Through the Darkest of Times – Verdammt viel richtig gemacht


Von Michèle Matetschk am 29.02.2020
Gepostet in Spielebesprechungen

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Am 30. Januar, pünktlich zum 87. Jahrestag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, veröffentlicht das Indie Game Studio Paintbucket Through the Darkest of Times. Ein Strategiespiel, in welchem die Spieler*innen eine Widerstandsgruppe zur Zeit des Nationalsozialismus anführen.

Wie geht das?

Das rundenbasierte Spiel beschäftigt sich in vier Kapiteln mit den zentralen Zeitabschnitten des nationalsozialistischen Regimes: die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, dem Höhepunkt der Macht im Jahr 1936 mit den Olympischen Spielen in Berlin, dem 2. Weltkrieg während der Jahre 1940/1941 und schließlich dem Zerfall des Reiches mit den letzten Kriegstagen und der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Zu Beginn des Spiels muss ein Charakter gewählt werden, und an dieser Stelle gleich das erste Lob: zur Auswahl stehen fiktive, aber an die Realität angelehnte Charaktere, Männer und Frauen gleichermaßen, die beispielhafte Biografien vermitteln. Schon die Auswahl des Charakters kann also dazu führen, dass Spieler*innen sich damit auseinandersetzen, wo der Widerstand eigentlich herkam.  

Eine Runde des Spiels gliedert sich in eine Konversation der Gruppe, während der man jüngste politische Ereignisse auswertet und die privaten Probleme der Mitglieder kennenlernt; und die Phase, in der man Aktionen plant, dabei die Moral der Gruppe und die Gestapo im Blick behalten muss.

Dabei muss man als Spieler*in viele Entscheidungen treffen, kleine und große. Oftmals geht es darum, das moralisch richtige Handeln auf der einen und das sicherste Handeln auf der anderen Seite abzuwägen und sich selbst und seine Gruppe so gut es geht zu schützen. Man wird konfrontiert mit Verrat und Geldsorgen, muss entscheiden, wem man wann vertraut, und auch Konflikte innerhalb der Gruppe austragen und lösen, wenn möglich.

Ich habe das Spiel sofort nach dem Release gekauft und an einem Abend durchgespielt. Das ist untypisch für mich, denn normalerweise ist mein Geduldsfaden bei Strategiespielen ziemlich kurz. Nach dem Spiel war ich nicht nur ein kleines bisschen sprachlos, sondern auch sehr überzeugt davon, dass dort einiges richtig gut gemacht wurde.

Warum?

Erstens, Through the Darkest of Times berührt. Und das nicht nur einmal, sondern verdammt oft. In Zwischensequenzen und Gesprächen, mit Musik, mit dem, was visuell geboten wird. Das Spiel schafft es nicht nur, immer schwerer, sondern auch immer beklemmender zu werden. Gerade das Unheil ankündende Türklopfen ist mir in Erinnerung geblieben – und hat Gänsehaut beschert.

Dabei hat das Spiel mich an keiner Stelle überfordert, und soviel kann ich sagen: ich bin wahnsinnig nah am Wasser gebaut, doch ich konnte es durchspielen und es war okay für mich. Das ist wirklich ein Drahtseilakt, der den Köpfen hinterm Spiel da gelungen ist. Meiner Meinung nach gelang das durch eine kluge Auswahl dessen, was man zeigt, und dessen, worüber man lediglich spricht. So begegnet man der Köpenicker Blutwoche in ziemlicher Deutlichkeit. Als Spieler*in erfährt man von Konzentrationslagern, man spricht darüber und kann es in Zeitungen lesen. Aber spielen kann man nicht in einem Konzentrationslager. Und das ist auch gut so. Durch diese klare Grenze gelingt es, Dinge zu zeigen, ohne sie zu beschönigen.

Zweitens, Through the Darkest of Times ermöglicht es einem grundsätzlich, den Verlauf des Spiels zu beeinflussen. Damit berührt es uns genau da, wo es wehtut. Die Frage ist: „Was hätte ich gemacht?“. Sicher, das alles passiert im Rahmen eines Computerspiels, vor dem man in einem warmen Zimmer sitzt, und das man zu gegebener Zeit auch beenden kann. Trotzdem glaube ich, dass wir einiges aus diesen Mechanismen lernen können. Es ist nämlich nicht leicht, halbwegs heil durch das Spiel zu kommen, geschweige denn den Verlauf der Geschichte positiv zu beeinflussen oder gar grundlegend zu ändern.

