Sommer, Sonne, VC 20 – Computercamps in den 1980er Jahren

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Heutzutage liegen Extremsportarten wie Kiten, Climben oder Raften im Trend und werden gerade von jüngeren Menschen mit Begeisterung ausgeübt. Je ausgefallener, desto besser. Immerhin ist der Urlaub ein kostbarer Zeitraum, den man gern mit einer bleibenden Erinnerung ausfüllen möchte.

In den frühen 1980er Jahren war es ähnlich. Allerdings in einer etwas anderen Form. Damals zogen die Kids in Scharen in so genannte „Computerferienlager“, um den ganzen Tag BASIC zu programmieren, mit den Geräten zu spielen und sich mit anderen Jugendlichen über Atari- und Commodore-Heimcomputer auszutauschen. Das war mindestens genau so extrem, wenn auch weit weniger gefährlich. Wie aber hat die Freizeitgestaltung in diesen Camps genau ausgesehen und wie haben die Kids das erlebt?

Eine Idee aus Amerika

Lernen am VC 20 in Denver, Colorado. Foto von 1982. (Bild: PCWorld.com)
Lernen am VC 20 in Denver, Colorado. Foto von 1982. (Bild: PCWorld.com)

Der Trend der Computercamps schwappte kurz nach Beginn 1980 aus den USA nach Europa über. Pionier war der Amerikaner, Dr. Michael Zabinski, der mit seinen National Computer Camps bereits 1977 Computerferien für Kinder organisierte.

Der amerikanische Softwareentwickler und Autor Denison Bollay führte kurze Zeit später Computer Camps im größeren Rahmen durch. Bollays Ferienlager fanden im US-Staat Kalifornien statt. Sie boten Platz für mehr als 1.000 Besucher und erwirtschafteten 1984 über eine halbe Million Dollar Umsatz. In den Erfahrungs-Camps wurden Freizeitaktivitäten wie Reiten, Schwimmen oder gemeinsame Lagerfeuer mit dem Austausch von Computerwissen kombiniert. Die Unterbringung der Kinder erfolgte in Zelten oder einfachen Bungalows. Dabei lagen die Kosten für eine Woche Aufenthalt zwischen 300 und 400 US-Dollar.

Bollays Vision war eindeutig: In der zukünftigen Gesellschaft würden Menschen, die ohne Computerwissen aufwachsen, schwer benachteiligt sein. Computerkenntnisse seien genau so wichtig, wie lesen und schreiben. Ziel war es also, Jugendliche für Computerthemen zu begeistern und ihnen nützliches Wissen für die Zukunft zu vermitteln.

Atari 800 Heimcomputer in einer Schulklasse von 1985. Aufgenommen in Miami, Florida. (Bild: PCWorld.com)
Atari 800 Heimcomputer in einer Schulklasse von 1985. Aufgenommen in Miami, Florida. (Bild: PCWorld.com)

Zweifellos hat Bollay sein Ziel in den USA erreicht und das Modell konnte mit Leichtigkeit auf Deutschland übertragen werden. Denn es waren nicht wenige Anbieter, die bei uns Computerkurse innerhalb und außerhalb der Schulferien anboten. Dabei kamen die vielfältigen Angebote zur rechten Zeit. Gerade bei den Kleincomputern, wie dem Commodore 64, dem VC 20, dem Atari 600 XL bzw. 800 XL oder dem TI-99/4A gab es auf dem Markt große Zuwachsraten. Die Nachfrage nach Informationen war enorm und konnte nur bedingt durch die Schulen oder den privaten Austausch befriedigt werden.

Die Computercamps wurden sprichwörtlich von den Computerkids überrannt. Das Alter der wissbegierigen Neulinge lag in der Regel zwischen 12 und 14 Jahren. Auch Medienanbieter wie beispielsweise die Heimcomputerzeitschriften Happy Computer oder HC Mein Home-Computer, profitierten von dieser Nachfrage.

