Adieu Ödnis – Der Wunsch nach fantastischen Spielen

Veröffentlicht in Videospielgeschichten
Mit Kommentaren von André Eymann, Lenny, Pixelfanatic, Moni, Poly, Ferdi, Rene

Neulich habe ich meine PS3 wieder für eine LAN-Party rausgeputzt. Ich spiele mittlerweile selten mit der Maschine und wollte deshalb die Systemsoftware, sowie mögliche Spiele-Updates, vorab installieren. Ich drückte auf den Power-Button der Konsole und das System fuhr wie gewohnt hoch. Doch kurze Zeit später geschah etwas Denkwürdiges.

Nachdem die Konsole auf den letzten Firmware-Stand gebracht wurde, schob ich die Modern Warfare 2 Disc ins Laufwerk. Activision und Infinity Ward begrüßten mich und führten mich in das Hauptmenü.

Der Anblick der Kämpfer im Menu erinnerte mich daran, dass ich schon lange keine Kampagne mehr gespielt hatte. Und das aus gutem Grund.

Spätestens seit MW2 (aber auch in MW3) fand ich das Narrativ und die Aufmachung des tosenden Gebarens mit seinen hohlen patriotischen Losungen so abgeschmackt, dass es mir irgendwann zu viel wurde. Technisch im Korridor eingesperrt, sollte ich ständig fragwürdige Feindbilder, auf der Basis noch fragwürdigerer Motive, liquidieren. Ungefähr so, als würde ich Enten in der Schießbude abschießen. Damals flog die Disc aus dem Laufwerk und kam fortan nur noch bei LAN-Partys zum Einsatz. Denn dort verstand ich das Spiel (wie auch früher Counter Strike) als Wettkampf und hatte Spaß mit Freunden beim Messen unserer Reaktionen.

Merkwürdige Stille

Szenenwechsel: vor einigen Tagen hatte ich wieder einmal eine TV-Dokumentation über die Geisterstadt Prypjat, die in der Nähe des Kernkraftwerks Tschernobyl liegt, gesehen. Die Berichte über dieses Mahnmal der Menschheit verstören mich immer wieder.

Der Ladebildschirm von "Wasteland". (Bild: André Eymann)
Der Ladebildschirm von “Wasteland”. (Bild: André Eymann)

Ich erinnerte mich daran, dass es auch in Modern Warfare 2 eine Multiplayer Map gab, die an Tschernobyl angelehnt war. Würde sich diese Map für unsere anstehende LAN-Party eignen? Ich durchstöberte die Kartenliste und würde fündig: WASTELAND. Ein passender Name. Mit einem Controller-Druck auf „X“ lud ich die Karte in das RAM der Maschine.

Auf einmal stehe ich im Ödland in unmittelbarer Nähe dieser durch Menschen verursachten Tragödie namens Tschernobyl. Da ich ganz allein bin, umgibt mich eine merkwürdige Stille. Sonnenstrahlen blenden mich und immer wieder weht ein leichter Wind Blätter über die verlassenen Wege. Ich habe mein Assault-Rifle im Anschlag. Aber wofür?

Die Abwesenheit meiner Mitspieler lässt mich Wasteland mit anderen Augen sehen. Auf einmal wird die Karte auf eine besondere Art durchschaubar. Es gibt nur mich, verlassene Baracken und in der Ferne das Kraftwerk. Die Optik der Welt die mich umgibt ist schön und bedrückend zugleich. Wenn ich die Außengrenzen der Map streife, wird dies mit dem Knistern eines Geigerzählers quittiert. Zweifellos misst der Teilchendetektor Unmengen von radioaktiver Strahlung.

Warum also trage ich eine Waffe? Hier ist nichts. Kein Leben. Was sollte ich hier, an diesem Ort, noch verteidigen oder angreifen? Bei meiner Sondierung der Gegend finde ich Auto- und Panzerwracks, leerstehende Häuser mit nur wenigen Überbleibseln der Menschen die einst dort wohnten und, als einziges Zeichen von einstigem Leben, tote Kühe. Da sie keine sichtbaren Verletzungen haben, gehe ich von einem Strahlentod aus. Unbehagen überkommt mich.

