Weißt du noch? Half-Life von 1998

Veröffentlicht in Spielebesprechungen
Mit Kommentaren von André Eymann, YesterPlay 80, Poly, Kevin Puschak, Michael Behr, Dennis Hanert, ragnar, Moni

Am 31. Oktober 2018 wird Half-Life schon wieder 20 Jahre alt. Was war das damals für ein Hype um dieses Spiel! Und wenn ich an dieser Stelle von „Hype“ spreche, meine ich nicht die heutigen von der Spielindustrie erzeugten Werbekampagnen, Monate vor dem Release. Ich spreche von einem natürlichen, von den Spielern ausgelösten Hype, der sich unentwegt durch Mundpropaganda verselbstständigt und bedingungsloses Verlangen nach einem Spiel auslöst.

Jeder – aber auch wirklich jeder, der mit Computerspielen was anfangen konnte, redete auf einmal über Black Mesa, Facehugger, Gordon Freeman und die mysteriöse Bedeutung des G-Man.

Ich weiß noch gut, welchen PC ich damals hatte…

Einen in tristem grau gehaltenen Big-Tower, in dem ein Cyrix 6×86-Hauptprozessor steckte. Dazu eine mich mit Stolz erfüllende Matrox Mystique 3D Grafikkarte. Maximal 32 MB SD-RAM mussten reichen. Vom Rest der Hardware möchte ich an dieser Stelle dann doch keine Gedächtnis-Vermutungen anstellen.

Monitor? Natürlich ein 15 Zoll Farbmonitor. Weitere Merkmale für das Display waren zu dieser Zeit noch unwichtig. Es zählte nur die Größe der Mattscheibe.

Ja so ist das bei Gamern. Wenn du gefragt wirst, wie deine PC-Konfiguration zu einem bestimmten Zeitpunkt aussah, kommst du nie drauf. Wenn du gefragt wirst, wie sie zu einem bestimmten Spiel aussah, kommt die totale Erinnerung…

Half-Life – Halbwertszeit – Installationszeit

Valve-Logo 1998. (Bild: Valve)
Valve-Logo 1998. (Bild: Valve)

Für Teenager im Jahr 1998 war das nötige Kleingeld für ein neues Spiel nicht immer flüssig. Wie gut, dass wir Spiele noch ohne digitale Rechteverwaltung über eine Sicherungskopie von Freunden ausleihen konnten.

Also nichts wie rein mit der (mit Edding bekritzelten) Half-Life Sicherungskopie und schon brummte der Autostart los. Kurz darauf tauchte auch das etwas verstörende Valve-Logo mit seinem mysteriösen Sound auf…

Nach dem Installations-Akt, der nicht nur gefühlt eine halbe Ewigkeit dauerte, war das Spiel für den ersten Start bereit. Dieses aufregende Gefühl, ein neues Spiel das erste Mal zu starten, kennst du bestimmt!

Unvorhergesehene Konsequenzen

Weisst du noch? Dieses Intro? Keiner wird es je vergessen! Die Fahrt mit dem Service Train in die Tiefen der Black Mesa Forschungsanlage.

Diese Stimme. Diese Spannung. Diese Grafik!

„Aber Moment – was ist das!?“

Kaum ein paar Meter gefahren, schon er erste Ansatz von Ernüchterung. Dieses revolutionäre 3D-Spiel brauchte so viel Saft, dass meine sogenannte 3D-Karte nur so vor sich hin stotterte.

Als der berühmte „Zwischenfall“ im Kernlabor dann einen Grafiklag noch nie erlebter Ausmaße auslöste, kam ich zu einer Erkenntnis, die man heute gar nicht mehr kennt:

Das Spiel und dessen Systemanforderungen sind nichts für meinen PC!

1998 war ich 15 Jahre alt. Alt genug, um in die Stadt zu kommen und mir eine von diesen coolen Voodoo-Karten zu holen. Ich wollte doch verdammt nochmal Half-Life spielen! Jedoch auch arm genug, um diese Idee zu verwerfen und das Spiel trotzdem mit gefühlten 13 FPS weiterzuspielen. Schließlich wollte ich ja mitreden können.

Sorry Gordon, James Raynor übernimmt

Wie du dir vorstellen kannst, trübte der schlechte PC bzw. das ressourcenhungrige Spiel den Spaß an der Sache. Die Schmerzgrenze lag aufgrund des genialen Gameplays komischerweise hoch genug, um mich weiter durchzukämpfen. Als mir dann zwischenzeitlich StarCraft in die Hände fiel, war kurzerhand Schluss mit Gordon Freeman. Das Strategiespiel war bei weitem dankbarer zu meiner PC-Konfiguration und bot gleichermaßen Gesprächsstoff in der Schule. Denn auch StarCraft mit seinem Protagonisten James Raynor hatte etwas Magisches zu seiner Zeit.