Computercamps damals: Anbieter und Preise

Wer waren die Veranstalter? Wie tief mussten die Eltern für ihre Kinder in die Tasche greifen? Es folgt ein kleiner Überblick. Quelle: Anbieter von Computercamps in Deutschland, Österreich und England, DIE ZEIT, Nr. 20 vom 10.05.1985

  • Ostseebad Damp 2000 (Schleswig-Holstein)
    7 Tage für 90 DM. Inhalte: „Computern von 8 bis 80“. Die Unterkunft musste extra gezahlt werden.
  • Jugendherberge Gersfeld (Hessen)
    7 Tage für 290 DM. Inhalte: BASIC für Anfänger inkl. Unterkunft und Verpflegung.
  • Jugendherberge Schwäbisch Hall (Baden-Württemberg)
    7 Tage für 368 DM. Inhalte: Erlernen von Microsoft-Befehlen. Vollpension inkl. Übernachtung und Fachbücher.
  • Ferienclub Lüneburger Heide (Niedersachsen)
    7 Tage für 490 DM. Inhalte: Programmierkurse, Vollpension, Unterricht und Freizeitaktivitäten.
  • Verkehrsamt Bestwig (Nordrhein-Westfalen)
    6 Tage für 550 DM. Inhalte: Erlernen von MSX-BASIC inkl. Halbpension.
  • Computercamp Mauterndorf (Österreich)
    7 Tage für 554 DM. Inhalte: Computer-Lehrgänge. Übernachtung, Verpflegung und Anreise.
  • Bad Aussee (Österreich)
    7 Tage für 560 DM. Inhalte: „Das Leben und die Arbeit mit dem Computer“ inkl. Kost und Logis.
  • Hotel Sauerland Stern (Hessen)
    7 oder 14 Tage für 650 DM oder mehr. Inhalte: Einführung in die Programmiersprache BASIC, Computer-Allgemeinwissen, Einsatzmöglichkeiten, Infos über Zusatzgeräte. Einzelzimmerzuschlag 17 DM pro Tag.
  • Schloß Dankern (Emsland)
    7 Tage für 650 DM. Inhalte: Einweisung in verschiedene Computersprachen inkl. Vollpension.
  • Stadt Bad Harzburg (Niedersachsen)
    14 Tage für 990 DM. Inhalte: Computer-Seminare, Unterbringung, Verpflegung und Freizeitprogramm.
  • Kompaß-Sprachreisen (Margate, Kent, England)
    22 Tage für 1.770 DM. Inhalte: Englische Grammatik mit dem Computer inkl. Anreise und Unterkunft.

An der Übersicht kann man gut ablesen, wie breit das Angebot – vor allen Dingen auch preislich – gefächert war. Sicher war es für viele Eltern nicht leicht zu entscheiden, zu welchem Veranstalter ihr Sprössling gehen sollte. Vom Taschengeld allein war wohl keiner der Kurse zu bezahlen. Als Zwölfjähriger bekam ich damals beispielsweise weniger als 15 DM Taschengeld im Monat. Eine Summe, von der natürlich auch alle anderen Interessen finanzieren werden wollten. So kann man sich gut vorstellen, dass es ein großes Privileg war, an einem Computercamp teilnehmen zu dürfen. Nicht jede Familie konnte sich das leisten.

Werbung von CompuCamp: „Ferien total… wir machen sie!“ (Bild: WEKA)
Werbung von CompuCamp: „Ferien total… wir machen sie!“ (Bild: WEKA)

Die Eltern fühlten sich von den Angeboten angesprochen, da sie in ihren Augen endlich die Brücke zwischen den Telespielen und der „sinnvollen“ Nutzung von Computern schlugen.

Eine Atari-Spielkonsole kostete 1984 ca. 298 DM inkl. dem Pac-Man Modul. Dazu kamen aber meist noch weitere Spielmodule, die im Rahmen von 99 DM bis 169 DM lagen. Kein günstiges Spielzeug also. Heimcomputer allerdings waren noch teurer. Da versprachen sich die Eltern natürlich von der Anschaffung eines Computers eine langfristige Nutzung. Die Camps sollten hier als Investition in die Zukunft unterstützen.

Der Heimcomputer-Trend hatte auch eine direkte Auswirkung auf das Marktsegment der Telespiele. So konnte man 1984 beim Versandhaus Quelle die „CompuMate“-Erweiterung von Universum für das Atari VCS kaufen. Das CompuMate wurde vom amerikanischen Hersteller Spectravideo hergestellt und erweiterte Ataris Erfolgskonsole um die Möglichkeiten eines BASIC-Interpreters, eines Musik-Synthesizers und eines einfachen Grafikprogramms. Die Erweiterung kostete 99,50 DM. Auch für die Videospielkonsole G7400 von Philips wurde eine BASIC-Ergänzung angeboten. Diese Hardware kostete stolze 398 DM. Der Versuch der Hersteller Videospiele mit Zusatzgeräten zu echten Heimcomputer aufzuwerten, war aber nicht von Erfolg gekrönt, weshalb diese Geräte auch nicht in Computercamps eingesetzt wurden.