Ödnis und Baracken. Hinten rechts im Bild ist Prypjat angedeutet. (Bild: André Eymann)
Ödnis und Baracken. Hinten rechts im Bild ist Prypjat angedeutet. (Bild: André Eymann)

Alles nur ein Spiel

An dieser heroischen Statue befindet sich ein Schild. (Bild: André Eymann)
An dieser heroischen Statue befindet sich ein Schild. (Bild: André Eymann)

Sicher war es die Absicht der Künstler, die Welt so real wie möglich wirken zu lassen. Mein Problem ist nur, dass dies in meinem Kopf zu gut funktioniert. Diese Welt ist mir zu real. Denn die Bedrohung durch den 1986 zerstörten Reaktor stellt für mich den Sinn der Spielwelt in Frage. Und wenn ich ehrlich bin, ist das auch der Grund, warum Wasteland bei mir einen unangenehmen Nachhall findet. Es ist, als würde man die Ereignisse des 26. April 1986 herabwürdigen. Zu einem Computerspiel-Rummelplatz.

In der Nähe der Kirche stoße ich auf ein Denkmal. Zwei Krieger stehen auf einem Sockel und halten ihre Waffen in die Höhe. Weiter unten an der Säule ist ein rot umrandetes Schild montiert.

Auf dem Schild steht (übersetzt) geschrieben: “Nicht sachgerechtes An- und Ausschalten des Anschlusses von Typ A führt dazu, dass er nicht mehr funktioniert, Krieger! Sei aufmerksam bei der Arbeit mit den Anschlüssen. Gschp-1, Gschp-2 APR PGTSCH-1, PGTSCH-2.”

Zweifellos ist der Text eine Erinnerung an den Reaktorunfall im Kraftwerk. Er unterstreicht die realen Bezüge von Wasteland, wie auch der nahe gelegene Friedhof auf dem nur zügig errichtete Holzkreuze zu finden sind.

Je länger ich allein auf der Karte unterwegs bin, desto mehr fällt mir auf, dass Spiele wie Modern Warfare mit ihren patriotischen und realitätsangelehnten aber inhaltlich oft bedenklichen Kampagnen auf modernen Kriegsschauplätzen für mich am Ende ihres Wirkungsgrades sind. Will ich mich als Spieler wirklich in Libyen, Syrien oder eben der Ukraine zu einem eindimensionalen Helden stilisieren lassen? Für mich jedenfalls scheint die Zeit der Kriegsspiel-Kampagnen dieser Art vorbei zu sein. Ich mag sie einfach nicht mehr spielen.

Zurück zur Fantasie

Nach vielen Jahren Call of Duty, Battlefield, Modern Warfare und Co. wünsche ich mir mehr denn je gut erzählte Geschichten in Videospielen. Ich habe es über mit zweifelhaften Konflikten konfrontiert zu werden. Denn schon immer hat mich im Schwerpunkt auch die fantasievolle Schönheit von Videospielen bezaubert. So sehr, dass ich manchen Spiele wie beispielsweise das wundervoll surreale Half-Life 2 kaum linear spielen konnte, weil ich immer wieder in den Landschaften stehen geblieben bin und einfach nichts anderes tun wollte, als den Moment zu genießen.

Zum Glück bieten sich viele schöne Alternativen an. Fantasievolle Shooter wie Unreal Tournament oder Abenteuer-Klassiker wie Ico und Shadow of the Colossus.

Unreal Tournament verlegt die Schauplätze in den Kosmos, fantasievolle Burgen oder Fantasiewelten. (Bild: Epic)
Unreal Tournament verlegt die Schauplätze in den Kosmos, fantasievolle Burgen oder Fantasiewelten. (Bild: Epic)
In Ico von 2001 muss man gemeinsam mit einem Mädchen versuchen aus einer einsamen Burg zu entkommen. (Bild: Sony)
In Ico von 2001 muss man gemeinsam mit einem Mädchen versuchen aus einer einsamen Burg zu entkommen. (Bild: Sony)
Das Action-Adventure Shadow of the Colossus erschien 2005. (Bild: Sony)
Das Action-Adventure Shadow of the Colossus erschien 2005. (Bild: Sony)

Im Jahr 2012 hatte mich das Spiel Journey begeistert. Nahezu handlungsfrei musste ich mich mit meiner Spielfigur durch die endlose Wüste bewegen und Rätsel lösen. Dabei waren es vor allen Dingen die Musik und die Atmosphäre, die Journey zu einer ganz besonderen Reise gemacht hatten. Ganz erstaunlich ist der Wiederspielwert des Spiels. Es scheint nicht alt zu werden und motiviert einen immer wieder erneut.

