Dear Esther – Eine Erfahrung

Mit Kommentaren von Tobi, Moni, André Eymann, Michael, Christian Wöhler, Gerrit Ludwig, Thomas.

Im Jahr 2012 entwickelten der englische Spieleentwickler „The Chinese Room“ quasi den Urvater der „Walking Simulationen”: Das Spiel „Dear Esther“.

Die Handlung

Der Ort der Handlung ist eine einsame Hebrideninsel. Am Anfang befindet sich der Spieler vor einem alten, verfallenen Leuchtturm. Wenn man Räume betritt, dann wird automatisch eine Taschenlampe benutzt. Es gibt überall Formeln zu entdecken und Geheimnisse aufzuspüren. Die Handhabung ist sehr intuitiv. Mit der Maus schaut man, mit der Tastatur bewegt man sich (WASD).

Düstere Insel

Das Spiel ist sehr dunkel und düster gehalten. Das verstärkt aber noch die Stimmung. Diese Einsamkeit, diese Unwirtlichkeit.

Die Grafik ist toll, das Gras, die Wellen, der Wind, dazu die klassische Musik und der Klangteppich der Umgebung, die tragende Stimme des Erzählers. Alles das trägt zur Stimmung bei. Die Bilder stammen von der 2017er-Fassung, die mit der Unity Engine erstellten „Landmark Edition“.

Auf was für Pfaden wandeln wir?

Im Laufe des Weges wird die Geschichte ausgebreitet. Wer ist Esther? In welcher Verbindung steht der Erzähler zu ihr?  Was ist mit ihr passiert?

Welchen Weg soll man gehen? / "Dear Esther - Landmark Edition" / Foto: Christian Wöhler
Welchen Weg soll man gehen? / “Dear Esther – Landmark Edition” / Foto: Christian Wöhler

Ich habe mich immer wieder dabei erwischt, noch einmal den Weg zurück zu gehen, die andere Abzweigung zu nehmen… nur um nichts zu verpassen. Manchmal hat man auch Vorahnungen. Hat da nicht etwas geblinkt? Steht da auf der Klippe nicht eine Gestalt?

Man wird vom Spiel ganz sanft geführt. Die Wege sind vorgegeben, aber trotzdem so zahlreich, dass man immer wieder etwas Neues entdeckt. Kleinigkeiten, aber auch leere Häuser, Kerzen, alte Schiffswracks und Höhlen. An manche Orte gelangt man auch auf unterschiedlichen Wegen. Besonders im Inneren der Insel. Da führen manche Pfade zu Häusern, Steinmonumenten und wichtigen Objekten.

Was wäre eine Story ohne Kapitel?

Achtung! Es wird nur zwischen den Kapiteln gespeichert. Es gibt keine anderen Speicherpunkte.

Das Spiel ist in vier Kapiteln unterteilt.

„Der Leuchtturm“, „Die Boje“, „Die Höhlen“ und „der Signalturm“. Letzterer thront über der Insel und ist immer mal wieder im Hintergrund zu entdecken.

Ein Geschenk, wenn man sich darauf einlässt

Wie Ihr mitbekommt, ist mein Artikel ziemlich spoilerfrei. Weil genau da liegt der Reiz von „Dear Esther“: Die Story. Als spielende Person hat man eigentlich keine Interaktionen. Man geht einfach nur und entdeckt. Was einen interessiert wird rangezoomt.

Für einige scheint dass langweilig zu sein, aber im Gegenteil, wer sich erst einmal darauf einlässt, der wird gefangen. Gefühle werden angeregt. Man geht in der Geschichte auf, man leidet, manchmal weint man auch, Gefühlskarussell.

Man muss aber schon gute Englischkenntnisse mitbringen, um die Geschichte zu verstehen.

Und der Schluss ist einfach traurig und schön zugleich.

Ist da nicht eine Gestalt auf den Klippen? / "Dear Esther - Landmark Edition" / Foto: Christian Wöhler
Ist da nicht eine Gestalt auf den Klippen? / “Dear Esther – Landmark Edition” / Foto: Christian Wöhler

Fazit

Ich mag diese Art von Spielen sehr gern. Man hat keine Hektik, keine Monster, keine Gefahren… Ja man kann zwar sterben, wird aber sofort „wiedererweckt“. Das interessante ist, dass ich immer wieder gern auf die Insel komme. Auch wenn ich die Geschichte schon kenne. Für eine halbe Stunde gehe ich dann einfach so die Wege entlang. Es entschleunigt  sehr. Ähnlich geht es mir bei dem Spiel “Flower”, welches die liebe Svila hier bei uns vorgestellt hat.

