Endlich zusammen: mein Commodore 16 und ich

Lesedauer: 13 Minuten

Es ist interessant zu sehen, wie sich Erinnerungen mit der Zeit langsam aber sicher anfangen zu verändern.

So weiß ich heute nicht mehr ganz genau, wie einige Ereignisse meiner Kindheit zeitlich abgelaufen sind. Irgendwie erscheinen diese, oft wie parallele Zeitstränge, irgendwann in den 1980ern stattgefunden haben. Jeder Event bildet eine eigenständige Geschichte im Kopf. Legt man jedoch die Fakten auf den Tisch, müssen diese zur gleichen Zeit erfolgt sein.

Worüber ich heute schreibe ereignete sich im Sommer des Jahres 1985. Ein Sommer wie man sich als Kind nur wünschen kann. Schwimmbad mit Videospielautomaten und Ferienprogramm im TV. Laut Wikipedia gab es auch damals schon unglaubliche Katastrophen in der Welt, die jedoch komplett an mir vorbeigingen, da mein kindliches Gemüt für so was kein Interesse hatte. Was jedoch nicht an mir vorbeiging waren die Musik-Charts. Und die wurden dominiert von Modern Talking, Phil Collins, Madonna und den viel zu früh gegangenen „King of Pop“ (R.I.P. Michael). Ach ja, die 80er…

1985 war ein tolles Jahr

Es war das Jahr in dem mich der Computervirus erfasste und nie wieder los lies. Es war das Jahr in dem ich zum ersten Mal einen Sommerjob antrat der mir auch heute 28 Jahre später ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn ich daran zurück denke. Die Zeit war so unbeschwert damals wie sie nun mal für einen 13-Jährigen sein kann und sie war bestimmt von nur einem Gedanken: ich will einen Computer!

Aber Moment. Nein, ich will nicht irgendeinen Computer. Ich will einen ganz bestimmten Computer: den Commodore 16. Warum? Die Konsolenzeit schien für mich vorüber gewesen zu sein. Ich hatte mein Schmidt TVG 2000 auf dem Flohmarkt zum Neupreis verkauft und war bereit für den nächsten Schritt der Videospielevolution: den Homecomputer.

Konsolen der ersten und zweiten Generation waren 1985 out und das NES war noch nicht wirklich in den Kinderzimmern angekommen. Die Homecomputer waren auf ihrem Zenith.

Janni Douloumis

In den Kaufhäusern waren sie alle zu sehen: Schneider CPC, ZX Spectrum, Commodore 64, Atari 600/800 XL, den TI-99/4 und hier und da auch ein Laser oder SVI. Auch meinen ersten Kontakt zu Apple Computern habe ich noch genau in Erinnerung. Es war ein Macintosh Plus. Die Computerabteilungen waren damals umzingelt von Kids die nur eins wollten: Zocken!

Das Commodore Datasettenlaufwerk 1531. (Bild: Claudio Lione)
Das Commodore Datasettenlaufwerk 1531. (Bild: Claudio Lione)

Als ich das erste Mal Ghosts ‘n Goblins auf einem C64 sah, war ich fast geschockt, wie toll diese Arcade Umsetzung aussah! Dagegen konnte kein mir bekanntes Videospiel mithalten. Ja, das waren die Zeiten in denen es im Kaufhof, bei Quelle, Phora, Horten, Karstadt und wie sie alle hießen die Computerabteilungen gefüllt haben. Grünmonitor neben Farbmonitor, Floppy neben Datasette und jede Menge Joysticks. Nicht zu vergessen die Glasvitrinen, die verschlossen mit den ganzen Spielen auf Kassette oder Diskette auf die neugierigen Blicke der potentiellen Kundschaft warteten.

Ein Schlaraffenland, zu dem es nur einen Zugang gab, wenn man einen dieser Rechner sein Eigen nannte.