Journey wurde 2012 von Jenova Chen entwickelt. (Bild: Thatgamecompany)
Journey wurde 2012 von Jenova Chen entwickelt. (Bild: Thatgamecompany)
The Legend of Zelda: Breath of the Wild ist ein Meilenstein der Open-World Fantasy-Spiele. (Bild: Nintendo)
The Legend of Zelda: Breath of the Wild ist ein Meilenstein der Open-World Fantasy-Spiele. (Bild: Nintendo)

Gerade im März dieses Jahres gab es mit The Legend of Zelda: Breath of the Wild eine Neuauflage einer der bekanntesten Spieleserien. Hier muss unser Held Link die Welt Hyrule verteidigen. Schon wenige Tage nach dem Release des Spiels gab es weltweit positive Resonanzen. Die kreative Welt und die zauberhafte grafische Umsetzung scheint viele Spieler zu begeistern.

Die Musik, Leichtigkeit und Schönheit, die vor allen Dingen japanische Spiele ausstrahlen, sind ein wunderbarer Ausgleich zur Ödnis manch anderer Titel und versetzen den Spieler in wahrhaft traumhafte Welten. Es fasziniert mich immer wieder, dass Videospiele solche Gefühle hervorbringen können. Ab nun werde ich wieder dem Pfad der kreativen und fantasievollen Spiele folgen.

Adieu Ödnis. Willkommen Fantasie!

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Wie ist es bei Dir? Hast Du auch schon solche Gedanken beim Spielen gehabt? Kommen dabei auch Konflikte zum Vorschein? Kann eine Spielwelt “zu real” sein? Diskutiere mit uns in den Kommentaren. Wir freuen uns über Deine Beteiligung!

Jessica KathmannTobi

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Kommentare12

  1. Durch die neue Zufallsfunktion auf diesen Artikel gestoßen, möchte ich erst einmal ein Lob für den Artikel und auch die Kommentare los werden. Hat sehr viel Spaß gemacht das alles zu lesen.

    Ich selbst bin kein Spieler von Egoshootern, weswegen ich zu deinem WASTELAND-Beispiel per se nichts sagen kann. Ich finde den Gedanken aber natürlich interessant, da er unabhängig von besagter MP-Map funktioniert. Doch sind Shooter wie ein CoD oder BF durch ihre Art der Inszenierung nochmal in besonderer Weise zu betrachten. Und das liegt meines Erachtens an der Zielgruppe die z.B. ein CoD ansprechen möchte. CoD will, sowohl im SP als auch im MP, Spaß machen. Und da darf nicht darüber nachgedacht werden, ob es möglicherweise moralisch verwerflich ist, was du tust. Da ist es wichtiger, dass das Handling der Waffen gut ist oder die Map ausgewogen gestaltet ist. Dann stellt sich, wie du schon richtig erwähnst, die Frage, ob ein solches Spiel ein ernstes Thema wie Tschernobyl überhaupt behandeln darf. Und ich habe keine eindeutige Antwort für mich gefunden. So wie du es beschreibst, würde ich Nein sagen. Geschichtlich prägende Ereignisse sollten, meiner Meinung nach, nicht als reines Entertainment verkommen. Trotzdem darf und muss es auch Spiele geben, die solche Themen aufgreifen und spielerisch umsetzen. Und das wollen wir als Spieler ja auch, trotz das ein Spiel unterhalten soll. Womöglich haben Spiele dann den Vorteil, dass sie Aussagen besser in ein fiktives oder zumindest Alternatives Setting packen können. So zum Beispiel in der Fallout-Reihe oder den neueren Wolfenstein-Spielen.

    Tobi
    1. Oh, die Zufallsfunktion genutzt. Super – danke dafür 🙂 Und ebenso vielen Dank für Dein Lob zum Artikel und den Kommentaren. Ich habe mich ebenfalls riesig über die wunderbaren Rückmeldungen gefreut!

      Du hast natürlich vollkommen recht. Das ich mich gerade an CoD bzgl. meiner Bedenken “vergriffen” habe ich sicher etwas vermessen. CoD ist nunmal eine Schiessbude und eben nicht viel mehr. Und so spielt es sich auf prima im MP-Modus und man kann eine Menge Spaß damit haben.

      Das eigentliche Thema ist sicher im Kern “Adäquat umgesetzte Narration” in Spielen, die in beispielsweise artverwandten Settings spielen. Da gibt es sicher auch Positivbeispiele (Spec Ops: The Line, Fallout, teilweise auch Wolfenstein), die erwähnenswert sind. Aber solange sich Produzenten von Kriegs-/Antikriegsspielen mehr auf die Technologie und den platten Dualismus der Charaktere/Parteien stützen, gibt es noch viel zu tun.