Das mag für manche frustrierend sein, ist an dieser Stelle aber genau richtig. Durch die Mechanismen, die einen dazu führen, auch die Moral der Gruppe im Blick zu haben und doch gleichzeitig dafür zu sorgen, dass nicht ständig jemand erwischt wird, muss man die Entscheidungen sehr sorgsam treffen. Schon das Risiko, irgendwo Spenden aufzutreiben oder Papier zu besorgen, kann unermesslich hoch sein. Und diese Botschaft zu vermitteln, ist zentral. Through the Darkest of Times hat das hier sehr eindrücklich geschafft.

Drittens, Through the Darkest of Times besticht durch eine wahnsinnige Liebe zu kleinen Details, die das Spiel so fesselnd machen. Die optische Gestaltung des Spiels ist sicherlich Geschmackssache, ich persönlich finde sie sehr gelungen und mag den zurückhaltenden Zeichenstil und die sehr eindringliche Farbauswahl (Schwarz, Rot, Grau- und Weißtöne, und damit durchaus mehrdeutig). Spielt man sonst in sehr aufwendig gestalteten und realistisch-bunten Spielwelten, ist das vermutlich ungewohnt, zum Thema des Spiels aber durchaus passend. Daneben bin ich überzeugt, dass das Spiel mit seiner Aufmachung und den Mechanismen und Strategien nicht nur aus Sicht einer gelegenheitsspielenden Historikerin spannend ist.

Um mir eine zweite, fachfremde Meinung einzuholen, habe ich meinen Freund (verbringt viele Stunden in der Woche vor dem PC und mit Spielen unterschiedlichster Genres) mal ein paar Stunden mit dem Spiel allein gelassen. Als ich das Zimmer wieder betrat, hatte er nach eigener Aussage nicht nur viel über den Nationalsozialismus gelernt (Bildungsauftrag erfüllt!), sondern war, wie ich auch, sehr gefesselt und überzeugt. Für eine repräsentative Studie reicht das jetzt nicht, aber es bestätigt meine vage Idee, und das war alles, was ich wollte.

Wie lässt sich das Ganze jetzt zusammenfassen?

Through the Darkest of Times ist ein gutes und wichtiges Spiel. Der gut durchdachte und sensible Umgang mit grausamer Geschichte dürfte hierbei fast ein Alleinstellungsmerkmal sein. Es ist spannend und emotional, überwältigt dabei aber nicht. Dabei spricht es eine große Zielgruppe an und hat das Potenzial, überall zu überzeugen. Seit über einer Woche laufe ich herum und erzähle allen, die es hören wollen – oder auch nicht – vom Spiel und warum ich so begeistert bin.

Wenn ihr also offen seid für ernsthafte Spiele, die fordern und bilden, dabei trotzdem spannend bleiben und gut gemacht sind; wenn ihr wissen wollt, wie man schwierige Themen über Games gut vermitteln kann oder wenn ihr noch ein bisschen was lernen wollt über den Alltag im Nationalsozialismus, dann schaut euch Through the Darkest of Times unbedingt mal an.

Was denkt ihr? Ist es richtig, den Nationalsozialismus spielbar zu machen oder ist das für euch ein Tabu? Was haltet ihr davon, dass der Lauf der Geschichte verändert werden kann? Habt ihr Through the Darkest of Times vielleicht schon selbst gespielt oder bewusst nicht? Ich freu mich, eure Meinung zu hören.

Mehr erfahren?

Solltet ihr jetzt noch mehr über das Spiel erfahren wollen, könnt ihr euch unter folgendem Link bei Paintbucket selbst informieren.

Außerdem ist vielleicht das ausführliche Interview mit den Entwicklern Jörg Friedrich & Sebastian Schulz von André Eymann (hier im Blog) für euch interessant.

Wenn ihr euch genauer über zivilen Widerstand im Nationalsozialismus informieren wollt, könnt ihr das zum Beispiel über die folgenden Verweise tun:


Schlagwörter

1933 1936 1945 Berlin Drittes Reich Geschichte Nationalsozialismus paintbucket Politik Strategiespiel zeitgeschichte

Über Michèle Matetschk

Studiert Geschichte und ist studentische Mitarbeiterin des Berliner Aufarbeitungsbeauftragten. Macht immer mehr Ausflüge in historisch-inspirierte Games, wenn sie nicht gerade ihre Sims in den Wahnsinn treibt oder als eher unelegante Assassine versucht, die Welt von allem Bösen zu befreien (oft mit eher mäßigem Erfolg). Interessiert sich für Science-Fiction, Dystopien und die Abgründe der Menschheit in mittelmäßigen Dokus. Ferner charakterisiert durch eine berufsbedingte Liebe zu Büchern, zu vielen Schreibwaren und dem Unvermögen, Kommata richtig zu setzen.

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