Der Platzhirsch im Freundeskreis war unumstritten der legendäre C64. Damals der „King of Games“. Aber für mich unbezahlbar. Meine Eltern hätten nie soviel Geld ausgegeben. Das wusste anscheinend auch Commodore. Denn Dank der klugen Commodoreköpfe sollte sich auch der kleine Geldbeutel bald an einem Homecomputer erfreuen können. Und ja, zu den kleinen Geldbeuteln zählte auch meiner.

Zwischen Gurken und Tomaten

Commodore bzw. der leider 2012 verstorbene Jack Tramiel hatte für mein Problem die Lösung. Da der mittlerweile veraltete VIC-20 auf dem absteigenden Ast war, musste in diese Low Price Nische schnell ein Ersatz rein.

Die Zeitschrift Computerwoche schreibt am 4. April 1986 zum Verkauf des C16 durch Aldi: Für etwa 160 Mark kann der Einsteiger einen Kleinstrechner samt Datasette, Basic-Kurs und Lehrbuch im Paket am Tragegriff mitnehmen. (Bild: Claudio Lione)
Die Zeitschrift Computerwoche schreibt am 4. April 1986 zum Verkauf des C16 durch Aldi: Für etwa 160 Mark kann der Einsteiger einen Kleinstrechner samt Datasette, Basic-Kurs und Lehrbuch im Paket am Tragegriff mitnehmen. (Bild: Claudio Lione)
Die Anschlüsse an der Rückseite des C16. Am Expansion-Port konnte beispielsweise das zum C16 passende Floppylaufwerk VC 1551 betrieben werden. (Bild: Claudio Lione)
Die Anschlüsse an der Rückseite des C16. Am Expansion-Port konnte beispielsweise das zum C16 passende Floppylaufwerk VC 1551 betrieben werden. (Bild: Claudio Lione)

Da er sich am Anfang sehr schlecht verkaufen lies, entschied Commodore den C16 als „Supersparpaket“ für den Computereinstieg an den Mann zu bringen. Der Vertriebsweg war für die Zeit auch besonders. Ob dieser Commodores Entscheidung war, oder die eines findigen Geschäftsmannes, ist mir unbekannt.

So fand man Mitte der 80er beim Tomatenkauf, direkt neben den Gurken und der Palette Top Star Cola ein etwas größeres Paket auf dem „Computerkurs“ stand.

Computer? dachte sich der Supermarktbesucher. Waren das 1985 nicht die Dinger die bald den Menschen am Arbeitsplatz ersetzen und die gegen die Menschheit selbst eine Rebellion starten werden? Ja! Tatsächlich konnte man hier im Aldi um die Ecke ein Stück Zukunft zum Paketpreis für, man halte sich fest, 150 DM erstehen. Das war ein Novum und ein Schnäppchen noch dazu. Und da dem Computer die Zukunft gehört und man dabei sein wollte, wurde die Milch und die Wurst etwas zur Seite geschoben, um dieses doch etwas große Paket noch in den Einkaufswagen zu bekommen.

Der C16 war übrigens der erste Computer, der von Aldi angeboten wurde. Heute absolute Normalität.

Janni Douloumis

„Ein Supermarkt verkauft einen echten Computer!“ – schnell sprach sich das herum. Auf dem Schulhof erfuhr ich, wer schon alles zugeschlagen hatte. Einige meiner Schulfreunde hatten tatsächlich schon einen C16 zu Hause stehen. Oh Mann! Jetzt kann man sich vorstellen, dass so ein Angebot ratz-fatz ausverkauft ist. Und so war es auch. Ich habe den C16 nie wirklich mit eigenen Augen im Aldi gesehen. Jedoch war ich fest im Glauben, dass er noch dort auf mich warten würde, wenn ich so weit war das Geld zusammen zu haben.

