Shenmue: Der Klang der Freiheit

Kommentiert von Chris, Farmer Slide Joe Bob, Tobi, Marc, André Eymann, Poly.
  3 Min 697 Wörter PDF

Im Sommer 1999 kamen mein bester Freund und ich auf eine weiterführende Schule. Raus aus unserem verschlafenen Dorf – irgendwo in Niedersachsen – rein in die Stadt. Für Jugendliche wie uns war das damals ein Paradies. Besonders weil wir nach der 6. Schulstunde noch genügend Zeit hatten, um in der Elektronikabteilung des nahegelegenen Einkaufszentrum die neusten PC- und Videospiele auszuprobieren. Es gab nicht wenige Tage, an denen wir dort weitaus länger als gewollt verbrachten, ganz zum Unmut unserer Eltern, die uns (nachdem wir mal wieder den Bus verpassten) abholen mussten.

Unweit der Elektronikabteilung gab es zudem einen (für damalige Verhältnisse) recht großen Kiosk mit einer Vielzahl an Magazinen und Comics. Es war eine von wenigen, wenn nicht die Quelle, um auf dem Schulhof oder zwischen den Schulstunden mit den neusten Informationen aus der Videospiel-Szene zu prahlen. Maniac, Bravo „Screenfun“, PC Games, GameStar und Co. waren ständige Begleiter meines Rucksacks.

Es muss September gewesen sein, als mich ein neues Magazin „anleuchtete“, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte. DREAMCAST: „Das offizielle Magazin“ schimmerte mich in blau-weißem Hochglanz dort im Regal an. „Geblendet“ von dem – für damalige Verhältnisse – recht außergewöhnlichen, edlen Design investierte ich die wohl bis dahin besten 12,- DM meines noch recht jungen Lebens.

Zuhause angekommen verlor ich mich sofort in dem prall gefüllten Magazin, bis ich auf Seite 72 angekommen eine Art „Magic Moment“ erleben durfte.

„Shenmue – Zum neuen Dreamcast-Standard dürfte sich wohl dieser Titel entwickeln. Dafür stehen vier Jahre Entwicklungszeit und ein Budget von über 20 Millionen Dollar“.

Ich glaubte meine Augen nicht, was dort geschrieben stand. Das alles war für damalige Verhältnisse einfach völlig neu. Ein Spiel, in dem du einen Charakter durch eine wunderschön modellierte Welt begleiten kannst und dich „völlig frei“ bewegst. Du kannst einen Job ausführen? Du kannst kämpfen? Du kannst in einer Arcade-Halle Spiele spielen? Der Wahnsinn!

Für mich war klar, dass ich eine „Sega Dreamcast“ haben musste, auch wenn „Shenmue“ zu diesem Zeitpunkt noch über ein Jahr auf sich warten lassen würde. Und so plünderte ich mein Sparkonto nach einer langen Diskussion mit meinen Eltern und den Erklär-Versuchen, warum genau ich diese Konsole haben musste.

Am 14. Oktober 1999, dem Release-Tag der „Dreamcast“, fuhr ich dann mit meiner Mutter zum anfänglich erwähnten Einkaufszentrum, um mir die Konsole zu kaufen. Leider ging dabei mein ganzes erspartes Geld drauf, sodass ich mich die ersten Monate ausschließlich mit den Demo GD-Roms des „Dremcast Magazins“ vergnügen musste. Aber das war mir egal, denn mein eigentliches Ziel war ja „Shenmue“. Wenn auch noch in weiter Ferne.

Ich weiß noch genau, wie ich meine Freunde damit monatelang genervt habe. Ich war wie besessen, auch wenn kaum einer den Hype nachvollziehen konnte. Das war aber ein allgemeines Problem der „Dreamcast“, denn neben mir hatte niemand in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine. Ich wurde dafür eher nur belächelt, standen mit der „Sony PlayStation 2“ und der „Microsoft Xbox“ zwei neue Konsolen in der Pipeline, die eine weitaus größere Masse ansprachen.

Aber das war mir egal. Und als dann der 1. Dezember 2000 vor der Tür stand und die Post mir meine schon vor Monaten via Telefon vorbestellte Version von „Shenmue“ brachte, war ich einfach nur unfassbar glücklich. Am Nachmittag besuchten mich dann sogar drei meiner Freunde, sodass wir gemeinsam die ersten Stunden von „Ryo Hazuki“ erleben durften. Immerhin wollten sie genauso wissen, wovon ich da die letzten 14 Monaten immer gesprochen und womit ich sie vielleicht auch genervt habe. Es war fantastisch.