Puddingwettessen oder Maschinensprache?

Die Computercamps waren je nach Hersteller unterschiedlich organisiert. In der Regel wurde am Vormittag „computert“ und der Nachmittag stand für Freizeitaktivitäten wie Schwimmen oder Puddingwettessen zur Verfügung.

In der Happy Computer vom Juni 1987 erinnert sich ehemaliger Teilnehmer: „Ich war im Computercamp in Tönning. Nachmittags konnten wir entweder in der Eider eine Schlickschlacht machen, oder zu den Seehundbänken schippern. Im Computerlehrgang haben wir Sound & Sprites durchgenommen. Ich kann Computercamps nur empfehlen.“

Auch andere Medien wie die FAZ, DIE ZEIT, Der Spiegel, die Bild am Sonntag oder die Fernsehwoche berichteten über die Computercamps, so dass auch immer mehr Erwachsene mit dem Thema in Berührung kamen. Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen in den Camps war leider, wie typisch für die frühen Jahre der Computerisierung, unausgeglichen. Auf 25 Campteilnehmer kamen oft nur zwei bis drei Mädchen. Diese Quote hat sich auch in den darauf folgenden Jahren nur langsam erhoben. Die Mädchen, die an den Camps teilnahmen, waren dennoch mit genauso viel Begeisterung und Erfolg bei der Sache wie die meist gleichaltrigen Jungs.

Computerkids in einem Computer-Ferienlager/Atari Computer Camp im Jahr 1983. (Bild: Prospekt Hotel Sauerland Stern/Kölner Stadt-Anzeiger, 1984)
Computerkids in einem Computer-Ferienlager/Atari Computer Camp im Jahr 1983. (Bild: Prospekt Hotel Sauerland Stern/Kölner Stadt-Anzeiger, 1984)

Im Mittelpunkt der Wissensvermittlung stand meist die Computersprache BASIC. Diese einfache Programmiersprache war bei den meisten Atari- und Commodore-Kleincomputern bereits eingebaut. So lernten die Kids erste Programmroutinen aus IF…THEN-Schleifen oder wagten sich mit READ DATA an komplexere Datenstrukturen. Neben Kursen wie BASIC I und BASIC II, wurden aber auch Einzelkurse für LOGO, Maschinensprache (Assembler), PASCAL oder MSX-BASIC angeboten. Oft bauten die Kursinhalte aufeinander auf.

„Endlich wieder Action in den Ferien“

Die Prospekte des Hotel Sauerland Stern bewarben ihre Atari-Computercamps in 1984 mit dem Slogan „Achtung! Jetzt kommt wieder Action in die Ferien!“. Die Hersteller waren dankbar für das Interesse und die Möglichkeit, ihre Geräte noch besser vermarkten zu können. Atari stellte seine Computer zum Teil kostenlos für die Kurse zur Verfügung. Über 90.000 Werbebeilagen wurden mit der Atari-Kundenzeitschrift verteilt, allein um auf die Camps hinzuweisen. Mitmachen konnten alle von 10 bis 18 Jahren. Für die Erwachsenen wurden kurze Zeit später, aufgrund der großen Nachfrage, ebenfalls Kursprogramme auf die Beine gestellt.

Im Hotel Sauerland Stern wurden viele Computerferien organisiert. (Bild: Prospekt Hotel Sauerland Stern, 1984)
Im Hotel Sauerland Stern wurden viele Computerferien organisiert. (Bild: Prospekt Hotel Sauerland Stern, 1984)

Wandern war nicht gefragt

Antwortkarte für die Zusendung des Prospekts „CompuCamp-Computerferien 1989“ (Bild: WEKA)
Antwortkarte für die Zusendung des Prospekts „CompuCamp-Computerferien 1989“ (Bild: WEKA)

Obwohl die Anbieter mit der meist schönen Lage ihrer Seminarorte warben, hatten die Kids kaum Interesse an den Bergen, am Wandern, Tennis oder Squash. Sie wollten lieber „den ganzen Tag vor dem Ding sitzen.“ Da konnte draußen noch so sehr die Sonne scheinen. In dem mit grünen Vorhängen abgedunkelten Raum war es noch tausend Mal spannender.