Wie sich die nun folgenden Ereignisse zeitlich exakt zusammensetzen, kann ich nicht mehr genau sagen. Es sind aber meine Erinnerungen von damals. So beginnt die Story zu meinem Commodore 16 mit Arbeit.

FAKTEN: Commodores 264er-Serie

Unter der Heimcomputer-Linie “264” versteht man die Computer C16, C116 und Plus/4. Obwohl die Serie finanziell als Flop gilt, haben die Computermodelle – besonders heute – viele stille Liebhaber gefunden. Der C116 war zwar baugleich zum C16, besaß aber im Gegensatz zu seinem größeren Bruder keinen Expansion-Port und bot nur eine Gummitastatur.

Ein Nachbarsjunge erzählte mir, er habe einen Sommerjob, zu dem könnte er noch jemanden mitnehmen. Cool, dachte ich mir. Es handelte sich um einen Musikladen in der Stadt, den ich schon kannte, da meine Schwester dort Orgelunterricht bekam. Drei Wochen insgesamt, schwang ich mich morgens aufs Fahrrad und fuhr in die Innenstadt zu Musik Müller. Hier sollte ich eine meiner tollsten Sommerferien verbringen. Musik Müller war ein klassischer Musikladen. Hier standen jede Menge Keyboards und Orgeln herum. Auch an Synthesizer, mit denen man sogar samplen konnte, erinnere ich mich. Wir haben 1985 und in den meisten Geschäften wird noch computerlos gearbeitet.

Doch in diesem Jahr beschloss man, bei Musik Müller den ersten Computer anzuschaffen. Ich war live dabei als der Karton ausgepackt wurde. Auf dem dafür gedachten Schreibtisch stand ein neuer Atari 260ST mit einem externen Floppylaufwerk und einer Maus. Wow! Wir spielten gleich eine Runde Breakout, was auf dem ST vorinstalliert war. Alles schön monochrom. Aber wer braucht schon Farben bei Breakout?

Das war mein erster Kontakt mit einem Computer in der freien Wildbahn und nicht als Ausstellungsstück in einem Kaufhaus.

In meinem Kopf war weiterhin nur der C16. Als Konsequenz passierte das Unausweichliche. Ich kaufte mir…

…mein erstes Computerheft

Ich ging in einen Zeitschriftenladen und schaute mir die dort angebotenen Computerhefte an. Es war nicht gerade viel was es zum C16 gab, aber das machte mir nichts aus. Ich fand eine Ausgabe der Compute mit und diese war ganz und gar dem C16 gewidmet! Prompt kaufte ich mir diese Ausgabe und kam so zu meinem ersten Computerheft, was ich heute noch besitze und sehr stolz darauf bin. Vom Inhalt her besteht das Heft aus 70% Listings also nicht wirklich was zum Lesen. Aber als Kind habe ich mich stundenlang mit diesem Heft beschäftigt (kaum vorstellbar heutzutage). Und das ohne den C16 zu besitzen. Also Freestyle so zu sagen!

Die Heimcomputerzeitschrift Compute mit erschien ab 1984 im Roeske Verlag. Sie wurde 1985 vom Tronic-Verlag übernommen. (Bild: Claudio Lione)
Die Heimcomputerzeitschrift Compute mit erschien ab 1984 im Roeske Verlag. Sie wurde 1985 vom Tronic-Verlag übernommen. (Bild: Claudio Lione)
Kingsoft aus Aachen war für die User des C16 bedeutend, da die Firma viel Software für dieses System anbot. (Bild: Claudio Lione)
Kingsoft aus Aachen war für die User des C16 bedeutend, da die Firma viel Software für dieses System anbot. (Bild: Claudio Lione)

Ich schaute mir die Anzeigen an und in meinem Kopf sah ich die Games entstehen, wie sie beschrieben waren. Die Spielcoveranzeigen haben sich regelrecht eingebrannt. Besonders die Firma Kingsoft hatte oft großzügige Farbanzeigen auf der letzten Coverseite geschaltet, was damals schon Eindruck machte. Das Heft war an sich nur Schwarz-Weiß (auch das unvorstellbar heutzutage). Die Compute mit sollte auch die nächsten Jahre dem C16 die Treue halten. Durch eBay konnte ich vor ein paar Jahren eine fast komplette Sammlung ersteigern. Auf einem Retroevent dann einen Karton voll mit C16 Games auf Kassette. Doch nun erstmal zurück zum Sommerjob.