Half-Life wurde somit erst einmal auf Eis gelegt, bis sich eine neue Grafikkarte oder ein neuer PC in Aussicht stellte. Und sch… auf das Savegame! Sobald die Technik mitspielt, wird das Spiel nochmal von Anfang an gezockt…

Ostern 1999 – Diamond Monster 3D

Mit dem Weihnachtsgeld und dem Ostergeld zusammen konnte ich mir endlich einen kleinen Traum erfüllen: Eine Voodoo 3Dfx Karte! Und zwar die die Diamond Monster 3D.

Inzwischen war diese nicht mehr primär für Half-Life vorgesehen. Sämtliche Spiele nutzten die 3Dfx Schnittstelle. Mein Rechner mit seiner „eigentlich“ guten Direct 3D Karte war zu nichts mehr zu gebrauchen. Aus heutiger Sicht eine furchtbare Zeit der 3D-Entwicklung.

Also die Karte noch in den Osterferien eingebaut und Half-Life erneut installiert. Ja richtig, es musste in der Zwischenzeit anderen Spielen weichen. Valve’s Erfolgsspiel war zu dieser Zeit im Verhältnis ein Gigant an Speicherbedarf.

Koop für Anfänger

Dieses Mal schnurrte die Grafik wie ein Kätzchen und selbst der Ton rauschte nicht mehr in zerhacktem Kauderwelsch aus den Aktivboxen. Jedoch spielte ich Half-Life nicht allein. Mein bester Freund und ich wollten es zusammen durchspielen. Schließlich hatte ICH die Diamond Monster 3D. Das machte mich für kurze Zeit zu einem VIP auf dem Schulhof.

Und warum Koop? Gab es das zu jener Zeit überhaupt bei Half-Life oder anderen Spielen? Nö, keineswegs. Der Koop-Modus sah so aus, dass einer die Tastatur auf den Schoß legte (laufen, hüpfen, etc.) und der andere die Maus steuerte (schauen, zielen, feuern). Schon mal probiert? Mach tierisch Spaß und sorgt für echte Lacher und Absprache-Geschrei in brenzligen Situationen.

So kämpften wir uns in wenigen Tagen bis zum Finale und zum legendären G-Man!

Endlich war Half-Life eine weitere Kerbe in meiner Tastatur!

Multiplayer im Boot-Camp

Ende der 90er entdeckten wir das gemeinsame Zocken per Netzwerk. Mit zusammen gekratztem Taschengeld legte sich jeder eine Netzwerkkarte zu. Dazu koaxiales Kabel, T- und Endstücke für die Reihenschaltung.

Wir sperrten uns zu 3-5 Personen in einem Hobbyraum ein und zockten das ganze Wochenende durch. Half-Life gehörte selbstverständlich zu den Favoriten!

Noch ein knappes Jahr vor dem Counter-Strike-Boom spielten wir klassisches Death-Match. Jeder gegen Jeden. Die meisten Kills gewinnen am Ende einer Runde. Basta.

Oh Freunde, hat das damals Spaß gemacht!

Sagt dir die die Karte Boot-Camp noch was? Das Gebäude in der Mitte mit der Dachterrasse nannten wir immer Krähennest. „Wo ist Benny?“ – „Der campt bestimmt wieder im Krähennest!“.

Dem Gegner mit der Armbrust aufzulauern und aus weiter Entfernung lautlos mit einem einzigen Bolzen zu erledigen, galt als Königsdisziplin. Oder mit dem Alienarm und dessen fleischfressenden Mücken einen Camper aus seinem Versteck zu zwingen. Und warum nicht zwischendurch mit der Brechstange aufeinander losgehen?

Das Aufstellen von Sprengfallen zählte zu einer meiner Lieblingsstreiche. Ob in dunklen Ecken oder in engen Gängen. Stolperte jemand rein, zählte der Kill und ging auf mein Konto.

Half-Life ging – Counter-Strike kam

Nachdem sich der Mod und die spätere Standalone-Version Counter-Strike immer mehr Beliebtheit erfreuten, spielten wir Half-Life seltener. Und dann gar nicht mehr. Aber das war ok. Jedes große Spiel findet irgendwann ein Ende und macht Platz für Neues.

Was jedoch bleibt, sind die unvergesslichen Momente aus meinem Half-Life Koop, dem riesigen Spaß im Multiplayer und Szenen aus dem Spiel, die ich wahrscheinlich in 20 weiteren Jahren noch nachzeichnen kann.