      Ich bin sehr gespannt, ob hier Activision auch neue Wege gehen möchte in der Zukunft.

      Interessanterweise hat das der erste Teil von CoD aus meiner Sicht schon besser gekonnt. CoD 1 wollte aus meiner Sicht kein “cooles” Spiel sein. Darüber haben hier mal etwas geschrieben: http://www.minkitink.de/gastbeitrag-call-of-duty-ein-waechter-der-geschichte/

      Tobi
  2. Nun, ein riesiger CoD oder Battlefield Fan war ich nie. Ich habe zwar BF eine Zeit lang im Multiplayer gespielt, jedoch nicht allzu lange, was primär 2 Gründe hatte:
    Erstens hatte ich (ähnlich wie bei CS: Source) keine Chance gegen die Hardcore-Spieler und zweitens war/ist mit das Setting einfach zu langweilig. Das hat nun Nichts mit der Kriegsthematik zu tun, denn das Grundprinzip ist bei jedem Spiel ident (A kämpft gegen B), sondern viel mehr mit der fehlenden Abwechslung und dem realistischen Setting. Spiele sollen unterhalten, und das schaffen diese Spieleserien (zumindest bei mir) einfach nicht. Ich brauche keinen Hyperrealismus, nein ich will ihn gar nicht: Besonders Ego-Shooter brauchen für mich das gewisse Etwas, Gründe mehr über die Spielewelt erfahren zu wollen. Sei es wie pompös der nächste Boss aussieht oder welche fiktiven Welten als nächstes auf mich warten. Bei Spielen, welche in realen Schauplätzen spielen fällt letzteres schon mal weg.
    Tschnernobyl (angelehnte) Szenarien finde ich persönlich nun nicht verwerflich, aber auch nicht besonders toll – es ist für mich ein Level mit bitterem Beigeschmack. Gut, ich gehöre auch nicht zur Zielgruppe, denn eines dürft ihr nicht vergessen: Die Zielgruppe dieser Spiele hat einen ganz anderen Bezug zur durch menschliche Dummheit verursachten und anfangs vertuschten Tschernobyl-Katastrophe als wir. Wir waren “dabei”, durften tagelang nicht aus dem Haus und nahmen unsere Kalium-Jodidtabletten. Für die Zielgruppe welche dies nicht miterlebte, ist Tschernobyl so weit weg wie das fiktive Szenario in Fallout.

    Tobi
    1. Da hast Du recht: jüngere Spieler nehmen Spiele natürlich in einem anderen (vor allen Dingen geschichtlichen) Kontext wahr als wir. Vermutlich lassen sich manche jüngere Spieler deshalb auch mehr von “Kriegsszenarien” begeistern. Insofern ist mein Artikel natürlich auch im Kontext eines 46-jährigen zu verstehen.

      Allerdings finde ich es schon bemerkenswert, dass ich mittlerweile auch viele deutlich jüngere Spieler (um die 20 Jahre alt) kenne, die sich lieber fantastischen Settings und Rollenspielen zuneigen, als hollywoodartigen Ballerorgien. Das Interesse an “Geschichten” in Videospielen ist für diese Spieler wichtig und ein wesentlicher Aspekt der Spielerfahrung. Ich finde diese Erkenntnis sehr schön.

      Tobi
  3. Ich denke jedes Spiel, das man sich einmal ausgesucht hat, hat seine Zeit. Jedenfalls geht es mir so. Manchmal möchte ich einfach keine herausfordernden Rätsel lösen, sondern einfach mit einer Wumme in der Hand alles niedermähen, was mir vor den Lauf kommt. Dann werfe ich ein CoD oder Crysis an.

    Und dann gibt es wieder Zeiten, in denen ich mich einfach nur staunend durch wunderbar phantasievoll gestaltetet Welten tragen lassen möchte. Da darf es dann z.B. ABZÛ sein.

    Im Bezug auf Kriegsspiele kann ich mich allerdings voll und ganz Deiner Meinung nach anschließen. Ich mag definitiv keine Kriegsspiele und bis auf wenige Ausnahmen meide ich sie auch. Ein abstraktes Setting wie in Crysis oder Hard Reset Redux, ist mir da um ein Vielfaches lieber (hier gehen die Meinungen aber stark auseinander).