Die Tage vergingen und das Ende meines Sommerjobs und der Ferien rückte näher. Am letzten Tag drückte mit Herr Müller persönlich einen Umschlag mit meinem Namen in die Hand. Als Kind hatte ich nicht wirklich damit gerechnet, mich aber umso mehr gefreut. Es waren genau 150 DM drin. Ich war platt. Das war mein Ticket zum C16! Herr Müller hatte meinen Wunsch über die Ferientage mitbekommen und was soll ich euch sagen? Er machte sich selbst daran mir den Wunsch zu erfüllen. Er telefonierte die Aldi Filialen ab um noch einen C16 für mich ausfindig zu machen. Leider erfolglos. Doch Herr Müller gab nicht auf. Nach weiteren Telefonaten packte er mich ein und wir fuhren in den Kaufhof nach Mannheim. Diese Erinnerung ist so was von schon am verpuffen, schade schade. Ich weiß nur noch wie wir vor dem Verkäufer standen und ihn nach dem C16 fragten. Er schüttelte den Kopf hatte aber was anderes für uns. Er führte uns zum C116. Technisch baugleich zum C16, optisch jedoch eher ein Plus/4 mit Gummitastatur. Ui, eine schwere Entscheidung die ich nun treffen sollte. Ein C116 oder überhaupt keinen Computer? Der C16 schien hoffnungslos vergriffen. Das war’s dann wohl. Es sei denn ich greife mir doch jetzt den C116.

Kennt ihr das, wenn ihr genau wisst ihr geht einen Kompromiss ein den ihr später bereuen werdet?

Nun trotz meines jungen Alters habe ich mich nicht beirren lassen und winkte vom verlockenden Angebot ab einen C116 mitzunehmen. Irgendwie wäre er nicht das Wahre gewesen dachte ich mir. Obwohl ich endlich die Programmbibliothek, die in meinem Computerheft beworben wurde, auch in Aktion sehen wollte.

So sollte es noch ein paar Tage dauern bis ich sagen konnte das hier ist…

…mein erster Computer

Ja, das „Homecomputer-haben-wollen-Leben“ war hart und ich kam vorerst nicht zu meinem C16 Glück. Für den C64 reichte mein Budget von 150 DM leider nicht. So kam es, dass ich mein Herz an einen anderen Rechner vergeben musste. Und der hieß Atari 800 XL. Den gab es zu der Zeit beim Horten für schlappe 150 DM inklusive Datasette, Joystick (QuickShot 2) und dem Modul Donkey Kong. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie ich meinen restlichen Sommer verbrachte. Im Schwimmbad gab es in der Imbisshalle drei Videospielautomaten. Einer davon war Donkey Kong. Eigentlich eher Crazy Kong aber für mich so gut wie das Original. Zuhause konnte ich nun für lau ab sofort auf meinen Atari Computer (fast) das Original zocken. Die Atari-Homecomputerfassung hatte zwar auf einiges verzichtet aber mir war das egal. Donkey Kong war Donkey Kong, stand ja auch so drauf.