Das Erlebnis und auch die Vorfreude dieses Spiels hat sich so sehr in meinen Kopf eingebrannt, weshalb ich auch 20 Jahre danach noch immer ein ganz besondere Beziehung zu diesem Spiel, aber auch der Konsole habe.

Ich liebe Videospiele.

Video: Shenmue #01 mit Gregor und Simon

Abbildungen zu Shenmue

Promotion-Artwork zu Shenmue. (Bild: Sega)
Promotion-Artwork zu Shenmue. (Bild: Sega)
Offizielles Dreamcast Magazin Ausgabe 1. vom 16. September 1999. 12,-DM inkl. GD-ROM - Herausgegeben vom Future Verlag. (Bild: Marc Nuttelmann)
Offizielles Dreamcast Magazin Ausgabe 1. vom 16. September 1999. 12,-DM inkl. GD-ROM – Herausgegeben vom Future Verlag. (Bild: Marc Nuttelmann)
TobiAndré Eymann

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Kommentare7

  1. Shenmue habe ich damals nur am Rande mitbekommen. Als die Shenmue I & II HD Collection rauskam, hatte mich dann doch interessiert, was es mit dem Phänomen auf sich hatte. Ich kannte zwar schon Yakuza, das ja sowas wie ein spiritueller Nachfolger zu Shenmue sein soll, aber merkte schon früh, das Shenmue doch irgendwie etwas ganz anderes war. Witzigerweise habe ich zu Recherchezwecken damals genau das von dir verlinkte Let’s Play von Simon und Gregor gesehen 🙂 Das hat, ebenso wie dein Artikel, einen guten Eindruck davon vermittelt, was damals das Faszinierende an Shenmue war. Leider musste ich für mich feststellen, dass Shenmue nicht mein Ding ist. Vielleicht hätte ich einen besseren Zugang dazu, wenn ich es damals “miterlebt” hätte.

  2. Auch sehr schöner Artikel zu Shenmue und der Dreamcast.Erinner mich, wie ich nachdem Mega Drive in der Bravo Screenfun, Dreamcast Shenmue und Prince of Persia 3D gelesen hatte und ich die Dreamcast wollte.Zu dem Zeitpunkt, wusste ich außer N64 und Playstation nichtmal das Sega den Saturn hatte, weswegen auch diese Konsole sozusagen einen massiven Sprung in meiner Historie gemacht hatte.Das Voice Over höre ich mir daheim an 🙂

  3. Ich finde es einfach unglaublich, wie der Beitrag durch das Einsprechen von dir noch einmal an Tiefe und Intensität gewonnen hat Marc. Habe es jetzt mehrfach gehört und bin noch immer geflasht, weil deine Stimme zum Text nun in meinem Kopf bleiben wird. Was für eine tolle Idee, dass du das umgesetzt hast! Danke für beides: Text- und Hörerlebnis. Dafür habe ich Videospielgeschichten ins Leben gerufen <3

    Tobi
    1. Lieber André,
      ich bin sprachlos und vom Herzen gerührt. Wirklich vielen, lieben Dank für deine warmen- und ehrlichen Worte. <3

      TobiAndré Eymann
  4. Shenmue war und ist wirklich in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Titel. Schade, dass es trotzdem nur bei wenigen Spielern als Systemseller funktionierte. Die PR-Maschinerie heutiger AAA-Publisher hätte vielleicht mehr daraus gemacht, aber SEGA war halt anders und gerade in Werbung war man zu der Zeit, zumindest in Europa, irgendwie ziemlich unfähig. Das passt auch zu dem grauenhaften Lifestyle-Ansatz, den das offizielle DC-Magazin bei uns verfolgte. Die DC-Kult und insbesondere die UK-Magazine waren da wesentlich besser, finde ich.

    TobiAndré Eymann
  5. Yeah Baby yeah 😀
    Shenmue war damals wirklich ein Hingucker. Genau wie die Konsole.
    Und ich könnte mir vorstellen, dass das irgendwie immernoch so ist.
    Vielen Dank für diese liebevolle Hommage an ein herausragendes Spiel, welches ich leider nur von ein wenig Gucken beim Kumpel damals (hallo Nici) vor 20 Jahren und eher mehr nur vom Hörensagen kenne.

    Dein Hinfiebern zum ersehnten Ziel kam beim Lesen richtig lebendig rüber, coole Sache!

    André Eymann
    1. Nachtrag zum Audiobeitrag:
      Fantastisch! Deine Begeisterung tanzt mir förmlich auf den Trommelfellen 😀
      Deine persönliche Euphorie, die du damals mit der Dreamcast und Shenmue erfahren hast, bringst du hier sehr authentisch rüber. Die eingespielte Begleitmusik untermalt das Ganze sehr stimmig. Danke sehr!