    Auch bei den Umgebungen mag ich keine Kriegsgebiete. Zerbombte Häuser, zerstörte Straßen, Auto- und Panzerwracks, das ist nicht so meine Welt. Allerdings üben auch verwüstete und dystopische Landschaften ihren Faszination auf mich aus. Was Du in WASTELAND erlebt hast, habe ich so ähnlich in Metro 2033 gesehen. Trotzdem hatte diese Umgebung ihren ganz besonderen Reiz, aber vielleicht auch nur, weil sie fiktiv war und nicht ein reales Unglück oder einen bestimmten Krieg als Vorbild hatte. Settings mit realen Ereignissen als Vorbild haben für mich immer einen schlechten Beigeschmack.

    Ich verliere mich ja auch gerne in schön gestalteten Landschaften und Umgebungen. Viele Multiplayer-Maps habe ich so schon alleine abgelaufen, denn im Eifer des Gefechts kommt man ja nicht dazu, sich alles genau anzusehen.

    Natürlich sind Spiele wie Far Cry 3 oder auch Assassin’s Creed III und IV unschlagbar, was die Landschaftsgestaltung angeht. Da vergisst mal schon manchmal die Mission, wenn man staunend durch die Gegend läuft 😉

    1. Liebe Moni,

      es stimmt, manchmal möchte man einfach nur mit einer Wumme alles niedermähen. Dafür hatte sich für mich auf der PS2 vor allen Dingen BLACK bestens geeignet. Oder auf dem PC damals PAINKILLER. Beiden Spielen muss man zugute halten, dass sie einfach nicht anderes sein wollten, als “Ballerspiele”. Und das haben sie tatsächlich großartig gemacht.

      Krieg, der im Videospiel tatsächlich wie Krieg aussieht und sich auch so “anfühlt”, ist einfach nicht schön. Krieg ist immer furchtbar und es gibt niemals einen Gewinner. Schon deshalb eignet sich der Stoff eigentlich nicht für Videospiel-Spielspaß. Dystopische Erzählungen wie Half-Life 2 tanzen da angenehm aus der Reihe. Denn in dieses Spiel kann man viel hineininterpretieren und auf eine gewisse Art und Weise ist es auch sehr politisch. Es liefert auch nicht unbedingt stumpfe Feindbilder, sondern lässt sehr viele Fragen offen.

      Das in den Kommentaren erwähnte STALKER von Polygonien geht noch einen Schritt weiter. Hier wird der Bezugsstoff tatsächlich zur Spielkunst, die uns mit einer Welt konfrontiert, in der wir uns eigentlich nicht wohl fühlen sollen oder können. “Was haben wir getan?” war ein Satz, den ich oft beim Spielen von STALKER im Hinterkopf hatte.

      Der deutsche Shooter SPEC OPS: THE LINE sollte hier auch noch einmal erwähnt werden. Leider hat mich dieses Spiel nicht überzeugt. Zwar ist das Setting sehr speziell und auch manche Spielphase interessant, aber am Ende ist das Spiel (auch von der verwendeten Sprache) einfach nur ein recht einfacher Shooter. Immersiv war es für mich jedenfalls nicht. Und große moralische Konflikte konnte ich auch nicht wahrnehmen. Vermutlich waren meine Erwartungen – nach dem vorgelagerten Medienrummel – zu groß.

      Das von Dir angesprochene Assassin’s Creed IV: Black Flag ist fantastisch. Allerdings habe ich hier – wie scheinbar auch Du manchmal – das Problem im Spiel verloren zu gehen. Ich hänge lieber an den Stränden der Karibik und im Urwald ab, als meine Mission zu erfüllen. Das Spiel ist einfach zu schön 🙂 Das ging mir damals auch so in Far Cry 2, wo ich lieber an einem Creek rumhockte, den Sonnenuntergang bewunderte und die Diamanten Diamanten sein liess.