Die Original Commodore-Joystick C-1342 sah aus, wie das Steuerelement eines Militärhubschraubers. (Bild: Claudio Lione)
Die Original Commodore-Joystick C-1342 sah aus, wie das Steuerelement eines Militärhubschraubers. (Bild: Claudio Lione)

Es folgten meine ersten Tippversuche mit Programmlistings. Grauenhaft und zunächst ohne sichtbares Ergebnis auf dem Bildschirm. Aber ich gab nicht auf. Ich hatte ja noch Dagmar Berghof an meiner Seite. Die gute Dagmar sprach vom Band und erklärte mir im Computerkurs Schritt für Schritt das Atari BASIC. Das waren noch Zeiten! Dagmar bei mir im Kinderzimmer sprach aus meinem Atari Computer. Es gab einige Spiele, die ich auf meinem Atari liebgewonnen hatte. Dennoch war ich ein absoluter Exot in der Schule und im Freundeskreis mit meinem XL. Die Welt um mich herum wurde immer mehr vom C64 dominiert und ich sah irgendwann ein, dass ich mich vom Atari trennen und in die aufregende Szene der C64 Demos und Cracks einsteigen musste. Das ist aber eine andere Geschichte.

Aber ich gab nicht auf. Ich hatte ja noch Dagmar Berghof an meiner Seite. Die gute Dagmar sprach vom Band und erklärte mir im Computerkurs das Atari BASIC.

Janni Douloumis

Das erste selbstgekaufte Computerspiel

Einer meiner glücklichen Freunde mit einem C16 wohnte in einem Nachbarort ohne Computerfachhandel. Da ich eher die Möglichkeit hatte in den Fachhandel zu kommen, bat er mich, ihm ein C16 Spiel mitzubringen. Mit 10 DM in der Hand ging es mit der Bahn los in die Innenstadt. Mein Auftrag war klar: ich hatte freie Hand, was für ein Game ich hole. Im Horten, in dem ich auch später meinen Atari erwerben sollte, gab es jede Menge Vitrinen mit Spielen für so ziemlich alle Systeme. Zu meiner heutigen Verwunderung auch für den C16. Da hatte der Handel wirklich gut auf die C16 Nachfrage reagiert und auch die Spiele in die Regale gebracht. Ich ging also an den Vitrinen vorbei und kam an die aufgestellten C16 Kassetten. Alle schön in Reih und Glied, so dass man die Cover gut betrachten konnte. Immerhin war das Cover damals schon die halbe Entscheidung welches Game es werden soll. Ich kann mich nur noch erinnern welches Game mir am besten gefallen hatte. Die Konkurrenten habe ich vergessen. Es war auf jeden Fall keines aus meinem Computerheft.

Verschiedene C16 Spiele von Mastertronic, Firebird und weiteren Herstellern. Ganz vorn ist die Kassette von Squirm zu sehen. (Bild: Claudio Lione)
Verschiedene C16 Spiele von Mastertronic, Firebird und weiteren Herstellern. Ganz vorn ist die Kassette von Squirm zu sehen. (Bild: Claudio Lione)

Es handelte sich um ein Mastertronic-Spiel für 10 DM. Wie passend. Das Game hieß Squirm und ich muss sagen nachdem ich es erst 20 Jahre später zum ersten Mal gespielt habe, dass es ein verdammt ordentliches Spiel war für C16 Verhältnisse. Ein klassischer Beweis dafür, wie man mit extrem wenig Mitteln ein gutes Actionspiel macht, dass sogar Leveldesign und Spielwitz hat. Sogar eine gewisse Spieltiefe und auch eine Story.

Squirm von Mastertronic: Original Kassette inkl. Schutzhülle. (Bild: Claudio Lione)
Squirm von Mastertronic: Original Kassette inkl. Schutzhülle. (Bild: Claudio Lione)

Man muss sich vorstellen dass ich das Spiel gekauft und abgegeben habe und nie gewusst habe was und wie es eigentlich ist. Es sollte nämlich noch einige Sommer lang dauern bis auch ich sagen konnte: Ja, ich bin…