Das Tempo, mit dem die kleinen Teilnehmer ihr Kursprogramm absolvierten, überforderte die Kursleiter, von denen, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt waren. Nach zwei Tagen hatte der Großteil der Schüler das 7-tägige Lernschema bereits abgeschlossen. „Wie ein Schwamm“ wurde das Wissen aufgesogen, so dass die Pädagogen nicht schlecht staunten. „Statt 3 Stunden sollten wir lieber sechs Stunden Computern. Das wäre spitze!“ teilte ein Teilnehmer mit. Eine verzweifelte Betreuerin quittierte dies mit dem Satz „Denen muss man mit Gewalt den Stecker rausziehen.“ Selbst die Telespiele, die zur Entspannung aufgestellt worden waren, wurden weitgehend ignoriert. Die Kids entwickelten lieber selbst Programme, als einfach nur zu konsumieren.

Ein weiteres Beispiel aus Amerika, wo ein 9-Jähriger im Rahmen eines Computercamps einen nationalen Assembler-Wettbewerb auf dem bereitgestellten Tandy TRS-80 gewann, zeigt noch deutlicher, wie schnell manche Kinder die neue Materie erlernen und umsetzen konnten.

Ein Kind lernt an einem TRS-80 Model III. Foto von 1982. (Bild: PCWorld.com)
Ein Kind lernt an einem TRS-80 Model III. Foto von 1982. (Bild: PCWorld.com)

BASIC statt Bogenschießen

Selbst das entfernte Tunesien (siehe Beitragsbild) war vor den Atari-Heimcomputern nicht sicher. Die Sicht auf den wohl temperierten Pool wurde mit klobigen Fernsehgeräten verstellt, die Atari 600 XL Systeme angeschlossen und zur Auflockerung des eigens von Atari entwickelten Seminarprogramms gab es noch ein paar gekühlte Cocktails.

Im Ferienclub Aldiana kostete ein BASIC-Urlaub inkl. Flug und Vollpension für 7 Tage 849 DM. Bogenschießen, Segeln oder Malen rundeten das Erlebnis ab. Auch andere ausländische Ferienclub-Ketten, wie der Club Méditerranée boten fortan Computerkurse an. Es musste ja nicht immer schnorcheln sein.

Die Computercamps boten eine gute Möglichkeit, neue Freunde zu finden. Da man hier sowieso auf viele Gleichgesinnte traf, war die Grundlage für eine spätere Freundschaft bereits gelegt.

Beim Lernen und Spielen in einem Computercamp auf Schloß Dankern im Emsland. (Bild: IDG-Verlag, Computerzeitschrift RUN, 1985)
Beim Lernen und Spielen in einem Computercamp auf Schloß Dankern im Emsland. (Bild: IDG-Verlag, Computerzeitschrift RUN, 1985)

So erinnert sich Thomas, der 1984 bei einem Camp in Schloß Dankern war: „Ich habe viele andere Jungs kennengelernt, mit denen ich die nächsten Jahre per Post Spiele getauscht habe.“ Andere Campbekanntschaften gingen sogar noch weiter und gründeten in ihren Heimatorten eigene Computerclubs, um dort gemeinsam Programme und die neuesten Informationen über ihre Heimcomputer auszutauschen.

Von der Vision zur Wirklichkeit

Auch wenn die Popularität der Computercamps mit dem Ende der Heimcomputer-Welle gegen Ende der 1980er Jahre langsam abebbte, blieben viele Freundschaften intakt und die Kids ihren Systemen noch lange treu. Die Eindrücke von damals hatten sich für immer eingeprägt. Und so kommt es immer wieder vor, dass sich die ehemaligen Campteilnehmer gern an diese aufregenden Tage erinnern, die sie mit so vielen geteilt haben. Nicht wenige haben sich in den letzten Jahren ihre damals verkauften Heimcomputer erneut beschafft, um die Begeisterung dieser Tage erneut zu erleben.

Die in den 1980er Jahren oft vermarktete These, dass die Camps eine gute Investition in die Zukunft wären, hat sich als richtig erwiesen. Für viele bedeutete das spielerische Herangehen an die Technik in den Computerferienlagern, einen Einstieg in die professionelle Nutzung von Computern, der bis heute privat oder beruflich nachwirkt.

Computerkenntnisse sind genau so wichtig, wie lesen und schreiben.

Denison Bollay

Quellen und Verweise

Dieser Artikel ist auch in der Zeitschrift RETURN, Ausgabe 5, Herbst 2010 erschienen.


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