  4. Kaum ein historisches Ereignis fasziniert mich so sehr wie die Tschernobyl-Katastrophe. Auch wenn die Geschichte dahinter inzwischen größtenteils bekannt ist, verfolge ich noch immer mit Spannung jede neue Dokumentation oder Fotoserie zu dem Unglück und seinen Folgen. Obwohl mir sehr wohl bewusst ist, wie tragisch das Ereignis war und wie sehr vor allem die Helfer (die damals kaltblütig von den Verantwortlichen verheizt wurden) bis heute darunter leiden, finde ich es völlig okay, wenn man es Jahrzehnte danach als Basis für Fiktion (Spiel, Film, Roman) nimmt. Die Stalker-Serie des Ukrainischen Entwicklers GSC Game World macht eine fiktive Version der verstrahlten Zone gar zum Kern des Spiels und ist für mich nicht zuletzt deswegen ein Paradebeispiel für Immersion und Open-World-Gamedesign. Es ist kein post-apokalyptischer Spielplatz, der zum unbeschwerten Ballern einlädt, sondern eine tote Welt, die euch nicht haben will. Natürlich ist es dennoch keine Simulation oder ein mahnendes Stück virtueller Kunst, aber es fängt die unsichtbare Gefahr der Strahlung vergleichsweise gut ein und regt mit seiner bedrückenden Atmosphäre durchaus etwas zum nachdenken an.

    Call of Duty ist hingegen noch mal ein ganz anderes Thema und die Serie hat aus meiner Sicht inzwischen noch viel mehr Probleme als “nur” den plumpen “Krieg ist geil und wir sind Helden!”-Stil.

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar 🙂

      Oh ja, guter Punkt!

      Stalker von GSC Game World ist allerdings eine ganz andere Hausnummer. Hier hatte ich nie das Gefühl als Kriegspropaganda-Zocker missbraucht zu werden. Die Atmosphäre in diesem Spiel ist eine ganz andere und wurde von mir auch immer als eine ganz andere Kunstform empfunden. Ich würde Stalker auch als Mahnmal und “spielbare Erinnerung” einstufen. Die Open-World im Spiel konfrontiert einen unmittelbar mit der tatsächlichen Geschichte und heroisiert sie in keiner Form. Wobei letzteres beim Thema Tschernobyl sowie schwierig ist finde ich. Gerade auch deshalb finde ich WASTELAND in Modern Warfare so unpassend. Und die grauenvollen Geschehnisse in Battlefield 1 ebenso.

      Welche Probleme hat denn CoD noch aus Deiner Sicht?

  5. Ich bin eigentlich nicht qualifiziert hierzu einen Kommentar abzugeben, da ich seit Jahren keine aktuellen Titel mehr gespielt habe. Ich kann Deine Gedanken dazu aber sehr gut nachvollziehen und tue es einfach trotzdem. Die letzten Spiele dieser Art waren bei mir Black Hawk Down und Call of Duty 2. Das ist schon ewig her.

    Ich mochte den ersten Teil von CoD und den Quasi-Vorgänger Medal of Honor – Allied Assault sehr. Das waren für mich zu dieser Zeit völlig neue Spielerfahrungen. Beide Spiele haben mich völlig in ihren Bann gezogen. Die würde ich glatt als immersiv bezeichnen. Wobei das für mich eher Kriegssimulationen als Spiele waren. Auf Dauer war mir die sehr reale Atmosphäre zu bedrückend und beklemmend. Nach einer langen Spielsession übertrug sich das aufs Gemüt und die eigene Stimmungslage. Gerade bei CoD war der Himmel immer grau, die Gegend immer braun und die grau/braunen Häuser immer zerstört. Zum Schluss war ich des 2. Weltkrieg-Szenarios überdrüssig geworden und froh, dass die letzte Mission abgeschlossen war. Die Spielerfahrung war im Kasten und damit war´s auch gut. Aber auch der amerikanische, propagandistische Hurra-Patriotismus ist nicht mein Ding. Womöglich habe ich auch deshalb keine CoD-Fortsetzungen mehr angerührt.

    Im Multiplayer ist das wieder etwas anderes. Das schnelle Gameplay lässt keine Zeit, die Umwelt in der von Dir beschriebenen Form wahrzunehmen; geschweige denn, sich darüber Gedanken zu machen. Im Eifer des Gefechts, suche ich eher hinter der Statur Schutz, als die Inschrift darauf zu lesen.

    Ich habe die Doku von der Geisterstadt Prypjat auch gut in Erinnerung. Das sollte kein Spielplatz für Shooter sein. Keiner würde je auf die Idee kommen, hier „reales“ Paintball spielen zu wollen.

    Der „stille Moment“ in Wasteland war daher sicher ein wichtiger Moment, mit einer wichtigen Erkenntnis: Keine belanglose, hohlen, austauschbaren Shooter mehr zu spielen, die einem mit schlechten Gefühlen zurücklassen. Die Erkenntnis war natürlich schon vorher da, aber sie hat sich hier, in der Ödnis, offenbart.

