Vermutlich war das neue Rad günstiger und meine Eltern hatten mit dem Geld der Gegnerversicherung, welches noch übrig war, den Strom oder ähnliches bezahlt, um Weihnachten etwas für uns zu retten. Geld war ein knappes Gut. Ich bin ab der Akzeptanzphase dann viel mit dem neuen Rad gefahren, aber das Gleiche war es definitiv nie :\

      Herzlichen Dank für deine wunderbare Anekdote, Sabrina, und bitte mehr davon!

      SabrinaAndré Eymann
      1. Hey Tobi, oh Mann, das klingt aber mies mit dem Unfall! Irgendwie schon verständlich, dass deine Eltern da aufs Geld gucken mussten, aber aus Kindersicht ist es natürlich heftig traurig wenn einem erst das gute Rad plattgefahren wird und man dann mit einem deutlich schlechteren Ersatz herumfahren muss. Ich hoffe, du bist schnell aus dem Rahmen rausgewachsen und hast später wieder eins mit Kunststoffblech bekommen (von denen ich gar nicht wusste, dass sie die coolere Variante ist – jetzt werde ich für immer darauf achten und anerkennend nicken, wenn jemand damit an mir vorbeifährt. :D)

        André EymannTobi
        1. Das ist allerdings auch schon über 30 Jahre her ^^ Doch, meine Anti-Blech-Schutzbleche waren cool, zu der Zeit waren die besonders. Das steht nicht zur Diskussion! 😀 Ich frage mich, ob die Plagiatsgeschichte auf dem Elektronikmarkt auch heute noch Enkel und Kinder zur Verzweiflung bringt, wenn ich da an Versandplattformen aus Fernost denke. Da gibts doch bestimmt das ein oder andere “Schnäppchen”, was aus heutiger Sicht durchaus auch interessant und vielleicht sogar amüsant wäre.

  4. Hey Sabrina,

    ein ein toller Artikel, ich habe mehrfach grinsen müssen und hab mich gleich auch drin wiedergefunden, leider. Zwar habe ich nie diese Plagiatspiele aushalten müssen, bekam solche Dinge nämlich konsequent einfach gar nicht. Ich hatte deswegen ein GameBoy-Trauma und rechnete teure Anschaffungen seinerzeit in GameBoys um (100 Mark = 1 GameBoy). Allerdings hatte ich in den 90ern Plagiat-Homeboy-Hosen von Otto, die erst beim Anziehen gar nicht mehr so aussahen wie die echten. In der Schule war es einfach nur peinlich.

    Die Idee des „uncanny valley“ passt hier ganz wunderbar rein, finde ich, denn ich will lieber ein Spiel/eine Konsole/von mir aus auch eine Klamotte lieber gar nicht haben als „ähnlich wie das Original“. Darum: Ich verstehe dich so gut!

    Viele Grüße
    Thomas

    SabrinaAndré EymannTobi
    1. Hi Thomas! Die Währung “Game Boy” kenne ich auch noch ganz gut – und wie unwirklich ist das bitte, dass ein Handheld mal nur 100DM gekostet haben soll? – denn meine Eltern wurden nicht müde zu betonen, wie teuer der GameBoy meiner Schwester gewesen ist (nämlich so teuer, dass ich keinen mehr bekam. :D)
      Gefälschte Klamotten sind auch der Klassiker schlechthin meiner Kindheit und Jugend, ich war mehr oder minder stolze Trägerin von “Bafulo”-Schuhen statt Buffalos :’D

      André EymannTobi