Besuche die Hebriden immer wieder gern

Auch mehrmaliges Durchspielen ist möglich, da die Hinweise anders verteilt sind. Die Erzählung variiert auch leicht. Obwohl der Inhalt gleich bleibt. Logischerweise. Auch wenn das Gameplay relativ kurz ist, macht es doch immer wieder Spaß zurückzukehren.

Das könnte dich auch interessieren

LiamMichaelAlexander StrellenGerrit LudwigAndré EymannThomasmore

Konto vorhanden?

Melde Dich an, um mit Deinem vorhandenen Konto zu kommentieren oder zu liken. Wenn Du noch kein Konto hast, kannst Du hier eins erstellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare15

  1. Solche Spiele sollte man sich zur Entschleunigung immer mal wieder vornehmen. Viel zu schnell hetzt man sich durch manche Games. Aber ich muss zugeben, dass meine Aufmerksamkeitsspanne bei narrativen Spielen schnell nachlässt, wenn die Story zu langatmig ist. Deshalb dürfen die Spiele hier auch gerne kürzer sein.
    Dear Esther habe ich auch noch irgendwo in meiner Bibliothek. Es wird wohl Zeit, das mal zu starten 🙂

    MichaelTobiAndré Eymann
  2. Lieber Christian, vielen Dank für deinen wunderbaren Beitrag zu Dear Esther! Aufgrund des ebenso wundervollen Beitrags von Tina hatte ich mir EGTTR (ebenfalls von The Chinese Room) zugelegt und war von Start an absolut begeistert von dem Spiel und der Athmosphäre, die es erzeugt. Deshalb – und nicht zuletzt jetzt durch deine toll geschilderten Eindrücke vom Spiel – hab’ ich auch Lust auf Dear Esther bekommen :).

    Tobi
  3. Lieber Christian, soeben (klick) habe ich mir die Dear Esther: Landmark Edition für meinen Mac gekauft. Was Du schreibst – und ich empfinde übrigens nichts davon als Spoler; danke, dass Du darauf geachtet hast, spricht mich zu 100% an. Ich liebe Spiele wie diese.

    Schon seit frühester Kindheit habe ich mich in Text und Grafikadventures verloren und habe oft überhaupt keine Action und Gameplay-Mechanik gebraucht. Deshalb bin ich mir sehr sicher, dass Dear Esther bei mir voll ins Schwarze trifft und ich freue mich schon sehr auf ruhige Abende oder vielleicht sogar Nächte mit dem Spiel.

    Wie Du sieht, Beiträge hier sind nicht einfach nur Beiträge. Sie können auch dazu beitragen, vielfältige Spuren im Leben anderer zu hinterlassen. Dafür meinen ganz herzlichen Dank!

    MichaelChristian WöhlerTobi
  4. Danke für deinen schönen Beitrag, Christian! Ich habe die Landmark Edition auf der Xbox durchgespielt. Einmal “normal” und einmal mit den informativen (ebenfalls englischen) Audiokommentaren dieser Edition.
    Wie du schon schreibst, ist Dear Esther ein wundervoll entschleunigendes Erlebnis und ist zu recht ein sehr beachteter und oftmals gelobter Titel. Ich habe mich aber auch mehrmals dabei ertapppt, wie ich nach einem stressigen Tag einfach durch die Einsamkeit der Insel gestreift bin, vor allem im landschaftlich rauhen, aber wunderschönen ersten Kapitel. Wundervoll untermalt von Jessica Curry’s einzigartigen Soundtrack, welcher so viel zur Atmosphäre beiträgt.
    Ich liebe Dear Esther und es hat eine unglaublich dichte, fesselnde und intensive Stimmung, die mich auf einer sehr persönlichen Ebene traf und auch lange nachhallte. Ich kann daher aus eigener Erfahrung wirklich empfehlen, Dear Esther eher nicht in einem Stimmungstief zu spielen. Danke nochmals für deinen schönen und würdigenden Beitrag zu diesem Genrevorreiter, Christian!