    Ich finde es großartig, dass Du diese Gedanken mit uns teilst. Auch auf die Gefahr hin, den einen oder anderen vor den Kopf zu stoßen. Schließlich reden wir hier über eine der erfolgreichsten Spielereihen weltweit.

    Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich die letzten Jahre etwas verpasst habe, die vielen Titel, die ich bei den Streifzügen durch den Media-Markt in die Hand nahm, nicht gespielt zu haben. Darunter war auch die CoD-Reihe. Ich bedaure das nicht.

    Jochen Gebauer hat im Podcast AufeinBier, Folge 90 über CoD (auch MW 2 ab etwa 1:46) folgende Sätze gesagt: „Belanglos, noch egaler als ein Schulterzucken“ / „Nur verschwendete Lebenszeit“ / „Ich fühle gar nichts; ist auf einer Ebene mit Zugfahren“ / „Schundunterhaltung“.

    Fand ich sehr amüsant, vor allem der Dialog, der sich mit André Peschke daraus entwickelt hat. Peschke sieht es als „Erfahrung des seichten, netten Amüsements“ und vergleicht es mit einem bombastischen Feuerwerk: „Man muss halt nur das Hirn Ausschalten, dann ist es super“. Gebauer hält Spiele, die das Denken untersagen für inhärent schlechte Spiele: “Denk bloß nicht darüber nach, denn dann stellst Du ganz schnell fest, was für ein unsäglicher Unsinn es ist.“ Ein solches Motto kann keine gute Voraussetzung für ein gutes Spiel sein.

    Wasteland scheint daher ein passender Titel zu sein. Das Wort „verschwendet“ ist da quasi inhärent. Verschwendete Lebenszeit könnte die Map auch heißen. Auch auf das seelenlose Bombast-Gemetzel eines Battlefield 1 – das zugegeben beindruckend aussieht – habe ich keine Lust.

    Da lasse ich mich lieber in eine fantastische Welt mit packender Geschichte entführen, in der ich mich wohlfühle und in der ich Spaß habe. Spiele mit Seele, die den Geist berühren. Oder spiele intelligente Shooter, mit surrealen Settings im Stil von Dishonored, Far Cry und hoffentlich irgendwann Half Life 3.

    Über solche Fragen habe ich mir früher keine Gedanken gemacht. Umso wichtiger, dass Du dich dieser schwierigen Thematik angenommen hast. Ein toller Artikel.

    Noch eine Frage zum Schluss: Was habt ihr auf der LAN-Party denn nun gespielt? Hoffentlich UT.

    Tobi
    1. Lieber Ferdi,

      zunächst einmal herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar!

      Die Kampagnen von MoHAA und Call of Duty 1 habe ich damals auch ausführlich gespielt. Und ich stimme Dir vollkommen zu. Diese Spiel-Erfahrungen waren “positiv”, weil die Spiele eine ernsthafte Atmosphäre versuchen, die auch in ihrer Umsetzung weit entfernt von einem Arcade-Shooter ist. Das ist mir besonders bei CoD 1 (siehe auch Link im Artikel) aufgefallen, das ich in meinem Gastartikel sogar als “Wächter der Geschichte” bezeichnet habe. Zweifellos “spielt” zwar auch dieses Spiel an der Grenze zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, aber es macht es mit Würde wie ich finde.

      Die Kampagnen von MW2 und MW3 finde ich hingegen würdelos. Hier werden Menschen und Nationen derart als Spielfutter missbraucht, dass es mich nur so graust. Aber maybe “I’m Getting Too Old For This Shit”. Ich gehöre vermutlich einfach nicht mehr zur Zielgruppe. Was auf der anderen Seite aber auch kein gutes Zeichen ist finde ich. Wer ist denn die Zielgruppe? Und wie wirken solche Spiele auf sie? Na ja. Da könnte man jetzt vermutlich philosophisch werden.

      Ja, Multiplayer ist immer etwas anderes. Vor allen Dingen im LAN. Hier geht es um die soziale Gemeinschaft und den gemeinsamen Wettkampf. Deshalb habe ich auch nie die Kritik an Counter Strike verstanden. Als LAN-Spieler war mir immer klar, dass es hier nur um ein Messen der Reaktionen – eine Art Sportspiel – geht. Und natürlich können auch die MP-Karten von MW im LAN Spaß machen. Das ist etwas ganz anderes, als eine inszenierte Kampagne. Es war sozusagen Zufall, dass mir meine Gedanken gerade in den Kopf kamen, als ich mich ganz allein auf der MP-Map WASTELAND befand. Hier hatte ich die Gelegenheit die Spielwelt einmal ohne den Wettkampf zu beschauen.