…ein stolzer C16 Besitzer

Durch eBay habe ich mich Jahre später natürlich an meinen C16 erinnert und die Gunst der Stunde genutzt mir genau das Set zu ersteigern was es damals bei Aldi zu kaufen gab. Auch den Commodore Joystick, den es immer in den Kingsoft-Anzeigen zu bestaunen gab, nenne ich nun mein Eigen und zocke damit per USB-Adapter am Mac. Sehr zu empfehlen! Dazu gab es noch das Original Handbuch, das mir die Geheimnisse des C16 verriet. Da ich in meiner jugendlichen Homecomputer Laufbahn einen C64 besaß, war mir die Aufmachung bekannt. Umso spannender war der Moment das C16 Handbuch zu lesen und die Unterschiede zum C64 zu erkennen. Und das gibt es einige. Es war eine Zeitreise. Ich fühlte mich zurückversetzt in das Jahr 1985. So wäre also der Moment damals gewesen, wenn ich es doch zu einem C16 geschafft hätte. Das war also der C16: in Aussehen, Geruch und Haptik. Ein Stück Plastik und Chips auf einer Platine, die für mich damals den größten Wunsch darstellten, den man als Kind haben kann.

Das Original Benutzerhandbuch zum C16, sowie weitere C16-Literatur. (Bild: Claudio Lione)
Das Original Benutzerhandbuch zum C16, sowie weitere C16-Literatur. (Bild: Claudio Lione)

Jetzt fehlte nur noch das Spiel, das ich damals für den Schulfreund besorgte: Squirm. Dank eBay war das auch kein Problem. Schnell war die Spielkassette ersteigert und wechselte seinen C16 Besitzer.

In diesem Moment passierte das, was schon 1985 passieren sollte. C16 Computer, Squirm und ich fanden endlich zusammen. Ich legte das Tape in die Datasette und lud es in den C16.

Ich fühlte mich wieder wie 13. Ich versuchte den Moment durch die Augen eines Jungen aus dem Jahre 1985 zu erleben. Polygone gab es noch keine. Vereinzelt Vektorgrafiken auf irgendwelchen Powercomputern. Farben waren Luxus. Und mit 16 darstellbaren Farben war meist das Maximum erreicht. Ein Joystick hatte einen Knopf. Der war rot und stand meistens für FEUER. Als man Steve Jobs fragte warum seine Maus nur einen Button hat, sagte er: „Dann trifft man nie den falschen“ Wie wahr!

So ich tippte zum ersten Mal die magische Zeile LOAD und drückte PLAY auf der Datasette. Obwohl ich als C64 Besitzer die Ladesequenz einer Datasette und die damit verbundenen Ladezeit sehr gut kannte, war es nun zig Jahre später auf dem C16 wie beim ersten Mal vor dem eigenen frisch erworbenen Computer. Nach einiger Zeit war es dann auch so weit. Vor mir prangte der Startscreen von Squirm. Neugierig legte ich los und drückte den Feuerknopf an meinem Original Commodore Joystick. Mein Setup war genau so, wie ich es mir 1985 gewünscht hatte. Natürlich lief das Ganze auf meinem Farbmonitor, den ich mir in den 80ern gebraucht gekauft hatte und an dem lange Zeit mein C64 II angeschlossen war.

Das Spiel startete und ich begann die Hautspielfigur über das Spielfeld zu steuern. Das war nicht einfach ein Pac-Man-Klon der hier vor mir lag. Nein, es war ein eigenständiges Labyrinthspiel mit Story und Zielvorgabe.