    André EymannMichaelChristian Wöhler
      1. Oh! Gestern kam Post aus UK. Dank deines Beitrags, Christian, der mir einiges vom Spiel hat Revue passieren lassen, hatte ich mir doch noch den Soundtrack als physische Version über Bandcamp bestellt. Was ich wohl eher nicht erwartet hatte, war, ein paar handgeschriebene Zeilen von Jessica Curry an mich persönlich vorzufinden. Rückseitig auf einer etwa A5 großen Postkarte, die Dear Esther’s raue Küste mit dem markanten Sendemast zeigt, bedankt und freut sie sich mit ein paar Worten, die – natürlich – mit “Dear” beginnen, über den Kauf und staunt gleichzeitig, dass seit dem Projekt wirklich schon zehn Jahre vergangen sind.
        Was für eine schöne Überraschung!

        MichaelAndré Eymann
  5. Danke lieber Christian für diesen schönen Artikel. Ich habe mich schon oft gefragt, was ein Walking Simulator ist und ja, alle Beschreibungen klingen für mich sehr langweilig.
    Flower hab ich tatsächlich auch zwei- oder dreimal gespielt, aber nie sehr lange.
    Dennoch ist ja gerade diese Vielfalt an Spielen eine tolle Sache und wenn jeder die gleiche Meinung hätte, wär es ja auch langweilig 😉

    André EymannMichaelTobiChristian Wöhler
    1. Also Du das Wort langweilig erwähnt hattest, fiel mir eins auf: für mich hat sich die Bedeutung dieses Adjektives im Laufe der Jahre sehr gewandelt. Vor allen Dingen in den letzten Jahren (vermutlich mit Fortschritt des Internets) ist Langeweile für mich etwas sehr Positives und Kostbares geworden. Ständig wird man mit Kram zugeballert, aus allen Ecken und Enden. Orte an denen man entschleunigen und sich entspannen kann sind in meiner Wahrnehmung der Realität sehr rar geworden. Deshalb liebe ich Spiele wie diese und empfinde Langeweile als wichtiges Herunterfahren und notwendigen Ausgleich für meine Seele.

      TobiMichael
      1. Ganz genau. Ich habe leider so viel Action in meinem Leben, ich sehne mich förmlich nach Langeweile. Das Wort kenne ich kaum noch. Entschleunigende Spiele, bei denen anderen der Kopf nach vorne kippt und die Sabber läuft, helfen mir ebenfalls manchmal dabei, etwas herunterzufahren. Und wenn’s auch nur vorrübergehend ist. Ich kann aber auch verstehen, wenn viele diese Ruhe oder Monotonie in Spielen nicht mögen. Das kam bei mir auch erst mit den Jahren. Vor 20 Jahren – und da bin ich mir sicher – hätte ich Spiele wie Dear Esther nicht angefasst. Genau diesen ruhigen und immersiven Eskapismus brauche ich heute aber von Zeit zu Zeit. Wenn es dann auch meine Zeit zulässt. Ein weiterer Grund, dass ich Dear Esther so mag.

        MichaelAndré Eymann
  6. Dear Esth… äh, lieber Christian, danke für den Artikel! An das Spiel denke ich auch gerne zurück. Aus Gründen, die ich nicht mehr weiß, stolperte ich beim ersten Durchgang in dem Spiel herum ohne zu wissen, dass es a) ein ruhiger Walking-Simulator ist und b) auch nur äußerst kurze Spielzeit mit sich bringt. Auf a) kam ich mit der Zeit, schließlich griff mich auch nach gut zwanzig Minuten Spielzeit nichts an und ich hatte gelernt, dass man wirklich nicht rennen kann. Punkt b) wurde mir aber erst beim Abspann klar, da war ich dann doch etwas enttäuscht. Das lag aber an meiner fehlenden Vorbereitung.

    “Dear Esther” war mein erster Walking-Simulator. Es gefiel mir trotz des durchwachsenen Erlebnisses so gut, dass ich seither immer wieder mal nach diesem Genre Ausschau halte und mich immer freue, wenn ich mal wieder ein Exemplar entdecke. Es müssen nicht immer actionreiche Spiele sein, auch die Story allein trägt durch ein Spiel. Wenn dann noch nette Grafik dazu kommt, ist das schön, muss aber gar nicht sein.

    Einige Zeit nach meinem ersten Durchgang setzte ich mich nochmal an das Spiel. Und dieses Mal hat es mich richtig mitgenommen, im besten Sinne. Dass der Spielverlauf jedes Mal ein wenig anders ist, wusste ich gar nicht! Mal schauen, ob ich nochmal einen dritten Spaziergang auf der Insel mache. Dass man das Spiel an einem Abend entspannt durchschreiten kann, hat echt Vorteile…

    MichaelChristian WöhlerTobiAndré Eymann