Und bestimmt spürst du heute auch noch diese Angst vor dem nächsten Facehugger, der dir ins Gesicht springt!

Schlusswort

Genau diese Spiele wie Half-Life sind es, die uns so tief in Erinnerung bleiben. Spiele, die aus der endlosen Masse über Jahre herausragen. Spiele, die du so gerne nochmal ein allererstes mal spielen würdest. Genau für diese Spiele gibt auf es gamer83.de die Rubrik “Weisst du noch?”

Half-Life ist definitiv eines davon und hat die Ego-Shooter nachhaltig verändert. Half-Life ist ganz klar ein Stück Computerspiel-Geschichte oder besser gesagt eine wunderbare Videospielgeschichte.

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Kommentare13

  1. Ich wusste schon, was im zweiten Absatz kommt, als ich “Matrox Mystique” im ersten gelesen habe. 🙂 Die habe ich mir damals auch auf der Suche nach einer “Beschleunigerkarte” gekauft, ich habe sogar extra tief in die Tasche gegriffen und die Variante mit 4MB genommen. Für die Katz’: Eher mäßige Beschleunigung, keine Transparenzen… Wobei das wohl zum Teil sicher auch an meinem PC lag: Meinen 5×86 konnte sie jedenfalls nicht ausreichend beschleunigen, um das mitgelieferte “Destruction Derby 2” flüssig spielen zu können. Vielleicht hätte die nur kurze Zeit später veröffentlichte Mystique 220 (mit 50Mhz schnellerem Takt) mehr gebracht, aber selbst da habe ich so meine Zweifel. Man muss aber sagen: Die Mystique war eine sehr gute 2D-VGA-Karte mit fantastischer Bildqualität!

    Nutzte alles nichts, es war eindeutig klar: Für die aktuelleren Spiele musste doch etwas schneller her. Bei einem Bekannten, der nebenher etwas an PCs schraubte und gebrauchte Hardware verkaufte, kaufte ich dann einen AMD K6-233 Mhz samt Board und Speicher und kurze Zeit später auch meine Voodoo 1 (auch als erster im Freundeskreis), das war soweit ich mich erinnern kann, sogar noch vor Half-Life. Jedenfalls konnte ich Half-Life, als ich es von meinem Rohling (Was eben sonst?) installierte, direkt ganz gut spielen. Und das habe ich auch ausreichend getan, es war ein geniales Spiel!

    Ich meine auch, mich erinnern zu können dass wir früher auch noch eine Weile HL:DM im LAN spielten, bevor wir auf CS auswichen. Es könnte aber auch mehr oder weniger parallel gewesen sein, da will ich mich nicht festlegen.

    Die Kombination aus Matroy Mystique (220) und Voodoo 1 werkelt übrigens heute noch/wieder in einem meiner Retro-PCs, allerdings mit einem Pentium 3. Bessere 2D- und 3D-Grafik kann man für die alten Spiele kaum haben.

  2. Auch wenn ich dieses Spiel recht spät für mich entdeckt habe, war es mir ebenfalls eine Freude, dieses Feuerwerk an Action durchgespielt zu haben. Eigentlich sogar zweimal: einmal die deutsche zensierte und einmal die englische unzensierte Version. Es hatte für mich vor allen Dingen diese nette Dynamik, nicht zu leicht und nicht zu schwer zu sein, wobei ich gestehen muss, auf “Leicht” gespielt zu haben.

    Gerade, weil ich es so spät gespielt habe, bin ich leider der Meinung, dass die Qualität der Soundeffekte eher mau war. Es gab zwar unfassbar viel Atmosphäre, keine Frage, aber irgendwie passten dann wohl die ganzen Effekte nur in eher mittelmäßiger Qualitätsstufe auf eine CD. Das konnte lediglich noch getoppt werden durch das nervige Schieben von Gegenständen, das wollte gerne mal nicht gelingen. Aber alles Erbsenzählerei, der Rest war fantastisch. Riesige Welt, tolle Grafik für die Zeit (auch wenn Unreal besser aussah), umfangreiche Story, es gibt viel zu entdecken und auch die Rätsel kommen da nicht zu knapp.