      Dennoch fiel mir das Schreiben dieses Textes gar nicht so leicht. Nicht nur, weil MW kommerziell eine so beliebte Serie ist (da muss man ja dennoch Kritik üben dürfen), sondern weil ich mir nicht sicher war, ob mein Plot überhaupt gut auf den Punkt gebracht werden konnte. Ich denke aber, dass es am Ende des Textes klar geworden ist. Es geht hier nicht um alle Shooter. Sondern um eine bestimmte Machart.

      Das Hirn ausschalten beim Spielen solcher Spiele ist sicher hilfreich. Man muss es aber können. Auch Winnie Forster hat das mal in einem Spieleveteranen-Podcast gesagt: “Spiele (die Kampagnen) wie Modern Warfare sind extrem stumpf. Aber wenn man den Kopf ausschaltet, sind sie brillante Unterhaltung.” – oder so ähnlich waren seine Worte. Das passt gut zu Deinem Beispiel von André Peschke.

      Ich habe mir früher auch keine Gedanken über solche Fragen gemacht. Aber mittlerweile schon. Scheinbar ist meine Rezeption eben eine andere als früher. Schade eigentlich, denn so kann ich nicht mehr den gleichen Spaß empfinden wie vielleicht junge Spieler heute. Aber wahrscheinlich nehme ich dafür die Dinge anders wahr. Und das ist auch schön 🙂

      Was wir auf der LAN-Party gespielt haben? Tatsächlich eine LAN-Karte (Dome) von MW3. Aber auch Unreal Tournament 3. Und letzteres gefällt mir tatsächlich immer noch viel viel besser als Modern Warfare 😉

  6. Ich kenne das tatsächlich auch. Aber bei mir war der Punkt, an dem ich keine Lust mehr auf die Kampagnen von COD/Battlefiel usw. hatte, als mir immer klarer wurde, wie die Spiele mehr und mehr zum amerikanischen Propaganda-Werkzeug wurden.

    Deshalb spiele ich am liebsten SciFi-Spiele, Autorennen und welche mit fiktiven Gegnern (Fallout, MassEffect, FarCry usw).

    Ich fand aber auch damals, als MW neu war, das Tschernobyl-Szenario unpassend. Spaß hats trotzdem gemacht 😉

    1. Deinen Punkt mit der Propaganda kann ich auch gut nachvollziehen. Wenngleich ich ihn nicht direkt in den Artikeltext einbauen wollte, weil ich dann Nachweise hätte liefern wollen.

      Aber das Videospiele seit Ataris Battlezone auch immer wieder als Kriegspropaganda missbraucht werden, kann ich mir ebenfalls gut vorstellen. Wenn man sich die Darstellung von Airstrikes in Modern Warfare anschaut, dann sieht das schon sehr real aus. Ich fand das in den Kampagnen immer zweifelhaft, auch wenn ich ja nur „virtuell“ spielte. Aber die Bilder im Spiel sind kaum mehr von echten Kampfsystemen zu unterscheiden denke ich.

      Es gäbe neben denen von Dir erwähnten Spielen wie FarCry oder MassEffect noch viele tolle Spiele, die ohne reale Kriegsgewalt auskommen. Zwar sind auch diese Spiele oft mit Gewalt verbunden, aber eben in einem ganz anderen Kontext. Mir fallen da spontan noch System Shock, Dishonored, Bioshock oder Uncharted ein. All diese Spiele benutzen das Setting als Metapher und erzählen Geschichten. Es geht also auch anders.

      Als ich neulich einem Freund beim Spielen von Battlefield 1 im Multiplayer zusah, fand ich das tatsächlich schrecklich. Ein dauerhaftes Gemorde und Gemetzel. Das Spiel strahlte für mich überhaupt nichts Fantasievolles aus.

      Früher habe ich mir weniger Gedanken um so etwas gemacht. Vielleicht liegt es auch an der Tatsache, dass man heute über die Medien mit zu viel Gewalt zugedeckt wird und Krieg und Leid allgegenwärtig sind. Auf jeden Fall habe ich keine Lust mehr, dies auch noch in meiner knappen Freizeit nachzuspielen. Da möchte ich mich lieber mit positiven Spielen beschäftigen.