Der Startbildschirm von Squirm. (Bild: Mastertronic)
Der Startbildschirm von Squirm. (Bild: Mastertronic)
Der Wurm schlängelt sich durchs Labyrinth. (Bild: Mastertronic)
Der Wurm schlängelt sich durchs Labyrinth. (Bild: Mastertronic)

Aus dem Innenteil des Kassettencovers ist zu erfahren, dass die Mission wie folgt lautet: „Folgen Sie der Königin Squirm in ihrem Bienenkorb und sammeln Sie die Eier ein, die sie gelegt hat bevor die Arbeiterbienen sie wegnehmen. Meiden Sie unter allen Bedingungen die Squirm, aber fangen Sie den Glühwurm wenn Sie es schaffen damit der Bienenkorb beleuchtet ist. Wenn Sie 250 Eier sammeln, haben Sie einen Freilauf gewonnen, wobei Sie die Squirm fangen können.“

Wow, klingt nach Spaß und jede Menge Action. Uns so war es dann auch. Das blind gekaufte Spiel war also damals eine kleine Perle. Ob es meinem Schulkameraden auch so viel Spaß machte wie mir jetzt, habe ich nicht mehr in Erinnerung. Ich kann mir vorstellen wie er wohl Stundenlang Squirm gespielt hat, wie wir es alle damals taten. Da hatte man noch fun für sein Geld. Wenn man das mit der heutigen Zeit der Casual Games vergleicht liegen da wohl Welten dazwischen. Geladen, angezockt und gelöscht heißt es ja zu oft heute im Appzeitalter. Die nächste App kommt bestimmt. Aber 1985 war das alles noch nicht mal Zukunftsmusik. Da hatte man nun dieses Spiel auf Datasette erworben und es wurde gespielt bis man den Endscreen zu sehen bekam. Basta.

So schloss sich also der Kreis und auch wenn mit einer kleinen Verzögerung, kann ich sagen…

Commodore 16 – auch wenn als Außenseiter geboren, war er einen Sommer lang für mich die absolute Nummer 1!

Janni Douloumis

Nachtrag: Mit Erstaunen stellte ich während der Fotosession zu meinem C16 Artikel fest, dass die Compute mit Ausgabe auf 1986 datiert ist. Ich bin mir aber sicher, dass der C16 im Sommer 1985 in den Läden stand. Daraufhin kaufte ich mir mein erstes Computer Heft. Ein Paradoxon? Ich belasse es mal so wie es in meiner Erinnerung gespeichert ist und mache mir keine weiteren Gedanken.

Alle Infos unter zum Spiel Squirm findet ihr unter: http://plus4world.powweb.com/software/Squirm

Fotogalerie

Zum Abschluss des Artikels hier nun noch ein paar passende Bilder aus den goldenen C16-Zeiten.

C16 Spielkassetten: BMX Simulator, Xadium, Kung Fu und Formula 1 Simulator. (Bild: Claudio Lione)
C16 Spielkassetten: BMX Simulator, Xadium, Kung Fu und Formula 1 Simulator. (Bild: Claudio Lione)
C16 Spielkassetten: Vegas Jackpot, The Way Of The Tiger, Video Classics und Snooker. (Bild: Claudio Lione)
C16 Spielkassetten: Vegas Jackpot, The Way Of The Tiger, Video Classics und Snooker. (Bild: Claudio Lione)
C16 Spielkassetten: Green Beret, Speed King, Monkey Magic/Knockout/3D Quasars und Space Escort. (Bild: Claudio Lione)
C16 Spielkassetten: Green Beret, Speed King, Monkey Magic/Knockout/3D Quasars und Space Escort. (Bild: Claudio Lione)
C16 Spielkassetten: 3D Glooper, Kane, Rockman und Thrust. (Bild: Claudio Lione)
C16 Spielkassetten: 3D Glooper, Kane, Rockman und Thrust. (Bild: Claudio Lione)
So sah ein Programmlisting in der Zeitschrift Compute mit aus. (Bild: Claudio Lione)
So sah ein Programmlisting in der Zeitschrift Compute mit aus. (Bild: Claudio Lione)

„Dude, wir haben es schon wieder getan und wenn ich an deinen Spectravideo Homecomputer denke, habe ich da spontan eine Idee :-)“

Alle Fotos aufgenommen und meisterlich in Szene gesetzt durch Claudio Lione.


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