    Ich habe das Spiel vor 4 Jahren auf einem Win98-PC mit Pentium II 350 MHz, 256 MB Arbeitsspeicher, 3dfx Voodoo3 3000 16 MB und einer Creative SoundBlaster Live! CT4670 durchgespielt. Gab überaus schöne Frameraten (selbst bei 1024×768!!!) und EAX-Effekte. 😀

  3. Die Half-Life Reihe gehört zu meinen absoluten Lieblingsspielen.

    Als Fan der ersten Stunde der 3D-Shooter (mein “Urknall” war Doom) hatte Half-Life seinerzeit eine ganz neue Ära eingeleitet. Half-Life hat eine Geschichte erzählt und mich mit auf eine Reise genommen. Zwar war auch Half-Life ein lineares Spiel, aber durch seine Inszenierung und dem Willen ein episodenhaftes Abenteuer erzählen zu wollen, hat es mich von Beginn an in seinen Bann gezogen.

    Die vielen ikonischen Momente und Schauplätze im Spiel sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Der zweite Teil von 2004 (siehe auch http://half-life.wikia.com/wiki/Half-Life_2_storyline) hat das noch einmal verstärkt.

    In jedem Fall wäre ein neues Half-Life Spiel für mich auch heute noch Grund genug eine entsprechende Hardware bereitzustellen. Einfach weil die Reihe es verdient. Wenn ich bsp. mit Half-Life 3 noch einmal in die Welt von Gordon und den Combine abtauchen dürfte, wäre ich sehr glücklich.

  4. Das kann doch unmöglich 20 Jahre her sein …

    Meine Rechnerkonfiguration von damals weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich das Spiel relativ problemlos spielen konnte. Ich hatte mir im Jahr davor die erste eigene Wohnung genommen und passend dazu einen komplett neuen Rechner mit allem Schnickschnack gegönnt.

    Der Hype setzte bei mir so richtig allerdings erst mit Half-Life 2 ein. Für mich bis heute das beste Spiel aller Zeiten.

  5. Meine Rechner-Specs von damals kann ich nicht an dem Spiel sondern an dem DVD-Release von Matrix ausmachen. Um den Film schauen zu können hab ich echt tief in die Taschen gegriffen. Teils neu teils aus dem An& Verkauf:

    AMD K6-2 mit 450Mhz
    Nvidia Riva TNT (oder TNT2 schon?)
    128Mb RAM (bei anderen zusammen geschnort)
    DVD Laufwerk
    Soundblaster Live 1024 (Die mit der Breakoutbox. Lag im an&Verkauf laden für 100 Mark)

    Damit könnte ich den Film fast wie im Kino anschauen. Das war geil!

    Der Knaller war allerdings: Half Life unterstützte Dolby Surround. Schon gruselig wenn man auf einmal Sound von hinten hört 🙂

    1. Haha ich hatte damals zu Matrix meinen ersten DVD-Player am Fernseher. Bzw. war Matrix die erste die DVD die ich dafür hatte… Aber dein PC war schon ne ganz schöne Kanone! Respekt…

  6. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie ich damals erst die Demo gespielt und irgendwann später mal bei GamePlay (hießen die so? Hatten damals auf jeden Fall Printanzeigen in gelb/orange + schwarz.) die HL-Generations-Box bestellt habe. Auch den (nie offiziell veröffentlichten) Dreamcast-Port habe ich ne ganze Weile gespielt.

    Das legendäre spielbare Intro haben übrigens gerade ein paar Russen (?) in der aktuellen Unreal Engine nachgebaut und das schaut schon klasse aus.

    Video dazu (kostenloser Download in der Beschreibung): https://youtu.be/HwiRPJtZkC8

      1. Wenn man sich in der DC-Szene etwas auskennt, dann ist der Port eigentlich gar nicht mehr so geheimnisvoll, weil er ja als einer der ersten Titel seinen Weg ins Netz gefunden hat. Da HL heute ja wirklich auf JEDEM PC gut spielbar ist und der PS2-Port wohl auch ganz okay ist, würde ich den Port niemandem ernsthaft als Alternative empfehlen. Als Ausblick auf das, was wir verpasst haben und was hätte sein können, ist es aber natürlich schon interessant. Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben ein paar russische (?) Hobby-Devs haben auf Basis dieser HL-Version sogar einen (mehr oder weniger spielbaren) Dreamcast-Port von Counter-Strike entwickelt. Zu dem Port kann man sicher jede Menge schreiben, aber völlig unbekannt ist er halt längst nicht mehr.

        1. Danke für die Infos Poly. Ich denke ich schaue mir den DC-Port von Half-Life dennoch einmal an. Ich finde das Thema spannend und historisch interessant. Vielleicht schreibe ich dann mal etwas dazu.

  7. Eine wunderschöne Erinnerung! Man kann die Begeisterung förmlich spüren.
    Ich habe ja hauptsächlich auf dem C64 gespielt und da sah der Multiplayer so aus, dass der Joystick von Hand zu Hand ging, damit jeder einen kleinen Teil spielen konnte ^^